{"id":140041,"date":"2025-10-10T09:48:16","date_gmt":"2025-10-10T07:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=140041"},"modified":"2025-10-10T10:28:27","modified_gmt":"2025-10-10T08:28:27","slug":"jammer-ossi-und-besser-wessi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/jammer-ossi-und-besser-wessi\/","title":{"rendered":"Jammer-Ossi und Besser-Wessi"},"content":{"rendered":"<p>Die sich nach der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/mauerfall1989\/\">Wiedervereinigung 1990<\/a> verbreitenden Wortsch\u00f6pfungen vom Jammer-Ossi und Besser-Wessi hatten einen wahren Kern, sie bezeichnen ein <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/globalisierung\/macht\/\">Machtgef\u00e4lle<\/a>: Der Jammerer auf der emotionalen Ebene unten hat dem belehrenden <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/arroganz\/\">Besserwisser<\/a> oben wenig entgegenzusetzen. <!--more--><br \/>\nDer Wessi ist dabei &#8222;nicht unbedingt der Kl\u00fcgere, er befindet sich aber gesellschaftlich, sozial, psychologisch im Vorteil&#8220; (1) &#8211; zun\u00e4chst wenigstens. Denn auf der einen Seite zelebriert der Wessi weiterhin sich selbst best\u00e4tigend seine angebliche \u00dcberlegenheit und verharrt so gerne und wohlig als Besser-Wessi.<br \/>\nAuf der anderen Seite hingegen wandelt sich der Jammer-Ossi in den 35 Jahren nach dem Mauerfall hin zum Stolz-Ossi: Die Menschen in den &#8217;neuen L\u00e4ndern&#8216; werden als Diskutanten ebenb\u00fcrtig, und mehr noch: Aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Unfreiheit der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/ddr-stasi\/\">DDR-Diktatur<\/a> und frei von der intellektuellen Wohlstandsverwahrlosung der Wessis (<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/staat\/ideologiestaat\/\">ideologie<\/a>-affin, <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/politik-infantil\/\">infantil<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/moral2015\/moralismus\/\">moralisierend<\/a>) verweisen sie stolz auf ihr Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen, das sie sogar zu bewahren und zu verteidigen bereit sind.<br \/>\n.<br \/>\n(1) Vor dem Mauerfall war die BRD nicht souver\u00e4n und so konnte sie sich mit der gesamten Kraft der Innenpolitik zuwenden, dem Aufbau des Sozialstaats und der Umsetzung von Moral. Nach 1990 hatte sie pl\u00f6tzlich au\u00dfenpolitische Verpflichtungen. Hierin versagte die BRD aufgrund der Unf\u00e4higkeit, die eigenen Interessen von Deutschland klar zu formulieren und \u00fcber intelligente Diplomaten auf dem internationalen Parkett zu erkl\u00e4ren und durchzusetzen.<br \/>\n&#8222;Nach 1990 konnte das inzestu\u00f6se und hypermoralische Politikverst\u00e4ndnis, das sie hervorgebracht hatte, nur in die Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchren&#8220;.<\/p>\n<p>(2) Die Zeit der Tabus und Political Correctness brach an. Der s\u00e4chsische Justizminister Stefen Heitmann (CDU), von seiner Partei f\u00fcr das Amt des Bundespr\u00e4sidenten vorgeschlagen, sagte 1993 in der SZ: &#8222;Das Merkw\u00fcrdige ist in der Bundesrepublik Deutschland, da\u00df es ein paar Bereiche gibt, die sind tabuisiert.(&#8230;) Es gibt eine intellektuelle Debattenlage, die nicht unbedingt dem Empfinden der Mehrheit der B\u00fcrger entspricht, die man aber nicht ungestraft verlassen kann. Und dazu geh\u00f6rt das Thema Ausl\u00e4nder, dazu geh\u00f6rt das Thema Vergangenheit Deutschlands, die Nazi-Vergangenheit, dazu geh\u00f6rt das Thema Frauen.