{"id":133826,"date":"2025-05-11T09:05:42","date_gmt":"2025-05-11T07:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?page_id=133826"},"modified":"2025-05-11T09:17:46","modified_gmt":"2025-05-11T07:17:46","slug":"ressentiment","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/ressentiment\/","title":{"rendered":"Ressentiment"},"content":{"rendered":"<p>d<\/p>\n<div id=\"attachment_132661\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/reichenau1niederzell-pan250410.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-132661\" class=\"size-full wp-image-132661\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/reichenau1niederzell-pan250410.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"363\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/reichenau1niederzell-pan250410.jpg 640w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/reichenau1niederzell-pan250410-180x102.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-132661\" class=\"wp-caption-text\">Blick nach Niederzell\/Reichenau am 10.4.2025: Bodensee Wasser Tiefstand<\/p><\/div>\n<ul>\n<li><em>Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): <span style=\"text-decoration: underline;\">Klicken<\/span> oder scrollen<\/em><\/li>\n<li>J\u00fcrgen Gro\u00dfe: Die kalte Wut &#8211; Theorie und Praxis des Ressentiments (9.5.2025)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ressentiment von &#8222;re-sentir&#8220; (franz) f\u00fcr &#8222;zur\u00fcck (re)&#8220; und &#8222;f\u00fchlen (sentir)&#8220;:<br \/>\nGef\u00fchl von Vorbehalt, Abneigung, Groll, bis hin zu Hass.<br \/>\nWer ist bzw. l\u00e4\u00dft sich gerne beladen mit Ressentiments? Wer sich als Opfer schwach, unzufrieden, unterlegen f\u00fchlt.<br \/>\n==============================================================<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgen Gro\u00dfe: Die kalte Wut &#8211; Theorie und Praxis des Ressentiments<\/strong><\/p>\n<p>Die Logik der Rache<br \/>\nDer Philosoph J\u00fcrgen Gro\u00dfe liefert eine messerscharfe Analyse des Ressentiments in Politik und Gesellschaft<br \/>\nJan C. Bentz<\/p>\n<p>Wer verstehen will, wie Opferkult, Gleichheitswahn und moralische Erpressung zur Herrschaftsideologie wurden, mu\u00df das Buch des Berliner Philosophen J\u00fcrgen Gro\u00dfe lesen. \u201eDie kalte Wut ist die Grundstimmung unserer Zeit\u201c \u2013 mit diesem Satz er\u00f6ffnet er ein intellektuelles Erdbeben gegen die Selbstgerechtigkeit der Gegenwart. Was Nietzsche einst als Ressentiment beschrieb, wird bei Gro\u00dfe zur zentralen Diagnose unserer Epoche: Wut, nicht aus \u00dcberzeugung, sondern aus gekr\u00e4nkter Schw\u00e4che, ist der Motor des \u00f6ffentlichen Diskurses.<\/p>\n<p>Gekr\u00e4nkte Schw\u00e4che wird zur Waffe. Wer sich heute als Opfer inszeniert, genie\u00dft moralische Immunit\u00e4t \u2013 in Medien, Wissenschaft, Politik. Diese kalte Wut, kalkuliert und strategisch, erscheint nicht laut, sondern tr\u00e4gt den Anschein h\u00f6herer Moral. Ihr Ziel: die Delegitimierung alles Starken, \u00dcberlieferten, Autonomen. Gro\u00dfes Blick richtet sich scharf auf die politische Linke: Aus revolution\u00e4rer Tatkraft wurde eine Kultur des Moralisierens. Aus dem Anspruch auf Gerechtigkeit wurde ein Wettbewerb um Verwundbarkeit. Zitat: \u201eDie neue Moral ist kein Ideal mehr, sondern ein Hebel zur Erniedrigung des Anderen.\u201c Wahrheit spielt keine Rolle mehr \u2013 entscheidend ist, wer sich am glaubw\u00fcrdigsten gekr\u00e4nkt f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Ein besonderes Verdienst des Buches ist die Analyse des moralischen Sprachwandels. Tugenden wie Tapferkeit, M\u00e4\u00dfigung oder Disziplin weichen Begriffen wie Betroffenheit, Sensibilit\u00e4t oder Sichtbarkeit. Was fr\u00fcher als pers\u00f6nliche Haltung galt, wird heute zur sozialen Forderung \u2013 wer sich am meisten verletzt zeigt, beansprucht die h\u00f6chste Autorit\u00e4t. Der Autor zeigt mit pr\u00e4ziser Beobachtung, wie sich daraus ein System entwickelt: Kr\u00e4nkbarkeit wird zur neuen W\u00e4hrung. Der Opferstatus ist mehr wert als Leistung, moralische Emp\u00f6rung ersetzt Argument. Die \u00f6ffentliche Debatte wird zur B\u00fchne einer rituellen Rechthaberei \u2013 immer auf der Suche nach der n\u00e4chsten symbolischen Hinrichtung.