{"id":123994,"date":"2024-05-31T08:15:33","date_gmt":"2024-05-31T06:15:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=123994"},"modified":"2024-05-31T12:14:45","modified_gmt":"2024-05-31T10:14:45","slug":"franz-kafka100-jahre-kafkaesk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/franz-kafka100-jahre-kafkaesk\/","title":{"rendered":"Franz Kafka 100 Jahre &#8211; kafkaesk"},"content":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ist der Prager <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/\">Dichter<\/a> Franz Kafka (3.7. 1883 in Prag &#8211; 3.6.1924) in Kierling\/\u00d6sterreich gestorben. Obwohl er nur 41 Jahre alt wurde, gilt er als einer der wirkm\u00e4chtigsten Autoren seiner Zeit. &#8222;Das Schloss&#8220; von Frank Kafka und &#8222;Der Kleine Prinz&#8220; von Antoine de Staint-Exup\u00e9ry <!--more-->&#8211; diese beiden Dichtungen bezeichnet <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/religion\/katholisch\/drewermann\/\">Eugen Drewermann<\/a> in seinem Buch &#8222;Das Eigentliche ist unsichtbar&#8220; als &#8222;wesentlich und kennzeichnend f\u00fcr das von verzehrenden Konflikten gesch\u00fcttelte 20. Jahrhundert&#8220; mit seinen zwei Seiten: Einerseits der brutalen Realit\u00e4t des <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/krieg\/\">Krieges<\/a> und andererseits der andauernden Sehnsucht nach <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/selbsthilfe\/psyche\/liebe\/\">Liebe<\/a> und damit <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/frieden\/\">Frieden<\/a>.<br \/>\n&#8222;Das Schloss&#8220; bietet &#8222;eine grausame Vision der Aussichtslosigkeit und Unentrinnbarkeit inmitten einer kalten, <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/buerokratie\/\">b\u00fcrokratisch<\/a> verwalteten, unbegreifbaren Welt&#8220;. Der &#8222;Kleine Prinz&#8220; hingegen vermag &#8222;das Vertrauen in die unbedingte Treue der Liebe wiederherzustellen&#8220;, er verk\u00f6rpert &#8222;eine Welt des Bem\u00fchens und der Verantwortung um- und f\u00fcreinander&#8220;.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/\">\u201eDer Kleine Prinz\u201c von Antoine de Saint-Exup\u00e9ry<\/a>\u00a0(20.4.2024).<br \/>\n.<br \/>\nIn seinen Dichtungen, insbesondere &#8222;Der Proze\u00df&#8220; und &#8222;Das Schloss&#8220;, erschlie\u00dft Franz Kafka die Totalit\u00e4t b\u00fcrokratischer Allmacht, die im Deutschland seit sp\u00e4testens 2015 wieder Einzug h\u00e4lt. Thorsten Hinz fasst dies so zusammen (1): &#8222;Es ist die Schwarmidiotie der postreligi\u00f6sen, modernen Massengesellschaften, die, mit dem Vokabular der Aufkl\u00e4rung auf den Lippen, den R\u00fcckfall in archaische Muster erzwingt. <em><strong>Deshalb bleibt das Kafkaeske das Gegenw\u00e4rtige<\/strong><\/em>.&#8220;<br \/>\n.<br \/>\n&#8222;Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet\u201c &#8211; mit diesem Satz beginnt Franz Kafka den Roman &#8222;Der Proze\u00df\u201c, in dem sein Protagonist Josef K. dem b\u00fcrgerlichen Leben entrissen und in einem von B\u00fcrokratie und Willk\u00fcr aufgebl\u00e4hten Gerichtsverfahren weder sein Vergehen noch den Rechtsanspruch des Ankl\u00e4gers erfahren wird. Aus seinem b\u00fcrgerlichen Gerechtigkeits- und Verantwortungsf\u00fchl heraus beginnt Josef K. eine qualvolle Selbstbefragung, nach eigenem Fehlverhalten, nach eigener <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/schuld\/\">Schuld<\/a>. Ohne Ergebnis. <em><strong>Eine im Wortsinn kafkaeske Situation von Ohnmacht, Fremdbestimmung, Ausgeliefertsein und Ausweglosigkeit, die nichts an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat<\/strong><\/em>: &#8222;In ihr fanden sich in den letzten Jahren viele wieder, die der aktuell beherrschenden Meinung nichts abgewinnen k\u00f6nnen. Angesichts eines neu auflebenden und von Regierungsseite propagierten <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/denunziation\/\">Denunziantentums<\/a> gilt Kafka&#8217;s Schlu\u00dffolgerung: \u201eEinen solchen Proze\u00df haben, hei\u00dft ihn schon verloren haben\u201c auch heute noch&#8220; (3). Dieses prophetische Diktum von Franz Kafka \u201eEinen solchen Proze\u00df haben, hei\u00dft ihn schon verloren haben\u201c sollte man mehrmals lesen, denn es wird h\u00e4ufig so ausgelegt, da\u00df Kafka in seinem Werk den nahenden Totalitarismus beschreibt.<\/p>\n<p>&#8222;Kafkas Romane sind &#8230; zu Worten geronnene Alptr\u00e4ume, in denen &#8230; die Menschen, die uns weiterhelfen k\u00f6nnten, zu Marionetten degradiert sind. Und niemand wei\u00df, wer an ihren F\u00e4den zieht.