{"id":113129,"date":"2023-06-21T21:35:00","date_gmt":"2023-06-21T19:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?page_id=113129"},"modified":"2025-07-07T16:47:58","modified_gmt":"2025-07-07T14:47:58","slug":"sklaverei","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/sklaverei\/","title":{"rendered":"Sklaverei"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\">Home<\/a>\u00a0&gt;<a title=\"Global\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/\">Global<\/a> &gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/kolonialismus\/\">Kolonialismus<\/a> &gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/kulturrevolution\/\">Kulturrevolution<\/a> &gt;Sklaverei<\/p>\n<div id=\"attachment_111292\" style=\"width: 649px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Freiburg-muenster-april-pan2304-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-111292\" class=\"size-full wp-image-111292\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Freiburg-muenster-april-pan2304-2.jpg\" alt=\"\" width=\"639\" height=\"343\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Freiburg-muenster-april-pan2304-2.jpg 639w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Freiburg-muenster-april-pan2304-2-180x97.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-111292\" class=\"wp-caption-text\">Freiburger M\u00fcnster Anfang April 2023 &#8211; Abendsonne<\/p><\/div>\n<ul>\n<li><em>Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): <span style=\"text-decoration: underline;\">Klicken<\/span> oder scrollen\u00a0<\/em><\/li>\n<li>Sklavenhandel: 11 Mio durch Weisse und 17 Mio durch Schwarze (4.7.2025)<\/li>\n<li>Sklavenhandel: 12 Mio in die USA, 17 Mio in arabische L\u00e4nder (27.10.2023)<\/li>\n<li>Egon Flaig: &#8222;Weltgeschichte der Sklaverei&#8220; (21.6.2023)<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sklavenhandel: 11 Mio durch Weisse und 17 Mio durch Schwarze<\/strong><br \/>\nIm Hinblick auf die bizarre Debatte \u00fcber die Reparationen, die Wei\u00dfe\/Europ\u00e4er\/Bewohner der n\u00f6rdlichen Halbkugel an die Nachfahren der Opfer der Sklaverei zahlen sollen, hat Nigel Biggar in einem lesenswerten Beitrag f\u00fcr das Portal Aporia wesentliche Einw\u00e4nde zusammengetragen.<br \/>\nDabei bezieht er sich nicht nur auf die Tatsache, da\u00df der westliche Sklavenhandel deutlich hinter dem muslimischen zur\u00fcckstand (man geht von 11 Millionen gegen\u00fcber 17 Millionen M\u00e4nnern, Frauen und Kindern aus), und trotzdem niemand auf die Idee kommt, etwa die T\u00fcrkei, Syrien, \u00c4gypten, Iran, Irak, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Saudi Arabien, Kuwait oder Qatar zur Kasse zu bitten. Weiter, da\u00df immer wieder die Bedeutung der gro\u00dfen schwarzafrikanischen Sklavenreiche ausgeblendet wird, und schlie\u00dflich, welche Anstrengungen der h\u00e4\u00dfliche Wei\u00dfe unternommen hat, um der Schande des Menschengeschlechts Einhalt zu gebieten.<br \/>\nBiggar erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang, da\u00df Gro\u00dfbritannien nach der Abschaffung des Sklavenhandels im Jahr 1807 und der Sklaverei selbst im Jahr 1833 enorme Summen in die weltweite Bek\u00e4mpfung der Sklaverei investierte. So patrouillierte die Royal Navy \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnte auf dem Atlantik, fing Sklavenschiffe ab und befreite ihre menschliche Fracht. Die Kosten f\u00fcr diese Operationen beliefen sich auf etwa 250.000 Pfund pro Jahr \u2013 etwa 1,7 Milliarden Pfund nach heutiger Kaufkraft.<br \/>\n&#8230; Alles vom 4.7.2025 von Karlheinz Weissmann bitte lesen in der JF 28\/25, Seite 15<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sklavenhandel: 12 Mio in die USA, 17 Mio in arabische L\u00e4nder<\/strong><br \/>\nEin junger Mensch, sagen wir: ein Sch\u00fcler oder Student (m\/w\/d), der erstmals davon erf\u00e4hrt, dass der islamische Sklavenhandel den amerikanisch-europ\u00e4ischen in seinem Umfang noch deutlich \u00fcbertraf und die meisten aus Schwarzafrika verschleppten Sklaven in den Orient gebracht wurden \u2013 die Forschung ist sich halbwegs einig, dass durch den transatlantischen Sklavenhandel etwa zw\u00f6lf Millionen Menschen verschleppt wurden, durch den transsaharischen und ostafrikanischen Handel mit Menschen, der in muslimischer Hand lag, etwa siebzehn Millionen \u2013, d\u00fcrfte sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Frage stellen, warum in den arabischen L\u00e4ndern, verglichen zum Beispiel mit den USA, so wenige Schwarze leben.<br \/>\nDie Antwort ist von entsetzlicher Simplizit\u00e4t. Einer, der sie erteilt, ist Tidiane N\u2019Diaye, franko-senegalesischer Anthropologe und \u00d6konom, und zwar in seinem Buch \u201eLe g\u00e9nocide voil\u00e9\u201d (deutsch: \u201eDer verschleierte V\u00f6lkermord: Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika\u201d, erschienen 2010, hierzulande recht echolos geblieben und kaum mehr erh\u00e4ltlich; die franz\u00f6sische Ausgabe gibt es noch). Dessen achtes Kapitel tr\u00e4gt die \u00dcberschrift: \u201ePlanm\u00e4\u00dfige ethnische Ausl\u00f6schung durch Kastrierung\u201d.