{"id":120954,"date":"2024-02-21T13:34:15","date_gmt":"2024-02-21T12:34:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=120954"},"modified":"2024-02-21T14:34:57","modified_gmt":"2024-02-21T13:34:57","slug":"schwarzwaldbauern-offener-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/schwarzwaldbauern-offener-brief\/","title":{"rendered":"Schwarzwaldbauern: Offener Brief"},"content":{"rendered":"<p>Bei den <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/bauern-protest\/\">Bauern-Protesten<\/a> mit <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/\">Traktoren<\/a> wird immer argumentiert, dass die Pl\u00e4ne um die Steuererstattung f\u00fcr Agrardiesel das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht haben. Das <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/schwarzwaldbauern\/\">&#8222;Forum Pro Schwarzwaldbauern&#8220;<\/a> ist im beigef\u00fcgten <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/landwirtschaft\/\">offenen Brief<\/a> an die Verantwortlichen in EU, Bund und Land dem Fass auf den Grund gegangen. <!--more-->Denn wenn die Probleme nicht genannt werden, werden sie nicht gel\u00f6st. Gern darf der Brief an interessierte Leute weitergegeben werden.<br \/>\n19.2.2024, Siegfried J\u00e4ckle, spittelhof \u00e4t t-online.de , <a href=\"https:\/\/www.sforum.eu\">https:\/\/www.sforum.eu<\/a><br \/>\n:<br \/>\nOeffneR Brief als PDF lesen (130 KB):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/schwarzwaldbauern-Offener-Brief_19.02.2024.pdf\">schwarzwaldbauern-Offener Brief_19.02.2024<\/a><br \/>\n.<\/p>\n<p><strong>Offener Brief: Das Spiel mit den Bauern beenden<\/strong><br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\neigentlich waren die Proteste der Landwirte mit gro\u00dfen Traktoren ein Weckruf, dass die Agrarpolitik auch diejenigen nicht zufrieden macht, die ihren Regeln folgen. Betrachtet man die Plakate an den Traktoren, klagen sie \u00fcberwiegend, dass Ern\u00e4hrung und b\u00e4uerliche Arbeit keinen Wert mehr haben. Allerdings t\u00e4uschen die Traktorenparaden, dass Landwirte im herrschenden Wirtschaftssystem nur noch eine Minderheit sind, die untereinander Konkurrenten sind. Auf die Reaktion der Politik mit Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch Tierwohlpr\u00e4mie f\u00fcr Stallumbau f\u00e4llt uns nur das Zitat von Einstein ein:<br \/>\nProbleme kann man niemals mit derselben Denkweise l\u00f6sen, durch die sie entstanden sind. Die Pl\u00e4ne der Bundesregierung, die Steuererstattung f\u00fcr Agrardiesel abzuschaffen, haben das Fass der Unzufriedenheit der Landwirte zum \u00dcberlaufen gebracht. Wir halten es deshalb jetzt an der Zeit, den Ursachen dieser Unzufriedenheit auf den Grund zu gehen.<br \/>\n:<br \/>\nDie findet man am Boden des Fasses in den r\u00f6mischen Vertr\u00e4gen zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EWG von 1957. Nach denen soll die Produktivit\u00e4t der Landwirtschaft durch F\u00f6rderung des technischen Fortschritts gesteigert werden um die Versorgung der Bev\u00f6lkerung zu angemessenen Preisen sicherzustellen. Damit mit diesem widerspr\u00fcchlichen Ziel auch Landwirte eine angemessene Lebenshaltung erlangen, bleibt ihnen nur das Wachsen oder Weichen. Damit wurde der Strukturwandel programmiert. Mit der Globalisierung nach der Wiedervereinigung wurde 1992 auch die Stabilisierung des europ\u00e4ischen Agrarmarktes f\u00fcr den globalen Freihandel aufgegeben und durch Direktzahlungen ersetzt. Keine der folgenden Agrarreformen hat diese Zielsetzung in Frage gestellt, sondern mit immer neuen Regelungen f\u00fcr D\u00fcngung, Tierwohl etc. \u00fcberwuchert. Deren Triebkraft hat den Strukturwandel zur strukturellen<br \/>\nGewalt werden lassen.<br \/>\nDabei waren diese Folgen der Gemeinsamen Agrarpolitik fr\u00fch erkannt worden. 