&#8220; (2) Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man heutzutage all die, die nach den F\u00e4denziehern fragen, als <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/verschwoerungstheorien\/\">Verschw\u00f6rungstheoretiker<\/a> alias <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/opposition\/querdenker\/\">Querdenker<\/a> abtut bzw. in die <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/rechts\/rechte-ecke\/\">rechte Ecke<\/a> stellt?<\/p>\n<p>&#8222;Aus heutiger Perspektive stellen sich Fragen wie:<br \/>\nHat sich der Rechtsstaat nicht zu einer Groteske deformiert, wenn allenthalben &#8222;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/gegen-rechts\/\">gegen \u201eRechts\u201c<\/a> demonstriert wird, zugleich aber die linksextreme Gewalt l\u00e4ngst au\u00dfer Kontrolle geraten ist?<br \/>\nWenn Energieversorgung und Arbeitspl\u00e4tze eines Landes zugunsten einer<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/ideologie\/\"> Ideologie<\/a> zerst\u00f6rt werden \u2013 wom\u00f6glich sogar unter Vort\u00e4uschung falscher Tatsachen?<br \/>\nWenn gar zum Verbot einer demokratisch gew\u00e4hlten Partei aufgerufen wird \u2013 zugunsten \u201eunserer\u201c Demokratie?&#8220; (3)<\/p>\n<p>Wer Kafka gelesen hat, insbesondere &#8222;Der Prozess&#8220; oder &#8222;Das Schloss&#8220;, der vergi\u00dft diese Romane niemals in seinem Leben. Denn zu vieles ist ge\u00f6ffnet und zu wenig beantwortet &#8211; wodurch die Frage nach der Schuld bleibt. &#8222;Kafkas fiktive Welten sind doppelb\u00f6dig, seine Hauptfiguren stets mit dem (Selbst-)Vorwurf der fehlenden Authentizit\u00e4t und eben jener unausgesprochenen, ja undefinierten Schuld behaftet. Der doppelte Boden in diesen Erz\u00e4hlungen und Romanen \u00fcberdeckt tiefe Gruben voller b\u00f6ser \u00dcberraschungen&#8220; (4)<br \/>\n.<br \/>\nIn den Werken eines Dichters spiegeln sich die Erfahrungen des Autors wider. Bei Franz Kafka ist es der dominierende und beherrschende Vater in einer Familie, in der er viel zu lange gewohnt hatte und aus der er sich nicht l\u00f6sen konnte: &#8222;Nach eigener Aussage hatte Kafka keine \u201eVorstellung von Freiheit\u201c, damit fehle ihm auch eine Richtung zur Entwicklung seiner Pers\u00f6nlichkeit. Sein Wunsch nach einem normalen Leben, nach Familie und dem Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit scheiterte immer wieder an seiner \u201eWeltangst\u201c: Angst vor dem Versagen, vor dem Versto\u00dfen-Werden, vor einer undefinierbaren Schuld. &#8220; (4)<br \/>\n.<br \/>\nDank Franz Kafka ist der Begriff der &#8222;kafkaesken Situation&#8220; in den deutschen Sprachschatz eingewandert \u2013 und auch heute erlebbar. Jeder B\u00fcrger verf\u00fcgt qua Geburt \u00fcber die im Grundgesetz geschriebenen <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/grundgesetz\/grundrechte\/\">Grundrechte<\/a> als Abwehrrechte gegen\u00fcber dem \u00fcbergriffigen Staat. Hier einige Beispiele kafkaesker Situationen im Zusammenspiel B\u00fcrger &#8211; Staat:<br \/>\n&#8211; Ein H\u00e4uslebauer wurde zum R\u00fcckbau eines Anbaus verpflichtet. Nach dem die von der Beh\u00f6rde verlegte Akte wieder aufgetaucht ist, musste er den Wiederaufbau selbst finanzieren.<br \/>\n&#8211; Eine Tochter wird vom Gesundheitsamt im Jahr 2021 gezwungen, ihren Vater alleine sterben zu lassen. Ihre Einspr\u00fcche werden von den Beh\u00f6rden kostenpflichtig abgelehnt.<br \/>\n&#8211; Ein Arzt wird wegen des Ausstellens &#8222;falscher&#8220; Corona-Impfatteste verurteilt, obwohl er damit &#8211; wie man heute wei\u00df und damals wissen konnte, aber nicht wissen wollte &#8211; ganz im Sinne der Patientengesundheit bzw. des hippokratischen Eides gehandelt hatte.<br \/>\n&#8211; Wirtschaft und B\u00fcrger haben die EU-h\u00f6chsten <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/energie\/strom\">Strompreise<\/a> zu bezahlen. Grund: Die Regierung verschrottet moderne <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/energie\/akw\/kernkraft\/\">Kernkraftwerke<\/a>, um sodann gezwungen zu sein, Kohlekraftwerke zu aktivieren und Atomstrom aus Frankreich zu importieren.<br \/>\n&#8211; Oppositionsparteien werden behindert bzw. verboten, obwohl die <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/opposition\/\">Opposition<\/a> konstitutionell notwendig ist f\u00fcr ein demokratisches System (<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/verfassung\/fdgo\/\">FDGO<\/a>).