<br \/>\nDie meisten m\u00e4nnlichen Sklaven, die man in den Orient verschleppte, mussten diese qualvolle Prozedur erleiden, und sie starben daran zu Hunderttausenden. Die ersten Opfer waren wei\u00dfe Europ\u00e4er zur Zeit der Karolinger. N\u2019Diaye zitiert den arabischen Geographen Ibn Hauqal, der Ende des 10. Jahrhunderts schrieb: \u201eSobald die Sklaven eintreffen, werden sie kastriert.\u201d Muslimische Sklavenh\u00e4ndler machten nach der arabischen Invasion Spaniens an den K\u00fcsten des europ\u00e4ischen S\u00fcdens reichen Fang. Es war vor allem dem Aufstieg des Frankenreiches zu verdanken, dass Europa im fr\u00fchen Mittelalter nicht das Schicksal Afrikas erlitt; die Weltgeschichte h\u00e4tte sonst einen v\u00f6llig anderen Verlauf genommen.<br \/>\nDen dadurch eintretenden Mangel an europ\u00e4ischer Beute glichen die Menschenh\u00e4ndler in der Folgezeit mit Sklaven aus dem Schwarzen Kontinent aus. \u201eDer arabomuslimische Sklavenhandel mit Schwarzafrikanern, die als einf\u00e4ltig und wehrlos galten, war lediglich eine genealogische Weiterfu\u0308hrung des transeurop\u00e4ischen Sklavenhandels\u201d, notiert N\u2019Diaye. \u201e\u00dcber Jahrhunderte hinweg wurden aus den meisten afrikanischen L\u00e4ndern unz\u00e4hlige schwarze Knaben und M\u00e4nner verschleppt, kastriert und in der arabomuslimischen Welt als Haremsw\u00e4chter, als Hausdiener oder Soldaten eingesetzt. \u201aUnversehrte\u2019 m\u00e4nnliche Erwachsene arbeiteten unter extrem harten Bedingungen in den Gold- oder Salzminen oder in der Landwirtschaft.\u201d<\/p>\n<p>Die Stellung der Frau im Islam impliziert f\u00fcr den muslimischen Ehemann eine st\u00e4ndige Gef\u00e4hrung seiner Ehre durch das Begehren anderer M\u00e4nner. Wo ein fremder Mann nicht einmal das Haar der Frau sehen darf und M\u00e4nner bei Besuchen unter sich bleiben, stellt ein m\u00e4nnlicher Sklave allein durch seine Anwesenheit im Haus eine potentielle sexuelle Bedrohung dar. Im, sagen wir: Pro\u00f6mium von \u201eTausendundeiner Nacht\u201d sieht sich der Leser gleich zweimal nacheinander mit dem Problem weiblicher Untreue und der grausamen Rache des Ehemanns konfrontiert: K\u00f6nig Schahsaman ertappt sein Weib mit einem Koch im Bett und t\u00f6tet beide auf der Stelle; daraufhin besucht er seinen Bruder, K\u00f6nig Schahriyar (die sp\u00e4ter Nacht f\u00fcr Nacht um den Preis ihres Lebens Geschichten erz\u00e4hlende Schahrasad ist die Tochter von dessen Wesir), und muss heimlich mit ansehen, wie Schahriyars Frau im Harem eine Orgie mit zehn Dienerinnen und zehn als M\u00e4dchen verkleideten schwarzen Sklaven feiert, w\u00e4hrend sein Bruder auf der Jagd ist. Logischerweise kann die Rache nicht ausbleiben. Die erotisch konnotierte extreme Ehrpuzzeligkeit samt verbindlicher Bluts\u00fchne war und ist typisch f\u00fcr diese Weltgegend.<br \/>\nEine Entmannung des Sklaven indes konnte dieses Problem von vornherein aus der Welt schaffen. Der Blutzoll wurde gewisserma\u00dfen pr\u00e4ventiv eingezogen; den Frauen des Hauses drohte er dann nicht mehr. Eunuchen waren in der arabischen Welt deshalb die begehrteste menschliche \u201eWare\u201d. Ein Eunuch erreichte den doppelten Wert eines gew\u00f6hnlichen Sklaven.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nN\u2019Diaye fasst zusammen: \u201eTrotz der ungeheuren Zahl von Afrikanern, die in die arabomuslimische Welt exportiert wurden, konnte nur eine Minderheit eine Nachkommenschaft hinterlassen. Es war von Beginn an das erkl\u00e4rte Ziel, zu verhindern, dass sie ein Geschlecht begru\u0308nden. Rassismus, Verachtung, unmenschliche Ausbeutung, Kindesmord und die systematisch betriebene Kastration sind Hauptkennzeichen dieser nahezu vollst\u00e4ndigen Ausrottung von Menschen in diesem Teil der Welt. Und die wenigen \u00dcberlebenden mit \u2013 im Wesentlichen von schwarzen Konkubinen \u2013 abstammenden Nachkommen werden heute in eben diesen Gesellschaften stillschweigend ausgegrenzt. Dieser V\u00f6lkermord wurde mit Zynismus von V\u00f6lkern programmiert, deren Nachkommen noch immer das Schweigen u\u0308ber das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen bewahren, das der Mensch an seinesgleichen je ver\u00fcben konnte.\u201d<br \/>\nDie progressivsten und phantasievollsten westlichen Geisteswissenschaftler*:_innen sind aufgerufen, dieses Verbrechen nun irgendwie den Wei\u00dfen in ihr S\u00fcndenholz zu kerben. Denn von den Moslems, die fern jeglicher kollektiver Selbstkritik leben, wird auch k\u00fcnftig kein Cent Entsch\u00e4digung zu holen sein.