Wahrheit

dd

Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

 

Die Realität ist wahr

„Die Wahrheit ist ohnmächtig und wird im unmittelbaren Zusammenprall mit den bestehenden Mächten und Interessen immer den Kürzeren ziehen. Aber sie hat eine Kraft eigener Art: Es gibt nichts, was sie ersetzen könnte. Überredungskünste oder Gewalt können Wahrheit vernichten, aber nichts an ihre Stelle setzen.“
(Hannah Arendt in “Wahrheit und Lüge in der Politik”)
.
„Wer „die Wahrheit“ innehat, der kann keine Kompromisse machen, denn das würde ihn ja zum Verräter an der Wahrheit machen.“ (Michael Andrick)
============================================================

 

Thomas Hartung: Die Umwettung der Wahrheit – zu Medienkampagnen
Wenn Begriffe ihre Bedeutung verlieren, gerät nicht nur die Sprache ins Wanken, sondern auch der Rechtsstaat. Überlegungen zum Verhältnis von Wahrheit, Macht und Moral unserer Gegenwart.
Es gibt Zeiten, in denen die Lüge nicht mehr als Verstoß gegen die Ordnung erscheint, sondern selbst zur Ordnung wird. Sie tritt dann nicht mehr heimlich auf, nicht mehr mit schlechtem Gewissen, nicht mehr als Ausnahme im Schutz der Dunkelheit, sondern als öffentliches Verfahren. Sie trägt Anzug, Amtsdeutsch, Nachrichtenstudio, Expertenzitat und moralische Überlegenheit. Sie nennt sich Einordnung, Verantwortung, Schutz, Solidarität, Wissenschaft, Demokratie.
Und gerade dadurch wird sie gefährlich: Nicht weil sie plump wäre, sondern weil sie sich in die Sprache der Institutionen kleidet. Nur drei jüngere Beispiele: Wenn FDP-Generalsekretär Martin Hagen in der Rentendebatte sagt, die Beiträge würden trotz Reform steigen, während politisch der Eindruck von Entlastung erzeugt wird, dann geht es nicht bloß um Zahlen. Es geht um das Verhältnis zwischen politischer Sprache und Wirklichkeit: „Böse Zungen könnten behaupten, der Kanzler lüge”, schreibt Hagen auf X.
Wenn das Redaktionsnetzwerk Deutschland RND behauptet, Mathias Döpfner hätte den Kanzler zu einer Zusammenarbeit mit der AfD gedrängt, ist das laut Springer-Verlag Teil einer „gezielten Rufmordkampagne” und „eine glatte Lüge. Sowohl der Verlauf als auch der Inhalt des Gespräches sind frei erfunden.” Die Causa zeigt ein bekanntes Muster politischer Kommunikation: Eine strategische Überlegung wird medial auf einen maximal zugespitzten Satz reduziert, der anschließend kritisiert wird. Dadurch verschiebt sich die Debatte vom eigentlichen Inhalt zur Empörung über eine vermeintliche Forderung.

Und wenn ein öffentlich-rechtliches Nachrichtenformat Milliardär Elon Musk unterstellt, er habe zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Belfast aufgerufen, obwohl eine solche Kausalbehauptung frei erfunden ist, dann geht es nicht bloß um journalistische Schlamperei. Es geht um die Frage, ob Institutionen wie das ZDF, die sich als Hüter der Aufklärung ausgeben, selbst an der Produktion von Desinformation beteiligt sind. Die eigentliche Krise dieser Ära besteht also nicht darin, dass gelogen wird. Gelogen wurde immer. Die Krise besteht darin, dass die Lüge moralisch immunisiert wird. Sie erscheint nicht mehr als Lüge, sondern als notwendige pädagogische Maßnahme gegen das angeblich unvernünftige Volk.

