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Palermo – ein Ort voller Widersprüche
Am Abendhimmel kreisen golden die Möwen: Palermo ist die diesjährige Kulturhauptstadt Italiens
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Wenn am Abend die Laternen die winkligen Gassen und breiten Boulevards in goldenes Licht tauchen, wenn all die bedeutenden Bauwerke vom normannischen Königspalast, der Kathedrale, den unzähligen Barockkirchen bis zum gotischen Palazzo Steri – der einstigen Inquisition – golden angestrahlt sind und am dunkelblauen Himmel golden leuchtend die Möwen kreisen, dann spätestens offenbart sich auch dem Kurztouristen die märchenhafte Pracht dieser Stadt, dieser jugendlichen Stadt, dieser mythischen Stadt: Palermo – Hauptstadt Siziliens und Capitale Italiana della Cultura 2018.
Ihr Mythos, ihr Bild formt sich aus der Größe ihrer Geschichte, orientalisch-bunten Märkten, byzantinischen Mosaiken, porphyrnen Särgen römisch-deutscher Kaiser, weißen Oratorien, in denen niedliche Putten ihr Wesen und Unwesen treiben, roten Kuppeln eines arabisch-normanischen Stils sowie einem blauen Meer und blauen Himmel, welche die in Pastelltönen daliegende Stadt rahmen.
Von jeher wird Palermo als eine der faszinierendsten Städte Europas gepriesen. So von Johann Wolfgang von Goethe, der sie 1787 besuchte und hier am 13. April jenen berühmten Satz schrieb: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“ Oder von Richard Wagner, der hier 1882 seinen „Parsifal“ vollendete, angeregt auf Spaziergängen in den paradiesischen Gärten mit ihren Düften und Farben. Oder von Ernst Jünger, der in seinem Reisetagebuch „Aus der goldenen Muschel“ erzählt, wie er 1929 dieses „Juwel“ fand, „an dessen Fassung alle Mächte, die es je besaßen, ziseliert haben“.
Ja, alle Herrscher der Insel haben hier geformt. In phönizischer Zeit war die Stadt schon bedeutender Handelsplatz, blieb es unter den Römern und Byzanz. Nach der Eroberung durch die Araber 827 wurde sie prächtig erweitert, die Landschaft zwischen Stadt und den sie im Halbkreis umgebenden Bergen mit einem ausgetüftelten Bewässerungssystem für Orangen- und Zitronenhaine kultiviert, jene berühmte Conca d’oro; in der Nachkriegszeit ging dieser Garten Eden unter planlos hineingeschlagenen Wohnvierteln, Beton und Asphalt verloren.
Den Arabern folgte die Eroberung durch die Normannen 1072, die Stadt und Conca d’oro weiter veredelten, woran noch viele Bauten erinnern, die seit 2015 zum Unesco-Kulturerbe zählen. 1194 fiel Sizilien an den römisch-deutschen Kaiser Heinrich VI. – den Staufer. Sein Sohn Friedrich II. wuchs hier in den Gassen und zwischen den Kulturen als Waisenknabe auf. Mit vier Jahren zum König Siziliens gekrönt, zog er 1212 als Jüngling nach Norden, um sich sein Kaiserreich wiederzuerobern und verband so Deutschland mit Sizilien. Von der Krönung Rogers II. 1130 bis zum Tod des bis heute in Sizilien verehrten Kaisers 1250 – eine große Epoche, in der sich Völker und Religionen sowie staunenerregende Höhepunkte der Kunst und des Denkens vereinten, eine Epoche, von der heute gerne so gesprochen wird, als sei sie reales Vorbild eines multikulturellen, toleranten Zukunftstraumes.
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Und so nimmt Bürgermeister Leoluca Orlando jede Möglichkeit dieses Kulturjahres zum Anlaß, auf seine „Charta von Palermo“ von 2015 hinzuweisen, in der er sich für „Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht“ aussprach. Er will offene Häfen und verstärkt seine verbalen Angriffe gegen die neue Regierung Italiens. Er heißt „alle Migranten willkommen“, ja, wer nach Palermo kommt, wird von ihm zum Palermitaner erklärt.
Doch die vielgepriesene Toleranz dieser Stadt gibt es heute sowenig wie vor Jahrhunderten. Christliche Kirchen wurden unter den Arabern zu Moscheen, diese wiederum in normannischer Zeit abgerissen und an ihrer Stelle christliche Gotteshäuser errichtet; zahlreich waren die inneren Kämpfe, erinnert sei an jene auch durch Verdis Oper berühmt gewordene „Sizilianische Vesper“, bei der das Volk die Franzosen 1282 ermordete und aus der Stadt vertrieb.
