{"id":141467,"date":"2025-11-13T20:34:08","date_gmt":"2025-11-13T19:34:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?page_id=141467"},"modified":"2026-04-26T10:25:14","modified_gmt":"2026-04-26T08:25:14","slug":"moralpolitik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/moralpolitik\/","title":{"rendered":"Moralpolitik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/freiburg-schwarzwald.de\/blog\">Home<\/a>\u00a0&gt;<a title=\"Engagement\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/\">Engagement<\/a>\u00a0&gt;<a title=\"Zukunft\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/\">Zukunft<\/a>\u00a0&gt;<a title=\"Demokratie\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/\">Demokratie<\/a>\u00a0&gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/\">Politik<\/a> &gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/politik-infantil\/\">Politik-infantil<\/a> &gt;Moralpolitik<\/p>\n<div id=\"attachment_141245\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/esskastanie-herbst-pan251031.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-141245\" class=\"size-full wp-image-141245\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/esskastanie-herbst-pan251031.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/esskastanie-herbst-pan251031.jpg 640w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/esskastanie-herbst-pan251031-180x105.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-141245\" class=\"wp-caption-text\">Herbstabend am 31.10.2025: Der Esskastanienbaum hat kaum noch Bl\u00e4tter<\/p><\/div>\n<ul>\n<li><em>Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): <span style=\"text-decoration: underline;\">Klicken<\/span> oder scrollen<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/angstpolitik\/\">Boehme-Ne\u00dfler: Angstpolitik \u2013 \u201eDas endet in Unfreiheit\u201c<\/a> (24.4.2026)<\/li>\n<li>Suicidal Empathy: Wenn Empathie zur Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchrt (12.1.2026)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/kunst\/\">Moralgebaren statt Aufarbeitung: R\u00fchmann verliert SPIO Ehrenmedaille<\/a>\u00a0(21.11.2025)<\/li>\n<li>Volker Boehme-Ne\u00dfler: Buchauszug &#8222;Angstpolitik&#8220; (13.11.2025)<\/li>\n<li>Thorsten Hinz: Der Preis der Moralpolitik (7.11.2025)<\/li>\n<li><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/angstpolitik\/\">Angstpolitik<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/moral2015\/moralismus\/\">Moralismus<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politikwende\/\">Politikwende<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/selbsthilfe\/soziales\/sozialpolitik\/\">Sozialpolitik<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Suicidal Empathy: Wenn Empathie zur Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchrt<\/strong><br \/>\n<strong>&#8222;Empathie f\u00fcr Asylsuchende wird absolut gesetzt&#8220;<\/strong><br \/>\n.<br \/>\nDer Begriff \u201esuicidal empathy\u201c beschreibt eine moralische \u00dcbersteuerung westlicher Politik: Empathie wird zum absoluten Ma\u00dfstab erhoben und verdr\u00e4ngt Urteilskraft, Grenzziehung und langfristige Verantwortung \u2013 mit fatalen Folgen f\u00fcr Gesellschaft und Institutionen.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nDer kanadische Psychologe Gad Saad beschreibt mit dem Begriff \u201esuicidal empathy\u201c ein zentrales Problem westlicher Politik: ein performatives Mitgef\u00fchl, das die systematische Aufl\u00f6sung der eigenen Gesellschaft als moralisch geboten erscheinen l\u00e4sst.<br \/>\nBilder einzelner Opfer ziehen st\u00e4rker als Statistiken. In der Fachliteratur ist dieser Mechanismus als \u201eIdentifiable Victim Effect\u201c bekannt. Er erkl\u00e4rt, warum dramatische Einzelschicksale politische Entscheidungen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend tausend anonyme F\u00e4lle folgenlos bleiben. Denn Empathie verteilt sich nicht nach Dringlichkeit oder Schadensausma\u00df, sondern nach Sichtbarkeit und emotionaler N\u00e4he. Genau darin liegt ihre politische Gef\u00e4hrlichkeit: Sie ist leicht mobilisierbar, medial steuerbar und systematisch blind f\u00fcr langfristige Folgen.