Die Wahrheit als Bedingung des Rechts
Rechtsphilosophisch beginnt jede Ordnung mit einer einfachen Voraussetzung: Wirklichkeit muss als Wirklichkeit anerkannt werden. Das Recht kann nur dort bestehen, wo Tatsachen, Begriffe und Verantwortlichkeiten nicht beliebig verschoben werden. Ein Vertrag setzt voraus, dass Worte gelten. Ein Urteil setzt voraus, dass Tatsachen festgestellt werden. Eine Wahl setzt voraus, dass der Bürger weiß, worüber entschieden wird. Der Staat selbst setzt voraus, dass seine Bürger zwischen Befehl, Recht, Propaganda und Wahrheit unterscheiden können.

Wo diese Unterscheidung zerfällt, wird Recht zur Technik der Macht. Denn das Recht ist mehr als positive Setzung. Es ist nicht bloß das, was im Gesetzblatt steht. Es lebt von einem vorpolitischen Ethos der Wahrhaftigkeit: Ohne Wahrheit gibt es keine Verantwortung; ohne Verantwortung keine Schuld; ohne Schuld keine Gerechtigkeit; ohne Gerechtigkeit nur noch Verwaltung.

Deshalb ist die systematische Umdeutung von Begriffen kein harmloses Kulturphänomen. Sie greift das Fundament des Rechts an. Wer Feigheit Respekt nennt, Unterwerfung Toleranz, Zensur Demokratieschutz, Krieg Friedenspolitik und Denunziation Zivilcourage, der verändert nicht bloß Wörter. Er verändert die Maßstäbe, nach denen Recht und Unrecht erkannt werden.

Die große Umwertung
Nietzsche beschrieb die Umwertung aller Werte als ein Ereignis der Moralgeschichte. Unsere Gegenwart hat daraus eine Verwaltungspraxis gemacht. Nicht der Philosoph verkündet neue Werte, sondern Ministerien, Redaktionen, Stiftungen, NGOs, Rundfunkräte, Meldestellen und sogenannte Faktenchecker. Die alte Tugendsprache bleibt äußerlich erhalten, aber ihr Inhalt wird ausgetauscht.

Dummheit und Obrigkeitsgläubigkeit heißen „trust the science“. Dabei war Wissenschaft nie Gehorsam, sondern methodischer Zweifel. Wer Wissenschaft zur Autoritätsformel macht, verrät ihren Geist. Aus Erkenntnis wird Katechismus, aus Hypothese Dogma, aus Debatte Gefolgschaft.

Feigheit und Wegsehen heißen Respekt. Man schweigt nicht mehr, weil man Angst hat, sondern weil man angeblich sensibel ist. Man vermeidet Konflikte nicht aus Schwäche, sondern aus Rücksicht. So wird die soziale Kapitulation ästhetisch veredelt.

Unterwerfung und Indifferenz heißen Toleranz. Toleranz bedeutete einst, das Falsche oder Fremde auszuhalten, ohne sich ihm zu beugen. Heute bedeutet sie häufig, die Zumutungen aggressiver Minderheiten als moralischen Fortschritt zu begrüßen.

Diese Umwertung lässt sich inzwischen an ganz alltäglichen Debatten studieren. Im Strandbad Halle wurde jüngst die Frage verhandelt, ob Badegäste hinreichend Deutsch verstehen müssen, um Sicherheitsanweisungen in Gefahrensituationen zu befolgen – wer das nicht tut, erhält keinen Eintritt. Was nüchtern betrachtet eine Frage von Aufsicht, Rettung und Verständlichkeit ist, wurde umgehend als Diskriminierungsfall moralisiert.

Aus dem legitimen Anliegen, Regeln und Warnungen in einer Gefahrensituation verständlich zu machen, wurde ein Angriff auf Offenheit. Die Wirklichkeit eines Badebetriebs – mit Kindern, Wasser, Risiko und der Notwendigkeit schneller Verständigung – wurde rhetorisch entwirklicht und in ein Lehrstück über angebliche Ausgrenzung verwandelt.

Der eigentliche Skandal liegt nicht einmal in der politischen Bewertung, sondern in der Verschiebung des Maßstabs. Nicht mehr die praktische Frage entscheidet, was vernünftig ist, sondern die moralische Empfindlichkeit. Wer darauf hinweist, dass in öffentlichen Räumen eine gemeinsame Sprache auch eine Sicherheitsfunktion erfüllt, gilt nicht als Realist, sondern als Verdächtiger. So wird aus der Voraussetzung des Zusammenlebens – der Verständigung – plötzlich ein Problemfall.