Und heute? Die Afrikaner – wo sind sie integriert? In den hippen Bars oder Restaurants bringen sie den Müll weg oder arbeiten in der Küche; als Kellner oder gar als Gast sieht man sie nicht. Gut bezahlte Arbeit gibt es für sie ebensowenig wie für die jungen Sizilianer, die oft von oder bei ihren Eltern leben oder in den Norden Europas abwandern. Orlando hat keine Antworten darauf, wie auch das online abrufbare Interview in der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. Juli 2017 zeigt. Fordert er zunächst die Jungen auf wegzugehen, sie seien ja „frei“ mit neuem Know-how zurückzukehren – um dann für geringsten Stundenlohn als Kellner zu arbeiten? –, wirbt er kurz darauf für Migranten aus Afrika, denn „durch die Abwanderung liegen auf Sizilien ganze Landstriche brach“. All die politisch-sozialen Widersprüche wären einen eigenen Artikel wert.
Eine Stadt also voller Brüche, zahlreicher Widersprüche, auch in ihrem Bild, auch in der Person des unzweifelhaft verdienstvoll gewesenen Bürgermeisters. Ruinen finden sich noch vom amerikanischen Bombenangriff 1943 und jenen Jahrzehnten des Verfalls, als man die Altstadt weitgehend sich selbst und der Mafia überließ und das Bürgertum hinaus in die neuen Wohnviertel zog. Dies ging bis zum Verlust bedeutender Kulturgüter; ein Kunstraub bewegt noch heute die Gemüter und die Legendenbildung: Im Oktober 1969 verschwand aus dem Oratorium San Lorenzo Caravaggios „Geburt Christi“ (1609); heute durch eine Kopie ersetzt.
Erst die Initiativen Bürgermeister Orlandos führten die Altstadt in den vergangenen drei Jahrzehnten zu neuem Glanz. Eines der größten und schönsten Opernhäuser Europas, das Teatro Massimo, wurde nach zwanzig Jahren Leerstand 1997 wiedereröffnet; ganze Straßenzüge und Palazzi werden restauriert; Leben ist wieder eingezogen; kleine Handwerksläden, Bars und elegante Restaurants zeichnen heute das centro storico aus, das sich vor allem am Abend mit Jugend, Studenten füllt.
Anerkennung dieses Wandels ist die Wahl Palermos zur Kulturhauptstadt Italiens 2018. Doch sie putzt sich nicht eigens heraus. Noch ist viel zu tun. Die Promenade am Meer befindet sich in verwahrlostem Zustand. Selbst am berühmtesten Platz, Quattro Canti, stehen drei barocke Palazzi leer, ihre Fresken verfallen. Und hier sind nun auch die gängigsten Mythen zu nennen – der Leser wartet wohl schon darauf: Müll und Mafia. Ein überzeugendes System zur Müllbeseitigung besteht nicht. Bewohner geben selbst fast stolz zu, daß sie etwa von Mülltrennung nichts halten; nach wie vor wirft man seinen Müll an die Straßenecke, wenn der Weg zum Container zu weit scheint; aber beginnt es in einigen deutschen Stadtvierteln mittlerweile nicht ähnlich auszusehen? Und ja, es gibt die Mafia noch. Doch dem Uneingeweihten fällt sie, ohne das Thema herunterspielen zu wollen, nicht auf. In Palermo kann man sich bei weitem sicherer fühlen als im derzeitigen Berlin.
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Wer Palermo betritt, sollte seine Vorurteile hinter sich lassen. Besser man folgt der palermitanischen Schriftstellerin Giuseppina Torregrossa (Monatszeitschrift Gattopardo, Juni 2018):
„Selbstverständlich sehe ich die Probleme,
sie sind für jeden sichtbar,
aber ich habe eine Anpassungsfähigkeit entwickelt,
folglich ignoriere ich sie. (…)
Das ist meiner Ansicht nach der einzige Weg,
in Palermo und ganz Sizilien zu leben und zu überleben. (…),
wenn du denkst, etwas ändern zu können,
wirst du damit enden, Sizilien zu hassen.“
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Mit dieser sehr sizilianischen, geduldig-pessimistischen Haltung – für die Palermos Veränderungen sicherlich ein optimistisches Gegenbild geben – findet man sich im Alltag der Stadt leichter zurecht.
Trotz alldem oder vielleicht deshalb ist Palermo eine jener Städte, die das Nachdenken ständig herausfordert – Ernst Jünger erahnte hier „Atmosphärisches“ –, gerade auch wenn sich unter sommerlicher Hitze alles verlangsamt. Und überwältigt von jenen schon von Goethe erschauten Bildern für die Seele, von denen die Stadt gleich einem Füllhorn überquillt, oder von der von Wagner eingeatmeten Farbenpracht oder auch nur bezaubert von den Köstlichkeiten sizilianischer Küche wird manch ein Besucher die Worte Torregrossas nachempfinden können: „Wenn ich für mehr als drei Wochen entfernt bin, fehlt mir ihre lebendige Kraft und ich muß zurückkehren.“ Und vielleicht wird er – um sich den Problemen doch anzunähern – hingeworfenen Müll aufheben und zum nächsten cassonetto tragen. Das wird ihn als Fremden kennzeichnen, aber vielleicht bewußter als durch Orlandos leere Versprechungen zum liebenden Palermitaner machen.
10.8.2018, Wulf D. Wagner, Junge Freiheit

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