\u201c (Heitmann meinte den Konflikt von Berufst\u00e4tigkeit und Mutterschaft). Er glaube, da\u00df man \u201ediese Debatten [..] aufbrechen mu\u00df, selbst auf die Gefahr hin, da\u00df man in bestimmte Ecken gestellt wird, in denen man sich gar nicht wohl f\u00fchlt.\u201c Nach dieser offenen und ehrlichen Meinungs\u00e4u\u00dferung wurde Heitmann von seiner CDU abgestraft, das Problem der zerst\u00f6rten Diskussionskultur aber blieb.<\/p>\n<p>(3) <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/merkel-deutschland\/\">Angela Merkel<\/a> gelang es, die <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/vereine\/partei\/cdu\/cdu-opposition\/\">CDU<\/a> von der politischen Mitte nach links auszurichten. Auch Journalisten (Medien), Professoren (Hochschulen) und K\u00fcnstler (Kultur) orientieren sich mehrheitlich <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/gruen-links\/\">links<\/a>. Der Begriff von<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/ddr2-0\/\"> DDR 2.0<\/a> kommt auf. Nach Umfragen wagt nur noch eine Minderheit der Deutschen, ihre Meinung frei und offen sagen zu k\u00f6nnen aus Angst vor Ausgrenzung, Denunziation und gezielten \u00dcbergriffen. Die Prophezeiung der DDR-B\u00fcrgerrechtlerin <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/baerbel-bohley-prophezeiung\/\">B\u00e4rbel Bohley<\/a> (24.5.1945 \u2013 11.9.2019) sollte wahr werden:<br \/>\n\u201e\u2026 Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen wird wiederkommen \u2026 Man wird Einrichtungen schaffen, viel effektiver, viel feiner als die Stasi. Auch das st\u00e4ndige L\u00fcgen wird wiederkommen, die Desinformation und der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.&#8220;<br \/>\nAuf der anderen Seite sind &#8222;die Fremdheitsgef\u00fchle und die Schockstarre der Ostdeutschen in eine bewu\u00dfte \u2013 und selbstbewu\u00dfte \u2013 Distanz zu den Praktiken der Regierenden \u00fcbergegangen.&#8220; Die Jammer-Ossis wurden mehr und mehr zu Stolz-Ossis, und diese gehen in Opposition zur Berliner Politik und w\u00e4hlen <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/vereine\/partei\/afd\/afd-opposition\/\">AfD<\/a> als Synonym zu Opposition.<br \/>\n.<br \/>\n(4) In den alten Bundesl\u00e4ndern bahnt sich eine andere Ver\u00e4nderung an: Die <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/eliten\/eliten-netzwerk\/\">Eliten<\/a> &#8222;da oben&#8220; pflegen unbeirrt ihren Status als Besser-Wessis. Und die reichweitenstarken <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/mainstream\/\">Medien<\/a> auch. Der Spiegel publiziert noch im Sommer 2025, die Ostdeutschen h\u00e4tten als Verlierer und Nazis &#8222;ihre Lebenswelt verloren&#8220; &#8211; die Zeitschrift pflegt immer noch ihren klebrigen West-Ost-Paternalismus. Frank-Walter Steinmeier&#8217;s Diktum &#8222;das beste Deutschland, das es jemals gegeben hat&#8220; gilt und verbietet Selbstkritik und Hinterfragen der eigenen West-Arroganz.<br \/>\nDie B\u00fcrger &#8222;da unten&#8220; hingegen machen die AfD auch im Westen zur st\u00e4rksten Partei &#8211; trotz oder gerade wegen der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/vereine\/partei\/cdu\/brandmauer\/\">Brandmauer<\/a>. Die Spaltung l\u00e4uft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern quer durchs Land.