<br \/>\n&#8211; Das Diktum &#8222;You can have a welfare state or you can have open borders. But you can\u2019t have both&#8220; von Friedensnobelpreistr\u00e4ger <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/sozialstaat-oder-migration\/\">Milton Friedman<\/a> gilt seit 1976. Dennoch will die Regierung beides &#8211; und der B\u00fcrger vermag nichts dagegen zu tun.<br \/>\n&#8211; Der Parlamentarismus lebt vom Recht auf <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/meinungsfreiheit\/\">Meinungsfreiheit<\/a> des m\u00fcndigen B\u00fcrgers bzw. des &#8222;m\u00fcndigen B\u00fcrgers in Uniform&#8220; (so steht es im Handbuch der Inneren F\u00fchrung der Bundeswehr von 1962). Gleichzeitig jedoch wird abweichende Meinung bzw. Kritik als &#8222;Delegitimierung des Staates&#8220; bestraft.<br \/>\n31.5.2024<br \/>\n.<br \/>\nEnde von Beitrag &#8222;Franz Kafka 100 Jahre &#8211; kafkaesk&#8220;<br \/>\n==============================================================<br \/>\nBeginn von Anlagen (1) &#8211; (4)<br \/>\n.<\/p>\n<p><strong>(1) Kafkas Aktualit\u00e4t &#8211; Wie der Dichter das Totalit\u00e4re b\u00fcrokratischer Allmacht zeitlos erschlo\u00df<\/strong><br \/>\nvon Thorsten Hinz<br \/>\nMit dem Adjektiv \u201ekafkaesk\u201c ist der Name Franz Kafkas in vielen Sprachen in den allt\u00e4glichen Wortschatz eingegangen. Das Wort steht f\u00fcr die Erfahrung der Ohnmacht und der Fremdbestimmung, f\u00fcr das Gef\u00fchl, anonymen, unbezwing- und undurchschaubaren M\u00e4chten ausgeliefert zu sein. Kafkaeske Situationen spielen sich auf verschiedenen Ebenen ab, so auf der praktischen, der politischen, der metaphysischen Ebene.<br \/>\n\u201eKafkaesk!\u201c, ruft der verzweifelte Bauherr, der den gerade fertiggestellten Carport auf seinem Grundst\u00fcck abrei\u00dfen mu\u00dfte, weil er keine vollst\u00e4ndige Baugenehmigung vorweisen konnte. Nicht aus eigenem Vers\u00e4umnis, sondern weil einer der zahllosen Folgeantr\u00e4ge im Beh\u00f6rden-dschungel verschwunden gewesen war. Nun ist er wieder aufgetaucht und genehmigt worden, und der R\u00fcckbau darf auf eigene Kosten r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Der \u00c4rmste sieht sich in den F\u00e4ngen einer absurden, seelenlosen Mechanik, deren h\u00f6chster Zweck darin besteht, sich die eigene Unabk\u00f6mmlichkeit zu best\u00e4tigen. Und der Staat zieht \u00fcber die Umsatzsteuer aus jeder Absurdit\u00e4t seinen Profit.<br \/>\n\u201eKafkaesk!\u201c, schimpfte der Fahrgast in der Zeit des Lockdowns, dem der Zugschaffner mit einem Polizeieinsatz drohte, sollte er nicht umgehend seine FFP2-Maske aufsetzen. Umsonst der Hinweis, da\u00df er sich ganz allein im Abteil befand und weder eine passive noch aktive Ansteckungsgefahr vorlag. Nichts da, die Regierungsanordnung galt f\u00fcr jedermann und \u00fcberall und gestattete keine Ausnahme. In dem Fall durfte der Betroffene hinter der ehernen B\u00fcrokraten-Konsequenz eine politische Absicht vermuten: Der B\u00fcrger sollte diszipliniert und in den unbedingten Gehorsam einge\u00fcbt werden.<br \/>\nFranz Kafka hatte aus den Erfahrungen mit der siechen k.u.k. B\u00fcrokratie gesch\u00f6pft und deren Potential konsequent zu Ende gedacht. Eine heitere Variante davon findet sich im \u201eBraven Soldat Schwejk\u201c: Dem b\u00f6hmischen Halbidioten wird mit unabweisbarer Logik nachgewiesen, da\u00df sein uferloses Geschw\u00e4tz eine staatsgef\u00e4hrdende Handlung darstellt. In seinem Fall l\u00f6st die Dramatik sich in Heiterkeit auf. Kafkas \u201eProze\u00df\u201c hingegen mit unerbitterlicher D\u00fcsternis: \u201eJemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben.\u201c Warum er verhaftet wurde, wessen er angeklagt ist und warum er am Ende get\u00f6tet wird, bleibt ihm bis zum Schlu\u00df verborgen.<\/p>\n<p>Kafkas Werk wird daher auch als Vorwegnahme des Totalitarismus gedeutet, der Terror, Ideologie und B\u00fcrokratie miteinander verbindet, und die W\u00e4chter, die K. festsetzen, als Vorboten der Gestapo und der Tscheka interpretiert. Im Dritten Reich wurde mit b\u00fcrokratischer Akkuratesse erfa\u00dft, ob und, wenn ja, wieviel j\u00fcdische Anteile ein jeder im Blut hatte; deren H\u00f6he entschied \u00fcber die gesellschaftliche und rechtliche Stellung und schlie\u00dflich \u00fcber Leben und Tod.