{"id":101245,"date":"2022-05-26T14:16:37","date_gmt":"2022-05-26T12:16:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?page_id=101245"},"modified":"2025-06-10T08:42:42","modified_gmt":"2025-06-10T06:42:42","slug":"tellkamp","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/tellkamp\/","title":{"rendered":"Tellkamp"},"content":{"rendered":"<p>Home &gt;<a title=\"Kultur\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/\">Kultur<\/a>\u00a0&gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/deutsche-kultur\/\">Deutsche Kultur<\/a>\u00a0&gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/aufklaerung\/\">Aufkl\u00e4rung<\/a>\u00a0&gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/\">Dichter<\/a> &gt;<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/ddr2-0\/\">DDR2.0<\/a> &gt;Tellkamp<\/p>\n<div id=\"attachment_98250\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dresden-traenenmeer20220131pan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98250\" class=\"size-full wp-image-98250\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dresden-traenenmeer20220131pan.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dresden-traenenmeer20220131pan.jpg 640w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dresden-traenenmeer20220131pan-180x101.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-98250\" class=\"wp-caption-text\">Gedenkst\u00e4tte zur Bombardierung von Dresden 13.2.195: M\u00e4dchen im Tr\u00e4nenmeer gef\u00e4llt Ende Januar 2022<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><em>Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt):\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Klicken<\/span>\u00a0oder scrollen<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/buchmesse\/\">Alternative Buchmesse \u201eSeitenwechsel\u201c am 8.\/9.11.2025 in Halle<\/a> (8.6.2025)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/unseredemokratie\/\">Manfred Haferburg: Der \u00dcbergang von Demokratie in \u201eunsere Demokratie\u201c<\/a>\u00a0(23.3.2025)<\/li>\n<li>Tellkamp: &#8222;Auch die mediale Figur Uwe Tellkamp ist eine Fiktion\u201c (26.6.2022)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/denunziation\/ausgrenzung\/\">Den (linken) Moralisten widersetzen<\/a>\u00a0(27.5.2022)<\/li>\n<li>Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren (27.5.2022)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/uwe-tellkamp-doku-in-3sat\/\">Uwe Tellkamp \u2013 Doku in 3Sat<\/a>\u00a0(21.5.2022)<\/li>\n<li><a title=\"Repression\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/repression\/\">Tellkamp ausgeladen: Die Tyrannei der engen W\u00e4nde<\/a>\u00a0(18.1.2020)<\/li>\n<li><a title=\"B\u00e4rbel Bohley \u2013 Prophezeiung\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/baerbel-bohley-prophezeiung\/\">B\u00e4rbel Bohley \u2013 Prophezeiung<\/a>\u00a0(21.12.2019)<\/li>\n<li><a title=\"Mauerfall1989\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/mauerfall1989\/\">Monika Maron: Unser galliges Gel\u00e4chter \u2013 Zum Mauerfall vor 30 Jahren<\/a>\u00a0(7.11.2019)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/tellkamp\/\">Erosion der Meinungsfreiheit \u2013 Uwe Tellkamp<\/a> (7.11.2019)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/dresden\/\">Uwe\u00a0Tellkamp: Das Volk ist nicht links<\/a> (13.10.2019)<\/li>\n<li><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/dresden\/\">Dagmar Dagen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/maron\/\">Monika Maron<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tellkamp: &#8222;Auch die mediale Figur Uwe Tellkamp ist eine Fiktion\u201c<\/strong><br \/>\n<em>Jeder Satz von ihm wird abgeklopft, jeder Kontakt be\u00e4ugt, jeder Text auf Skandaltauglichkeit \u00fcberpr\u00fcft. <\/em><br \/>\n<em>Jetzt liegt der neue Roman des Dresdner Autors Uwe Tellkamp vor: \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c. Tichys Einblick sprach mit ihm \u00fcber Rezensenten und seinen Blick auf die Zukunft<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\nHaben Sie schon einmal daran gedacht, auszuwandern?