<br \/>\n.<br \/>\nDer volkswirtschaftliche, soziale wie kulturelle<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/business\/volkswirtschaft\/niedergang\/\"> Niedergang<\/a> im gesamten Deutschland macht den Blick auf die Realit\u00e4t frei. Zuerst im Osten, ganz allm\u00e4hlich und zaghaft auch im Westen. Und pl\u00f6tzlich kann der Westen vom Osten lernen:<br \/>\nIndividuelle <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/freiheit\/\">Freiheit<\/a> braucht <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/verantwortung\/\">Selbstverantwortung<\/a>. Und <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/\">Demokratie<\/a> braucht Freiheit. Dabei ist Demokratie\u00a0 nicht &#8222;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/unseredemokratie\/\">Unsere Demokratie<\/a>&#8222;, welche die Nicht-Unsrigen ausgrenzt, sondern schlicht die Demokratie als <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/democracy-first\/\">weltbeste Staatsform<\/a> \u00fcberhaupt.<br \/>\n10.10.2025<br \/>\n.<br \/>\nEnde von Beitrag &#8222;Jammer-Ossi und Besser-Wessi&#8220;<br \/>\n=============================================================<br \/>\nBeginn von Anlagen (1) &#8211;<br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n<strong>(1) Jammer-Ossi und Besser-Wessi: Vom Jammern und Besserwissen<\/strong><br \/>\nDeutsche Einheit: Dreieinhalb Jahrzehnte sp\u00e4ter verlaufen die Gr\u00e4ben l\u00e4ngst nicht mehr zwischen Ost und West, sondern quer durchs Land. Die alten Rollenbilder wirken jedoch bis heute fort<br \/>\nvon Thorsten Hinz<\/p>\n<p>Was heute \u201eSpaltung der Gesellschaft\u201c hei\u00dft, l\u00e4\u00dft sich als dialektische Aufhebung der \u201einneren Zweiheit\u201c beziehungsweise des Defizits an \u201einnerer Einheit\u201c begreifen, die sich nach der Wiedervereinigung herausstellten. Der Begriff \u201eAufhebung\u201c vereint drei Bedeutungen: erstens die Negation der bestehenden Entwicklungsstufe; zweitens die Bewahrung dessen, was erhaltenswert ist; drittens seine \u00dcberf\u00fchrung in eine neue Qualit\u00e4t.<br \/>\nDie alte Qualit\u00e4t war der innerdeutsche Ost-West-Konflikt, die Fremdheit und Interessendifferenz zwischen den sogenannten \u201eJammer-Ossis\u201c und den \u201eBesser-Wessis\u201c. Die Wortsch\u00f6pfungen trivialisierten das Problem, trotzdem enthielten sie einen rationalen Kern. Das Verb \u201ejammern\u201c bezeichnet die Klage \u00fcber eine als schmerzhaft oder ungerecht empfundene Situation. Es kann sich um eine versch\u00e4mte Bitte um Anteilnahme oder eine aggressive Forderung mittels moralischer Erpressung handeln oder um beides. Der Jammerer verharrt auf der emotionalen Ebene, er ist unf\u00e4hig, seine Situation zu objektivieren und in ad\u00e4quate Worte zu fassen. Als Diskutant ist er nicht ebenb\u00fcrtig.<br \/>\nDer Besserwisser tritt belehrend auf und zelebriert seine \u00dcberlegenheit. So best\u00e4tigt und erh\u00f6ht er sein Selbst. Er ist nicht unbedingt der Kl\u00fcgere, er befindet sich aber gesellschaftlich, sozial, psychologisch im Vorteil. Er gibt die Spielregeln vor. Zwischen beiden gibt es ein klares Machtgef\u00e4lle.