{"id":126183,"date":"2024-08-14T16:21:57","date_gmt":"2024-08-14T14:21:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=126183"},"modified":"2024-08-16T19:52:38","modified_gmt":"2024-08-16T17:52:38","slug":"atom-nachruestung-hierzulande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/atom-nachruestung-hierzulande\/","title":{"rendered":"Atom-Nachr\u00fcstung hierzulande"},"content":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren wehrte sich die deutsche <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/frieden\/friedensbewegung\/\">Friedensbewegung<\/a> heftig gegen die Stationierung von US-Pershing-Raketen und Marschflugk\u00f6rpern im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses. Vor 23 Jahren erhielt der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin nach seiner <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/deutsche-raketen-auf-russland\/\">Bundestagsrede vom 23. September 2001<\/a>, <!--more-->in dem er die Schaffung einer europ\u00e4isches Sicherheits- und Friedensraums von Lissabon bis Wladiwostok skizzierte, stehenden Applaus. Damals noch galt das Diktum der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/entspannungspolitik\/\">Entspannungspolitik<\/a> Willy Brandts: \u201eWir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein.\u201d (1)<\/p>\n<p>Heute hingegen erleben wir ein Flashback um 40 Jahre: Landgest\u00fctzte US-Marschflugk\u00f6rper, diesmal vom Typ Tomahawk (atomar best\u00fcckbar), Luftabwehrraketen vom Typ SM-6 und neu entwickelte Hyperschallwaffen sollen auf deutschem Boden stationiert werden \u2013 als wohlgemerkt einzigem Land in Westeuropa. Diesmal vorangetrieben und begr\u00fc\u00dft von den Parteien, die damals genau diese westliche Aufr\u00fcstung bek\u00e4mpft haben. Ampel-Politiker deklarieren die brandgef\u00e4hrliche Eskalation dieser Stationierung in ihrer Skrupellosigkeit auch noch frech als \u201cAuszeichnung\u201d f\u00fcr unser Land. Und obwohl die Bedrohungs- und Gefahrenlage heute, im Jahr 2024, wesentlich gr\u00f6\u00dfer ist als 40 Jahre zuvor, regt sich kaum Widerstand in der Bev\u00f6lkerung. <em>\u201eDie Friedensbewegung heute ist ein Zombie, ein k\u00fcmmerlicher Rest\u201c<\/em>, so der Konfliktforscher Leo Ensel im Interview (2) mit Flavio von Witzleben <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oIV-_rcaED4\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oIV-_rcaED4<\/a>. Doch aus welchen Gr\u00fcnden?<\/p>\n<p><strong>Unterschied zu vor 40 Jahren<\/strong><br \/>\nIm Jahr 1981 wies Deutschland die gr\u00f6\u00dfte Atomwaffendichte weltweit auf. Zudem wusste man, da\u00df im Konfliktfall das Gebiet von BRD und DDR der zentrale Kriegsschauplatz eines Schlagabtauschs zwischen den Superm\u00e4chten sein w\u00fcrde. Der \u201cStern\u201d publizierte damals eine Grafik mit den Lagerorten der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/energie\/akw\/atomausstieg\/\">6.000 Atomwaffen<\/a> \u2013 etliche in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohnorte so vieler B\u00fcrger. Auch die dadurch ausgel\u00f6ste Angst trieb die Menschen auf die Stra\u00dfen. Die Friedensbewegung 1983 ging in die Millionen; alleine bei Osterm\u00e4rschen in Bonn kamen hunderttausende, \u00fcber 200.000 (!) Teilnehmer waren es bei der legend\u00e4ren Menschenkette zwischen Stuttgart und Ulm.