{"id":103760,"date":"2022-08-24T21:37:37","date_gmt":"2022-08-24T19:37:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?page_id=103760"},"modified":"2025-05-22T11:48:02","modified_gmt":"2025-05-22T09:48:02","slug":"deglobalisierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/globalisierung\/deglobalisierung\/","title":{"rendered":"Deglobalisierung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\">Home<\/a>\u00a0&gt;<a title=\"Global\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/\">Global<\/a> &gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/globalisierung\/\">Globalisierung<\/a> &gt;Deglobalisierung<\/p>\n<div id=\"attachment_102200\" style=\"width: 649px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/trachten-g7gipfel-elmau220625pan-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102200\" class=\"size-full wp-image-102200\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/trachten-g7gipfel-elmau220625pan-1.jpg\" alt=\"\" width=\"639\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/trachten-g7gipfel-elmau220625pan-1.jpg 639w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/trachten-g7gipfel-elmau220625pan-1-180x91.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-102200\" class=\"wp-caption-text\">G7-Gipfel in Elmau 26.6.2022: Bayerische Trachten als Alibi-Heimatfolklore<\/p><\/div>\n<ul>\n<li><em>Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt):\u00a0Klicken\u00a0oder scrollen\u00a0<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/europa\/europa-kulturkreis\/\">Die Rekonstruktion Europas: Selbstbehauptung statt Selbstaufl\u00f6sung<\/a>\u00a0(17.5.2025)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/business\/industrie\/deindustrialisierung\/reindustrialisierung\/\">Warum keine Weltmacht ohne Industrie \u00fcberleben kann<\/a> (21.4.2025)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/regional\/\">Die Gesellschaft 4.0 \u2013 Das Prinzip Regionalit\u00e4t<\/a>\u00a0(17.11.2022)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/europa-nationen\/\">Die alternative Vision der gegenw\u00e4rtigen Europ\u00e4ischen Union<\/a>\u00a0 (20.10.2022)<\/li>\n<li>Colin Crough: Globalisierung r\u00fcckg\u00e4ngig machen (19.8.2022)<\/li>\n<li><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/eu-reform\/\">EU-Reform<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/regional\/\">Regional<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/business\/industrie\/deindustrialisierung\/reindustrialisierung\/\">Reindustrialisierung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Colin Crough: Globalisierung r\u00fcckg\u00e4ngig machen<\/strong><br \/>\n<strong>\u201eJetzt endlich umsteuern!\u201c<\/strong><br \/>\n<em>\u201eDeglobalisierung\u201c: Pandemie und Krieg \u2013 hat uns die neue Weltlage in eine \u00c4ra gef\u00fchrt, die die Globalisierung r\u00fcckg\u00e4ngig macht? Der britische Soziologe Colin Crouch fordert, diese k\u00fcnftig sozial-\u00f6kologisch zu bremsen<\/em><br \/>\nMoritz Schwarz<\/p>\n<p>Herr Professor Crouch, was ist die Deglobalisierung?<br \/>\nColin Crouch: Die Frage ist berechtigt, denn tats\u00e4chlich gibt es ganz verschiedene Interpretationen des Begriffs. Ich w\u00fcrde sagen, gemeinhin versteht man darunter einen R\u00fcckzug vom bisherigen System des freien, ungehinderten Welthandels. Etwa betrachten einige afrikanische Nationen diesen f\u00fcr ihre V\u00f6lker als doch recht nachteilig und halten es f\u00fcr besser, st\u00e4rker auf Selbstversorgung zu setzen.<\/p>\n<p>Nicht nur afrikanische Nationen.