<br \/>\n&#8230; Alles vom 27.10.2023 bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.klonovsky.de\/2023\/10\/27-oktober-2023\/\">https:\/\/www.klonovsky.de\/2023\/10\/27-oktober-2023\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Egon Flaig: &#8222;Weltgeschichte der Sklaverei&#8220;<\/strong><br \/>\n<strong>\u201eDie Vergangenheit untersteht nicht den Menschenrechten\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Wir erleben eine Kulturrevolution <\/strong><br \/>\n<strong>Alexander Wendt interviewt Prof Egon Flaig\u00a0<\/strong><br \/>\n.<br \/>\nTichys Einblick: Herr Professor Flaig, in den USA und in Westeuropa werden seit Jahren Denkm\u00e4ler beschmiert und sogar gest\u00fcrzt, selbst eines der englischen K\u00f6nigin Viktoria, einer entschiedenen Gegnerin der Sklaverei. Das Schleifen von Denkmalen ist eigentlich eine Geste, wie man sie von Revolutionen kennt. Diese Bewegung hier wird allerdings von gro\u00dfen Teilen des medialpolitischen Establishments wohlwollend begleitet. Wie ordnen Sie als Historiker das ein, was hier gerade vor unseren Augen geschieht?<br \/>\nEgon Flaig: Wir sind Zeugen einer kulturellen Revolution. Diese wird getragen von ganz unterschiedlichen Str\u00f6mungen. Es handelt sich \u00fcberwiegend um folgende: Erstens die letzten Tr\u00fcmmer der ehemaligen Linken; diese vertreten heute allesamt ultrarechte Positionen, n\u00e4mlich Sonderrechte f\u00fcr sogenannte Minderheiten ohne R\u00fccksicht auf die Verfassung demokratischer Staaten, auf die Artikel 1 bis 4 der Menschenrechte und auf die rechtliche Gleichheit in demokratischen Republiken.<br \/>\nZum anderen die sogenannten Opfergruppen, die unter dem Schlagwort der \u201eAnerkennung\u201c verlangen, dass ihre Anspr\u00fcche in besonderem Ma\u00dfe beachtet werden und dass niemand das Recht hat, ihre Interpretation der Vergangenheit zu kritisieren. Damit hat die schlimmste Fake History in den \u00f6ffentlichen Raum Einzug gehalten.<br \/>\nZum Dritten hat die postkoloniale Ideologie an den Universit\u00e4ten und in den Medien die moralische Hegemonie gewonnen; sie hat ein groteskes Bild von der europ\u00e4ischen Geschichte durchgesetzt, voller Fake History. Ihre Vertreter denunzieren jede Fachwissenschaft, die streng unterscheidet zwischen Ged\u00e4chtnispolitik und wahrheitsorientierter Historie. Daher bek\u00e4mpft die postkoloniale Ideologie jedwede fachdisziplin\u00e4re Methodik \u2013 und das zerst\u00f6rt die historischen Kulturwissenschaften an den Universit\u00e4ten.<br \/>\nViertens haben Gerichte und Beh\u00f6rden eine Politik der Antidiskriminierung mitgetragen, die ma\u00dfgebliche Rechtsprinzipien \u00fcber Bord wirft, um sogenannten Diskriminierten besondere Rechte gegen\u00fcber allen anderen B\u00fcrgern zu verschaffen und vor allem die Meinungsfreiheit entschieden einzuschr\u00e4nken. Mit der Preisgabe des menschenrechtlichen Universalis\u00admus, mit der Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit, mit einer aus Fake History bestehenden Memorialpolitik und mit der schleichenden Aufweichung von verfassungsm\u00e4\u00dfigen Regeln ist eine Situation entstanden, in der die westlichen Republiken au\u00dferstande sind, ihre politische Substanz und ihre kardinalen Ged\u00e4chtnisorte zu bewahren. Wir erleben den Sieg des radikalen antiwestlichen Theoretikers Frantz Fanon sowohl \u00fcber Karl Marx als auch \u00fcber John Stuart Mill.<br \/>\nTichys Einblick: Was verstehen Sie unter \u201eFake History\u201c?<br \/>\nEgon Flaig: Das entscheidende Buch, in dem sich diese neue Ideologie kondensierte, war \u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c von Frantz Fanon (\u201eLes damn\u00e9s de la terre\u201c, Paris 1961; Anm. d. Red.). Es war vielleicht das meistgelesene Buch meiner Generation. Es hat Jahrzehnt f\u00fcr Jahrzehnt seine Wirkung gesteigert. Fanon entwarf ein regelrechtes Programm zur Vernichtung der europ\u00e4ischen Kultur: Europa soll unertr\u00e4gliche koloniale Verbrechen ver\u00fcbt haben, was niemals in der Geschichte zuvor geschehen sei; Europa m\u00fcsse daf\u00fcr haften. Denn der Reichtum Europas verdanke sich einzig der Ausbeutung der Kolonien. All dieser Reichtum m\u00fcsse wieder zur\u00fccktransferiert werden; Europa soll also zahlen.<br \/>\nFanon unterschlug ganz einfach, dass alle Hochkulturen Kolonialismus \u00fcbten und dies gar nicht vermeiden konnten. Er unterschl\u00e4gt vor allem, dass gerade Afrika dem arabischen Kolonialismus zum Opfer fiel und die islamischen Sklavenimporte und Sklavenjagden den gesamten Kontinent in ein Sklavenreservoir transformierten. Davon ist keine Rede bei Fanon; und indem die Linke ihm folgt, wird sie nicht blo\u00df politisch ultrarechts, sondern sie betreibt Fake History. Und das im Ausma\u00df der nationalsozialistischen Rassengeschichte.