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nIndem westliche Gesellschaften Empathie von einer Tugend zu einem absoluten Ma\u00dfstab erheben, machen sie sich strategisch, politisch und moralisch erpressbar. Empathie dominiert zunehmend Entscheidungen, die eigentlich n\u00fcchterne Analyse erfordern. Begriffe wie \u201eHumanit\u00e4t\u201c, \u201eSolidarit\u00e4t\u201c oder \u201eHaltung zeigen\u201c fungieren seit langem als moralische Platzhalter, die Kosten, Nebenfolgen und Zielkonflikte politischer Entscheidungen verdecken. Empathie erscheint hier nicht mehr als Mitgef\u00fchl, sondern als \u00f6ffentliche Gef\u00fchlsperformanz, die affektive Anteilnahme und emotionale Intensit\u00e4t mit moralischem Urteil verwechselt. <em><strong>Empathie f\u00fcr Asylsuchende wird absolut gesetzt<\/strong><\/em>; Fragen nach sozialem Zusammenhalt, Kriminalit\u00e4t, fiskalischen Kosten oder kultureller Integration gelten hingegen als suspekt. Damit ger\u00e4t auch der Sozialstaat unter Druck, dessen Funktionsf\u00e4higkeit auf Gegenseitigkeit, Leistungsakzeptanz und klaren Anspruchsgrenzen beruht.<br \/>\n.<br \/>\nLieber polemisch als scheinheilig<br \/>\nBesonders sichtbar ist \u201esuicidal empathy\u201c dort, wo eigentlich Distanz, N\u00fcchternheit und das Streben nach Objektivit\u00e4t herrschen sollten: an den Universit\u00e4ten. Saad beschreibt sie als institutionalisierte R\u00e4ume moralischer Signalpolitik, in denen emotionale Bekundung systematisch Vorrang vor Evidenz erh\u00e4lt.<br \/>\n&#8230; Alles vom 12.1.2026 von Shantanu Patni bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/contra-suicidal-empathy-wenn-empathie-zur-selbstzerstorung-fuhrt\">https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/contra-suicidal-empathy-wenn-empathie-zur-selbstzerstorung-fuhrt<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Volker Boehme-Ne\u00dfler: Buchauszug &#8222;Angstpolitik&#8220;<\/strong><br \/>\nSeit einigen Jahren werden politische Forderungen nicht mehr (nur) politisch, sondern moralisch begr\u00fcndet. Vor allem die Debatte um den Klimaschutz bietet viele Beispiele daf\u00fcr. Das gilt etwa f\u00fcr die immer wieder aufflammende Diskussion \u00fcber SUVs und Verbrennerautos allgemein. Mit moralisch unterf\u00fctterter Emp\u00f6rung werden die Fahrer solcher Autos kritisiert, oft geradezu gegei\u00dfelt. Umgekehrt emp\u00f6ren sich die kritisierten Autofahrer. Sie f\u00fchlen sich in ihrer Freiheit eingeschr\u00e4nkt \u2013 und moralisch genauso im Recht wie ihre Kritiker. \u00c4hnlich verlaufen die Diskussionen \u00fcber Kurzstreckenfl\u00fcge oder den Konsum von Fleisch. Wer genau hinschaut, findet in immer mehr Debatten moralische Argumente, die den Sachargumenten entgegengestellt werden. Das ist ein Ph\u00e4nomen, das weltweit zu beobachten ist.<br \/>\nIn den \u00f6ffentlichen Debatten der Coronazeit ging es viel zu oft um Moral. Der Meinungs-Mainstream postulierte eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen (\u201eWir sch\u00fctzen uns und andere\u201c). Das erleichterte die brutalen Ausgrenzungen derjenigen, die sich widersetzten. Denn Moral liefert immer die st\u00e4rkeren Argumente. In einer moralisch unterf\u00fctterten Politik geht es nicht um vern\u00fcnftig oder unvern\u00fcnftig, mehrheitlich gewollt oder nicht. Es geht um gut oder b\u00f6se, wahr oder falsch. Das verleiht Argumenten eine ganz andere Durchschlagskraft.<\/p>\n<p>Moralisierung als R\u00fcckfall<br \/>\nDie moralische Einf\u00e4rbung \u00f6ffentlicher Diskussionen ist kein Fortschritt. Sie ist im Gegenteil ein trauriger zivilisatorischer R\u00fcckschritt. In archaischen Gesellschaften, in fr\u00fchen und vormodernen Staaten waren Recht, Moral und Sitte alles eins. Moralische Normen waren Recht und wurden vom Staat mit Macht durchgesetzt. Sp\u00e4testens mit der Aufkl\u00e4rung begann die Unterscheidung von Recht und Moral. Der Staat sollte f\u00fcr das Recht zust\u00e4ndig sein. Moral und Sitte \u2013 das war dagegen die Dom\u00e4ne von Gesellschaft und Kirche. Ganz so eindeutig ist die Lage allerdings immer noch nicht. Bis heute gibt es staatliche Rechtsnormen, die stark moralisch gepr\u00e4gt sind \u2013 etwa die Menschenrechte, das Abtreibungsverbot oder das T\u00f6tungsverbot im Strafrecht.