1968 erkl\u00e4rte der erste EWG-Agrarkommissar Sicco Mansholt bei seinem Besuch im Schwarzwald unverbl\u00fcmt, dass es hier 2000 keine Landwirtschaft mehr geben werde, weil sie in einem gemeinsamen Markt nicht wettbewerbsf\u00e4hig sei. Darauf setzte die Politik einen agrarpolitischen Spagat in Gang, der dieses Szenario durch Ausgleichs- und Pflegema\u00dfnahmen zur Offenhaltung der Landschaft abwenden sollte,<br \/>\naber Produktivit\u00e4t und Rationalisierung wurden weiter gef\u00f6rdert. So wurde aus der Agrarpolitik immer mehr ein Schachspiel, bei dem die Bauern als schw\u00e4chste Figuren ja zuerst geopfert werden. Die K\u00f6nigsfiguren sind die M\u00e4chte des Marktes. Als Spieler wechseln sich die EU-Kommission mit den Agrarministern der EU-L\u00e4nder und der Bundesl\u00e4nder ab.<br \/>\n.<br \/>\nWir fragen, nachdem durch Pandemie und Kriege die globalen Lieferketten unsicher geworden sind, warum die Politik sich um die nationale Produktion von Chips und Solarzellen k\u00fcmmert, aber weiter ebenes Land daf\u00fcr verbaut, \u00c4cker stilllegen und Gr\u00fcnland extensivieren will? Hat die Supermarktkultur Gesellschaft und Politik so von der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen entfremdet, dass sie glaubt, weniger Landwirtschaft und Nutztiere und mehr Wildnis mit Raubtieren w\u00fcrden Klima und<br \/>\nUmwelt sch\u00fctzen?<br \/>\nDiese Widerspr\u00fcche sind es, die Landwirte in immer mehr L\u00e4ndern auf die Stra\u00dfe treiben. Sie lassen sich nicht mit Kommissionen, Pl\u00e4nen oder Strategien beruhigen. Es geht um den Sinn der Landwirtschaft. Um einen Kulturwandel aus dem Zwang zu m endlosen Wachsen oder Weichen. Dazu unsere grunds\u00e4tzlichen Gedanken:<br \/>\n.<br \/>\n<strong>1. Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung als System denken.<\/strong><br \/>\nBis vor wenigen Jahrzehnten war die Landwirtschaft an der regionalen Versorgung orientiert. Erst die Mobilit\u00e4t durch billige fossile Energie hat die regionale Lebensmittelversorgung durch den globalen Markt abgel\u00f6st. Diese Supermarktkultur lockt ihre Kunden mit idyllischen Bildern von Bauernh\u00f6fen, die sie mit ihren Standards f\u00fcr billige Massenproduktion zerst\u00f6rt. Dieser Zweispalt zwischen Marketing und Anspr\u00fcchen an die Erzeuger sch\u00fcrt das Misstrauen der Verbraucher gegen die Landwirtschaft und nagt am b\u00e4uerlichen Selbstverst\u00e4ndnis.<br \/>\nBesonders betroffen von der pauschalen Debatte um Tierhaltung und weniger Fleisch zum Klimaschutz f\u00fchlt sich die Landwirtschaft in nicht mehr ackerw\u00fcrdigen Gebieten wie im Schwarzwald. Ignoriert diese Debatte doch, dass Gras fressende K\u00fche weder Nahrungskonkurrenten sind noch Klimakiller, sondern als Wiederk\u00e4uer Grasland f\u00fcr unsere Ern\u00e4hrung nutzbar machen, dass in seinem Humus CO2 speichert. Auch lenken diese Debatten davon ab, dass unser Supermarktsystem mehr Fremdenergie verbraucht als Energie in der Nahrung enthalten ist, also nicht nachhaltig ist. Ein wirklich nachhaltiges Ern\u00e4hrungssystem sollte nicht nur von der Landwirtschaft fordern, sondern muss vom Boden bis um Teller gedacht werden.<\/p>\n<p><strong>2. Die Agrarpolitik auf Ma\u00dfnahmen mit Sinn bereinigen.<\/strong><br \/>\nDie Unzufriedenheit in der Landwirtschaft ist so gro\u00df, weil sie in agrarpolitischen Ma\u00dfnahmen immer weniger Sinn erkennen kann, da sie voller Widerspr\u00fcche sind. So enthalten die Antr\u00e4ge f\u00fcr die Direktzahlungen inzwischen Dutzende Detailma\u00dfnahmen, die fast alle mit theoretischen Regelungen f\u00fcr den landwirtschaftlichen und \u00f6kologischen Zustand verbunden sind. Damit ist die Antragstellung ein Gesch\u00e4ftszweig f\u00fcr Beratungsb\u00fcros geworden und die Dokumentationen bleiben Papiertiger ohne Sinn. Dazu zwei einfache Beispiele aus der Praxis:<br \/>\nSo muss f\u00fcr die Weidepr\u00e4mie f\u00fcr Milchk\u00fche ein Weidetagebuch gef\u00fchrt werden, damit die<br \/>\nAdministration Weidetage und -stunden nachz\u00e4hlen kann. So verk\u00fcmmert die Weide als<br \/>\nnaturgem\u00e4\u00dfe Haltung- und F\u00fctterungsform mit dem Schutz des Wolfes zum Auslauf.<br \/>\nZu einem b\u00fcrokratischen Monster ist die D\u00fcngung aufgebl\u00e4ht aus Stoffstrombilanzen, D\u00fcngebedarfsberechnungen und Ausbringungsterminen- und techniken. Dadurch wird wegen der Stoff\u00fcbersch\u00fcsse in Problemgebieten die ganze Landwirtschaft in Sippenhaft genommen, nicht aber der Rationalisierungsdruck aufgehoben, der dazu f\u00fchrt.