Juristische Semantisierung des Irrealen
Dasselbe Muster wirkt auf einer anderen Ebene im sogenannten Selbstbestimmungsgesetz. Dort wird nicht nur Verwaltung vereinfacht, sondern Wirklichkeit normativ umcodiert. Wenn der Staat erklärt, dass im Rechtsverkehr der jeweils aktuelle Geschlechtseintrag und die aktuellen Vornamen maßgeblich sind, dann bleibt das nicht folgenlos. Die Sprache wird aus der Wirklichkeit gelöst und an die amtliche Erklärung gebunden.

Männer werden zu Frauen, wenn das Register es sagt, und sie müssen als solche bezeichnet werden, wenn man sich nicht dem Verdacht mangelnder Achtung oder gar der Rechtsverletzung aussetzen will. Das ist nicht bloß eine technische Änderung im Personenstandsrecht. Es ist eine juristische Semantisierung des Irrealen. Frauenrechte werden damit nicht frontal abgeschafft, sondern semantisch ausgehöhlt. Die leibliche, geschichtliche und soziale Realität der Frau wird unter einen Begriff gestellt, der sich durch Erklärung öffnen und schließen lässt.

Was einst eine Wirklichkeitskategorie war, wird zur Verwaltungsoption. Die Umwertung ist hier vollkommen: Nicht mehr das Sein bestimmt die Benennung, sondern die Benennung soll das Sein ersetzen. Der Satz „Das ist eine Frau“ bezeichnet nicht länger eine Wirklichkeit, sondern eine staatlich sanktionierte Zuschreibung. Wer sich dem widersetzt, gilt nicht als wahrheitsliebend, sondern als unsensibel.

Gier, Neid und Missgunst heißen soziale Gerechtigkeit. Der alte Ressentimenttrieb kleidet sich in Verteilungsethik. Nicht die Würde der Arbeit, nicht die Verantwortung des Eigentums, nicht die Pflicht zur Leistung stehen im Zentrum, sondern die permanente moralische Anklage gegen das Bessere, Stärkere, Erfolgreichere.

Diskursunfähigkeit und aggressive Intoleranz heißen Haltung. Wer nicht argumentieren kann, bekennt sich. Wer nicht widerlegen kann, denunziert. Wer nicht überzeugen kann, fordert Ausschluss. So entsteht eine Gesellschaft, in der die Lüge nicht mehr gegen die Moral verstößt, sondern sich selbst als Moral ausgibt.

Der Staat als Pädagoge
Der liberale Rechtsstaat beruht auf Misstrauen gegen Macht. Er begrenzt Herrschaft, weil der Mensch fehlbar ist. Er trennt Gewalten, schützt Minderheiten, garantiert Meinungsfreiheit und bindet staatliches Handeln an Gesetz und Recht. Er weiß: Gerade der Staat darf nicht darüber verfügen, was gedacht, gesagt und geglaubt werden muss.

Der neue pädagogische Staat dagegen misstraut nicht der Macht, sondern dem Bürger. Er hält ihn für verführbar, irrational, gefährlich, desinformiert. Deshalb soll der Bürger nicht nur regiert, sondern erzogen werden. Nicht nur Straftaten sollen verfolgt werden, sondern Einstellungen. Nicht nur Handlungen sollen sanktioniert werden, sondern Atmosphären, Sprachgewohnheiten, Verdachtslagen. Hier beginnt der Weg von der Rechtsordnung zur Gesinnungsordnung.

Meldestellen, Spitzelsysteme und die Ausweitung des Sagbarkeitsmanagements sind Symptome dieser Entwicklung. Sie treten nicht als Feinde der Freiheit auf, sondern als deren Schutzorgane. Die Unterdrückung freier Rede erfolgt im Namen der freien Rede. Die Überwachung politischer Abweichung erfolgt im Namen der Demokratie. Die Einschüchterung des Bürgers erfolgt im Namen seiner Sicherheit. Das ist der entscheidende Mechanismus: Die moderne Macht verbietet nicht einfach. Sie moralisiert ihr Verbot.