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Sie haben den Scharia-Islam oft als die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr den liberalen Westen bezeichnet. Die Szene der Denkmalst\u00fcrzer und Wei\u00dfe-Schuld-Prediger wird allerdings von westlichen Studenten und Akademikern dominiert. Ist die Autoaggression im Westen m\u00f6glicherweise st\u00e4rker als die Attacke des politischen Islam?<br \/>\nEgon Flaig: Die Autoaggression ist weitaus st\u00e4rker, weil sie aus dem Inneren unserer Kultur kommt. Die \u201einneren Barbaren\u201c sind immer gef\u00e4hrlicher, weil sie keine feindliche \u00dcbernahme von au\u00dfen betreiben, sondern antreten unter Bannern des radikalen Neubeginns.<\/p>\n<p>Dieser radikale Neubeginn pr\u00e4sentiert sich, wie schon gesagt, als Ergebnis einer kulturellen Selbstkritik. Doch just das ist ein fundamental abendl\u00e4ndisches Ph\u00e4nomen. Die Barbarei der Denkmalst\u00fcrzer und Umbenennungen ist auch deshalb so wirkungsvoll, weil sie sich als Kritik und als kulturelle Selbstkritik pr\u00e4sentiert. Und das gelingt, weil sich zu wenige getrauen, mit starker \u00dcberzeugung dagegen aufzutreten. Solche starken \u00dcberzeugungen erfordern ein historisches Bewusstsein, das uns sch\u00fctzen w\u00fcrde vor der Fake History. Doch eine europ\u00e4ische Memorialkultur existiert nur noch rudiment\u00e4r und nur noch bei wenigen. Und diese Bildungslosigkeit \u2013 vor allem in der medialen und in der politischen Elite, zunehmend aber auch in der akademischen Elite \u2013 ist genau die Tabula rasa, auf der die Barbarei sich austoben kann, ohne irgendwelche Gegenwehr erwarten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Die Vereinigung amerikanischer B\u00fcrgermeister hat, unterst\u00fctzt durch die Demokraten, eine finanzielle Entsch\u00e4digung aller 41 Millionen US-B\u00fcrger mit afrikanischen Wurzeln gefordert. \u00c4hnliche Debatten gibt es auch in Europa. Was spricht gegen eine solche Kompensationszahlung? W\u00e4re sie nicht ein Weg zur gesellschaftlichen Befriedung?<br \/>\nEgon Flaig: Nehmen wir das Beispiel der afrikanischen Sklaverei. Beim Thema der Kompensation f\u00fcr \u201ehistorisches Unrecht\u201c stellen sich sofort zwei Aporien ein:<\/p>\n<p>Erstens \u2013 wer soll zahlen? Wenn man den Begriff des Unrechts handhabt, dann m\u00fcssen jene mehr zahlen, die das gr\u00f6\u00dfere Unrecht angerichtet haben. Bei der Sklaverei sind drei Vorg\u00e4nge von unrechtm\u00e4\u00dfigem Charakter zu unterscheiden: zuerst das gewaltsame Sklavenmachen, dann der Sklavenhandel mit seinen Deportationen, dann die Sklavenhaltung mit ganz unterschiedlichem Gebrauch der radikal unfreien Menschen. Somit m\u00fcssen am meisten die Versklaver zahlen, erst an zweiter Stelle die Sklavenh\u00e4ndler und die Sklavenhalter. Denn die Jagd auf Sklaven, die Kriege, um Menschen zu fangen, ihre D\u00f6rfer und St\u00e4dte zu erobern und dabei eine erhebliche Quote der Besiegten zu t\u00f6ten, die \u00dcberlebenden als Sklaven abzutransportieren, das ist ein f\u00fcrchterlich gewaltsamer und extrem grausamer Vorgang \u2013 ohne den es Sklavenhandel und Sklavenhaltung nicht h\u00e4tte geben k\u00f6nnen.<br \/>\nNun wissen wir, dass in Afrika nur die Portugiesen den kurzfristigen Versuch machten, selber Menschen zu versklaven. Die Versklaver vom 6. bis zum 19. Jahrhundert waren afrikanische, sehr kriegerische Ethnien und ab dem 10. Jahrhundert die moslemischen Emirate im Sahel-G\u00fcrtel. Demnach m\u00fcssten vor allem Ethnien in Mali, im Tschad, im Sudan, aber auch in Ghana, Nordnigeria und Benin unvorstellbare Summen an die Nachfahren ihrer Opfer zahlen, und zwar weit mehr, als die sklavenimportierenden Zonen zu zahlen h\u00e4tten, also vor allem der islamische Kulturraum n\u00f6rdlich der Sahara und die transatlantischen europ\u00e4ischen Ex-Kolonien. Doch diese Nachfahren sind gro\u00dfenteils ausgel\u00f6scht.<br \/>\nDamit kommen wir zur zweiten Aporie. Denn an wen soll diese Wiedergutmachung gehen? Angenommen, man wollte die heute existierenden Ethnien pauschal f\u00fcr das historische Unrecht der Sklaverei entsch\u00e4digen, dann beginge man ein furchtbares Unrecht. Denn wer erhielte dann Entsch\u00e4digung? Die jetzt existierenden St\u00e4mme sind \u00dcberlebende einer Situation grausamster Versklavungskriege, unterbrechungslos gef\u00fchrt von moslemischen Emiraten im Sahel oder von Versklaver-Ethnien vom 6. bis zum 19. Jahrhundert. Wir m\u00fcssen wissen, dass Kriege zur Versklavung entweder sofort oder durch die Wiederkehr zum totalen Erl\u00f6schen der bejagten St\u00e4mme f\u00fchrten. Versklavungskriege sind tendenziell oder de facto Genozide.