<br \/>\nTrotzdem ist die grunds\u00e4tzliche Trennung von Staat und Moral in den modernen Gesellschaften ein gro\u00dfer Gewinn an Freiheit f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Denn staatliches Recht will nur das \u00e4u\u00dfere Verhalten beeinflussen. Die Gedanken und Gef\u00fchle sind weiterhin frei. Moral dagegen zielt auf die inneren Einstellungen und Gesinnungen. Sie will Gedanken und Gef\u00fchle in den Griff nehmen. Das ist \u2013 jedenfalls potenziell \u2013 totalit\u00e4r. Vor diesem Hintergrund wird klar: Zu viel Moral in der Debatte und der Politik bedroht die Freiheit.<\/p>\n<p>Moral: Alles ist einfach<br \/>\nF\u00fcr die zunehmende Moralisierung der \u00f6ffentlichen Diskussion gibt es Gr\u00fcnde. Mit moralischen Argumenten kann man sich in einer komplexen Welt scheinbar leicht zurechtfinden. Wer \u2013 dank der Moral \u2013 immer genau wei\u00df, was richtig und falsch ist, hat f\u00fcr jedes Problem schnell die richtige L\u00f6sung. Das ist psychisch und emotional ungeheuer entlastend. Eine m\u00fchsame Auseinandersetzung mit schwierigen Argumenten, die wom\u00f6glich nicht ganz eindeutig sind? Das ist nicht mehr n\u00f6tig, wenn man nur die richtige Moral hat. Und nat\u00fcrlich ist Moral als Argument sehr effektiv, wenn man Interessen politisch durchsetzen will. Wer moralisch auf der richtigen Seite steht, muss mit weniger Widerstand rechnen, und Zustimmung sowie Unterst\u00fctzung sind ihm sicher. Es kann ein sehr wirkungsvoller, aber perfider rhetorischer Trick sein, moralische Argumente ins Spiel zu bringen. Kein Wunder, dass populistische Politiker jeglicher Couleur am liebsten moralisch argumentieren. Durch scheinbar eindeutige moralische Urteile lassen sich leicht und wirksam W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler gewinnen.<\/p>\n<p>Scham: Moral und Emotionen<br \/>\nWenn Moral ins Spiel kommt, wird es schnell emotional. Denn es geht dann ja um richtig oder falsch, um Gut oder B\u00f6se, um Freund oder Feind, also um die ganz gro\u00dfen, sogar existenziellen Fragen. Wer sich moralisch \u2013 angeblich \u2013 falsch verh\u00e4lt, muss sich sch\u00e4men. Mit seinem Verhalten sch\u00e4digt er ja seine Mitmenschen, die Gesellschaft oder das Klima. Wer sich nicht sch\u00e4mt, wird von anderen darauf hingewiesen, dass er sich gef\u00e4lligst zu sch\u00e4men h\u00e4tte. So hat man w\u00e4hrend der Coronakrise kritische und skeptische B\u00fcrger enorm unter Druck gesetzt. Scham ist eines der h\u00e4sslichsten und unangenehmsten Gef\u00fchle, das Menschen kennen. Und ausgerechnet dieses Gef\u00fchl wird als Instrument in einer politischen Debatte eingesetzt? Das gibt der Auseinandersetzung eine ganz neue, negative Qualit\u00e4t.<br \/>\nNat\u00fcrlich war das Coronavirus eine Herausforderung f\u00fcr die ganze Gesellschaft. Umso mehr h\u00e4tte es sachliche, zielf\u00fchrende Debatten und vern\u00fcnftige, durchdachte Strategien und Instrumente gebraucht. W\u00e4hrend der Pandemie hat man gesehen: Scham und Angst und andere negative Gef\u00fchle helfen \u00fcberhaupt nicht weiter. Trotzdem hat man auf sie gesetzt. Hier liegt einer der Gr\u00fcnde, warum die Coronapolitik nicht nur ineffektiv, sondern h\u00f6chst sch\u00e4dlich war.<\/p>\n<p>Moral ist undemokratisch<br \/>\nAber ist Moral nicht etwas Gutes? Tr\u00e4gt moralisches Handeln nicht zu einer besseren Welt bei? W\u00e4re eine Welt ohne Moral nicht furchtbar? Das mag im privaten Bereich oft so sein. Aber ob das immer so ist? Dar\u00fcber lie\u00dfe sich sicher streiten. In der \u00f6ffentlichen Debatte sind moralisch aufgeladene Argumente sch\u00e4dlich. Langfristig gef\u00e4hrden sie sogar die Demokratie. Warum ist das so?