Die öffentlich-rechtliche Wirklichkeitsmaschine
Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn jene Institutionen betroffen sind, die den öffentlichen Wahrheitsraum strukturieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk besitzt nicht einfach eine Meinung unter vielen. Er besitzt Reichweite, Gebührengeld, Staatsnähe, Autoritätsanspruch und den Nimbus institutioneller Seriosität.

Wenn dort handwerklicher Pfusch mit politischer Schlagseite geschieht, ist das kein normaler Fehler im Meinungskampf. Es ist ein Angriff auf die Voraussetzungen demokratischer Willensbildung. Denn Demokratie ist nicht bloß Abstimmung. Demokratie ist informierte Zustimmung oder Ablehnung.

Wer die Information manipuliert, manipuliert mittelbar die Zustimmung. Wer dem Bürger Wirklichkeit vorsortiert, verschiebt den politischen Souverän vom Volk zu den Deutungsapparaten.

Doch zur öffentlich-rechtlichen Wirklichkeitsmaschine gehören längst nicht mehr nur die Sender selbst. Hinzugetreten ist ein Vorfeld halbstaatlicher Korrekturinstanzen, das man früher Medienaufsicht nannte und das heute immer stärker als Eingriffsverwaltung in den Kommunikationsraum erscheint. Die Landesmedienanstalten waren ursprünglich gedacht, um Rundfunkvielfalt, Jugendschutz und Rechtsaufsicht in einem engen technischen Sinn zu gewährleisten. Zunehmend aber bewegen sie sich in Richtung einer normierenden Inhaltsaufsicht über neue digitale Formate.

Bürokratisierung des Sagbaren
Der Fall „Ben ungeskriptet“ ist dafür exemplarisch. Der Podcaster Ben Berndt führt ein millionenfach geklicktes Gespräch mit Björn Höcke – und prompt tritt die Landesanstalt für Medien NRW auf den Plan und fordert nachträgliche Änderungen an der Folge. Es geht um Höckes Behauptung, Hitlers SA hätte überhaupt kein Motto gehabt, auch nicht „Alles für Deutschland“. Direktor Tobias Schmid hält das im Spiegel für „nachweislich falsch, Herr Höcke wurde wegen der Verwendung rechtskräftig verurteilt. Wenn solche Aussagen in einem journalistischen Format fallen, hat man die Aufgabe, sie zu kontextualisieren.“Das sei „dummes Zeug“, so der Staatsrechtler Ulrich Vosgerau auf X. Die Wortfolge „Alles für Deutschland“ wurde etwa seit 1848 allgemein gebräuchlich und in der Weimarer Republik gerade nicht mit den Nationalsozialisten, sondern mit SPD-nahen Verbänden wie v.a. dem „Reichsbanner schwarz-rot-gold“ in Verbindung gebracht. Es lässt sich sagen, „AfD“ sei in der Weimarer Republik das Motto des SPD-Reichsbanners gewesen. Vosgerau verweist stattdessen auf das Motto der NS-Frauenschaft „Glaube, Hoffnung, Liebe“ und fragt: „Sollen jetzt vielleicht auch alle Pastoren verhaftet werden, die in der Kirche 1. Korinther 13, 13 vorlesen? Oder wird gleich der Apostel Paulus selber eingesperrt?“

Ganz unabhängig davon, wie man Höcke oder das konkrete Gespräch bewertet, ist die Struktur des Vorgangs entscheidend: Eine staatsfern genannte, aber aus dem Rundfunkbeitrag finanzierte Aufsichtsinstanz greift in einen politischen Langform-Podcast ein, weil ihr einzelne Aussagen problematisch erscheinen. Damit verändert sich die Rolle der Medienanstalten. Aus Schiedsrichtern über Zulassung und formale Rechtsfragen werden Deutungswächter. Die Pointe liegt im Übergang. Nicht offene Zensur ist das Charakteristikum, sondern nachträgliche Korrekturaufforderung, Beanstandung, Änderungsdruck, rechtliche Drohkulisse.