<br \/>\nCrouch: Genau. Zuerst aber w\u00fcrde ich anerkennen, da\u00df die \u00d6konomen an sich damit recht haben, da\u00df Freihandel allgemein zu mehr Wohlstand f\u00fchrt. Wir m\u00fc\u00dfen uns allerdings im klaren sein, da\u00df das nur dann gilt, wenn die daran Beteiligten auch untereinander konkurrenzf\u00e4hig sind. Ist das nicht der Fall, geht der Freihandel zugunsten der Starken auf Kosten der Schwachen. Oder in unserem Kontext besser gesagt: auf Kosten der Billigsten, also jener, die die schlimmsten Arbeits- und Umweltschutzbestimmungen haben.<\/p>\n<p>Sie meinen, die Globalisierung ist quasi mit \u201ekapitalistischer Schlagseite\u201c verlaufen?<br \/>\nCrouch: Das ist offensichtlich so. Und daher sehe ich den richtigen Weg nicht in einer R\u00fcckkehr zum Nationalstaat, sondern in einer teilweisen Deglobalisierung der bisherigen, vor allem kapitalistischen Globalisierung. Man hat geglaubt, da\u00df Kapitalismus und Demokratie zwangsl\u00e4ufig Hand in Hand gehen. Doch das ist ein Irrtum \u2013 dem wir nachvollziehbarerweise deshalb aufsitzen, weil wir es nach 1945 in unserer Hemisph\u00e4re nur so erlebt haben. Doch gibt es L\u00e4nder, die das Gegenteil beweisen. China etwa hat eine kapitalistische Volkswirtschaft \u2013 die aber einer kommunistischen Diktatur geh\u00f6rt. Ebenso, wenn Sie sich die Wirkung der westlichen Globalisierung in \u00e4rmeren L\u00e4ndern ansehen, so besteht diese im wesentlichen aus einer Verbreitung des Kapitalismus dort, nicht aber demokratischer Werte und Rechte.<\/p>\n<p>Was schlagen Sie vor?<br \/>\nCrouch: Zum Beispiel m\u00fc\u00dfte die Welthandelsorganisation WTO, die bis heute nur daran interessiert ist, staatliche Subventionen und Schutzz\u00f6lle zu verhindern, um m\u00f6glichst freien Welthandel zu garantieren, k\u00fcnftig auch soziale Gesichtspunkte ber\u00fccksichtigen. So k\u00f6nnen ihr derzeit selbst L\u00e4nder beitreten, in denen noch Sklaverei existiert, Kinderarbeit legal ist oder die so gut wie keine Umweltschutzauflagen haben. Das darf nicht mehr m\u00f6glich sein! In Zukunft sollten etwa die Regularien der IAO, der Internationalen Arbeitsorganisation der Uno, von der WTO zu Beitrittskriterien erhoben werden.<\/p>\n<p>Aber w\u00fcrde das nicht einen erheblichen Wettbewerbsnachteil f\u00fcr viele arme L\u00e4nder bedeuten?<br \/>\nCrouch: Das stimmt, die Globalisierung und auch Wachstum und Wohlstand in den Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00fcrden sich deutlich langsamer vollziehen. Daf\u00fcr aber h\u00e4tten die Menschen dort bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Jedoch r\u00e4ume ich ein, da\u00df es f\u00fcr einiges wohl bereits zu sp\u00e4t ist. Denn so manche Entwicklung kann man nicht einfach wieder zur\u00fcckdrehen. Doch h\u00e4tte die WTO diesen Weg schon in den achtziger Jahren eingeschlagen, dann w\u00e4re die Welt heute zweifellos ein bessere. Um so wichtiger ist es, da\u00df wir wenigstens jetzt endlich umsteuern! Damit wir nicht in weiteren vierzig Jahren auch auf unser Heute als eine Zeit der verpa\u00dften Chancen zur\u00fcckblicken.<\/p>\n<p>Moment, Sie schildern Deglobalisierung als etwas zu W\u00fcnschendes. Aber meint der Begriff nicht einen Proze\u00df, der sich bereits vollzieht?<br \/>\nCrouch: Ich sagte ja, da\u00df es verschiedene Interpretationen des Begriffs gibt. Eine weitere ist, darunter das teilweise Zusammenbrechen des globalen Netzwerks zu verstehen, das in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. Etwa der Kollaps zahlreicher Lieferketten, weil diese sich als in Zeiten der Krise zu lang erwiesen haben. Was allerdings nicht \u00fcberraschend ist, ging es bei ihrem Aufbau doch immer nur darum, an die g\u00fcnstigste Ware zu kommen. W\u00e4hrend man sich \u00fcber m\u00f6gliche logistische Probleme oder gar soziale oder \u00f6kologische Implikationen keinerlei Gedanken machte. Doch nat\u00fcrlich treten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Krisen auf, etwa in Form der Corona-Pandemie oder auch kleinerer Ereignisse, wie des Unfalls des Containerschiffs \u201eEver Given\u201c 2021.