<br \/>\nHeute ist das anders als in den 1980er Jahren: Die damaligen Friedensbewegten sind 60 Jahre und \u00e4lter. Viele sind der Meinung, sie h\u00e4tten ihr <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/frieden\/friedensbewegung2-0\/\">\u201eFriedens-Soll\u201c<\/a> vor 40 Jahren erf\u00fcllt und nun Sofa und Teneriffa verdient. Und etliche geben sich der tr\u00fcgerischen Hoffnung hin, ein Krieg f\u00e4nde dann ja ohnehin \u00fcber 1000 Kilometer \u00f6stlich in der Ukraine statt.<br \/>\nZudem berichten die Mainstreammedien nur vom sauberen Krieg: Bilder vom grauenvollen Elend und Sterben der jungen ukrainischen wie russischen Soldaten werden im TV nie gezeigt. Und dass im rheinland-pf\u00e4lzischen B\u00fcchel nach wie vor US-<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/krieg\/atomkrieg\/\">Atombomben<\/a> lagern, will niemand wissen. Auch Gorbatschow mit seiner Forderung nach einem \u201eNeuen Denken\u201c in Ost und West ist vergessen. Das Buch \u201eUnsere Wege treffen sich am Horizont\u201c von Michail Gorbatschow und Daisaku Ikeda von 1998 <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Unsere-Wege-treffen-sich-Horizont\/dp\/3442755425\">https:\/\/www.amazon.de\/Unsere-Wege-treffen-sich-Horizont\/dp\/3442755425<\/a> will niemand lesen.<\/p>\n<p><strong>Friedensbewegung ist \u201cunsexy\u201d<\/strong><br \/>\nIm Gegensatz zu ihren Eltern sind die heute 20- bis 35-J\u00e4hrigen weitgehend unbehelligt von Atomkriegs\u00e4ngsten aufgewachsen. Zudem gilt der Nimbus, die Friedensbewegung sei \u201cunsexy\u201d und damit unattraktiv. All dies f\u00fchrt dazu, da\u00df sich gegen die Kriegsrhetorik der <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/ampel\/\">Berliner Regierung<\/a> \u00e0 la \u201eFrieden schaffen mit noch mehr Waffen\u201c und <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/russland\/russland-bashing\/\">\u201eRussland ruinieren\u201c<\/a> (Annalena Baerbock) kaum Proteste regen. Die USA k\u00f6nnen auf deutschem Boden ihre Hyperschallwaffen stationieren, die die Flugabwehr unterlaufen, bis wenige Sekunden vor Moskau lenkbar sind und so von Deutschland aus Moskau und St. Petersburg ohne Vorwarnzeit zerst\u00f6ren k\u00f6nnen. Die Ampel-Regierung mitsamt CDU-Scheinopposition stimmen freudig zu.<br \/>\nDer wissenschaftliche Dienst des Bundestags meint, die Zustimmung der gigantischen Nachr\u00fcstung mit US-Atomwaffen auf deutschem Boden bed\u00fcrfe keiner Zustimmung des Parlaments und keiner gesonderten Debatte. Die Friedensbewegung schweigt, und nur die Parteien <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/vereine\/partei\/afd\/afd-diskussion\/\">AfD<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/vereine\/partei\/cdu\/werteunion\/\">WerteUnion<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/links\/wagenknecht\/\">BSW<\/a> fordern ein Ende der Nachr\u00fcstung 2.0 sowie den sofortigen Waffenstillstand im Ukrainekrieg mit Aufnahme von Verhandlungen. Denn diese Totalverweigerung der deutschen Diplomatie ist der zweite gro\u00dfe Unterschied zu vor 40 Jahren: Damals, wie der Name <em>\u201cDoppelbeschluss\u201d<\/em> schon zeigte, ging der Beschluss zur Raketenstationierung wenigstens mit der Bereitschaft zu <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/diplomatie\/\">Verhandlungen<\/a> einher. Diese Komponente fehlt heute v\u00f6llig, wer mit Russland spricht wie zuletzt <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/ungarn\/\">Ungarns Victor Orban<\/a>, begeht \u201cVerrat an Europa\u201d.