<\/p>\n<p>Kafkaest war auch der Gro\u00dfe Terror unter Stalin. Niemand, selbst seine Exekutoren nicht, durfte sich vor ihm sicher f\u00fchlen, weil seine Logik und Absichten verborgen blieben. Menschen wurden verhaftet, verschwanden im Gulag oder sofort im Massengrab, weil sie der Partei und dem weisen F\u00fchrer zu wenig Zuneigung bekundet hatten. Doch auch ein Zuviel erweckte Verdacht als der besonders raffinierte Versuch von Volksfeinden, ihre Gesinnung und Pl\u00e4ne zu tarnen. Die besondere Perfidie lag darin, da\u00df niemand festlegte und keiner wu\u00dfte, welches Ma\u00df an Zustimmung das richtige war. Das Geheimnis der Macht lie\u00df sich nicht entschl\u00fcsseln. Alle lebten in st\u00e4ndiger Ungewi\u00dfheit und Angst vor dem Zorn der G\u00f6tter. Wie die Menschen der Antike konnten sie nur hoffen, sie durch Opfergaben g\u00fcnstig zu stimmen, zum Beispiel durch die Denunziation von Freunden und Familienmitgliedern.<\/p>\n<p>1989 schien zumindest in Europa das Licht der Demokratie \u00fcber die kafkaeske Finsternis der Diktatur gesiegt zu haben. Die Angelegenheiten der Res publica, so das Versprechen, w\u00fcrden k\u00fcnftig transparent und der Kontrolle, der Kritik und \u00f6ffentlichen Diskussion zug\u00e4nglich gemacht werden. Doch auch der Westen hatte seine kafkaesken Geheimbereiche, nur waren sie weniger auff\u00e4llig. Nachdem er seinen dialektischen Widerpart verloren hat, tritt das Gemeinsame in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft ist einer umfassenden, dabei unproduktiven, ja zerst\u00f6rerischen Dynamik ausgesetzt, die in alle Bereiche des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens vordringt. Die \u201epolitische Korrektheit\u201c zerf\u00e4llt in immer mehr und kleinteiligere Segmente. Die Antreiber sind Wahrnehmungs- und Kommunikationsblasen, die ihre Glaubenss\u00e4tze gegen alle Einw\u00e4nde verpanzern. Wer ihre Wahrheit anzweifelt, wird mit dem Stigma des \u201eLeugners\u201c versehen. Daber entsteht eine Kakophonie unvereinbarer Geltungsanspr\u00fcche. Zur materiellen und mentalen Kriegst\u00fcchtigkeit beispielsweise, die gegenw\u00e4rtig gefordert wird, passen weder die klimafreundliche Deindustrialisierung noch die Dekonstruktion der Energiesicherheit, noch der LGBT-Kult.<br \/>\nDiabolo, der gro\u00dfe Verwirrer und Verleumder, scheint das Zepter zu schwingen. Er l\u00e4\u00dft das demokratische Versprechen des angstfreien Meinungsstreits im Orkus verwinden und gleichzeitig den Geheimdienst zu neuen, altbekannten, allzu ber\u00fcchtigten Ehren kommen.<\/p>\n<p>\u00dcber der Frage, welcher Plan hinter dem Chaos wohl steckt, verf\u00e4llt der verzweifelte B\u00fcrger schnell auf den \u201etiefen Staat\u201c, bei dem angeblich alle F\u00e4den zusammenlaufen. Doch die \u00f6ffentlichen Figuren, die als Vertreter der Macht hervortreten, wirken auch nur als untergebene, austauschbare Sprechpuppen.<br \/>\nBei Kafka wird den Protagonisten der Zugang zum Schlo\u00df, zum Gericht, zum Gesetz, denen sie unterworfen sind, konsequent verweigert. Das l\u00e4\u00dft sich auch so deuten, da\u00df es die eine zentrale Machtinstanz \u00fcberhaupt nicht gibt. Statt einer hierarchischen Machtpyramide mu\u00df man sich ein Rhizom, ein netzartiges, transnationales Geflecht mit zahlreichen Nervenknoten unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe vorstellen, die miteinander kommunizieren. Es herrscht nicht der eine diabolische Wille, es ist viel schlimmer: Es ist die Schwarmidiotie der postreligi\u00f6sen, modernen Massengesellschaften, die, mit dem Vokabular der Aufkl\u00e4rung auf den Lippen, den R\u00fcckfall in archaische Muster erzwingt. Deshalb bleibt das Kafkaeske das Gegenw\u00e4rtige.<br \/>\n&#8230; Alles vom 31.5.2024 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 23\/24, Seite 2<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.junge-freiheit.de\">https:\/\/www.junge-freiheit.de<\/a><br \/>\n.<br \/>\n.<\/p>\n<p><strong>(2) Wenn das Unerkl\u00e4rliche hingenommen wird<\/strong><br \/>\nLiteratur: Vor hundert Jahren starb Franz Kafka. Er ist einer der wenigen Schriftsteller, die um so heller strahlen, je l\u00e4nger sie tot sind. Woran liegt das?<br \/>\nDietmar Mehrens<br \/>\nErstellt man einen Quotienten aus literarischer Langzeitwirkung und Lebensdauer, war er der wirkm\u00e4chtigste deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts. Legion sind die Schriftsteller deutscher und nichtdeutscher Sprache, die sich von ihm inspiriert f\u00fchlten. Von Filmemachern ganz zu schweigen. Wer einmal \u201eDas Schlo\u00df\u201c gelesen hat, Franz Kafkas leider unvollendet gebliebenen und dennoch eindr\u00fccklichsten Roman, der wei\u00df, warum. Das Buch vergi\u00dft man sein ganzes Leben lang nicht. Die verst\u00f6rende Erz\u00e4hlung \u00fcber ein fernes Schlo\u00df, das \u00fcber einem Landstrich thront, alle menschlichen Geschicke beherrscht und sich dem, der sich ihm zu n\u00e4hern versucht, auf geheimnisvolle Weise entzieht, ist einfach gro\u00dfe, zeitlose, stilbildende Kunst. Wer w\u00fcrde nicht mitf\u00fchlen mit dem Landvermesser K., dem das Banalste nicht gelingen will: die Arbeit, f\u00fcr die er hinbestellt wurde in diese namenlose Gegend, einfach endlich zu erledigen. Wer w\u00fcrde nicht ebenso mitf\u00fchlen mit Josef K., dem Namensvetter des Landvermessers, der eines Morgens, \u201eohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte\u201c, verhaftet, aber doch in Freiheit gelassen wird und danach einen ganzen Roman lang versucht herauszufinden, was da schiefgelaufen ist.