<\/p>\n<p>Das sechs Tage lang den Suezkanal und damit eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt blockierte.<br \/>\nCrouch: Eben. Oder aber der russische Angriffskrieg, der zur Kappung zahlreicher wirtschaftlicher Verbindungen gef\u00fchrt hat \u2013 sei es durch Produktionsausf\u00e4lle in der Ukraine, durch die Blockade wichtiger Ausfuhren aus dem Land, wie Weizen, oder durch die Sanktionen, die wir gegen Ru\u00dfland verh\u00e4ngt haben. Und in Zukunft k\u00f6nnte bei einer Eskalation in der Taiwanstra\u00dfe auch noch der Zusammenbruch aller Verbindungen zu China hinzukommen \u2013 sowie der Verbindungen zu Taiwan, sollte dieses zu einem Kriegsschauplatz werden. Allerdings mu\u00df es nicht einmal zu einem tats\u00e4chlichen Zwischenfall kommen. Zum Beispiel k\u00f6nnte der Westen China auch einfach als zu m\u00e4chtig betrachten und seine Verbindungen reduzieren, weil er meint, da\u00df diese vor allem China nutzen, um ihn auszuspionieren. Es gibt also etliche bereits eingetretene oder m\u00f6glicherweise noch eintretende Szenarien, die globalisierte Strukturen wieder aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Und folglich kann man in der Tat auch das mit dem Begriff \u201eDeglobalisierung\u201c beschreiben.<\/p>\n<p>Aber ist das, was wir erleben, nicht nur eine Unterbrechung der Globalisierung? Wird nicht, was wir jetzt f\u00fcr die Epochenwende der Deglobalisierung halten, in der k\u00fcnftigen historischen R\u00fcckschau nur wie ein kurzer Aussetzer erscheinen?<br \/>\nCrouch: Ich denke, genau so wird es sein. Denn sobald die jeweilige Krise \u00fcberwunden ist, werden sich die gewinntr\u00e4chtigsten Lieferketten erneut bilden. Weil man ebenso blind wie zuvor auf nichts anderes als den Einkauf m\u00f6glichst g\u00fcnstiger Ware fokussiert sein wird. Und selbst wenn dann wieder eine Krise kommt, wird auch nach dieser wieder die Gier regieren, und so weiter und so fort. Andererseits aber kann das zu einer fatalistischen Einstellung f\u00fchren, die unser ehemaliger Premierminister Tony Blair einmal formuliert hat: Wenn es keine echte Deglobalisierung gibt, sondern immer nur Unterbrechungen der Globalisierung, die danach unvermeidlich weitergehe, bleibe letztlich nichts anderes \u00fcbrig, als sich von ihr \u00fcberrollen zu lassen. Ich sage: Ja, sie wird immer weitergehen. Aber \u201e\u00fcberrollen\u201c? Nein! Den wir k\u00f6nnen sie zwar nicht stoppen \u2013 wohl aber regulieren. Vielleicht sollten wir statt von Deglobalisierung daher besser von regulierter Globalisierung sprechen. Und wer glaubt, ihre Regulierung sei nicht m\u00f6glich \u2013 falsch: Das ist allein eine Frage des politischen Willens!<\/p>\n<p>Aber scheitern denn etwa ein Verbot von Sklaverei und Kinderarbeit und die Durchsetzung sozialer und \u00f6kologischer Mindeststandards am Westen? Bei uns gibt es das alles doch l\u00e4ngst. Sind es nicht L\u00e4nder wie China, die sich beschweren, Demokratie und Menschenrechte seien westliche Werte, deren Aufzwingen man sich verbiete?<br \/>\nCrouch: Das stimmt, doch wenn es um die Durchsetzung von Interessen geht, sind uns im Westen immer nur die des Freihandels und des Kapitalismus wichtig, nicht aber die des sozialen Ausgleichs. Au\u00dferdem frage ich Sie: Wer ist es denn, der B\u00fcrger- und Arbeiterrechte als angeblich \u201ewestliche Werte\u201c ablehnt? Sind das wirklich \u201edie\u201c Chinesen? Das Volk, die Arbeiter und Angestellten? Oder ist das nicht nur die relativ kleine Kaste der kommunistischen Parteif\u00fchrung? Es w\u00e4re v\u00f6llig falsch anzunehmen, da\u00df solche Regierungen f\u00fcr die Interessen und Ansichten ihrer B\u00fcrger sprechen.