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nur ahnen, wie viele afrikanische Ethnien genozid\u00e4r verschwanden; aber sehr wahrscheinlich haben die Versklaverst\u00e4mme Hunderte von Ethnien im Laufe von 13 Jahrhunderten ausgerottet. Aber gerade die Versklaver haben als historische Sieger \u00fcberlebt. Wenn man den heute noch existierenden Ethnien in Afrika Kompensationen f\u00fcr vergangenes Unrecht zahlte, dann m\u00fcssten just die Nachkommen der Versklaver den L\u00f6wenanteil der Wiedergutmachung erhalten. Damit w\u00fcrden die historischen Opfer ein zweites Mal gedem\u00fctigt und vernichtet.<\/p>\n<p>Zu diesen Aporien gesellt sich eine dritte, die jedem Historiker bekannt ist, der mit sogenannten Opfergruppen zu tun hat. Wir k\u00f6nnen das Konzept des \u201eNachfahren\u201c nicht naiv anwenden; wir m\u00fcssen es dekonstruieren. Der Grund ist schlicht: Wenn wir uns als \u201eNachfahr von \u2026\u201c begreifen, dann w\u00e4hlen wir unter unseren Tausenden von Vorfahren einige wenige aus. Es ist immer Willk\u00fcr im Spiel, wenn man sich als \u201eNachfahr von \u2026\u201c definiert, und immer eine Selektion.<\/p>\n<p>Jene Afroamerikaner, die sich als \u201eNachfahren von Sklaven\u201c definieren und meinen, damit seien sie eine Opfergruppe, t\u00e4uschen sich dar\u00fcber hinweg, dass ihre Vorfahren in den USA maximal \u00fcber sieben Generationen Sklaven waren, meistens \u00fcber f\u00fcnf Generationen, dass sie aber seit 1865 in der f\u00fcnften Generation Nachfahren von freien Menschen sind. Ferner vergessen sie, dass sie vor dem 18. Jahrhundert Vorfahren in Afrika hatten, die nicht nur zu den besiegten und versklavten St\u00e4mmen geh\u00f6rten, sondern auch zu siegenden und versklavenden Ethnien. Es ist absolut unklar, wie viele von den knapp 300.000 in die sp\u00e4teren USA verkauften Sklaven zun\u00e4chst selber Sklavenj\u00e4ger oder deren Nachfahren waren.<br \/>\nWenn diese Menschen heute nach Kompensation f\u00fcr damals rufen, dann sind sie umgekehrt auch in der Pflicht, f\u00fcr die Verbrechen ihrer Vorfahren Kompensation zu leisten. Dar\u00fcber spricht man nicht, weil sich andernfalls das Konzept der \u201ehistorischen Gerechtigkeit\u201c als absurdes Quatschwort enth\u00fcllen w\u00fcrde. Mit dem dekonstruierten Konzept des \u201eNachfahren\u201c entf\u00e4llt auch a priori das Konzept der \u201ehistorischen Gerechtigkeit\u201c.<br \/>\nDie f\u00fcnfte Aporie ist die n\u00e4chstliegende: Wenn wir das Wiedergutmachen ernsthaft betrieben, dann gerieten wir in einen unendlichen Regress bis Adam und Eva. Der Bonner Historiker Michael Zeuske sch\u00e4tzt, dass Sklaverei schon mindestens seit f\u00fcnf Jahrtausenden existiert. Wer soll f\u00fcr all dieses historische Unrecht einstehen, haften und es finanziell kompensieren? Es w\u00e4re eine Schuldknechtschaft bis ans Ende der Zeiten. Der Begriff der Gerechtigkeit l\u00e4sst sich nur mit M\u00fche l\u00e4nger als eine Generation in die Vergangenheit ausdehnen. Dehnt man seine Geltung weiter aus, dann ger\u00e4t man in Aporien, die weder philosophisch noch juristisch zu l\u00f6sen sind. Denn woher wollen wir wissen, wer Opfer war vor 2000 Jahren und wer nicht? Wir m\u00fcssten den selbst gebastelten Legenden von Ethnien und Kulturen glauben, als seien es rechtsf\u00e4hige Dokumente.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Aber das historische Unrecht gab es doch \u2013 global, aber eben auch durch Europ\u00e4er.<br \/>\nEgon Flaig: Dass es historisches Unrecht gab, ist nicht zu leugnen. Eine ganz andere Sache ist das Schlagwort \u201ehistorische Gerechtigkeit\u201c \u2013 ein konzeptioneller Auswuchs der oben genannten Schuldpflege. Ohne die Wirksamkeit dieses Schlagworts ist nicht zu verstehen, was wir nun erleben. Dabei ist es ein reines Unsinnswort, ohne logische Konsistenz. Nehmen wir das Beispiel der Sklaverei: Diese existierte in s\u00e4mtlichen Hochkulturen des Globus; und sie galt jahrtausendelang als eine legitime soziale Institution. Erst durch die abolitionistischen Bewegungen in der europ\u00e4ischen Kultur wurde sie \u00fcberhaupt zu einem Unrecht und damit zu einem Verbrechen.<\/p>\n<p>Wenn wir nun unsere menschenrechtlichen Ma\u00dfst\u00e4be anlegen, um die Kulturen vergangener Epochen schuldig zu sprechen, weil sie Sklaverei pflegten, dann begehen wir einen krassen Regelversto\u00df, der nicht nur ein wissenschaftlicher ist, sondern auch ein moralischer. Denn die Vergangenheit untersteht nicht den Menschenrechten; die Vergangenheit hat das Recht, an ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen und aus ihrer eigenen kulturellen Semantik verstanden zu werden. Obendrein begehen wir einen schweren moralischen Fehler. Denn wir behandeln s\u00e4mtliche Epochen und s\u00e4mtliche Kulturen vor der Abschaffung der Sklaverei als verbrecherische Gebilde; so machen wir alle diese Menschen zu Kriminellen, f\u00fcr die man blo\u00df Abscheu empfinden kann. Damit verabschieden wir uns vom Begriff einer einheitlichen Menschheit und versetzen jene Menschen der Vergangenheit in eine radikale Alterit\u00e4t, mit der wir nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Andererseits ist Europa durch die st\u00e4ndige Selbstbefragung ja auch ein Gebiet geworden, in dem Verfassungen und B\u00fcrgerrechte gelten. Wir m\u00fcssen diesen fr\u00fcheren Kritikern der eigenen Kultur doch dankbar sein, oder?