<br \/>\nBesonders \u00fcberzogen ist diese B\u00fcrokratie f\u00fcr das Gr\u00fcnland, dessen Wurzelwerk die Stoffe<br \/>\nfesth\u00e4lt, den die Tiere von diesem Futter liefern.<br \/>\nMit einem einfachen Hoftorvergleich auf einem Blatt ist das zu belegen. Zudem wird die geforderte Hypertechnik zur G\u00fclleausbringung wird vielen Gr\u00fcnlandh\u00f6fen im Bergland den Todessto\u00df geben, obwohl die \u00fcberwiegend \u00f6kologisch wirtschaften. Wir fragen, wo der praktische Sinn solcher Reglementierungen bleibt? Wie der administrative Digitalisierungsglaube sinnvolle Ma\u00dfnahmen verg\u00e4llt, erleben wir bei der F\u00f6rderung von bl\u00fctenreichem Gr\u00fcnland. Diese von Landwirtschafts- und Biologieexperten vor \u00fcber 20 Jahren entwickelte Ma\u00dfnahme honoriert die Bewirtschaftung, die diese Arten erh\u00e4lt.<br \/>\nNun will die Administration anstatt einer Liste der Arten, digitale Bilder. Die Bewirtschafter dieses bl\u00fctenreichen Gr\u00fcnlandes sind in der Regel aber nicht digitalaffin und f\u00fchlen sich von dieser sinnvollen F\u00f6rderung ausgeschlossen. Auch die Ausgleichzulage f\u00fcr Berg- und naturbenachteiligte Gebiete, als erste und logische<br \/>\nDirektzahlung, ver\u00e4ngstigt die Landwirte im Bergland jetzt mit laufenden Satellitenkontrollen. Es\u00a0 ist es dieses administrative Misstrauen hinter immer perfekteren Kontrollen, das dem Vertrauen der Landwirte den Sinn raubt.<br \/>\n.<br \/>\n<strong>3. Die Resilienz der b\u00e4uerlichen Lebensform erkennen.<\/strong><br \/>\nIn den Medien wie bei den Protesten werden die Begriffe Bauer und Landwirt, Familienbetrieb und Unternehmen synonym verwendet. Das ist Zeichen der Entfremdung von der b\u00e4uerlichen Landwirtschaft durch die industrielle Denkweise unserer Zeit. Doch die Industrie verarbeitet in geschlossenen R\u00e4umen Rohstoffe zu Waren, w\u00e4hrend Landwirtschaft im periodischen und nat\u00fcrlichen Wachstumsverlauf von Pflanzen und Tieren stattfindet und eine Multifunktion in der Landschaft aus\u00fcbt. Diese Unterschiede zu beachten, w\u00fcrde viele Missverst\u00e4ndnisse vermeiden. Die L\u00f6sung der Probleme der Landwirtschaft sollte am b\u00e4uerlichen Selbstverst\u00e4ndnis ansetzen.<br \/>\nDenn das gr\u00fcndet in der Versorgung, mit der viele Krisen \u00fcberwunden wurden und sie war eine unabh\u00e4ngige Kreislaufwirtschaft, von der Transformationsforscher wieder tr\u00e4umen. Damit vertreten wir nicht ein Zur\u00fcck in die Vergangenheit, aber dass Landwirtschaft ein \u00f6kosoziales Wirtschaften war, von dem wir lernen k\u00f6nnten. Zumal aus diesem b\u00e4uerlichen Kulturerbe auch viele industrielle Innovationen hervorgegangen sind, was heutige Vordenker Reallabore f\u00fcr zukunftsf\u00e4hige Entwicklungen nennen.<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, die Unzufriedenheit der Landwirte ist eine Sinnkrise. <em><strong>Die Ursache liegt in der \u00dcbernahme industrieller Denkweisen, die das multifunktionale System Landwirtschaft nicht erfassen k\u00f6nnen.<\/strong> <\/em>Systemdenker lehren, dass der wirksamste Hebel f\u00fcr Ver\u00e4nderungen der Wechsel der Paradigmen ist. Zum Wechsel der Paradigmen k\u00f6nnte die Nutzung der Reste des b\u00e4uerlichen Erfahrungswissens und die Impulse kritischer wissenschaftlicher Denker*innen helfen, einen agrar\u00f6kologischen Weg zu weisen, wie ihn der Weltagrarbericht vor 15 Jahren vorgeschlagen hat.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nVorst\u00e4nde Reimund Kuner, Erika Obergfell, Siegfried J\u00e4ckle<br \/>\n19.2.2024, Siegfried J\u00e4ckle<br \/>\nForum pro Schwarzwaldbauern e.V.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sforum.eu\">https:\/\/www.sforum.eu<\/a><\/p>\n<p>Oeffnen Brief als PDF lesen (130 KB):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/schwarzwaldbauern-Offener-Brief_19.02.2024.pdf\">schwarzwaldbauern-Offener Brief_19.02.2024<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den Bauern-Protesten mit Traktoren wird immer argumentiert, dass die Pl\u00e4ne um die Steuererstattung f\u00fcr Agrardiesel das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht haben. 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