<\/p>\n<p>Ja, aber k\u00f6nnen wir uns deshalb anma\u00dfen, da\u00df wir f\u00fcr ihre B\u00fcrger sprechen?<br \/>\nCrouch: Das sage ich ja auch nicht. Ich sage, da\u00df wenn wir ein Welthandelssystem schaffen, wir es nach unseren Werten gestalten sollten. Und zwar nicht nur nach denen des Kapitalismus, sondern auch nach denen der Demokratie. Und wenn ein Land dann unserem Welthandelssystem beitreten m\u00f6chte: Herzlich willkommen \u2013 aber das hier sind die Regeln, und auf denen bestehen wir!<\/p>\n<p>Nicht wenige verstehen unter Deglobalisierung etwas weiteres, n\u00e4mlich das Scheitern des Westens \u2013 egal ob in Gestalt kapitalistischer oder demokratischer Werte.<br \/>\nCrouch: Das Scheitern des Westens liegt in dem inh\u00e4renten Widerspruch begr\u00fcndet, in dem seine Werte zueinander stehen: Zwar ist der Kapitalismus auch westlicher Herkunft, aber wenn wir unter \u201ewestlichen Werten\u201c Demokratie, sozialen Fortschritt und Umweltbewu\u00dftsein verstehen, dann war die westlich-kapitalistische Globalisierung bisher zugleich auch ein Frontalangriff auf unsere eigenen Werte! Deshalb votiere ich ja f\u00fcr eine regulierte Globalisierung, die zwar den Freihandel f\u00f6rdert \u2013 aber nicht auf Kosten, sondern im Ausgleich mit demokratischer, sozialer und \u00f6kologischer Entwicklung.<\/p>\n<p>Bei diesem Deglobalisierungs-Verst\u00e4ndnis ist aber wohl etwas anderes gemeint, n\u00e4mlich da\u00df nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Welt \u2013 mit Ausnahmen wie Kuba, Nordkorea und einiger islamischer L\u00e4nder \u2013 fast v\u00f6llig unter westlichen Einflu\u00df geraten ist. Doch dieser \u201eDurchmarsch\u201c des Westens endet nun, ja er ist regressiv: wegen des Aufstiegs Chinas, Indiens und vielleicht k\u00fcnftig auch Brasiliens zu Welt- oder Gro\u00dfm\u00e4chten sowie wegen der Neuausrichtung des bisherigen Partners Ru\u00dfland, als \u201eneuem alten\u201c Gegner des Westens.<br \/>\nCrouch: Das mag vorkommen, aber entscheidend ist doch, da\u00df auch all diese neuen M\u00e4chte weiterhin nach kapitalistischen Werten verfahren! Es mangelt also an Rechten: das Recht auf freie Rede, Arbeitnehmerrechten, Frauenrechten, Minderheitenrechten etc. Sind das \u201ewestliche Rechte\u201c, wie einige einwenden, oder nicht doch universelle Menschenrechte? Gewi\u00df gibt es viele Menschen in diesen L\u00e4ndern, besonders in Indien und Brasilien, die f\u00fcr solche Rechte k\u00e4mpfen \u2013 mit oder ohne Hilfe des Westens!<\/p>\n<p>Ob nun \u201eEpochenwende\u201c oder nur \u201ekurze Unterbrechung\u201c \u2013 wie sollten unsere Regierungen auf die Deglobalisierung reagieren?<br \/>\nCrouch: Nun, warum eigentlich waren westliche Regierungen oft so versessen darauf, die Globalisierung voranzutreiben, wenn sie sich doch auch auf ihre L\u00e4nder negativ auswirkt? Ich glaube, dahinter steckt die neoliberale Idee, da\u00df die Menschen sich nicht als Arbeitnehmer, sondern als Konsumenten verstehen sollen. Warum? Weil man ihnen nur ungern h\u00f6here L\u00f6hne zahlen m\u00f6chte. Um sie aber dennoch zu belohnen, bot man ihnen lieber die Waren g\u00fcnstiger an. Und zwar, indem man diese nicht mehr im eigenen Land, sondern in Bangladesch, Indien, China etc. herstellen lie\u00df. Das war der \u201eDeal\u201c, den man, speziell in den USA, ab den siebziger Jahren quasi mit den Arbeitnehmern \u201egeschlossen\u201c hatte: Erh\u00f6hung des Lebensstandards durch niedrigere Preise zu Lasten der Arbeiter in armen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Aber sind die Reall\u00f6hne, auch in den USA, nicht kontinuierlich gestiegen?