<br \/>\nEgon Flaig: Darin liegt ja gerade die Paradoxie dessen, was wir erleben. Dieses hassvolle Abr\u00e4umen vergangener Epochen ist ja nur m\u00f6glich, weil wir Ma\u00dfst\u00e4be anlegen, die wir nicht h\u00e4tten, wenn die vergangenen Epochen sie nicht historisch geschaffen h\u00e4tten, n\u00e4mlich als Erbe f\u00fcr uns.<br \/>\nWenn wir die Menschenrechte gebrauchen, um vergangene Epochen zu verdammen, dann vergessen wir, dass diese Menschenrechte ein Erzeugnis der europ\u00e4ischen Kultur sind, entstanden im langwierigen jahrhundertelangen Kampf gegen die Sklaverei.<br \/>\nWir verdanken just diesen Generationen, die wir anprangern, dass wir so sein d\u00fcrfen, wie wir sind, dass wir so denken k\u00f6nnen, wie wir denken. Wenn wir jetzt die ererbten menschenrecht\u00adlichen Ma\u00dfst\u00e4be gegen unsere Vorg\u00e4nger kehren, um sie zu verdammen, dann eliminieren wir die Geschichte selbst. Wenn wir das tun, dann negieren wir, dass wir kulturgepr\u00e4gte Menschen sind, und erkl\u00e4ren uns stattdessen zu g\u00f6ttlichen Wesen, die ex nihilo auf die Welt gekommen sind, um sie neu zu schaffen.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Sie weisen darauf hin, dass au\u00dfereurop\u00e4ische Kulturen nach der Betrachtung der historischen Fakten viel st\u00e4rker zu Kompensationen verpflichtet w\u00e4ren als die Europ\u00e4er. Wieso nimmt dann die jetzt so laute postkoloniale Ideologie nur Europa und die Vereinigten Staaten in Haftung?<br \/>\nEgon Flaig: Das ist zum gro\u00dfen Teil eine Konsequenz der Umorientierung der Linken nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Linke war entt\u00e4uscht, dass das Proletariat in den kapitalistischen Metropolen seine revolution\u00e4re Aufgabe nicht erf\u00fcllte. Sie fand ihr neues revolution\u00e4res Subjekt in der sogenannten Dritten Welt und partiell in den marginalisierten Gruppen in den Metropolen. Diese Umorientierung der Linken hatte furchtbare Folgen f\u00fcr die Struktur des linken Denkens.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Weshalb?<br \/>\nEgon Flaig: Nach ihrer neuen Logik musste die Linke nun die m\u00f6rderischsten, reaktion\u00e4rsten und menschenrechtsfeindlichsten Str\u00f6mungen in den Kolonien oder postkolonialen L\u00e4ndern hochjubeln, wenn diese blo\u00df \u201eantiimperialistisch\u201c waren. Und das hie\u00df, den revolution\u00e4ren Universalismus der alten Linken allm\u00e4hlich zu liquidieren. \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c verloren ihren Sinn, wenn man gleichzeitig die reaktion\u00e4rsten Sozialformen verteidigen musste, blo\u00df weil diese \u2013 beispielsweise die Polygamie oder die religi\u00f6se Apartheid \u2013 \u201eauthentisch\u201c waren und noch nicht von der westlichen Kultur angekr\u00e4nkelt, daher als Bastionen des \u201eWiderstands\u201c fungierten.<br \/>\nLogischerweise wurde nun die europ\u00e4ische Kultur nicht mehr zum Vorbild, das nach Auffassung der alten Sozialdemokratie und auch der Kommunistischen Internationale eingeholt und \u00fcberholt werden m\u00fcsse, sondern zum absoluten Feind, zum B\u00f6sen. Und das hatte kulturelle Konsequenzen, die wir heute \u2013 nach zwei Generationen \u2013 massiv zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Bleiben wir noch beim Thema Sklaverei: Sch\u00e4tzungen zufolge leben weltweit 40 Millionen Menschen immer noch unter diesen Bedingungen. Wo existiert diese moderne Sklaverei? Und warum h\u00f6ren wir so wenig davon?<br \/>\nEgon Flaig: Sie \u00fcbernehmen die Zahl aus dem Global Slavery Index 2018. Der dort verwendete Begriff \u201eSklaverei\u201c ist falsch, weil er zu vieles vermengt. Er addiert einfach unterschiedlichste Formen von Unfreiheit; und er erfasst vor allem die staatlich organisierte Unfreiheit, teilweise neue Lagersysteme.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Welche Unterscheidung sollte man Ihrer Ansicht nach stattdessen vornehmen?<br \/>\nEgon Flaig: Der Artikel 4 der Menschenrechte unterscheidet zwischen \u201eSklaverei\u201c und \u201esklaverei\u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen\u201c. Zu Recht. Es gibt eine breite Skala von Unfreiheit; auf dieser Skala finden wir vielf\u00e4ltige soziologische Typen von pers\u00f6nlicher Unfreiheit. Andere, von der Sklaverei zu unterscheidenden Formen sind etwa Schuldknechtschaft, eventuell \u00fcber mehrere Generationen \u2013 sie existiert in mehreren Regionen S\u00fcdostasiens, des Vorderen Orients und vor allem in Indien.