<br \/>\nDas konnte nach 1989\/90 gar nicht anders sein. Die Wiedervereinigung war der eilige Beitritt des DDR-Gebietes nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Das entsprach dem Wunsch der meisten DDR-B\u00fcrger. F\u00fcr sie hie\u00df das, sich zurechtfinden und einordnen zu m\u00fcssen in neuartige Verh\u00e4ltnisse. F\u00fcr die ungleiche Machtverteilung sprachen nicht nur die unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsanteile und die materielle Abh\u00e4ngigkeit des Ostens vom Westen.<br \/>\nDie DDR war nun mal ein allseits gescheitertes Staatsmodell; die Bundesrepublik hingegen durfte sich als Erfolgsmodell best\u00e4tigt f\u00fchlen. Neben den politischen, \u00f6konomischen, sozialen Mechanismen waren auch neue Begriffe zu erlernen, die den \u00f6ffentlichen Diskurs pr\u00e4gten. Der schlagartige Wechsel s\u00e4mtlicher Bezugssysteme mu\u00dfte zu Orientierungskrisen f\u00fchren. Die politischen Eliten der DDR waren abgesetzt, man konnte sich weder positiv noch negativ auf sie beziehen. Selbst an jenen Angeh\u00f6rigen der intellektuellen und kulturellen DDR-Eliten, die als SED-kritisch gegolten hatten, haftete gleichfalls das Odium des Scheiterns.<br \/>\nUnd die B\u00fcrgerrechtler hatten keine politisch bef\u00e4higte Gegenelite hervorgebracht. Sie hatten nicht wahrhaben wollen, da\u00df es sich bei der DDR um ein mauerumfriedetes Sonderbiotop handelte und auf eine Staatsreform und einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz gesetzt. Mit dem Mauerfall waren sie zu tragischen, aus der Zeit gefallenen Figuren geworden.<\/p>\n<p>Die Abl\u00e4ufe der Transformation und ihre mediale Vermittlung waren h\u00e4ufig von unn\u00f6tigen und auch mutwilligen Verletzungen begleitet. Ein Beispiel bietet ein Spiegel-Artikel vom Oktober 1991, der sich mit der Evaluierung der Staatsoper Unter den Linden in Ost-Berlin durch Kultpolitiker aus dem Westen besch\u00e4ftigte. Das Opernhaus galt Musikliebhabern in der DDR als ein Schatzk\u00e4stlein, als musische Oase. Der Spiegel belehrte sie nun, da\u00df sie sich in Wahrheit an minderwertigen Surrogaten delektiert hatten: \u201eDort, wo bis Kriegsende hochrangiges Musiktheater und dann unter SED-Regie vor allem volkseigene Sangeskunst verbreitet wurde, soll wieder Oper von Welt gespielt werden, am liebsten Scala plus Met.\u201c Die S\u00e4nger des Hauses wurden als \u201esingende Altlasten\u201c deklassiert. Dem Autor fiel nicht einmal auf, da\u00df die Bezeichnung im krassen Gegensatz zum ein paar Zeilen sp\u00e4ter erw\u00e4hnten \u201eWeltklasse-Bariton Siegfried Lorenz\u201c stand, den die Wiener Staatsoper gerade f\u00fcr die Rolle des Wolfram im \u201eTannh\u00e4user\u201c engagiert hatte. Die Pflege klassischer Musik in der DDR brauchte wahrlich keinen Vergleich zu scheuen. Nur waren die Verh\u00e4ltnisse bescheidener. Devisenmangel und fehlende Reisefreiheit hatten eine gleichberechtigte Teilhabe am internationalen Opernbetrieb jahrzehntelang unm\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>In einem seri\u00f6sen, fairen, auf deutsch-deutschen Ausgleich bedachten Artikel w\u00e4ren diese Umst\u00e4nde erw\u00e4hnt worden. So aber blieben als Extrakt des Spiegel-Textes die \u201evolkseigene Sangeskunst\u201c und \u201esingende Altlasten\u201c in Erinnerung. Das war neben der Dem\u00fctigung ein politisch-performativer Akt, der die einseitige Machtverteilung best\u00e4tigte und befestigte. Der Osten war in diesem Diskurs wehrlos. Bereits der