<\/p>\n<p><strong>\u201cNachhaltige\u201d Wirkung<\/strong><br \/>\nFolgt man dem gro\u00dfen Philosophen <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/aufklaerung\/kant\/\">G\u00fcnther Anders<\/a> (1902 \u2013 1992), dann lautet das mit dieser Atomwaffenaufr\u00fcstung zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen verbundene Problem schlicht und einfach: \u201eZu gro\u00df\u201c! Zu gro\u00df f\u00fcr unsere Vorstellungskraft: \u201eWir k\u00f6nnen uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen k\u00f6nnen!\u201c Beim Gedanken an die Apokalypse streiken die Seele und auch die Fantasie. In der Herstellung des Destruktiven sind wir Menschen Giganten, in der Ausmalung des Destruktiven hingegen Zwerge: \u201eDie uns bedrohenden Gefahren sind unvorstellbar. Darum nehmen wir sie nicht ernst.\u201c Dementsprechend hat G\u00fcnther Anders den Kant\u2019schen Kategorischen Imperativ neu formuliert: \u201eStelle Dir vor, der Endeffekt Deines (Mit)-Tuns kann \u2013 Massenmord sein!\u201c.<\/p>\n<p>Bundeskanzler Olaf Scholz wird vorgeworfen, er sei zu passiv und vernachl\u00e4ssige seinen Job, die Richtlinien der Politik zu bestimmen. In zwei Punkten trifft dieser Vorwurf leider nicht zu; da wirkt Scholz \u2013 wie man so cool sagt \u2013 nachhaltig:<br \/>\nErstens hat Scholz US-Pr\u00e4sident Joe Biden in Washington durch Abnicken indirekt das Plazet gegeben, die Nordstream-Gaspipeline zu sprengen. Damit wurde die Deindustrialisierung Deutschlands ma\u00dfgeblich beschleunigt.<br \/>\nUnd zweitens hat er, ebenfalls in Washington am Rande des Nato-Treffens, den Forderungen der US-Geopolitik zur oben erw\u00e4hnten. Stationierung von Hyperschallwaffen zugestimmt.<br \/>\nDamit wird Deutschland zum direkten Schauplatz atomarer Auseinandersetzungen in Europa. Am 13. August 2024 hat sich das SPD-Pr\u00e4sidium f\u00fcr die Stationierung weitreichender US-Raketen und Marschflugk\u00f6rpern auf deutschem Boden ausgesprochen \u2013 wie zuvor bereits CDU\/CSU, FDP und Gr\u00fcne. Russlands Pr\u00e4sident daher nun seine Ank\u00fcndigung wahrmachen und mit der Stationierung \u00e4hnlicher Waffen an seiner westlichen Grenze antworten.<\/p>\n<p>Die sogenannten Altparteien machen das Territorium Deutschlands somit zum Quell- und Zielgebiet f\u00fcr zuk\u00fcnftige Kriege (3). Welch eine Horrorvision.<br \/>\n&#8230; Alles vom 16.8.2024 von Ekkehard Kaier bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/atom-nachruestung-hierzulande\">https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/atom-nachruestung-hierzulande<\/a><br \/>\noder auch auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ansage.org\/atomare-nachruestung-der-usa-auf-deutschem-boden\/\">https:\/\/ansage.org\/atomare-nachruestung-der-usa-auf-deutschem-boden\/<\/a><\/p>\n<p>.<br \/>\nEnde von Beitrag &#8222;Atom-Nachr\u00fcstung hierzulande&#8220;<br \/>\n==============================================================<br \/>\nBeginn von Anlagen (1) &#8211; (3)<br \/>\n.