<\/p>\n<p>Kafkas Romane sind Existenzdramen. Es geht immer ums Ganze. Und sie sind zu Worten geronnene Alptr\u00e4ume, in denen die Gesetze der Logik au\u00dfer Kraft gesetzt, die Sicherheiten, die uns in unseren Alltagsverrichtungen Halt geben, ausradiert und die Menschen, die uns weiterhelfen k\u00f6nnten, zu Marionetten degradiert sind. Und niemand wei\u00df, wer an ihren F\u00e4den zieht. Ist es der verborgene Gott der j\u00fcdischen Thora, wie Interpreten des Kafkaschen Werks, allen voran sein Intimus Max Brod, immer wieder spekuliert haben? Sind es die Schergen der B\u00fcrokratie, mit der er als Beamter im Versicherungsgewerbe zeit seines Lebens zu tun hatte? Oder ist alles, ist Kafkas gesamtes literarisches Werk eine sich st\u00e4ndig in ihrer Gestalt wandelnde Metapher f\u00fcr den \u00fcberm\u00e4chtigen, oft als herrisch und emotional unterbelichtet beschriebenen Vater, der seine Jugend pr\u00e4gte und explizit sowohl in der Prosaskizze \u201eDas Urteil\u201c (1916) als auch dem \u00fcberlieferten \u201eBrief an den Vater\u201c (1919) verewigt wurde? Auch die ber\u00fchmte Erz\u00e4hlung \u201eDie Verwandlung\u201c (1915), in der sich Hauptfigur Gregor Samsa beim Aufwachen eines Morgens in ein riesenhaftes Insekt verwandelt vorfindet, spiegelt vor allem innerfamili\u00e4re Konflikte und einen eklatanten Mangel an Zuneigung und Zuwendung.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nWirkte der schon 1912 begonnene Roman \u201eDer Verschollene\u201c, den Max Brod 1927 unter dem Titel \u201eAmerika\u201c herausbrachte, \u00fcber den in den USA nach Arbeit suchenden Karl Ro\u00dfmann noch unfertig und in der Handlungsf\u00fchrung unreif, weisen \u201eDer Proze\u00df\u201c (posthum 1925 erschienen) und das ein Jahr sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte \u201eSchlo\u00df\u201c \u2013 wie die bereits zu Lebzeiten erschienene \u201eVerwandlung\u201c \u2013 trotz fehlender Vollendung alle Markenzeichen auf, denen Kafka seinen epochalen Nachruhm haupts\u00e4chlich verdankt und die deutsche Sprache das Wort \u201ekafkaesk\u201c: Sie kreieren einen surrealen, gleichwohl realistisch gezeichneten und in sich stimmigen Kosmos des Absurden, in dem das Unerh\u00f6rte und Unerkl\u00e4rliche wie eine banale Selbstverst\u00e4ndlichkeit hingenommen wird, lassen ihre Helden durch diese Alptraum-Matrix tapern wie arglose Ameisen \u00fcber einen gefliesten K\u00fcchenboden, und wehrlos wie diese werden sie am Ende zertreten. \u201eEinen solchen Proze\u00df haben, hei\u00dft ihn schon verloren haben\u201c, lautet ein prophetisches Diktum in \u201eDer Proze\u00df\u201c. Es ist \u2013 und das ist wohl das Bemerkenswerte am Werk des gro\u00dfer Pragers \u2013, als h\u00e4tte er\u2019s von Anfang an geahnt, wie es mit ihm enden m\u00fcsse.<br \/>\n.<br \/>\n<em>Franz Kafka: S\u00e4mtliche Werke Mit einem Nachwort von Peter H\u00f6fle.<br \/>\nSuhrkamp, Berlin 2008, broschiert, 1.463 Seiten, 30 Euro<\/em><\/p>\n<p>&#8230;. Alles vom 31.5.2024 von Dietmar Mehrens bitte lesen in der JF 23\/24, Seite 13<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.junge-freiheit.de\">https:\/\/www.junge-freiheit.de<\/a><br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n<strong>(3) Die L\u00fcge als Weltordnung<\/strong><br \/>\n<strong>Klassiker wiedergelesen: Franz Kafkas posthum erschienener Roman \u201eDer Proze\u00df\u201c hat nichts von seiner beklemmenden Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft<\/strong><br \/>\nRegina B\u00e4rthel<\/p>\n<p>&#8222;Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet.\u201c Mit diesem vielzitierten Eingangssatz zu \u201eDer Proze\u00df\u201c schleudert Franz Kafka seinen Protagonisten Josef K. in eine vom eigenen b\u00fcrgerlichen Leben weit entfernte Parallelwelt. Der Satz f\u00fchrt ein in eine absurde Gerichtsverhandlung; in einen Proze\u00df, in dem weder das Vergehen des Angeklagten definiert wird, noch das Gericht selbst einem g\u00fcltigen Recht folgt. Er ist der Auftakt zu einer im Wortsinn kafkaesken Situation, die nichts an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat: In ihr fanden sich in den letzten Jahren viele wieder, die der aktuell beherrschenden Meinung nichts abgewinnen k\u00f6nnen. Angesichts eines neu auflebenden und von Regierungsseite propagierten Denunziantentums gilt auch heute noch die Schlu\u00dffolgerung: \u201eEinen solchen Proze\u00df zu haben, hei\u00dft ihn schon verloren zu haben.\u201c<\/p>\n<p>In seinem Roman schildert Kafka in der verworrenen Logik des (Alb-)Traums, wie Josef K. in die M\u00fchlen einer B\u00fcrokratie ger\u00e4t, die weder Stringenz noch Kompetenz aufweist: Eines Morgens, Josef K. liegt noch im Bett, betreten schwarz gekleidete M\u00e4nner sein Zimmer und verk\u00fcnden ihm, er sei angeklagt. Ein grotesker Start in den Tag; so sehr, da\u00df K. zun\u00e4chst an einen \u00fcblen Scherz glaubt. Doch die Emp\u00f6rung folgt sofort: Er lebe immerhin in einem Rechtsstaat, es sei unerh\u00f6rt, unbescholtene B\u00fcrger derart zu \u00fcberfallen!<\/p>\n<p>Die W\u00e4chter, die sich weder legitimieren noch den Grund der Anklage nennen k\u00f6nnen, verteidigen ihren Auftrag: \u201eEs gibt darin keinen Irrtum. Unsere Beh\u00f6rde (\u2026) sucht doch nicht die Schuld in der Bev\u00f6lkerung, sondern wird, wie es im Gesetz hei\u00dft, von der Schuld angezogen (\u2026). Das ist Gesetz.\u201c Die Beh\u00f6rde folgt also ihren eigenen, m\u00f6glicherweise geheimen Regeln, die aber mit denen eines Rechtsstaates nicht zwingend kongruent sein m\u00fcssen. Immerhin inhaftieren die W\u00e4chter Josef K. nicht, sondern f\u00fchren lediglich eine Art Gef\u00e4hrderansprache durch.<\/p>\n<p>Ein absurdes Verfahren mit slapstickartigen Szenen<br \/>\nDoch gerade hierdurch wird der Proze\u00df in Gang gesetzt: Josef K. ist sich der Absurdit\u00e4t des Verfahrens sehr wohl bewu\u00dft, doch gerade durch seine Widerspr\u00fcche, sein Verlangen nach Aufkl\u00e4rung und Richtigstellung verstrickt er sich in dessen groteskes System \u2013 bis sich K.s vormalig b\u00fcrgerliche Existenz regelrecht aufl\u00f6st. Zwar geht der Bankangestellte weiter seinen \u00fcblichen Verpflichtungen nach, doch sein neuer Status als Angeklagter f\u00fchrt einerseits zu einer ausufernden Selbstbefragung und l\u00e4\u00dft andererseits das zuvor in ihn gesetzte Vertrauen rasch schwinden. K.s Reputation wird zerst\u00f6rt: vor sich selbst, am Arbeitsplatz wie auch innerhalb der Familie.<\/p>\n<p>Dabei stellt sich die Justiz selbst als Farce heraus: Einbestellt zu einer Anh\u00f6rung findet K. die Gerichtskanzleien auf dem labyrinthischen Dachboden einer heruntergekommenen Mietskaserne. Ihre Vertreter sind alles andere als ehrw\u00fcrdige Diener des Rechtsstaates, die Angeklagten vom Verfahren zerm\u00fcrbte Jammergestalten. Kafka schildert die Vorg\u00e4nge an diesem irrwitzigen Gericht mit gro\u00dfer Komik und in slapstickartigen Szenen; da baumelt auch mal ein Bein durch die Decke, weil es durch den maroden Grund gebrochen ist. Tats\u00e4chlich bestehe der einzige Sinn des Prozesses darin, kritisiert K., \u201eda\u00df unschuldige Personen verhaftet und gegen sie ein sinnloses und meistens wie in meinem Fall ein ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird\u201c. Sinnlos mag das Verfahren sein, ergebnislos wird es am Ende nicht bleiben.<\/p>\n<p>Der T\u00fcrh\u00fcter verwehrt den Zugang zum Gesetz<br \/>\nWie alle Romane Franz Kafkas blieb auch \u201eDer Proze\u00df\u201c, begonnen 1914, ein Fragment: Nach der endg\u00fcltigen Trennung von Felice Bauer, seiner mehrmaligen Verlobten, f\u00fchlte er sich wie ein \u201eVerbrecher nach der Tat\u201c und nur eine neue literarische Arbeit, so notierte er, k\u00f6nne ihn aus seiner Erstarrung retten. Eine Erstarrung, verursacht durch Schuldgef\u00fchle, die ihn hoffnungslos begleiteten: Er war zerrissen zwischen dem Anspruch auf ein Leben nach der Norm \u2013 hier also B\u00fcrgerlichkeit und Familie \u2013 und seiner \u201ewahren\u201c Identit\u00e4t als Schriftsteller.<\/p>\n<p>Kafka legt noch eine andere Spur: In der Parabel \u201eVor dem Gesetz\u201c, zuerst erschienen 1915 in einer Wochenzeitschrift, ersucht ein Mann um Zugang zum Gesetz, doch der T\u00fcrh\u00fcter verwehrt es ihm: Prinzipiell sei es m\u00f6glich, aber nicht jetzt. Der Mann f\u00fcgt sich, wartet sein Leben lang \u2013 um in seiner Todesstunde zu erfahren: Dieses Tor war nur f\u00fcr ihn bestimmt. Es ist der Gef\u00e4ngniskaplan, der Josef K. die Geschichte erz\u00e4hlt und hinzuf\u00fcgt: \u201eMan mu\u00df nicht alles f\u00fcr wahr halten, man mu\u00df es nur f\u00fcr notwendig halten.