Gestus der Weltl\u00e4ufigkeit wirkte einsch\u00fcchternd. Welcher Opernfreund aus der DDR war zu dem Zeitpunkt schon in der Scala, gar in der Met gewesen und konnte Vergleiche anstellen? Bis zum Mauerfall hatte man nicht einmal die Deutsche Oper in West-Berlin besuchen k\u00f6nnen. Und au\u00dferdem kannte kaum jemand den Aufsatz von Hans Magnus Enzensberger, der schon 30 Jahre zuvor die \u201eSprache des Spiegel\u201c als Taschenspielertrick entlarvt hatte: \u201eDie Koketterie mit der eigenen Gewitztheit, die rasch applizierte Terminologie, die eingestreuten Modew\u00f6rter, der Slang der Saison, die hurtige Appretur aus rhetorischen Beif\u00fcgungen, dazu eine kleine Zahl rhetorischer Gags, die sich meist von angels\u00e4chsischen Mustern herschreiben: (\u2026) Ein Immergleiches wird als ein Besonderes verpackt und an Ahnungslose verkauft, die sich, je ahnungsloser sie sind, um so mehr einbilden, Bescheid zu wissen.\u201c<\/p>\n<p>Im Osten wurden diese Suggestionen als kolonialistischer \u00dcbergriff empfunden, noch gesteigert durch die implizite Aufforderung, die eigene soziale Degradierung als Chance zur geistig-moralischen Erneuerung nach dem westlichen Vorbild zu begreifen. Widerspruch wurde als infantiler \u201eOsttrotz\u201c, als sozialistischer Erbschaden l\u00e4cherlich gemacht. Der Osten war in Schockstarre versetzt, die Jammerei seine nat\u00fcrliche Ausdrucksform.<\/p>\n<p>Der geheime Hauptgrund daf\u00fcr, dem Schw\u00e4cheren immer wieder seine Unterlegenheit unter die Nase zu reiben, scheint das Ressentiment, der Groll \u00fcber den mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung stattgefundenen Einbruch der Geschichte in die wohlgeordnete Welt der Bundesrepublik gewesen zu sein. St\u00e4rker als die Furcht vor materiellen war die Ahnung der \u00dcberforderung auf der politischen, intellektuellen, mentalen Ebene. Das Gegenst\u00fcck zur Spiegel-Arroganz war die scheinbar mitf\u00fchlende Frage an die Ostb\u00fcrger, ob sie schon \u201ein Deutschland angekommen\u201c seien. Nun, dort waren sie schon zu DDR-Zeiten gewesen. Die Frage diente weniger der Erkundung der Seelenlage des anderen als der Selbstvergewisserung. Ihr Subtext lautete: Nicht wahr, die Bundesrepublik ist die beste aller m\u00f6glichen Welten? Nicht wahr, mit eurem Beitritt ist sie gr\u00f6\u00dfer geworden, aber sie kann bleiben, wie sie ist?<\/p>\n<p>Die objektive Lage aber war eine ganz andere geworden. Der Golfkrieg 1991, den der irakische Diktator Saddam Hussein mit der Besetzung Kuweits ausgel\u00f6st hatte, hatte die formell souver\u00e4n gewordene Bundesrepublik schlagartig unter Zugzwang gesetzt. Erstmals mu\u00dfte sie eine eigenst\u00e4ndige, die Weltpolitik betreffende Entscheidung treffen. Zwei Meinungslager standen sich gegen\u00fcber. Das eine lehnte jegliches Engagement aus Gr\u00fcnden der Kapitalismuskritik (\u201eKein Blut f\u00fcr \u00d6l\u201c) ab. Die anderen waren der Meinung, da\u00df Deutschland sich wegen seiner historischen Schuld in irgendeiner Weise beteiligen m\u00fcsse; schlie\u00dflich bedrohe Saddam auch Israel. Weder den einen noch den anderen war es gegeben, in politischen Kategorien zu argumentieren.