<\/p>\n<p><strong>(1) Absturz auf ein Drittel = die Quittung f\u00fcr den Verrat der Friedenspolitik<\/strong><br \/>\nNeue Umfragen <a href=\"https:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/\">https:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/<\/a> zeigen die SPD bei rund 15 Prozent. Ihr bestes Ergebnis bei Bundestagswahlen am 19. November 1972 lag bei 45,8 Prozent. Das war der Dank und der Respekt der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler f\u00fcr die in den Sechzigerjahren eingeleitete und mit Beginn der ersten sozialdemokratischen Kanzlerschaft im Jahre 1969 konsequent verfolgte Politik der Verst\u00e4ndigung. Eine der wichtigen Aussagen lautete damals: Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein. \u2013 Ohne Zweifel hat die SPD, beginnend in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, die deutsche Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik entscheidend gepr\u00e4gt \u2013 nicht mit Aufr\u00fcstung, Abschreckung und Politik der St\u00e4rke, sondern mit Entspannung, mit Verst\u00e4ndigung, mit Friedenspolitik und mit sogenannten vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen. Diese zentralen Erfolge der SPD werden von der heutigen F\u00fchrung gedankenlos verraten.<br \/>\nSo hat der SPD-Co-Vorsitzende Klingbeil am Wochenende im Sommerinterview der ARD zum Ukraine-Konflikt Russland alles B\u00f6se unterstellt, was man sich ausdenken kann, wenn man Aggression aufbauen und Vertrauen zerst\u00f6ren will.<br \/>\nZum Beleg zitiere ich die Aussagen des SPD-Vorsitzenden ca. ab Minute 23:30, nachdem der Interviewende auf eine \u00c4u\u00dferung von Sahra Wagenknecht zur Friedenspolitik aufmerksam gemacht hatte: \u201eDer Friedenswahlkampf von Sahra Wagenknecht bedeutet, \u2026 Wir geben die Ukraine auf. Wir sagen Putin, er kann machen, was er will. Und meine Grund\u00fcberzeugung ist: Wenn Putin nicht gestoppt wird, \u2026 dann macht er weiter. Polen ist bedroht, das Baltikum, Georgien \u2026 Wer wei\u00df, wie weit die Gro\u00dfmachtfantasien von Wladimir Putin reichen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Aussage enth\u00e4lt eine ma\u00dflose \u00dcbertreibung, ja F\u00e4lschung. Selbstverst\u00e4ndlich l\u00e4sst Klingbeil die Kompliziertheit des Vorgangs der milit\u00e4rischen Intervention Russlands in der Ostukraine weg. Er unterstellt Russland imperialistische Absichten, den Willen zum Zugriff auf Polen, auf das Baltikum usw. F\u00fcr diese Behauptungen gibt es keine Belege. Und Klingbeil personalisiert das Ganze. Putin \u2013 der b\u00f6se Bube.<br \/>\n&#8230; Alles vom 12.8.2024 von Albrecht M\u00fcller bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119520\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119520<\/a><br \/>\n.<br \/>\n<strong>.<\/strong><br \/>\n<strong>(2) Leo Ensel im Gespr\u00e4ch \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Kriegsgefahr und warum es keine ernst zu nehmende Friedensbewegung mehr gibt<\/strong><br \/>\nFlavio von Witzleben im Interview mit Dr. Leo Ensel<br \/>\nWie real ist die Gefahr eines Atomkrieges? \/ Konfliktforscher Leo Ensel<br \/>\n10.8.2024 , <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oIV-_rcaED4\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oIV-_rcaED4<\/a><br \/>\n&#8230; Alles vom 12.8.2024 bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119528\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119528<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>(3) Ein Held des Atomzeitalters<\/strong><br \/>\nAm 26. September 1983 stand die Welt unmittelbar vor einer Apokalypse. Der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow, der im Raketenabwehrzentrum Dienst hatte, behielt die Nerven