<br \/>\nDas tue ich nahezu jeden Tag. Ich wandere \u201enach unten\u201c, in den Berg, in die Labyrinthe und zu den Akten. Dort atmen schweigend andere Zeiten.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, das Romanprojekt, in dem der \u201eTurm\u201c und \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c nur Teile bilden, geht weiter?<br \/>\nIch hatte den Verlag gefragt, ob er bereit ist, das ganze Projekt zu machen. Das war er. Ja, von mir aus geht es weiter.<\/p>\n<p>Ohne die B\u00fccher in eine Reihe stellen zu wollen: Dave Eggers entwirft in \u201eEvery\u201c das Bild einer f\u00fcrsorglichen \u00dcberwachungsdiktatur, Michel Houellebecq in \u201eVernichten\u201c ein Frankreich mit einer verkommenen Presse und einem clownesken Pr\u00e4sidentschaftskandidaten. Ihr Roman blickt auch nicht optimistisch auf die Gegenwart. Sehen Sie trotzdem die Chance auf eine bessere Gesellschaft?<br \/>\nDoderer verglich das \u201ebedeutende Ereignis\u201c in der Geschichte mit einem Steinwurf in einen See: Die Wellen kr\u00e4useln sich, rollen ans Ufer, die Bilder werden unleserlich; aber nach einer Weile beruhigt sich alles, still liegt er wieder, der See, die Anwohner gehen wieder Tennis spielen, ins Theater und trinken Wein, denken an Fahrerlaubnisverl\u00e4ngerung und den n\u00e4chsten Deb\u00fctantenball. Es scheint ein Pendelschlag zu existieren, wir fahren jetzt f\u00fcr eine Weile nach links, dann wird es wohl f\u00fcr eine Weile nach rechts gehen, und um die Mitte bleibt das Fazit des gelebten Lebens. Und sage keiner, es sei nicht interessant.<br \/>\n&#8230; Alles vom 26.6.2022 bitte lesen auf <a href=\"https:\/\/www.tichyseinblick.de\/feuilleton\/buecher\/auch-die-mediale-figur-uwe-tellkamp-ist-eine-fiktion\/\">https:\/\/www.tichyseinblick.de\/feuilleton\/buecher\/auch-die-mediale-figur-uwe-tellkamp-ist-eine-fiktion\/<\/a><\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><strong>Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren<\/strong><br \/>\n<strong>\u201eDann ist das traumatisch\u201c<\/strong><br \/>\n<em>Uwe Tellkamp: Mit \u201eDer Turm\u201c gelang ihm 2008 ein gefeiertes Meisterwerk. 2018 geriet er wegen seiner Kritik an der Asylpolitik in die Kontroverse. Nun legt der vielfach preisgekr\u00f6nte Schriftsteller die von vielen Kritikern befehdete \u201eTurm\u201c-Fortsetzung \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c vor.<\/em><\/p>\n<p>Herr Tellkamp, warum haben Sie sich nach so langer Zeit nun doch zu einem Interview mit dieser Zeitung entschlossen?<br \/>\nUwe Tellkamp: Auch ein Schriftsteller ist eben in seinen Entscheidungen nicht v\u00f6llig frei. Was meine ich damit? Seelenfrieden! Denn jedes Interview, das ich gab, vor allem wenn ich gewagt habe, die Grenzen des Diskursraumes zu \u00fcbertreten, hatte eine unfa\u00dfbare Flut an Anw\u00fcrfen und Unterstellungen zur Folge, so da\u00df ich nicht mehr zum Arbeiten kam.<\/p>\n<p>Um so mehr stellt sich die Frage, warum Sie sich nun dennoch f\u00fcr das Interview entschieden haben?