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit war nicht verwunderlich, denn seit Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die \u201epolitischen Gro\u00dfstrukturen\u201c und die \u201epolitisch-milit\u00e4rische(n) Funktionsbereiche des Staates\u201c au\u00dferhalb deutscher Entscheidungsgewalt gelegen. (Rolf Peter Sieferle) F\u00fcr die Bundesrepublik war das bequem gewesen, denn sie konnte sich voll auf die Wirtschaft und den Ausbau des Sozialstaats konzentrieren. Es f\u00fchrte aber auch dazu, da\u00df au\u00dfenpolitische Fragen unter innenpolitischen und moralischen statt unter machtpolitischen Gesichtspunkten er\u00f6rtert wurden. Insofern war die Bundesrepublik gleichfalls ein Kunstbiotop, ein zwar privilegiertes, jedoch kuratiertes Staatsfragment.<\/p>\n<p>Nach 1990 konnte das inzestu\u00f6se und hypermoralische Politikverst\u00e4ndnis, das sie hervorgebracht hatte, nur in die Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchren. Daher nahm 1993 der Dresdner Kirchenjurist und s\u00e4chsische Justizminister Steffen Heitmann, den die CDU\/CSU f\u00fcr das Amt des Bundespr\u00e4sidenten vorgeschlagen hatte, mit dem Freimut des Revolutionsherbstes 1989 die bundesdeutsche Demokratie- und Freiheitsrhetorik beim Wort. In einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung erl\u00e4uterte er den fassungslosen West-Journalisten:<br \/>\n\u201eDas Merkw\u00fcrdige ist in der Bundesrepublik Deutschland, da\u00df es ein paar Bereiche gibt, die sind tabuisiert.(&#8230;) Es gibt eine intellektuelle Debattenlage, die nicht unbedingt dem Empfinden der Mehrheit der B\u00fcrger entspricht, die man aber nicht ungestraft verlassen kann. Und dazu geh\u00f6rt das Thema Ausl\u00e4nder, dazu geh\u00f6rt das Thema Vergangenheit Deutschlands, die Nazi-Vergangenheit, dazu geh\u00f6rt das Thema Frauen.\u201c (Heitmann meinte den Konflikt von Berufst\u00e4tigkeit und Mutterschaft.) Er glaube, da\u00df man \u201ediese Debatten [..] aufbrechen mu\u00df, selbst auf die Gefahr hin, da\u00df man in bestimmte Ecken gestellt wird, in denen man sich gar nicht wohl f\u00fchlt.\u201c<br \/>\nDanach brach ein ungeheurer Mediensturm \u00fcber Heitmann herein, der ihn zum R\u00fcckzug von der Kandidatur veranlasste. Umfragen ergaben, da\u00df auch im Westen eine Mehrheit seinen Positionen zustimmte. Tats\u00e4chlich hatte Heitmann wesentliche Probleme benannt, deren anhaltende Leugnung den Bestand des Landes heute in Frage stellt.<br \/>\n.<br \/>\nL\u00e4ngst nehmen Ex-DDR-B\u00fcrger die aktuelle Mischung aus Realit\u00e4tsverweigerung und Repression als D\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnis wahr. Wieder wird der um Erkenntnis, M\u00fcndigkeit und Selbstbestimmung bem\u00fchte B\u00fcrger von staatlichen Organen als Feind behandelt. Im R\u00fcckblick wird auch klar, da\u00df die \u201eStasi-\u00dcberpr\u00fcfung\u201c, die exklusiv Ostb\u00fcrger betraf, keine Sache der politischen Hygiene, sondern Teil des west-\u00f6stlichen Machtspiels war. Die Stasi-Praxis als solche, die \u00dcberwachung, Kontrolle, Denunziation, die gezielten \u00dcbergriffe, sind sukzessive als zivilgesellschaftliche Tugenden rehabilitiert worden. Auf der anderen Seite sind die Fremdheitsgef\u00fchle und die Schockstarre der Ostdeutschen in eine bewu\u00dfte \u2013 und selbstbewu\u00dfte \u2013 Distanz zu den Praktiken der Regierenden \u00fcbergegangen.