<br \/>\nDann Zwangsarbeit, gedeckt durch Pseudovertr\u00e4ge \u2013 es gibt sie in einigen arabischen L\u00e4ndern, sie hat in Brasilien in gro\u00dfem Umfang existiert, scheint indes unter der Regierung Lula verschwunden zu sein. Drittens die Lagersysteme der Diktaturen, die beispielsweise in Nordkorea fortbestehen. Au\u00dferdem unterschiedliche Formen von Leibeigenschaft \u2013 sie existieren in einigen L\u00e4ndern S\u00fcdostasiens, in Indien und im Vorderen Orient. Zudem die Praxis des Kinderverkaufs, wahrscheinlich seit Jahrtausenden fortdauernd, vor allem in S\u00fcdostasien \u2013 sie erzeugt unabl\u00e4ssig sklaven\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse, die sehr schwer zu kontrollieren und noch schwerer zu bek\u00e4mpfen sind. Wollten Sie das tun, m\u00fcssten Sie ganze Regionen von Thailand oder Birma \u2013 oder auch von Nordafrika \u2013 unter internationale Kontrolle stellen.<br \/>\nEine fest institutionalisierte, aber relativ milde Form von Unfreiheit ist die Zwangsheirat. Sie betrifft wahrscheinlich mehrere Hunderttausend muslimische Frauen in Deutschland. Denn in einer Ehe wider Willen leben zu m\u00fcssen ist zweifelsfrei eine lebensl\u00e4ngliche Unfreiheit. Eine brutale Form von Unfreiheit ist die Zwangsprostitution \u2013 sie nimmt wieder zu, auch in Westeuropa. Eigentliche Sklaverei existiert in Mauretanien, im Jemen und wahrscheinlich im Sudan \u2013 dort k\u00f6nnen Menschen vor aller Augen verkauft werden wie Sachen; diese Unfreiheit ist also legitim und institutionalisiert, die Beh\u00f6rden intervenieren nicht.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Ist Ihre Unterscheidung nicht zu scharf? L\u00e4sst sich die Sklaverei von den anderen Formen der Unfreiheit wirklich so s\u00e4uberlich trennen?<br \/>\nEgon Flaig: Die Abschaffung der Sklaverei vollzog sich auf dem Globus innerhalb von etwa 150 Jahren. Diese Abolition hat sich immens ausgewirkt auf den Zusammenhang der verschiedenen Kulturen auf unserem Planeten. Denn weil die Sklaverei illegalisiert wurde, gerieten s\u00e4mtliche andere Formen von Unfreiheit unter sehr gro\u00dfen Druck. Erst wenn man die diversen Formen von Unfreiheit in der Geschichte der vergangenen 3000 Jahre ber\u00fccksichtigt, wird \u00fcberhaupt erkennbar, was f\u00fcr ein ungeheurer Einschnitt im 19. Jahrhundert global erfolgte. Die Abolition war ein \u201eKulturbruch\u201c, ich w\u00fcrde sagen: der Kulturbruch schlechthin.<br \/>\nSie selbst liefern den Beweis: Wenn heute noch 40 Millionen Menschen in Unfreiheit sind, dann befindet sich etwa ein halbes Prozent der Menschheit in Unfreiheit, die weit \u00fcberwiegend sogar illegal ist. Das ist ein enormer Fortschritt gegen\u00fcber fr\u00fcheren Epochen. Sogar unsere Emp\u00f6rung \u00fcber Zwangsprostitution, Schuldknechtschaft, Kinderverkauf ist ein historisches Produkt. Denn all das sind soziale Praktiken, f\u00fcr die sich immer Rechtfertigungen finden lassen \u2013 n\u00e4mlich aus \u201ekultureller Besonderheit\u201c. Unsere Emp\u00f6rung dar\u00fcber ist kulturell bedingt und historisch erworben.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Bleibt die Frage, warum wir so wenig von der heutigen Sklaverei h\u00f6ren.<br \/>\nEgon Flaig: Es ist nicht so, dass dar\u00fcber wenig berichtet w\u00fcrde. Aber es ist ein heikles Thema, weil die Durchsetzung des Artikels 4 nach internationalem Recht ius cogens ist, also per Intervention mit UN-Mandat durchgesetzt werden muss; intervenieren reicht nicht, man muss dann ganze Regionen unter UN-Protektorat stellen. Genau auf diese Weise begann die britische Kolonialherrschaft in Afrika. Wollen wir das wirklich?<\/p>\n<p>Tichys Einblick: In Ihrem Buch \u201eWeltgeschichte der Sklaverei\u201c gehen Sie auch darauf ein, dass westliche Truppen Interventionskriege gegen Sklaverei und Sklavenhandel in der muslimischen Welt f\u00fchrten. Wie konnten diese Interventionen aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis des Westens verschwinden?<br \/>\nEgon Flaig: Ein wichtiger Punkt. Die Emirate von Tripolis, Tunis und Algier schickten unentwegt Schiffe aus, um Christen zu versklaven. Davis sch\u00e4tzt die Zahl auf 1,25 Millionen. Europ\u00e4ische M\u00e4chte (Holland, England, Frankreich, D\u00e4nemark, \u00d6sterreich) schickten zwischen 1600 und 1820 etwa 30-mal Kriegsschiffe, welche die H\u00e4fen der Versklaver bombardierten und die Schiffe versenkten. Es half nichts. Obwohl die islamischen St\u00e4dte in Ruinen fielen, h\u00f6rten die Emirate nicht auf mit dem Dschihad zur See.<br \/>\nZeitweise zahlten die USA ein F\u00fcnftel ihres Bundeshaushalts als Tribut an die Barbaresken, damit diese die amerikanischen Handelsschiffe nicht kaperten. Pr\u00e4sident Jefferson h\u00f6rte auf zu zahlen und schickte Kriegsschiffe. Erst als die Franzosen Algier eroberten, war dieser Albtraum zu Ende. Die Kolonisierung des arabischen Nordafrikas ist eine direkte Antwort auf die mehr als 300 Jahre w\u00e4hrenden Kriegsz\u00fcge der Barbaresken gegen die K\u00fcsten Spaniens, S\u00fcdfrankreichs, Italiens. Es wird nicht mehr thematisiert, weil die islamischen Versklavungsrazzien ab 1840 zu einer folkloristischen Veranstaltung verharmlost wurden, etwa in Opern.