<br \/>\nDas Gef\u00fchl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, f\u00f6rdert die Intoleranz und \u2013 im schlimmsten Fall \u2013 die Aggressivit\u00e4t. Andere Ansichten, die von der eigenen Meinung abweichen, widersprechen automatisch der \u201erichtigen\u201c Moral, die man f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Damit sind sie nicht nur anders, sondern unmoralisch \u2013 und d\u00fcrfen und m\u00fcssen bek\u00e4mpft werden. Tolerieren ist keine Option mehr. Die Diskussion ist zu Ende. Der Kampf beginnt. Und das ist zutiefst undemokratisch. Denn Kompromisse zu suchen und zu schlie\u00dfen, ist die hohe Kunst der Demokratie. Ohne Kompromisse lassen sich in einer modernen, freiheitlichen Gesellschaft keine Probleml\u00f6sungen finden, mit denen sich m\u00f6glichst viele B\u00fcrger identifizieren k\u00f6nnen. Anders als ein moralisch gef\u00e4rbter Kampf kennen Kompromisse keine Sieger und Besiegten. Deshalb k\u00f6nnen die unterschiedlichsten Konfliktparteien nach einem Kompromiss weiter friedlich zusammenleben.<br \/>\nAus der Perspektive der Moral sind Kompromisse unzul\u00e4ssig. Wer moralisch auf der richtigen Seite steht, darf gar nicht nachgeben und einen Kompromiss schlie\u00dfen. Wer die moralische Pflicht erf\u00fcllt, das Klima zu retten, kann keine Kompromisse machen. Denn dann w\u00fcrden die Moralischen ja auf die Unmoralischen zugehen. Aus dieser Sicht ist der Kompromiss unmoralisch. \u201eDie Natur macht keine Kompromisse\u201c ist ein viel zitiertes Schlagwort in der Klimadebatte. Das ist ein ungeschminkter Ausdruck dieses zutiefst undemokratischen Denkens. Moralische Argumente sind oft leidenschaftlich, sprechen tiefe Emotionen an und rei\u00dfen mit. Demokratie ist n\u00fcchtern und vern\u00fcnftig, um nicht zu sagen: langweilig. Ihr Unterhaltungswert ist in der Regel eher gering. Gerade deshalb ist sie das \u00fcberlegenere politische Konzept.<\/p>\n<p>Angstmacher: Moral und Scham<br \/>\nDie \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Corona wurde sehr fr\u00fch moralisch aufgeladen. In einer modernen Demokratie w\u00e4re etwas anderes angemessen gewesen. N\u00e4mlich eine n\u00fcchterne Analyse der vorhandenen Fakten aus allen relevanten Bereichen \u2013 nicht nur Virologie, sondern auch Epidemiologie, Medizin, Kinderheilkunde, Psychologie, Soziologie, \u00d6konomie, um nur einige zu nennen. Darauf basierend h\u00e4tten gut \u00fcberlegte, abgewogene und rationale politische Entscheidungen getroffen werden m\u00fcssen. Trotz der demonstrativen Devise \u201eFollow the Science\u201c war davon aber wenig zu sehen. Sehr fr\u00fch ging es darum, bei den B\u00fcrgern Schuldgef\u00fchle und Scham hervorzurufen. Auch das findet sich im bereits erw\u00e4hnten Angstpapier des Innenministeriums. Dessen Autoren besch\u00e4ftigen sich ausf\u00fchrlich mit den Schuldgef\u00fchlen, die Kinder haben werden, wenn sie ihre Eltern mit dem Coronavirus anstecken. In einer Parlamentsrede im September 2020 griff die damalige Bundeskanzlerin diesen Gedanken auf: \u201eWenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschlie\u00dfend das letzte Weihnachten mit den Gro\u00dfeltern war, dann werden wir etwas vers\u00e4umt haben. Das sollten wir nicht tun.\u201c Ein bemerkenswert plumper Versuch, Menschen durch Schuldgef\u00fchle unter Druck zu setzen. Aber diese Angstpolitik hat funktioniert.<br \/>\nDass Debatten in einer Krisensituation auch emotional gef\u00fchrt werden, ist normal. Der Mensch ist ein hochemotionales Wesen. Und Gef\u00fchle sind wichtig. Sie steuern das Verhalten und k\u00f6nnen ungeahnte Energien freisetzen. Ohne Gef\u00fchle lassen sich Herausforderungen kaum bew\u00e4ltigen. Das Problem in den Coronadebatten war aber von Anfang an, dass die Politik immer nur ein einziges Gef\u00fchl stimulierte: Angst. Gute Politik h\u00e4tte auch andere Emotionen geweckt wie Mut, Zuversicht, Optimismus. Genau das zeichnet wirklich herausragende Politiker in schwierigen, krisenhaften Situationen aus. Die Geschichte kennt daf\u00fcr eindrucksvolle Beispiele.<br \/>\n&#8230; Alles vom 13.11.2025 von Volker Boehme-Ne\u00dfler bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.achgut.com\/artikel\/angst_politik\">https:\/\/www.achgut.com\/artikel\/angst_politik<\/a><\/p>\n<p><em>Dies ist ein Auszug aus dem Buch<\/em><br \/>\n<em>Volker Boehme-Ne\u00dfler: \u201eAngstpolitik. Das Grundgesetz in der Krise<\/em><br \/>\n<em>\u2013 Von den Schrecken der Pandemie zur Vers\u00f6hnung der Gesellschaft\u201c, <\/em><br \/>\n<em>2025, M\u00fcnchen: Europa Verlag, circa 160 Seiten, 24,00 Euro.<br \/>\n<\/em>.<br \/>\n.<br \/>\n.