\u201c Worauf K. erwidert: \u201eTr\u00fcbselige Meinung (\u2026). Die L\u00fcge wird also zur Weltordnung gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Eine willk\u00fcrliche Anklage, ein korrumpiertes Rechtssystem: Ist \u201eDer Proze\u00df\u201c also eine prophetische Vorwegnahme des Totalitarismus? Gerade in Deutschland sah man immer wieder das Regime der Nationalsozialisten, aber auch des Kommunismus antizipiert. Und sicher, auch heute ist es verlockend, Parallelen zwischen Josef K. und Whistleblowern, Querdenkern oder unliebsamen Politikern zu ziehen. Allerdings wissen hier die Beh\u00f6rden \u2013 im Gegensatz zu jenen im \u201eProze\u00df\u201c \u2013 recht genau, was sie tun: F\u00fchren sie wom\u00f6glich Verfahren im Sinne eines Ma\u00dfnahmenstaates, in dem der politische Zweck die Entscheidungen der Justiz diktiert?<\/p>\n<p>Josef K. kann zwar als ein unberechtigt Verfolgter angesehen werden, doch wird ihm zun\u00e4chst weder Zwang noch Gewalt angetan. Er ist weder unschuldiges Opfer noch k\u00e4mpferischer Held innerhalb eines repressiven Systems, vielmehr verspottet er die groteske Gerichtsbarkeit \u2013 und genie\u00dft gleichzeitig deren lustvolle Freiz\u00fcgigkeit des boh\u00e8mehaften Milieus rund um den Maler und Rechtsberater Titorelli. Zumal Frauen vor Gericht \u201eeine gro\u00dfe Macht\u201c haben, wie K. erkennt. Nicht im Sinne von Gleichstellung oder gar einer feministischen Jurisprudenz, sondern ausschlie\u00dflich aus Gr\u00fcnden des erotischen Verlangens. Denn: \u201eEs geh\u00f6rt ja alles zum Gericht!\u201c<br \/>\nDamit verk\u00f6rpert das Gericht wom\u00f6glich die \u00f6ffentliche Meinung; beide sind obrigkeitsgl\u00e4ubig, leicht korrumpierbar und folgen einer bisweilen l\u00e4cherlichen Willk\u00fcr. Josef K. w\u00e4re dann in eine Maschinerie aus Schuldzuweisungen und Diffamierung geraten, die gar nicht darauf bedacht ist, ein reales Vergehen zu ahnden, sondern vielmehr \u2013 \u00e4hnlich der T\u00fcrh\u00fcter-Parabel \u2013 potentielle Abweichler von ihrem Ziel abzubringen. Wider besseres Wissen l\u00e4\u00dft sich Josef K. ein auf diesen Proze\u00df, versucht sogar, seine Rechtschaffenheit zu beweisen. Wird er aber nicht gerade dadurch zum Konformisten, zum T\u00e4ter f\u00fcr ein gutes Gewissen?<br \/>\nDie grundlegenden Fragestellungen, die \u201eDer Proze\u00df\u201c aufwirft, gelten m\u00f6glicherweise weniger einer politischen Ordnung, als der pers\u00f6nlichen Positionierung. Darf die Wahrheit verbogen, mithin instrumentalisiert werden, um einer vorgeblichen Notwendigkeit zu dienen? Vielmehr noch: Darf man gem\u00e4\u00df \u00f6ffentlich propagierter Normen etwas f\u00fcr notwendig halten, das nicht wahr ist?<br \/>\nAus heutiger Perspektive stellen sich Fragen wie: Hat sich der Rechtsstaat nicht zu einer Groteske deformiert, wenn allenthalben gegen \u201eRechts\u201c demonstriert wird, zugleich aber die linksextreme Gewalt l\u00e4ngst au\u00dfer Kontrolle geraten ist? Wenn Energieversorgung und Arbeitspl\u00e4tze eines Landes zugunsten einer Ideologie zerst\u00f6rt werden \u2013 wom\u00f6glich sogar unter Vort\u00e4uschung falscher Tatsachen? Wenn gar zum Verbot einer demokratisch gew\u00e4hlten Partei aufgerufen wird \u2013 zugunsten \u201eunserer\u201c Demokratie? Kafkas \u201eProze\u00df\u201c ist voller karikaturhaft-humoristischer und frivoler Szenen; er selbst soll beim Vorlesen seiner Werke oft lauthals gelacht haben. Karikaturhafte Szenen sind auch heute alle Tage zu erleben.<br \/>\n\u201eDer Proze\u00df\u201c macht noch etwas anderes deutlich: Das Verfahren \u2013 so grotesk es auch sein mag \u2013 st\u00f6\u00dft beim Angeklagten Josef K. eine Selbstbefragung an. Er durchforstet sein Inneres auf der Suche nach einem Fehlverhalten, einer Schuld. Ein zutiefst b\u00fcrgerliches Verhalten, das nicht zuletzt mit sozialen, im besten Sinne moralischen Werten wie Gerechtigkeits- und Verantwortungsgef\u00fchl zu tun hat. Werte, die man heute bei zahlreichen Vertretern staatlicher Institutionen, besonders aber der Politik schmerzlich vermi\u00dft. An diesem Punkt findet sich die Literatur von der Realit\u00e4t umzingelt.<br \/>\nBild:<br \/>\nZeichnung von Frank Kafka: \u201eDu, ich war einmal ein gro\u00dfer Zeichner, nur habe ich dann bei einer schlechten Malerin schulm\u00e4\u00dfiges Zeichnen zu lernen angefangen und mein ganzes Talent verdorben.