<br \/>\nDie 2014 gegr\u00fcndete, 2024 aufgel\u00f6ste <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/integration\/pegida\/\">Pegida-Bewegung<\/a> (Patriotische Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes), die vor allem in Sachsen aktiv war, hatte der Emanzipation des Ostens von den altbundesdeutschen Diskursen einen gewaltigen Schub gegeben. Inzwischen hat sie eine neue, h\u00f6here Qualit\u00e4t erreicht. Die Spaltung zwischen den Staatskritikern und denen, die unbeirrt an \u201edas beste Deutschland, das es jemals gegeben hat\u201c (<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/bundespraesident\/\">Frank-Walter Steinmeier<\/a>) glauben, verl\u00e4uft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern quer durchs Land.<\/p>\n<p>Der Spiegel aber kocht weiter sein ranzig gewordenes S\u00fcppchen. Sein Chefredakteur Dirk Kurbjuweit ver\u00f6ffentlichte im Sommer einen langen Text: \u201eAfD und Journalismus: Wie umgehen mit der Gefahr von rechts?\u201c Kurbjuweit will die \u201eliberale Demokratie\u201c verteidigen, doch \u00fcber den Realzustand des Landes verliert sein redundanter Aufsatz kein Wort. Noch habe man nicht alles ergr\u00fcndet, \u201ewas die AfD vor allem in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern so stark gemacht hat. Uns ist klar, da\u00df viele Menschen dort eine Lebenswelt verloren haben und sich mitunter schwertun, die neue Lebenswelt anzunehmen, auch weil sie sich in ihren Biographien und Problemen nicht ernst genommen f\u00fchlen. (&#8230;) Gleichwohl sind wir ein westlich gepr\u00e4gtes Haus, das sein Bewu\u00dftsein daf\u00fcr sch\u00e4rfen mu\u00df, ostdeutsche Eigenarten st\u00e4ndig im Blick zu behalten.\u201c<br \/>\nWie vorgestrig dieser klebrige West-Ost-Paternalismus heute klingt. Statt endlich die eigenen altbundesdeutschen Defizite zu ergr\u00fcnden, erkl\u00e4rt der Spiegel-Chef sie zum Normalfall und ihre Benennung zum illiberalen \u00c4rgernis.<\/p>\n<p>Nur ist das Blatt heute keine Instanz mehr, von deren Wohlwollen das Wohlbefinden der \u201eOssis\u201c abh\u00e4ngt. Er hat noch nicht verstanden, da\u00df 35 Jahre nach dem Ende der DDR auch die Geschichte der Bundesrepublik auserz\u00e4hlt ist und wir uns l\u00e4ngst in einer Nachspielzeit befinden.<\/p>\n<p>&#8230; Alles vom 3.10.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 41\/25, Seite 13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sich nach der Wiedervereinigung 1990 verbreitenden Wortsch\u00f6pfungen vom Jammer-Ossi und Besser-Wessi hatten einen wahren Kern, sie bezeichnen ein Machtgef\u00e4lle: Der Jammerer auf der emotionalen Ebene unten hat dem belehrenden Besserwisser oben wenig entgegenzusetzen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,181,36,13,80,157,172],"tags":[697,633,26,749,682,726,824,525],"class_list":["post-140041","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-buergerbeteiligung","category-engagement","category-kultur","category-medien","category-oeffentlicher-raum","category-zukunft","tag-ddr","tag-demokratie","tag-deutsch","tag-diskussionskultur","tag-freiheit","tag-oeffentlicher-raum","tag-parlament","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=140041"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":140060,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140041\/revisions\/140060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=140041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=140041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=140041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}