<br \/>\nTellkamp: Weil ich endlich meinen Roman \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c fertiggestellt habe, was ohne einen gewissen Seelenfrieden unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Jetzt kann ich auch wieder Citoyen sein, also ein politisch bewu\u00dfter B\u00fcrger, der sich einmischt. Und warum ich gerade der JUNGEN FREIHEIT ein Interview gebe? Warum nicht? Ich w\u00fcrde auch der taz eines geben, nur fragt die mich nicht. Ich m\u00f6chte damit auch ein Zeichen gegen die uns\u00e4gliche \u201eAusgrenzeritis\u201c setzen, von der wir hierzulande befallen sind, und die dazu gef\u00fchrt hat, da\u00df aus unserer Meinungsfreiheit ein \u00fcberwachter Diskursraum geworden ist, aus dem gewisse Akteure ferngehalten werden. Fragt man aber nach, warum, so hei\u00dft es, das seien Extremisten. Nur, wer bitte legt das fest? Tats\u00e4chlich erfolgt die Ausgrenzung willk\u00fcrlich sowie mit gr\u00f6\u00dferer Sch\u00e4rfe gegen rechts. Das aber hat mit Freiheit, Liberalit\u00e4t und einer offenen Gesellschaft nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>Sie haben erk\u00e4rt, der kryptische Titel Ihres neuen Romans sei auch ein Sinnbild f\u00fcr Schlaf, der nicht mehr zu finden ist und die Unruhe, die daraus folgt \u2013 und die gleich jener Unruhe ist, die in Gesellschaften g\u00e4rt, in denen \u00fcber Tabuthemen nicht diskutiert werden darf. H\u00e4lt \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c den Verh\u00e4ltnissen, die Sie oben beschrieben haben, also den Spiegel vor?<br \/>\nTellkamp: Auch, ich denke aber, die Unruhe unserer Gesellschaft reicht tiefer. Seit der Finanzkrise 2008, sp\u00e4testens aber seit 2015 sind wir in permanenter Unruhe, als auf die Asyl-, die Corona- und darauf die Ukraine-Krise folgte. Und nun droht auch noch eine Preiskrise. Mir erscheint unsere Gesellschaft durch all das hysterisiert, von \u00c4ngsten gequ\u00e4lt und wie schlaflos, zugleich aber tief ruhebed\u00fcrftig. Dazu kommt, da\u00df wir eine \u00fcberalterte Gesellschaft sind \u2013 und \u00e4ltere Menschen neigen zu \u00c4ngsten, da ihnen der Mut der Jugend fehlt.<\/p>\n<p>Also geht es doch nicht um die Friedhofsruhe, die durch Diskursverweigerung entsteht?<br \/>\nTellkamp: Die spielt auch eine Rolle, ein Romantitel kann ja schillernd, vielf\u00e4ltig interpretierbar sein. Zudem h\u00e4ngt das eine mit dem anderen zusammen, etwa hat der Wechsel von der alten, analogen zur digitalen Welt von heute, mit ihrer schnellen, st\u00e4ndigen Kommunikation, sowohl unsere Unruhe als auch unsere politische Hysterisierung bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Ist Ihr Roman eine politische Stellungnahme?<br \/>\nTellkamp: Er ist politisch, aber nicht im Sinne einer Partei oder Agenda. Fabian, die Hauptfigur, ist eher Beobachter der Politik, die ihn umgibt. Und obwohl er das nicht will, denn eigentlich ist er ein Idylliker, greift sie immer mehr in sein Leben ein. Das aber, so erinnert er sich, hat er schon einmal erlebt, n\u00e4mlich in der Diktatur, in der er aufwuchs.<\/p>\n<p>Sie meinen die DDR, auch wenn sie nicht so hei\u00dft, da Ihr Roman in einer Phantasiewelt spielt \u2013 in der man aber Z\u00fcge des heutigen Deutschlands erkennen kann.<br \/>\nTellkamp: Fabian wird klar, da\u00df es beginnt, wieder zu werden wie damals: Denn in der Diktatur seiner Jugend gab es, anders als oft behauptet, keine unpolitischen R\u00fcckzugsr\u00e4ume. Allein schon wen man kennenlernte, war dort mit Politik verkn\u00fcpft, ebenso die Schule, die Karriere, was man lesen oder wohin man reisen konnte. Fabian erkennt, da\u00df Politik nichts Abstraktes ist, sondern ein Ordnungsversuch \u2013 n\u00e4mlich die Ordnung der Polis, wie die antike Stadt hie\u00df, die gleichzeitig vielleicht die erste politische Gemeinschaft war. Deshalb will er verstehen, warum die Polis eine so gro\u00dfe, in das Leben eingreifende Macht darstellt. Was treibt das an? Welche Interessen stehen dahinter? Warum ist es unausweichlich? Warum bilden sich selbst in anarchischen Gesellschaften unvermeidlich Parteien und Regierung? Kurz: Wieso kann, obwohl fast keiner die Politik liebt, niemand ihr entgehen?<\/p>\n<p>Fabian sucht den, der seine Eltern an die Geheimpolizei verraten hat. Ist seine Suche eine Metapher \u2013 oder nur ein Handlungsger\u00fcst, das das Geschehen tr\u00e4gt?