<br \/>\nTichys Einblick: Auch das Cervantes-Denkmal wurde beschmiert. Der Autor von \u201eDon Quijote\u201c war selbst versklavt worden und kam erst nach langer Gefangenschaft frei. Ist es jetzt Zeit, auch \u00fcber diesen Teil der Geschichte zu sprechen?<br \/>\nEgon Flaig: Dazu war immer Zeit. Denn es geh\u00f6rt zum Nachdenken \u00fcber die Genese des franz\u00f6sischen Kolonialismus. Man versteht den Beginn des Ausgriffs der Franzosen in Nordafrika nicht, wenn man nicht wei\u00df, dass er aus der Gegenwehr der Europ\u00e4er resultierte, die ein f\u00fcr alle Mal mit der muslimischen Piraterie und den Versklavungen Schluss machen wollten. W\u00fcsste Macron dar\u00fcber Bescheid, dann h\u00e4tte er sich nicht f\u00fcr den Kolonialismus entschuldigt.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Es f\u00e4llt auf, dass es eine auch nur \u00e4hnliche kulturelle Autoaggression in Asien nicht gibt. Was bedeutet das auf lange Sicht f\u00fcr die Konkurrenz zwischen Asien und dem Westen?<br \/>\nEgon Flaig: In der \u00f6konomischen Konkurrenz wird Ostasien ohnehin der Sieger bleiben. Das liegt daran, dass die ostasiatischen Kulturen \u00fcberhaupt nicht theokratieanf\u00e4llig sind, m\u00fchelos die westlichen Wissenschaften \u00fcbernehmen und sie weiterf\u00fchren k\u00f6nnen. Da ihre Kultur dem Leistungsprinzip st\u00e4rker verpflichtet ist als die westliche, sind Ostasiaten generell leistungswilliger, und das schafft automatisch Unterschiede in der Arbeitsproduktivit\u00e4t. Au\u00dferdem sind ihre Gesellschaften kulturell homogener; sie haben also eine h\u00f6here Normkonformit\u00e4t, ergo weniger soziale Reibungsverluste und in ihren Bildungssystemen eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Lernhomogenit\u00e4t. Dazu kommt, dass Ostasien kulturell nicht unser Feind ist. Beethoven, Bach und Monteverdi werden in Tokio und Shanghai noch gespielt werden, selbst wenn es in Europa keine Konzerth\u00e4user mehr geben sollte. Es ist wahrscheinlich, dass gro\u00dfe Bestandteile der westlichen Kultur in Ostasien \u00fcberleben werden.<br \/>\nKulturen, die ihre historischen Haltepunkte auf den M\u00fcll werfen, landen selber auf der Halde abgelebter Ordnungen.<br \/>\nDenn sie sind nicht mehr in der Lage, ihre Werte zu verteidigen; folglich l\u00f6sen sie sich auf. Die Kernfrage ist, ob die staatliche Form sozialen Zusammenlebens gerettet werden kann.<\/p>\n<p>Tichys Einblick: Wie l\u00e4sst sich dieses Zusammenleben noch verteidigen?<br \/>\nEgon Flaig: Der Historiker David Engels empfiehlt, dass sich intellektuelle Kreise zusammenschlie\u00dfen, deren existenzielles Anliegen es ist, die Substanz der abendl\u00e4ndischen Kultur in tradierf\u00e4higer Form zu bewahren, damit irgendwann in der Zukunft diese wundervolle Kultur eine Renaissance erleben kann.<\/p>\n<p>Dieses Interview erschien zuerst unter dem Titel \u201eWir erleben eine Kulturrevolution\u201c in Tichys Einblick, Ausgabe 09\/2020.<br \/>\n.<br \/>\n&#8230; Alles vom 21.6.2023 von Alexander Wendt und Egon Flaig bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.tichyseinblick.de\/feuilleton\/buecher\/egon-flaig-die-vergangenheit-untersteht-nicht-den-menschenrechten\/\">https:\/\/www.tichyseinblick.de\/feuilleton\/buecher\/egon-flaig-die-vergangenheit-untersteht-nicht-den-menschenrechten\/<\/a><br \/>\n.<br \/>\n<em><strong>Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei.<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>C.H. Beck, 240 Seiten, 14,95 \u20ac<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Home\u00a0&gt;Global &gt;Kolonialismus &gt;Kulturrevolution &gt;Sklaverei Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt): Klicken oder scrollen\u00a0 Sklavenhandel: 11 Mio durch Weisse und 17 Mio durch Schwarze (4.7.2025) Sklavenhandel: 12 Mio in die USA, 17 Mio in arabische L\u00e4nder (27.10.2023) Egon Flaig: &#8222;Weltgeschichte der Sklaverei&#8220; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/sklaverei\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":27,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-113129","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/113129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=113129"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/113129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":136047,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/113129\/revisions\/136047"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/27"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}