\u201c (Aus einem Brief an seine erste Verlobte Felice Bauer)<\/p>\n<p><em>Franz Kafka: Der Process. Kommentierte Ausgabe,<\/em><br \/>\n<em>herausgegeben von Reiner Stach.<\/em><br \/>\n<em>Wallstein, G\u00f6ttingen 2024, gebunden, 397 Seiten, 34 Euro<\/em><\/p>\n<p>&#8230; Alles vom 31.5.2024 von Regina B\u00e4rthel bitte lesen in der JF 23\/24, Seite 16<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.junge-freiheit.de\">https:\/\/www.junge-freiheit.de<\/a><br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n<strong>(4) R\u00fcdiger Safranski beobachtet Franz Kafka beim Schreiben<\/strong><br \/>\n<strong>Z\u00f6gern vor der Geburt<\/strong><br \/>\nRegina B\u00e4rthel<br \/>\n&#8230; in Kafkas einhundertstem Todesjahr kommen weitere B\u00fccher, Filme und TV-Serien hinzu. Zu ihnen geh\u00f6rt auch eine Monographie des Literaturwissenschaftlers und Philosophen R\u00fcdiger Safranski: Unter dem Titel \u201eKafka. Um sein Leben schreiben\u201c hat der Autor zahlreicher Biographien \u2013 Safranski besch\u00e4ftigte sich bereits mit Goethe, Schiller, H\u00f6lderlin, Nietzsche, Schopenhauer, Hoffmann und Heidegger \u2013 sich nun auch Kafkas angenommen. Der Untertitel \u201eUm sein Leben schreiben\u201c ist dabei nicht nur ein bei Kafka selbst immer wieder auftauchendes Motiv, sondern wird auch zum Leitfaden f\u00fcr Safranski, der f\u00fcr diese Monographie vornehmlich Aussagen des Autors heranzieht.<br \/>\n&#8230;<br \/>\n\u201eDer Proze\u00df\u201c, jene Verhandlung innerhalb eines undurchschaubaren Systems von Anschuldigungen und b\u00fcrokratischer Willk\u00fcr, ist eines der tats\u00e4chlich die Zeiten \u00fcberdauernden Werke des Autors (siehe Seite 16 dieser Ausgabe). Nicht zuletzt ist der Begriff der kafkaesken Situation l\u00e4ngst in den allgemeinen Sprachschatz eingewandert \u2013 und weiterhin erlebbar.<br \/>\nKafkas fiktive Welten sind doppelb\u00f6dig, seine Hauptfiguren stets mit dem (Selbst-)Vorwurf der fehlenden Authentizit\u00e4t und eben jener unausgesprochenen, ja undefinierten Schuld behaftet. Der doppelte Boden in diesen Erz\u00e4hlungen und Romanen \u00fcberdeckt tiefe Gruben voller b\u00f6ser \u00dcberraschungen \u2013 und bewirkt meist einen unvermeidbaren Fall in die Ausl\u00f6schung. Ob diese Ausl\u00f6schungen tats\u00e4chlich immer negativ zu werten sind, steht jedoch auf einem anderen Blatt: Katastrophische und epiphanische Momente liegen bei Kafka stets eng beieinander, wie Safranski einleuchtend darstellt; sie bedingen einander oder sind sogar deckungsgleich, wie in der 1919 ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlung \u201eIn der Strafkolonie\u201c.<br \/>\nAuch in seinen stringenten Textinterpretationen bezieht sich Safranski vornehmlich auf den in zahlreichen Briefen und Tageb\u00fcchern erl\u00e4uterten Erfahrungshintergrund Kafkas. Dies zeigt sich bereits formal, indem Zitate aus den Originaltexten direkt in die Monographie einflie\u00dfen, gekennzeichnet lediglich dadurch, da\u00df sie kursiv gesetzt sind. Dies birgt die Gefahr einer Bruchstelle zwischen den Schreibstilen, die Safranski durch einen umsichtigen Sprachgebrauch \u2013 niemals \u00fcberbordend oder besserwisserisch \u2013 zu vermeiden versteht. Leider aber haben einige sprachliche wie inhaltliche Wiederholungen sowie orthographische und grammatische Fehler das Lektorat \u00fcberlebt.<br \/>\nNach eigener Aussage hatte Kafka keine \u201eVorstellung von Freiheit\u201c, damit fehle ihm auch eine Richtung zur Entwicklung seiner Pers\u00f6nlichkeit. Sein Wunsch nach einem normalen Leben, nach Familie und dem Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit scheiterte immer wieder an seiner \u201eWeltangst\u201c: Angst vor dem Versagen, vor dem Versto\u00dfen-Werden, vor einer undefinierbaren Schuld. Angesichts des \u00fcberm\u00e4chtigen Vaters sowie der prek\u00e4ren Stellung als deutscher Jude in Prag, somit als Angeh\u00f6riger gleich zweier Minderheiten, k\u00f6nnen diese \u00c4ngste kaum verwundern. Allerdings entwickelte Kafka aus ihnen die Notwendigkeit, in die Tiefen seines Inneren, letztlich des Unbewu\u00dften vorzudringen und genau daraus seine Literatur zu heben. Nur so konnte er der Selbstkritik entkommen.<br \/>\n&#8230; Alles vom 31.5.2024 von Regina B\u00e4rthel bitte lesen in der JF 23\/24, Seite 14<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.junge-freiheit.de\">https:\/\/www.junge-freiheit.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ist der Prager Dichter Franz Kafka (3.7. 1883 in Prag &#8211; 3.6.1924) in Kierling\/\u00d6sterreich gestorben. 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