und handelte gegen den Befehl. Er entschied f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Hallo, Sie, der oder die Sie jetzt gerade den Anfang dieses Essays lesen! Ja, genau Sie meine ich! Ist Ihnen eigentlich klar, dass es \u00fcberhaupt nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, dass Sie jetzt vor Ihrem Rechner sitzen oder auf Ihr Smartphone starren? Schauen Sie sich mal um! Alles, was Sie gerade um sich herum sehen, h\u00f6ren, tasten, riechen, schmecken \u2013 alle Menschen, alle Tiere, alle Pflanzen, alle Gegenst\u00e4nde, buchst\u00e4blich alles k\u00f6nnte l\u00e4ngst in Schutt und Asche zerfallen sein oder gar nicht erst das Licht dieses Planeten erblickt haben! Und damit nicht genug. Es g\u00e4be keine Zukunft mehr und auch die Vergangenheit w\u00e4re gestorben. Ein zweites Mal. Denn noch ist sie ja irgendwie da. Als erinnerte. Wo aber w\u00e4re sie, wenn es keine Erinnernden mehr g\u00e4be?<br \/>\nDas ist doch alles unvorstellbar? Ja, ich wei\u00df. Und genau hierin liegt das Problem!<br \/>\nTrotzdem. Genauer gesagt, deswegen! Schauen Sie sich nochmals um, halten Sie einen Moment lang inne und machen Sie sich klar: Nichts, buchst\u00e4blich nichts, was Sie jetzt gerade wahrnehmen, ist selbstverst\u00e4ndlich! Stattdessen k\u00f6nnte sich bereits seit Jahrzehnten das Nichts hier ausgebreitet haben.<br \/>\nDass dieses Leben, dass unser Alltag, den wir mit all seinen wichtigen Nichtigkeiten f\u00fcr so v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich halten, dass wir niemals auch nur auf die Idee kommen, seine Existenz grunds\u00e4tzlich infrage zu stellen; dass all dies seit genau 40 Jahren einfach bruchlos so weitergelaufen ist, das verdanken wir alle sehr wahrscheinlich der Nicht-Tat eines damals Tausende Kilometer entfernten Offiziers der Sowjetarmee: Einem gewissen Stanislaw Petrow!<br \/>\nWie Sie vielleicht schon einmal mitbekommen haben, schrillten in der k\u00e4ltesten Phase des Kalten Krieges, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983 um 0:15 Uhr Ortszeit im sowjetischen Raketenabwehrzentrum Serpuchow bei Moskau die Sirenen: Der Computer des satellitengest\u00fctzten Systems meldete den Anflug einer amerikanischen Interkontinentalrakete. Erst einmal, dann zwei-, drei-, vier-, f\u00fcnfmal hintereinander.<br \/>\nDer diensthabende Offizier Stanislaw Petrow hatte unter extremstem Zeitdruck \u2013 die Flugzeit von Interkontinentalraketen betrug eine halbe Stunde \u2013 eine Entscheidung \u00fcber Leben und Tod von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu treffen: Angriff oder Fehlalarm? Im ersten Falle h\u00e4tte die Sowjetunion nach der (l\u00e4ngst wieder aktuellen) Logik der Abschreckungstheorie \u2013 \u201eWer zuerst schie\u00dft, stirbt als zweiter!\u201c \u2013 den alles vernichtenden vermeintlichen \u201eGegenschlag\u201c ausgel\u00f6st. Petrow blieb trotz der wiederholten Alarmmeldungen bei seiner einmal getroffenen Entscheidung: Fehlalarm. \u2013 Und behielt recht!<\/p>\n<p>Kommen Sie mit? Verstehen Sie wirklich, was da eigentlich passiert ist? Nein? Das geht nicht nur Ihnen, das geht uns allen so! Aber das n\u00fctzt nichts. Versuchen Sie es wenigstens! Machen Sie sich die \u00e4u\u00dferst unangenehme M\u00fche und z\u00e4hlen Sie eins und eins zusammen!