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Thorsten Hinz: Der Preis der Moralpolitik<\/strong><br \/>\n<em>Gaza-Krieg und deutsche Staatsr\u00e4son: Der importierte Antisemitismus f\u00fchrt zu einem inneren Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust<\/em><br \/>\nThorsten Hinz<\/p>\n<p>Seit dem Gaza-Krieg, der auf den Terror-Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 folgte, wird beklagt, da\u00df die Beteuerung, Israels Sicherheit sei Teil der deutschen Staatsr\u00e4son, sich als hohle Phrase erwiesen h\u00e4tte. Das trifft zu und ist auch gut so! Alles andere h\u00e4tte bedeutet, sich mit der Kriegsf\u00fchrung, welche die Netanjahu-Regierung zur Durchsetzung ihrer Sicherheitsvorstellungen f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt, zu identifizieren, ohne irgendeinen Einflu\u00df auf sie zu haben. Deutschland h\u00e4tte sich direkt in Mithaftung begeben. Die Bilder aus Gaza-Stadt erinnern an das bombenzerst\u00f6rte Rotterdam, an Hamburg, Dresden, Pforzheim, an das von Sprengkommandos zerst\u00f6rte Warschau. Gewi\u00df, das Verh\u00e4ltnis zu Israel ist ein besonderes, ein Krieg ist kein Sandkastenspiel, und wer Wind s\u00e4t, wird Sturm ernten, der Schuldige wie Unschuldige erfa\u00dft. Doch l\u00e4\u00dft das Gaza-Elend sich in kein noch so extensives Verst\u00e4ndnis vom deutschen Staatsinteresse integrieren.<\/p>\n<p>Kanzler Merz r\u00e4umte bei Miosga denn auch ein: \u201eStaatsr\u00e4son hat man in der Regel f\u00fcr das eigene Land und nicht f\u00fcr andere.\u201c Diese Feststellung ist so banal, da\u00df die Frage sich aufdr\u00e4ngt, wie sie jemals in Vergessenheit geraten konnte. Zu den Verge\u00dflichen geh\u00f6rte auch Merz, der noch im Januar mit Blick auf Israel bekundet hatte: \u201eDer Begriff \u2018Staatsr\u00e4son\u2019 wird sich wieder an Taten und nicht nur an Worten messen.\u201c Und im Bundestag am 24. Juni: \u201eUnsere Staatsr\u00e4son ist die Verteidigung des Staates Israel in seiner Existenz.\u201c Um so \u00fcberraschender war der Stopp deutscher Waffenlieferungen, den der Kanzler im August wegen der Ausweitung und Eskalation der Gaza-Offensive durch die israelische Regierung verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Egal, ob man die Entscheidung f\u00fcr richtig oder falsch h\u00e4lt, ihre Begr\u00fcndung war ern\u00fcchternd, peinlich und verr\u00e4terisch. In einem Schreiben an die Parteif\u00fchrung erkl\u00e4rte Merz: \u201eDiese Eskalation tr\u00e4gt auch zur Versch\u00e4rfung gesellschaftlicher Konflikte in Deutschland und Europa bei, die wir auch im Sinne unserer Verpflichtung gegen\u00fcber dem Staat Israel vermeiden m\u00fcssen.\u201c Der Satz besagt, da\u00df hinter der Pr\u00e4zisierung der Staatsr\u00e4son keine Rehabilitierung der au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Souver\u00e4nit\u00e4t Deutschlands steht, sondern die Angst davor, da\u00df die Proteste propal\u00e4stinensischer Gruppen in Deutschland au\u00dfer Kontrolle geraten und die islamistischen Anschl\u00e4ge eine neue Qualit\u00e4t bekommen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Parallelgesellschaft, aus der die Gefahr erw\u00e4chst, ist zu einem politischen Faktor geworden und wird wegen ihrer w\u00f6rtlich zu nehmenden Schlagkraft respektiert und gef\u00fcrchtet. Der deutsche Staat erlebt durch sie einen schleichenden Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust von innen. Den hat Merz mit seiner Entscheidung best\u00e4tigt und sich ihm gebeugt. Das macht seine Wiederentdeckung der Staatsr\u00e4son doppelt absurd.<\/p>\n<p>Der innere Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust betrifft unmittelbar die Juden in Deutschland. Verbale und k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe h\u00e4ufen sich. Die Polizei gibt ihnen zu verstehen, sich nicht durch Kleidung, Accessoires oder Sprache in der \u00d6ffentlichkeit kenntlich zu machen und sich in bestimmten Gegenden lieber gar nicht erst blicken zu lassen. J\u00fcdische Restaurants werden regelrecht terrorisiert. In Berlin-Neuk\u00f6lln wurden \u201eMake Zionists afraid\u201c- Steckbriefe ausgeh\u00e4ngt. \u201eDas sind Hamas-Unterst\u00fctzer\u201c, sind die Betreiber des Lokals \u201eBajszel\u201c sich sicher und kritisieren, da\u00df die Attacken f\u00fcr die T\u00e4ter selbst dann folgenlos bleiben, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden. Die Beh\u00f6rden, die jedem halluzinierten Hitlergru\u00df mit vermeintlich rechtem Hintergrund exzessiv nachgehen, verhalten sich gegen\u00fcber den \u201eFrom the River to the Sea\u201c-Rufern \u00e4u\u00dferst kulant.