<\/p>\n<p>Die neue Tyrannei des Gef\u00fchls operiert mit Schuldzuweisungen<br \/>\nBesonders eindrucksvoll ist Gro\u00dfes Entlarvung der moralisch getarnten Machtmechanismen: Das Ressentiment tritt nicht mehr offen als Neid, Ha\u00df oder Mi\u00dfgunst auf, sondern verbirgt sich hinter der Maske des Mitleids \u2013 jedoch nicht mit den Schwachen, sondern mit sich selbst. In dieser perfiden Inszenierung erscheint das Ressentiment nicht als destruktive Kraft, sondern als moralische Tugend, als Mitgef\u00fchl, als Sorge um Gerechtigkeit \u2013 und genau darin liegt seine gef\u00e4hrlichste Wirkung. Die neue Tyrannei des Gef\u00fchls operiert nicht mit Gewalt, sondern mit Schuldzuweisungen, mit moralischer Erpressung, mit der subtilen Drohung der sozialen \u00c4chtung. Und die \u00d6ffentlichkeit \u2013 Medien, Institutionen, sogar Teile der Kirche \u2013 macht bereitwillig mit, weil sich niemand dem Vorwurf der Herzlosigkeit oder \u201efehlenden Sensibilit\u00e4t\u201c aussetzen will.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe zeigt eindrucksvoll, wie unsere Gesellschaft eine systematische Umwertung aller Werte betreibt \u2013 jedoch nicht im aufrichtigen Sinne einer kulturellen Selbst\u00fcberwindung, wie sie Nietzsche forderte, sondern als kollektiven Racheakt gegen das Bestehende, gegen das \u00dcberlegene, gegen jede Form von gewachsener Autorit\u00e4t. Was fr\u00fcher als Ausdruck von Wahrheit, Sch\u00f6nheit oder Charakter galt, wird nun unter den Generalverdacht des Machtmi\u00dfbrauchs gestellt. Wo einst Leistung, Rang oder Tradition Orientierung gaben, gen\u00fcgt heute die richtige Pose: verletzlich, betroffen, moralisch entr\u00fcstet. Damit entlarvt Gro\u00dfe die postmoderne Gesellschaft nicht als eine der Toleranz, sondern als eine der inszenierten Verletztheit \u2013 mit einem erschreckenden Hang zur moralischen Inquisition im Namen der Barmherzigkeit.<br \/>\nStilistisch ist Gro\u00dfe brillant. Aphoristisch, zugespitzt, provokativ \u2013 jeder Satz will aufr\u00fctteln. Er schreibt nicht aus dem Elfenbeinturm, sondern mit k\u00e4mpferischer Klarheit. Er denkt Philosophie nicht als System, sondern als Diagnose. Das Buch liefert keine vers\u00f6hnlichen L\u00f6sungen \u2013 und will das auch nicht. Es diagnostiziert, ohne zu therapieren. F\u00fcr manche mag das hart sein. Doch gerade die entschiedene Verweigerung jedes Trostes macht seine Analyse so kraftvoll. Die kalte Wut, so zeigt er, ist kein Zufall, sondern das Produkt eines ideologischen Umbaus der Gesellschaft \u2013 der l\u00e4ngst weit fortgeschritten ist. Wer Hoffnung sucht, findet sie nicht in diesem Buch. Wer Klarheit will, sehr wohl. Gro\u00dfe erkl\u00e4rt, warum Gender, Klima und Migration nicht nur politische, sondern quasi-religi\u00f6se Debatten geworden sind \u2013 und warum Abweichung in diesen Feldern heute mit sozialer Exkommunikation bestraft wird.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Gro\u00dfes Buch ist das Werk zur Stunde. Es seziert die neue Tyrannei der Moral mit philosophischer Pr\u00e4zision und literarischer Wucht. Wer verstehen will, warum wir von moralischen Emp\u00f6rungswellen regiert werden \u2013 und warum Argumente immer weniger z\u00e4hlen \u2013, findet hier die schonungslose Diagnose. Der neue Totalitarismus tr\u00e4gt kein Gesicht \u2013 nur das L\u00e4cheln der Kr\u00e4nkung. Gro\u00dfe rei\u00dft ihm die Maske vom Gesicht \u2013 Satz f\u00fcr Satz, Seite f\u00fcr Seite.<br \/>\n&#8230; Alles vom 9.5.2025 von J\u00fcrgen Gro\u00dfe bitte lesen in der JF 20\/25, Seite 21<br \/>\n.<br \/>\n<em>J\u00fcrgen Gro\u00dfe: Die kalte Wut. <\/em><br \/>\n<em>Theorie und Praxis des Ressentiments. <\/em><br \/>\n<em>B\u00fcchner-Verlag, Marburg 2024, gebunden, 384 Seiten, 39 Euro<\/em><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>d Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): Klicken oder scrollen J\u00fcrgen Gro\u00dfe: Die kalte Wut &#8211; Theorie und Praxis des Ressentiments (9.5.2025) Ressentiment von &#8222;re-sentir&#8220; (franz) f\u00fcr &#8222;zur\u00fcck (re)&#8220; und &#8222;f\u00fchlen (sentir)&#8220;: Gef\u00fchl von Vorbehalt, Abneigung, Groll, bis hin zu Hass. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/ressentiment\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":678,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-133826","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133826"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133826\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133830,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133826\/revisions\/133830"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/678"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}