<br \/>\nWas also w\u00e4re geschehen, wenn der sowjetische Offizier damals in der Nacht vor 40 Jahren eine andere Entscheidung getroffen h\u00e4tte? Oder wenn er nicht \u00fcber die Folgen seines Handelns nachgedacht h\u00e4tte? Oder wenn er sich lediglich als austauschbares R\u00e4dchen im Getriebe definiert, sich also damit trotz seiner fachlichen Kompetenz f\u00fcr moralisch inkompetent erkl\u00e4rt h\u00e4tte?<br \/>\nDann h\u00e4tte die Sowjetunion in irriger Vorannahme de facto einen Atomkrieg gegen die USA begonnen, die dann ihrerseits 20 Minuten sp\u00e4ter den Gegenschlag Richtung Osten gestartet h\u00e4tten! Und Europa, das potenzielle Schlachtfeld der Superm\u00e4chte? Allein von der Nato waren damals in Westeuropa um die 7000 Atombomben mit der mehrfachen Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe stationiert. (Die Zahl der Atombomben des Warschauer Paktes in Osteuropa ist mir unbekannt, aber es werden sicher nicht wenige gewesen sein.) Man stelle sich vor: Allein zu unserer \u201eVerteidigung\u201c siebentausendmal ein mehrfaches Hiroshima auf Europa! Und die Atombomben der Gegenseite dazu. Und beide deutsche Staaten mittendrin. Kein Stein w\u00e4re hier auf dem anderen geblieben!<\/p>\n<p>\u201eMan stelle sich vor \u2026\u201c<br \/>\nAber warum f\u00e4llt es uns allen eigentlich so schwer, uns das vorzustellen? Und warum steht das Problem einer m\u00f6glichen atomaren Selbstvernichtung der Menschheit geradezu im \u201eMittelpunkt unserer Vernachl\u00e4ssigung\u201c? <em><strong>Weil es zu gro\u00df ist!<\/strong><\/em> Absolut zu gro\u00df.<br \/>\nNiemand hat sich \u00fcber diesen Sachverhalt so scharfsinnige Gedanken gemacht und niemand hat diese bereits vor \u00fcber einem halben Jahrhundert so pr\u00e4zise auf den Begriff gebracht, wie der Philosoph G\u00fcnther Anders.<br \/>\nSeine klassische Formel lautet: <em><strong>\u201eWir k\u00f6nnen uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen k\u00f6nnen!\u201c<\/strong><\/em> Betrauern k\u00f6nnen wir einen geliebten Toten. Vorstellen k\u00f6nnen wir uns vielleicht zehn Tote. Maximal. Umbringen k\u00f6nnen wir mit den heutigen Mitteln Hunderttausende auf einen Streich. Vor dem Gedanken der Apokalypse schlie\u00dflich streikt die Seele! Der Gedanke bleibt nur ein Wort.<br \/>\nIn diesem Sinne also sind wir kleiner als wir selbst: Unsere Vorstellungen bleiben weit hinter den Effekten zur\u00fcck, die unsere Handlungen zeitigen k\u00f6nnen. Anders formuliert: Als Handelnde \u2013 genauer: als Zerst\u00f6rer \u2013 haben wir eine fast gottgleiche Allmacht erlangt. Als Vorstellende sind wir Zwerge!<br \/>\nAber handeln wir eigentlich \u00fcberhaupt noch? G\u00fcnther Anders bestreitet dies f\u00fcr die allermeisten der heutigen T\u00e4tigkeiten. Denn \u201et\u00e4tig\u201c sind wir, erstens, in aller Regel als Zahnr\u00e4dchen, eingebunden in ein gigantisches Getriebe, dessen Endeffekt wir nicht \u00fcberschauen \u2013 oft gar nicht \u00fcberschauen wollen! Wir handeln nicht, wir machen \u2013 frei dem Motto \u201eWas ich nicht kann, geht mich nichts an!\u201c \u2013, blind f\u00fcr das Endziel, einfach mit!<br \/>\nGewissenhaftigkeit \u2013 sprich: die korrekte Erledigung der uns als Zahnr\u00e4dchen \u00fcbertragenen Aufgaben \u2013 ersetzt Gewissen, n\u00e4mlich die Auseinandersetzung mit der Frage, ob das Endziel der uns einbindenden Maschinerie \u00fcberhaupt ethisch verantwortbar ist.<br \/>\nUnd da wir Zahnr\u00e4dchen sind, gilt f\u00fcr unsere Wahrnehmung wie f\u00fcr unsere Seele die Devise: \u201eArbeitsteilung ist Gewissensteilung!