<\/p>\n<p>Der Grund der Ungleichbehandlung liegt auf der Hand. \u201eDie Kosten der Rechtsdurchsetzung sind bei unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen unterschiedlich hoch. Unter dem Grundsatz der Gleichberechtigung sind aber die Mittel, die der Staat einsetzen darf, gegen\u00fcber allen dieselben. Auch unter den besten Umst\u00e4nden hat daher jeder Rechtsstaat einen Hang zur Anarchotyrannei: Man wird immer finden, da\u00df die Justiz harmlose B\u00fcrger mit Schwachsinn schikaniert, w\u00e4hrend asoziale Elemente dem Staat auf der Nase herumtanzen\u201c, schreibt der Publizist Johannes Konstantin Poensgen in der Zeitschrift Sezession. In einer multikulturellen und -religi\u00f6sen Einwanderungsgesellschaft ist das Kostengef\u00e4lle besonders hoch. Schlichter ausgedr\u00fcckt: Dem Staat, seinen Beamten und Angestellten sitzt die Angst im Nacken, mit der Durchsetzung geltenden Rechts gewaltt\u00e4tige Gegenreaktionen auf sich zu ziehen. Die neue Qualit\u00e4t besteht darin, da\u00df Angriffe auf Juden, die sich nicht als NS-Nachfolge-Delikte rubrizieren lassen, als Kollateralsch\u00e4den akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Die Entwicklung ist in fast allen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern \u00e4hnlich, in Frankreich sieht es sogar noch schlimmer aus. Das Spezielle in Deutschland besteht darin, da\u00df hier der Einsatz gegen Antisemitismus und Judenfeindschaft neben der rechtlichen staatlicherseits auch als eine zivilreligi\u00f6se Angelegenheit betrachtet worden ist. Das \u201eNie wieder\u201c wurde als Identit\u00e4tskern des vereinten Deutschland implemetiert, was die Loyalit\u00e4t zum Staat Israel einschlo\u00df. Die Einweihung des Holocaust-Mahnmals 2005 und des J\u00fcdischen Museums 2001 wurden als staats- und gesellschaftspolitische Gro\u00dfereignisse zelebriert. In der Tageszeitung Die Welt war damals zu lesen: \u201eDie G\u00e4steliste f\u00fcr die feierliche Er\u00f6ffnung des J\u00fcdischen Museums in Berlin wurde in so manchem deutschen Haushalt dieser Tage studiert wie fr\u00fcher ein Hofzirkular aus Buckingham Palace oder die Einladungsliste zum ber\u00fchmten Ball der Lady Astor in New York: Wer darauf stand, geh\u00f6rte zur \u2018Gesellschaft\u2019, zu jener erlauchten Schicht, die keine Kameras und Schlagzeilen braucht, um sich ihrer Bedeutung bewu\u00dft zu sein.\u201c Eine nationale Elite, die sich um ein Gro\u00dfverbrechen und das nationale Schuldtrauma herum konstituiert, ist auch in soziologischer Hinsicht ein sehr spezielles Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die aktuellen judenfeindlichen \u00dcbergriffe findet die einst so hyperaktive, zivilreligi\u00f6s motivierte Zivilgesellschaft keine Worte. Im Jahr 2000 hatte sie anl\u00e4\u00dflich eines Brandanschlags auf die D\u00fcsseldorfer Synagoge einen \u201eAufstand der Anst\u00e4ndigen\u201c vom Zaun gebrochen, und selbst die Tatsache, da\u00df sich als T\u00e4ter keine Neonazis, sondern arabischst\u00e4mmige T\u00e4ter herausstellten, tat ihrem Protest-, Wut- und Trauerfuror keinen Abbruch. Als 2021 der S\u00e4nger Gil Ofarim, ein frustrierter C-Promi, der sich an der Rezeption eines Leipziger Hotels nicht ausreichend gew\u00fcrdigt f\u00fchlte, mit der durchschaubaren L\u00fcge hausieren ging, man h\u00e4tte ihn antisemitisch beleidigt, begab der gesamte Medien-, Politik- und Protestbetrieb sich ebenfalls auf die Barrikaden. Die Hysterie steigerte sich nochmals nach den L\u00fcgengeschichten \u00fcber die angebliche \u201eWannseekonferenz 2.0\u201c im November 2023 in Potsdam. Das \u201eNie wieder\u201c wurde zum \u201eNie wieder ist jetzt\u201c hochgejazzt.