<br \/>\nTellkamp: Da tauchen wir nun tief ein: Zu Beginn st\u00f6\u00dft er auf Nemo, der Kapit\u00e4n ist und in dieser merkw\u00fcrdigen Unterwelt, in der der Roman spielt, umherf\u00e4hrt. Fabian folgt ihm dorthin, um herauszufinden, wer der Verr\u00e4ter seiner Eltern ist. Doch er beginnt sich zu fragen, was Verrat eigentlich ist? Schlie\u00dflich, ob er nicht gar selbst der T\u00e4ter sein k\u00f6nnte? Denn um in Nemos Unterwelt zu gelangen, mu\u00df er Mitglied der \u201eSicherheit\u201c werden, einer Art Nachrichtendienst, die dort residiert. Das jedoch ist heikel, denn er ist das Kind von Dissidenten und wollte mit solchen M\u00e4chten nie etwas zu tun haben. Nun aber mu\u00df er einen Bund mit ihnen schlie\u00dfen, einen klassischen faustischen Pakt, besiegelt mit Blut. Auch wenn das erst im Folgeband erz\u00e4hlt wird, denn \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c ist der erste Teil eines Werkes, an dessen zweiten Teil ich mich noch machen mu\u00df.<\/p>\n<p>Der Roman besteht auch aus unz\u00e4hligen Exkursen, Reflexionen aller m\u00f6glichen Fragen, etwa wie politische Meinung entsteht und in der Gesellschaft Gefolgschaft einfordert. Findet sich der stellungnehmende politische Teil also nicht in der Handlung, sondern hier?<br \/>\nTellkamp: Ja, diese Elemente sind Diskurse, Untersuchungen, Berichte, die etwa Fabians Besch\u00e4ftigung mit dem Fiktivum Treva behandeln.<\/p>\n<p>\u201eTreva\u201c ist der Phantasiestaat, in dem Ihr Roman spielt und der offenbar die Bundesrepublik reflektiert.<br \/>\nTellkamp: Ich w\u00fcrde Treva vor allem als eine soziale Schichtung bezeichnen, deren Struktur und Funktionieren Fabian zu ergr\u00fcnden sucht. Zumal immer mehr der alten D\u00e4monen zur\u00fcckkehren, die so lange im Schlaf in den Uhren lagen und von der Gesellschaft Trevas daher f\u00fcr \u00fcberwunden gehalten wurden, obwohl sie in Wahrheit nur verdr\u00e4ngt waren. Es sind D\u00e4monen wie die Frage nach der Identit\u00e4t Trevas: Wer sind wir eigentlich? Wohin wollen wir? Haben wir ein Ziel? Gar eine Utopie? Entsteht eine Ideologie? Immer mehr ger\u00e4t die Gesellschaft Trevas in Aufruhr \u00fcber diese Fragen. Das wiederum treibt Fabian an, mehr und mehr zu ergr\u00fcnden. Sie sehen, es gibt ein elementares Interesse als Grundlage des Romans: die Neugier \u2013 die Fabian verk\u00f6rpert. Dabei wei\u00df selbst ich, der Autor, nicht, was er findet. Denn wie Fabian in die Unterwelt, so fahre ich in die Thematik des Romans ein, wie in ein Bergwerk aus Zeit, Geschichte, Erz\u00e4hlungen. Um mich durch seine Stollen zu graben, nach Erkenntnis zu sch\u00fcrfen und zu entdecken, wie all das lebt.<\/p>\n<p>Die Erkenntnisse Fabians erscheinen wie ein sich verdichtendes Unheil: die Freiheit wird immer kleiner, der B\u00fcrger mehr und mehr zum Untertan. Geschieht das so, weil Sie es in unserer Welt ebenso empfinden?<br \/>\nTellkamp: Das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Aber in der Tat wird in unserer Gesellschaft der Spielraum f\u00fcr bestimmte Meinungen immer enger. Vor allem betrifft das das Thema Identit\u00e4t. Nehmen Sie etwa die Nation. Ist sie an sich schon nationalistisch? Ich denke, nein. Oder nehmen Sie unser Verh\u00e4ltnis zur deutschen Geschichte und Kultur \u2013 das mir heute stark auf die Jahre 1933 bis 1945 beschr\u00e4nkt zu sein scheint. Oder unser Verh\u00e4ltnis zur klassischen Familie, dem unterstellt wird, es f\u00fchre zur Unterdr\u00fcckung anderer Formen des Zusammenlebens. Dabei geht es doch nur darum, wie wir zu dieser Grundlage unserer Gesellschaft stehen. Denn sie erh\u00e4lt und stabilisiert die Gesellschaft, w\u00e4hrend wir die klassische, immer noch die Mehrheit bildende Familie vernachl\u00e4ssigen