\u201c Sollte zum Schluss doch etwas schiefgelaufen sein, waren es alle und damit \u2013 keiner! G\u00fcnther Anders: \u201eSchmutz geteilt durch Tausend = sauber!\u201c Je mehr Menschen involviert sind, desto leichter kann das Inferno eintreten.<\/p>\n<p>Zweitens: Nehmen wir an, ein amerikanischer Offizier startet auf Befehl \u201evon oben\u201c in einem Raketensilo in Montana eine Interkontinentalrakete Richtung Russland. Handelt es sich hierbei wirklich um eine Handlung? Oder l\u00f6st er nicht tats\u00e4chlich nur noch eine l\u00e4ngst vorinstallierte Maschinerie aus? Und was macht er eigentlich, wenn er etwas ausl\u00f6st? Eigentlich macht er, obwohl der Effekt seines Tuns die Vernichtung, also das Nichts sein kann, so gut wie \u2013 nichts! Ob er eine Espressomaschine einschaltet oder Tausende Kilometer entfernt Hunderttausende Menschen in Leichen verwandelt, macht von der Attit\u00fcde her keinen Unterschied. Kurz: Ausl\u00f6sen ersetzt Handeln<\/p>\n<p>Schlimmer noch: Im Zeitalter hyperrealistischer Computersimulationen verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen Schein und Sein! Die Simulation eines Raketenangriffes unterscheidet sich in nichts mehr von der tats\u00e4chlichen Durchf\u00fchrung und kann im einen wie im anderen Falle via Knopfdruck, gar Klick erledigt werden. (Mit zunehmenden Einsatz K\u00fcnstlicher Intelligenz wird auch das sich eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter erledigt haben \u2026)<br \/>\nUnd da Tat- und Leidensort Tausende Kilometer auseinander liegen, wird unser Offizier in Montana auch gar nicht direkt mit den Effekten seines Tuns konfrontiert werden. Ja, er muss noch nicht mal einen einzigen Russen hassen, um Hunderttausende von ihnen zu t\u00f6ten! (Dasselbe gilt selbstverst\u00e4ndlich vice versa f\u00fcr seinen Kollegen bei Moskau.)<br \/>\nDie infernalische Regel also lautet: Hunderttausende Menschen durch das Ausl\u00f6sen einer entsprechenden Maschinerie \u2013 Interkontinentalrakete \u2013 zu t\u00f6ten, ist ungleich leichter, als einen einzigen Menschen \u201ehandmade\u201c ins Jenseits zu bef\u00f6rdern! Sprich: Je gr\u00f6\u00dfer das Verbrechen, desto leichter seine Durchf\u00fchrung!<br \/>\nUnd noch ein dritter Umstand beg\u00fcnstigt die m\u00f6gliche Apokalypse: Man sieht den Dingen ihre Bewandtnis nicht mehr an. W\u00e4hrend man einem altmodischen Messer noch genau ansehen kann, was es anrichten kann, sehen \u201eGegenst\u00e4nde\u201c wie eine Atombombe \u2013 gesetzt der Fall, man bek\u00e4me sie tats\u00e4chlich zu Gesicht \u2013 tausendmal harmloser aus, als sie es tats\u00e4chlich sind. Der Effekt einer Atombombe ist im Vergleich zu ihrem Aussehen unvorstellbar \u2013 zu gro\u00df! G\u00fcnther Anders hat dies auf die Formel \u201eDie Dinge l\u00fcgen!\u201c gebracht.<\/p>\n<p>Welche Konsequenzen haben diese Einsichten f\u00fcr uns heute Lebende? Wenn die Wirklichkeit so fantastisch, so \u00fcber-sinnlich geworden ist, dass sie mit unseren Sinnen nicht mehr zu erfassen ist, dann bleibt uns nur noch eine M\u00f6glichkeit, sie vielleicht doch noch ansatzweise einzuholen: Die Fantasie! Entsprechend lautet der heutige <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/aufklaerung\/kant\/\">kategorische Imperativ<\/a> laut G\u00fcnther Anders: \u201eStelle Dir vor! Der Endeffekt Deines (Mit)-Tuns kann \u2013 Massenmord sein!