<\/p>\n<p>Doch jetzt, wo es konkret wird, geschieht \u2013 nichts. Kaum einer von denen, die sonst ganz nach vorn an die Bekenntnisfront dr\u00e4ngen, mag sein Gesicht zeigen. Die Schauspielerin Uschi Glas beklagte in der Bild-Zeitung die fehlende Solidarit\u00e4t aus der Kunst- und Kulturszene. Spreche sie Kolleginnen und Kollegen aus der Theater- oder Filmwelt an und bitte um Unterst\u00fctzung, h\u00f6re sie Ausreden: \u201eDu, ich bin neutral.\u201c Oder: \u201eDu, dann kriege ich vielleicht keinen Job mehr.\u201c Die Pflege der Zivilreligion hat statt zivilcouragierten, urteilsf\u00e4higen B\u00fcrgern \u00e4ngstliche, affektgesteuerte Opportunisten hervorgebracht, die allenfalls zu Ersatzhandlungen \u2013 beispielhaft die Ikonisierung der k\u00fcrzlich hundertj\u00e4hrig verstorbenen Holocaust-\u00dcberlebenden Margot Friedl\u00e4nder \u2013 bef\u00e4higt sind.<\/p>\n<p>Der aktuelle Judenha\u00df in Deutschland \u2013 der deutlich zu unterscheiden ist von Kritik an der israelischen Regierung \u2013 ist gr\u00f6\u00dftenteils importiert. Der Import geschah zu einer Zeit, in der ein ge\u00e4u\u00dferter Zweifel an der proisraelischen \u201eStaatsr\u00e4son\u201c die Gefahr der gesellschaftlichen Exklusion und sozialen Vernichtung in sich barg. Merkels unsinnige Erkl\u00e4rung 2008 vor der Knesseth und die Grenz\u00f6ffnung 2015 lassen sich nicht auf einsame Fehlleistungen der Ex-Kanzlerin reduzieren. Es waren Wegmarken einer Entwicklung in einem nationalen und internationalen Kontext.<\/p>\n<p>2005 verlangte der damalige Pr\u00e4sident des J\u00fcdischen Weltkongresses, Israel Singer, die Transformation Europas in einen multikulturellen und multireligi\u00f6sen Kontinent. Deutschland m\u00fcsse in diesem Proze\u00df vorangehen. Es sei das b\u00f6se Spiel von Extremisten, Juden und Muslime gegeneinander auszuspielen, und ihre Behauptung, die Politik Israels schaffe einen \u201eneuen Antisemitismus\u201c unter den Einwanderern, sei eine \u201eWunschphantasie\u201c. Er forderte: \u201eMacht aus Einwanderern gute Staatsb\u00fcrger! Integriert die Muslime, so wie die Juden integriert wurden.\u201c Singer propagierte eine moraluniversalistische, liberale Weltsicht, die zudem darauf baute, das System des Freihandels problemlos auf Menschen und Kulturen \u00fcbertragen zu k\u00f6nnen. Das erinnert an die Suggestion bunter Werbeprospekte, \u00fcber den gleichgearteten Massenkonsum eine grenzenlose Verbrauchergemeinschaft und schlie\u00dflich eine kultur- und v\u00f6lker\u00fcbergreifende Br\u00fcderlichkeit zu erschaffen. F\u00fcr Singer wird die Erfahrung eine Rolle gespielt haben, da\u00df der Holocaust von einem monokulturellen europ\u00e4ischen Nationalstaat ausgegangen war. Ein ethnisch-kulturell durchmischtes Gemeinwesen, in dem keine Gruppe mehr eindeutig dominierte und das innere Gleichgewicht permanent neu austariert werden mu\u00df, mochte bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung als vern\u00fcnftige Alternative erscheinen. Das war, wie sich herausgestellt hat, die reine Hybris. Die demographischen Verh\u00e4ltnisse haben sich deutlich verschoben, doch kein neues Gleichgewicht stellt sich her, sondern das gesamte Normengef\u00fcge ist ins Rutschen geraten.<br \/>\nDie Deutschen in ihrer gebrochenen Identit\u00e4t verstanden die Vision als moralischen Auftrag. J\u00fcdische Funktion\u00e4re und Vertreter r\u00fcckten in K\u00fcnder- und Instanzpositionen ein, in die Rolle von Praeceptores Germaniae, die sie intellektuell wie moralisch \u00fcberfordern und korrumpieren mu\u00dfte. \u00dcber die Einwanderung und die Kompatibilit\u00e4t voraufkl\u00e4rerischer Kulturen lie\u00dfen sie genausowenig mit sich reden wie Politiker und Funktion\u00e4re aus dem gr\u00fcn-linken Spektrum, wobei ihr Wort aufgrund ihrer Stellvertretung f\u00fcr ein historisches Opferkollektiv besonderes Gewicht hatte.<\/p>\n<p>Die Holocaust-\u00dcberlebende Charlotte Knobloch zeigte sich 2015 \u00fcber die Ankunft der Fl\u00fcchtlingsz\u00fcge, denen vorzugsweise junge M\u00e4nner arabisch-muslimischer Herkunft entstiegen, hocherfreut: \u201eDieses Deutschland zu erleben ist wohltuend, gerade f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinschaft. Nicht zuletzt f\u00fcr jene, deren Erinnerung an Verfolgung und Flucht noch immer pr\u00e4sent ist.