und untergraben. Nun glauben Menschen, die diese Themen f\u00fcr historisch l\u00e4ngst erledigt halten \u2013 etwa ein links-liberaler Beamter in Berlin-Mitte \u2013, es g\u00e4be keine Diskursbeschr\u00e4nkung, da sie ja gar kein Interesse an Diskursen dieser Art haben. W\u00e4hrend aber ein Citoyen wie ich, der sich als konservativ versteht \u2013 was ich nicht aus Ignoranz bin, sondern weil ich abw\u00e4ge: was hat sich bew\u00e4hrt, was mu\u00df sich erst noch bew\u00e4hren \u2013, diese Beschr\u00e4nkungen sehr stark sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>St\u00f6\u00dft man an diese Diskursschranken, hei\u00dft es: Wer sich \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfert, m\u00fcsse eben Widerspruch ertragen.<br \/>\nTellkamp: Ja, doch geht das Argument daneben, denn bei den Diskursschranken handelt es sich doch nicht um einfachen Widerspruch, sondern um soziale Sanktionen! Dann aber wird einem gesagt: Tja, soziale Konsequenzen gehen nun mal schon immer mit Widerspruch einher. Gut, das stimmt. Aber der Punkt ist, da\u00df Positionen wie die meinen \u00fcberhaupt mit Sanktionen verbunden sind, das ist das Problem! Denn es handelt sich um solche, die bis 2005 in der Mitte der Gesellschaft lagen, die etwa die CDU\/CSU bis dahin wie selbstverst\u00e4ndlich vertreten hat! Und die \u00fcbrigens heute noch von gesch\u00e4tzt vierzig Prozent der Bev\u00f6lkerung geteilt werden.<\/p>\n<p>M\u00fc\u00dfte diese Argumentation nicht auch der Linken einleuchten? Schlie\u00dflich lobt sie die CDU f\u00fcr das Aufgeben dieser Positionen, was Ihre These also best\u00e4tigt. Warum werden Sie dann dennoch wahlweise als eine Art Krypto-Nazi oder ein Verwirrter behandelt, Motto: Was ist blo\u00df falsch gelaufen mit dem Tellkamp?<br \/>\nTellkamp: Das frage ich mich auch. Ich vermute, da wir in ganz verschiedenen Welten leben, haben wir eine unterschiedliche Wahrnehmung der Dinge.<\/p>\n<p>Klar, allerdings mu\u00df man zum Beispiel kein Homosexueller sein, um deren fr\u00fchere Ausgrenzung als ungerecht zu erkennen. Also m\u00fc\u00dften doch auch Linke in der Lage sein, zu erkennen, da\u00df hierzulande bei Rechten mit zweierlei Ma\u00df gemessen wird.<br \/>\nTellkamp: Das setzt aber Neugier und die F\u00e4higkeit, sich in andere hineinzuversetzen, voraus. Zudem: Solche Sichtweisen entwickeln Menschen, die selbst eine Minderheitenerfahrung gemacht haben.<\/p>\n<p>Das haben die Linken doch, sogar f\u00fcr lange Zeit.<br \/>\nTellkamp: Aber ebenso bestimmen sie schon seit Jahrzehnten mehr und mehr die Diskurse, und heute sind sie saturiert und haben sich an die Macht gew\u00f6hnt. Dazu kommt, da\u00df wir es mit immer mehr nachkommenden Linken zu tun haben, die nur noch erleben, in der Mehrheit zu sein. Was offenbar auch dazu f\u00fchrt, da\u00df sie sich nicht mehr mit der Realit\u00e4t auseinandersetzen m\u00fcssen. Was wiederum etliche alte Linke, die dazu noch gezwungen waren, ich denke etwa an Sahra Wagenknecht, ebenso ersch\u00fcttert wie mich.<\/p>\n<p>J\u00fcngst haben Sie in der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c gesagt: \u201eIch will keine Frankfurter Zust\u00e4nde &#8230; ich h\u00e4tte gerne, unter Achtung anderer Kulturen, meine erhalten. \u201c<br \/>\nTellkamp: Blicken wir auf die Alterskohorte der heute 18- bis 35j\u00e4hrigen, die der Grundstock der kommenden Generationen in Deutschland ist, dann sieht deren Zusammensetzung ganz anders aus als etwa noch die meinige. Und da stellt sich nat\u00fcrlich unweigerlich die Frage: Was bedeutet das? Was kommt da auf uns zu? Ist das gut? Was ich meine ist, es mu\u00df wieder m\u00f6glich sein, da\u00df wir uns auch \u00fcber uns selbst Gedanken machen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcrchten Sie?