\u201c<br \/>\nAnders hat in sich in seinem Werk mit zwei Gestalten der Zeitgeschichte intensiv auseinandergesetzt, die er f\u00fcr charakteristisch f\u00fcr die heutige Epoche hielt: Den Schreibtischt\u00e4ter und Judenmordorganisator Adolf Eichmann und den Hiroshimapiloten Claude Eatherly. Eichmann war f\u00fcr ihn die Symbolfigur des moralisch verkommenen Mitmachers, der sich mit der Ausrede, er habe ja \u201enur\u201c \u2013 und zwar auf Befehl \u2013 mit-gemacht, weigerte, jegliche pers\u00f6nliche Schuld an dem Menschheitsverbrechen einzur\u00e4umen. Eatherly, der die Bombe \u00fcber Hiroshima zwar nicht ausgeklinkt, aber das f\u00fcr den Bomberpiloten notwendige \u201eGo ahead!\u201c-Zeichen gegeben hatte und dies sp\u00e4ter f\u00fcr den Rest seines Lebens bitterlich bereute, nachdem er erkannte, was er als Mit-T\u00e4ter angerichtet hatte, war f\u00fcr Anders das positive Gegenbeispiel. Als Mensch, der zumindest im Nachhinein den Mut aufbrachte, sich seiner Mitschuld zu stellen.<br \/>\nH\u00e4tte G\u00fcnther Anders zu Lebzeiten noch von der Millionen Menschen rettenden Un-Tat Stanislaw Petrows erfahren, h\u00e4tte er mit Sicherheit ihm eine eigene Studie gewidmet und ihn im Vergleich zu Eichmann und Eatherly als das Vorbild, als die positive Symbolfigur unserer Epoche bezeichnet. N\u00e4mlich als den Mann, der den Mut hatte, durch die Anstrengung der Fantasie, seine m\u00f6gliche Schuld rechtzeitig zu antizipieren und daraus die Konsequenz zu ziehen: Den Tod von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu verhindern!<br \/>\nDenn dass Stanislaw Petrow genau dies \u2013 ohne G\u00fcnther Anders zuvor gelesen zu haben \u2013 getan hat, das hat er Jahrzehnte sp\u00e4ter, als der Vorfall vom 26. September 1983 die \u00d6ffentlichkeit endlich erreicht hatte, selbst berichtet: \u201eIch wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg!\u201c<br \/>\nWie viele \u201ePetrows\u201c es im Kalten Krieg noch gegeben haben mag? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Die Menschheit hat jedenfalls unversch\u00e4mt viel Gl\u00fcck gehabt! Wenn es \u00fcberhaupt eine Lehre aus allem geben kann, dann die: Es gibt Risiken, die niemals eingegangen werden d\u00fcrfen! Es kann und darf nicht sein, dass das Schicksal der ganzen Welt zwanzig Minuten lang in der Hand eines einzigen Menschen liegt!<br \/>\nAber wer wird uns das n\u00e4chste Mal retten, wenn sich der neue Kalte Krieg, in dem wir uns global l\u00e4ngst wieder befinden, noch weiter zuspitzt? Und werden es dann \u00fcberhaupt noch Menschen sein, die unter extremstem Zeitdruck die Entscheidung \u00fcber Sein oder Nichtsein des gesamten Planeten treffen?<br \/>\nOder ein via K\u00fcnstliche Intelligenz gesteuerter von einem Computer gesteuerter Computer?<br \/>\n&#8230; Alles vom 9.10.2023 von Leo Ensel bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2023\/10\/ein-held-des-atomzeitalters-66992.html\">https:\/\/das-blaettchen.de\/2023\/10\/ein-held-des-atomzeitalters-66992.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren wehrte sich die deutsche Friedensbewegung heftig gegen die Stationierung von US-Pershing-Raketen und Marschflugk\u00f6rpern im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses. Vor 23 Jahren erhielt der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin nach seiner Bundestagsrede vom 23. 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