<br \/>\nCrouch: Nein. Es gibt seit drei\u00dfig oder vierzig Jahren eine Stagnation der Reall\u00f6hne unter amerikanischen Arbeiternehmer mit mittleren und niedrigen L\u00f6hnen. Ihr Lebensstandard war durch billige Importe und durch jene unsicheren Kredite m\u00f6glich, die schlu\u00dfendlich eine Ursache der Finanzkrise von 2008 waren.<\/p>\n<p>Mu\u00df in Zukunft nicht jede Regierung eine Phase der Deglobalisierung mitdenken und einplanen \u2013 also ein gewisses Ma\u00df an Autarkie anstreben, ein Land nicht v\u00f6llig abh\u00e4ngig machen etc.?<br \/>\nCrouch: \u201eMitdenken und einplanen\u201c gewi\u00df \u2013 \u201eAutarkie anstreben\u201c aber gar nicht. Denn die Welt hat eine konstruktive Mitarbeit sowie eine geteilte Souver\u00e4nit\u00e4t durch die Staaten, die guten Willens sind, absolut n\u00f6tig: um eine chaotische, kompetitive Deglobalisierung zu vermeiden und Herausforderungen wie der Klimakrise und eventuellen neuen Pandemien gegen\u00fcberzutreten. Nur kostet all das nat\u00fcrlich Geld. Denn dann ist es nicht mehr m\u00f6glich, immer nur auf den g\u00fcnstigsten Preis zu schielen. Das ist ja eine Lektion, die Ihr Land gerade mit Blick auf das russische Erdgas lernen mu\u00df. Ich f\u00fcrchte aber, sobald eine Krise vorbei ist, werden die meisten Politiker kein Interesse mehr daran haben, den B\u00fcrgern f\u00fcr Krisenvorsorge etwas extra abzuverlangen \u2013 bis uns dann die n\u00e4chste Krise trifft. Auch das ist also ein Argument daf\u00fcr, die Globalisierung dringend zu regulieren!<br \/>\n&#8230; Alles vom 19.8.2022 bitte lesen in der JF 34\/22, Seite 3<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.junge-freiheit.de\">https:\/\/www.junge-freiheit.de<\/a><br \/>\n.<br \/>\n<em>Prof. Dr. Colin Crouch: Der Soziologe und Politikwissenschaftler gilt seit seinem Buch \u201ePostdemokratie\u201c (2008) \u2013 einer der \u201emeistbeachteten politischen Schriften der vergangenen Jahre\u201c (Spiegel) \u2013 als \u201eder Mann, der die europ\u00e4ische Demokratiedebatte aufgeladen hat\u201c (Zeit). Auch seine folgenden B\u00fccher wie etwa \u201eDie bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzm\u00e4rkte das Wissen bedroht\u201c (2015) oder \u201eDer Kampf um die Globalisierung\u201c (2018) fanden hierzulande Beachtung. 2021 erschien mit \u201ePostdemokratie revisited\u201c sein j\u00fcngster Band. Colin Crouch wurde 1944 in London geboren und lehrte in Oxford, Florenz und an der Universit\u00e4t Warwick in Coventry.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Home\u00a0&gt;Global &gt;Globalisierung &gt;Deglobalisierung Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt):\u00a0Klicken\u00a0oder scrollen\u00a0 Die Rekonstruktion Europas: Selbstbehauptung statt Selbstaufl\u00f6sung\u00a0(17.5.2025) Warum keine Weltmacht ohne Industrie \u00fcberleben kann (21.4.2025) Die Gesellschaft 4.0 \u2013 Das Prinzip Regionalit\u00e4t\u00a0(17.11.2022) Die alternative Vision der gegenw\u00e4rtigen Europ\u00e4ischen Union\u00a0 (20.10.2022) Colin Crough: &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/globalisierung\/deglobalisierung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":1180,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-103760","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/103760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103760"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/103760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":134271,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/103760\/revisions\/134271"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}