\u201c<br \/>\nFrau Knobloch war nicht kl\u00fcger als die \u201eRefu-gees welcome\u201c-Rufer auf deutschen Bahnh\u00f6fen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr deren Euphorie waren vielschichtig: die Aussicht auf Exotik und Erotik, moralischer Selbstgenu\u00df, die Vorstellung vom Rendevous mit der Geschichte. Von Wiedergutmachung der V\u00e4ter- und Gro\u00dfv\u00e4terschuld war die Rede, wobei nicht ganz klar wurde, wie der Massenmord an den Juden mit der T\u00fcr\u00f6ffnung f\u00fcr vorhersehbare Judenfeinde ges\u00fchnt werden konnte. Explosive Begriffe wie Intifada, Islamismus, Hamas oder Hisbollah waren schlie\u00dflich schon damals allgegenw\u00e4rtig. Zu vermuten ist eine \u00dcbersprungshandlung, eine irrationale, zweckfreie oder -widrige Reaktion auf eine \u00dcberforderung, auf eine ausweglose Situation. Insgeheim ging es weniger um Wiedergutmachung als um Erl\u00f6sung aus der Hybris einer Zivil- und Schuldreligion, die ihrerseits keinen \u201eSchlu\u00dfstrich\u201c, keine Ents\u00fchnung und keine Erl\u00f6sung zul\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Der Hybris folgt die Nemesis, und es bewahrheitet sich, was Alt-Kanzler Konrad Adenauer 1966 bei seinem Besuch in Tel Aviv auf den Vorhalt des israelischen Ministerpr\u00e4sidenten Eschkol, es gebe keine S\u00fchne f\u00fcr die Greuel des Holocaust, erwiderte: Es k\u00f6nne nichts Gutes daraus entstehen, wenn guter Wille nicht anerkannt w\u00fcrde. Die Nemesis tritt nun in Gestalt des B\u00fcndnisses der radikalen Linken mit migrantischen Radikalen unter Einschlu\u00df von Islamisten auf.<\/p>\n<p>Die Linke hatte sich mit dem Antifaschismus unangreifbar gemacht, sie hatte sich an die Spitze des Anti-Antisemitismus-Zuges gesetzt und den moralischen Universalismus gegen den nationalen und europ\u00e4ischen Partikularismus, den die Rechte vertritt, als Waffe benutzt. Und zwar zu dem Zweck, revolution\u00e4res Potential aus der Dritten Welt ins Land zu holen und mit ihm den 1989 so gr\u00fcndlich gescheiterten Traum vom Sozialismus wiederzuleben.<\/p>\n<p>Ideologisch \u00fcberw\u00f6lbt wird das Vorhaben vom Postkolonialismus, in dem der Anti-Antisemitismus keine Rolle spielt. Israel wird jetzt als ein koloniales Projekt des globalen Kapitalismus wahrgenommen, seine Unterst\u00fctzer und Sympathisanten \u2013 und dazu geh\u00f6rt nun mal die Mehrheit der Diaspora-Juden \u2013 sind als Gegner zu behandeln. F\u00fcr Islamisten sind die Linken nur T\u00fcr\u00f6ffner und n\u00fctzliche Idioten, was die aber nicht beeindruckt. In der Vergangenheit hat die Blindheit linker Intellektueller gegen\u00fcber den Verbrechen Stalins bewiesen, da\u00df Fakten und Aufkl\u00e4rung nichts gegen ideologischen Fanatismus ausrichten k\u00f6nnen. So gesehen ist die neue Judenfeindschaft ein Detail in einem erst ansatzweise erkannten historischen Proze\u00df.<\/p>\n<p>.. Alles vom 7.11.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 46\/25, Seite 13<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.jungefreiheit.de\">https:\/\/www.jungefreiheit.de<\/a><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Home\u00a0&gt;Engagement\u00a0&gt;Zukunft\u00a0&gt;Demokratie\u00a0&gt;Politik &gt;Politik-infantil &gt;Moralpolitik Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): Klicken oder scrollen Boehme-Ne\u00dfler: Angstpolitik \u2013 \u201eDas endet in Unfreiheit\u201c (24.4.2026) Suicidal Empathy: Wenn Empathie zur Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchrt (12.1.2026) Moralgebaren statt Aufarbeitung: R\u00fchmann verliert SPIO Ehrenmedaille\u00a0(21.11.2025) Volker Boehme-Ne\u00dfler: Buchauszug &#8222;Angstpolitik&#8220; (13.11.2025) Thorsten &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/politik\/moralpolitik\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":72376,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-141467","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=141467"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":148342,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141467\/revisions\/148342"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/72376"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=141467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}