Es ist die Bürokratisierung des Sagbaren. Die Botschaft lautet: Du darfst senden, aber nur unter dem Vorbehalt späterer semantischer Disziplinierung. Der Bürger sieht daran, dass die Wirklichkeit nicht mehr nur von Redaktionen vorsortiert, sondern zunehmend von Aufsichtsapparaten nachbearbeitet wird. Gerade deshalb ist die neue Rolle der Landesmedienanstalten so heikel. Sie operieren im Graubereich zwischen Rechtsaufsicht und Meinungslenkung. Sie sind formell staatsfern, aber funktional Teil jenes institutionellen Komplexes, der den legitimen Diskursraum immer enger markiert.

Wo früher eine Meinung widerlegt wurde, wird heute eine Aufsichtsinstanz aktiviert. Wo früher Öffentlichkeit durch Gegenrede entstand, tritt nun eine administrative Korrekturinstanz auf. Die Lüge der Gegenwart besteht also nicht nur in der falschen Aussage, sondern in der Institutionalisierung jener Macht, die festlegt, welche Aussagen als zu korrigierende Abweichung gelten. „Sie sind Erfüllungsgehilfen des Staates in einem rechtlichen Gewand, das Unabhängigkeit simuliert. Ihre Staatsferne ist eine reine Fiktion“, schreibt prompt Bens Anwalt Joachim Steinhöfel auf X.

Und weiter: „Die Presse ist staatsfrei, sie ist staatsfern. Sie ist ein Kontrollmechanismus gegen den Staat. Sie kann einem Journalisten nicht vorgeben, was er zu fragen, was er zu antworten, wo er wie nachzuhaken und was er zu korrigieren habe, wenn er jemanden interviewt. Der Zweck eines Interviews ist ja, ggf. einen Politiker zu Fehlern und Widersprüchen zu verleiten und zu zeigen, was ist. Es ist nicht seine Aufgabe, da ständig mit einem Disclaimer hinterherzulaufen.“

Und sein nicht minder prominenter Kollege Ralf Höcker verweist ebenfalls auf X darauf, dass „Motto“ keine Tatsachenbehauptung, sondern eine Meinungsäußerung ist und daher Definitionssache. Nicht jeder Satz werde durch seine Verwendung zu einem Motto, der Begriff habe somit wertenden Charakter. Damit stelle Höckes Aussage keine Tatsachenbehauptung dar, sondern eine Meinungsäußerung. „Daraus folgt wiederum, dass die Landesmedienanstalt von Ben Berndt nicht verlangen kann, dass er die ‚Tatsachenbehauptung‘ korrigiert. Denn der Staat hat kein Recht, Meinungsäußerungen zu Tatsachenbehauptungen umzudefinieren und Medien zu verpflichten, Interviewpartnern zu widersprechen, wenn sie nur ihre Meinung sagen.“

Das Ende der personalen Verantwortung
Die klassische Rechtsphilosophie denkt den Menschen als verantwortliches Subjekt. Er kann erkennen, urteilen, wählen, irren, schuldig werden und sich bessern. Dieses Menschenbild ist untrennbar mit Freiheit verbunden. Die neue Ordnung denkt den Menschen zunehmend als Objekt von Steuerung. Er soll gelenkt, sensibilisiert, geschützt, genudged, überwacht, korrigiert und therapiert werden. Seine Freiheit wird nicht frontal abgeschafft, sondern fürsorglich entmündigt.

Darin liegt der eigentliche Kern des Problems. Die Lüge ist nicht nur falsche Aussage. Sie ist ein Herrschaftsverhältnis. Wer lügt, nimmt dem anderen die Möglichkeit, frei zu urteilen. Er benutzt dessen Vernunft als Werkzeug für fremde Zwecke. Deshalb ist die Lüge ein Angriff auf die Würde des Menschen als vernünftiges Wesen. Wenn der Staat oder staatsnahe Institutionen lügen, wird dieser Angriff strukturell. Dann ist der Bürger nicht mehr Adressat von Wahrheit, sondern Objekt von Lenkung.