<br \/>\nTellkamp: Was ich vor allem f\u00fcrchte, ist der Abri\u00df einer \u00dcberlieferung. Denn was ist es, was uns berechtigt, zu sagen: Das geh\u00f6rt uns. Zum Beispiel: Was berechtigt uns, hierzulande die Stra\u00dfen deutsch zu benennen? Es ist diese \u00dcberlieferung: Hier liegen unsere Vorfahren, die mit ihrem Leben daf\u00fcr bezahlt haben. Ihr Leben ist nur unsichtbar geworden, doch was sie geleistet haben, ist in den Aufbau des Landes und sein Erbe eingeflossen \u2013 zum Beispiel in seine Kirchen, in das Antlitz seiner St\u00e4dte, in seine M\u00e4rchen und Erz\u00e4hlungen, Sitten und Gebr\u00e4uche. Nat\u00fcrlich zusammen mit vielen fremden Einfl\u00fcssen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, da\u00df auf diese Weise hier ein spezifischer Kulturraum entstanden ist. Nehmen Sie etwa Dresden, dort hat man italienische Architekten geholt \u2013 aber sie haben eben hier gebaut, ihre Geb\u00e4ude stehen heute hier. Und der Mensch, der hier lebt, der nimmt diese Architektur als ihm zugeh\u00f6rig an, w\u00e4hrend er gleichzeitig seine eigene Lebenszeit hier einzahlt. So entsteht eine Kontinuit\u00e4t \u2013 oder wie der Filmemacher Thomas Heise treffend gesagt hat: \u201eHeimat ist ein Raum aus Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Mit Blick auf Geburtenschwund und Einwanderung haben Sie im \u201eSZ\u201c-Interview auch gesagt, da\u00df man, w\u00e4re unser Land die Deutsche Bahn, von einem \u201ePersonalwechsel\u201c sprechen m\u00fc\u00dfte. Was meinen Sie?<br \/>\nTellkamp: Was ist denn ein Volk \u00fcberhaupt? Es ist eine gemeinsame, pr\u00e4gende Kultur. Und wenn diese sich nicht mehr langsam und organisch, sondern pl\u00f6tzlich und disruptiv ver\u00e4ndert, dann ist das traumatisch! Zum Beispiel wenn sich \u2013 noch nicht in Dresden, aber in westdeutschen St\u00e4dten \u2013 Menschen in ihren eigenen St\u00e4dten nicht mehr zu Hause, sondern fremd vorkommen, dann mu\u00df man das ernst nehmen. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen damit anfangen, dar\u00fcber, nat\u00fcrlich in aller Gesittetheit, aber endlich offen zu diskutieren.<\/p>\n<p>&#8230; Komplettes Interview vom 27.5.2022 von Moritz Schwarz bitte lesen in der JF 22\/22, Seite 3<br \/>\n.<br \/>\n<em>Uwe Tellkamp, gelang mit \u201eDer Turm\u201c \u201ewahrscheinlich der Roman des Jahrzehnts (und) der ultimative Roman \u00fcber die DDR\u201c (Tilman Krause). Von der Kritik gefeiert, erhielt der 1968 in Dresden geborene Arzt und Schriftsteller 2008 den Deutschen Buchpreis. 2009 folgten der Deutsche Nationalpreis und andere Auszeichnungen. Nach drei Erz\u00e4hlungen erscheint nun sein neuer Roman \u201eDer Schlaf in den Uhren\u201c. F\u00fcr ein fr\u00fches Fragment davon gewann er 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Home &gt;Kultur\u00a0&gt;Deutsche Kultur\u00a0&gt;Aufkl\u00e4rung\u00a0&gt;Dichter &gt;DDR2.0 &gt;Tellkamp &nbsp; Listenauswahl eines Beitrags (Artikel\/Datum, Seite\/Inhalt):\u00a0Klicken\u00a0oder scrollen Alternative Buchmesse \u201eSeitenwechsel\u201c am 8.\/9.11.2025 in Halle (8.6.2025) Manfred Haferburg: Der \u00dcbergang von Demokratie in \u201eunsere Demokratie\u201c\u00a0(23.3.2025) Tellkamp: &#8222;Auch die mediale Figur Uwe Tellkamp ist eine Fiktion\u201c (26.6.2022) &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/tellkamp\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":1028,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-101245","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/101245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101245"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/101245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135026,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/101245\/revisions\/135026"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}