Eine rechtskonservative Antwort auf diese Lage muss bei der Wahrheit beginnen. Nicht bei bloßer Empörung, nicht bei Gegenpropaganda, nicht bei taktischer Spiegelung linker Methoden. Denn wer die Lüge nur durch eine andere Lüge ersetzt, bestätigt das System, das er bekämpfen will. Konservativ sein heißt hier: an Wirklichkeit festhalten. An der Wirklichkeit des Geschlechts, der Nation, der Grenze, der Familie, der Verantwortung, der Schuld, der Freiheit, der Geschichte, der Sprache. Es heißt, darauf zu bestehen, dass Dinge Namen haben und dass Namen nicht beliebig umcodiert werden dürfen.

Wahrheit gegen Macht
Rechtsphilosophisch ist das keine Nostalgie. Es ist die Verteidigung der Voraussetzungen des Rechts. Wo Wahrheit fällt, fällt das Recht. Wo Begriffe zerstört werden, werden Urteile unmöglich. Wo Urteile unmöglich werden, herrscht Macht. Die alte abendländische Rechtsidee wusste, dass Ordnung nicht ohne Wahrheit bestehen kann. Darum war der Meineid ein schweres Verbrechen. Darum galt falsches Zeugnis als Angriff auf die Gemeinschaft. Darum verlangte das Recht Beweise, Verfahren, Öffentlichkeit, Verteidigung, Widerspruch. Heute müssen diese Prinzipien gegen jene verteidigt werden, die sie rhetorisch am lautesten für sich reklamieren.
Wir schwimmen nicht nur in einem Meer aus Lügen, in dem die Inseln der Kindheit wie selige Gestade in der Ferne erscheinen. Wir leben in einer Epoche, in der die Lüge ihre Gestalt verändert hat. Sie kommt nicht mehr als plumpe Fälschung, sondern als moralisch beglaubigte Wirklichkeitskorrektur. Sie behauptet nicht einfach das Falsche, sondern erklärt das Wahre für gefährlich, unsensibel, extremistisch oder demokratiefeindlich. Dagegen steht ein einfaches, aber radikales Recht: das Recht auf Wirklichkeit.
Der Bürger hat ein Recht darauf, dass Zahlen, Risiken und politische Folgen nicht rhetorisch verschleiert werden. Er hat ein Recht darauf, dass Medien berichten und nicht erziehen. Er hat ein Recht darauf, dass Aufsichtsbehörden nicht zu Gesinnungskorrekturen mutieren. Er hat ein Recht darauf, dass Wissenschaft nicht als Priestersprache missbraucht wird. Er hat ein Recht darauf, dass Freiheit nicht durch jene zerstört wird, die sie angeblich schützen.
Vor allem aber hat er ein Recht darauf, die Dinge beim Namen zu nennen. Denn am Anfang jeder Freiheit steht nicht der Staat, nicht die Partei, nicht das Programm. Am Anfang steht der Satz: Das ist wahr. Und daran gemessen ist eine Ordnung, die ihre Macht auf semantische Verdrehung baut, bereits im Begriff, ihre Legitimität zu verlieren.
PS: Der RND hat unterdessen journalistisches Totalversagen eingeräumt. In einer Anfang Juli veröffentlichten Klarstellung heißt es wörtlich: „Wir hätten den Verdacht, Merz und Döpfner hätten sich wörtlich so geäußert, wie in unserem Podcast gesendet, nicht verbreiten dürfen. Das Döpfner zugeschriebene Zitat war zudem Grundlage dafür, dass wir gemutmaßt haben, es könne eine Bedrohung von Döpfner gegen Merz gegeben haben. Auch die Mutmaßungen hätten wir nicht anstellen dürfen. Diesen Fehler bedauern wir.“

… Alles vom 29.7.2026 von Thomas Hartung bitte lesen auf
https://www.tumult-magazine.net/post/thomas-hartung-die-umwertung-der-wahrheit
https://www.dr-thomas-hartung.de/?p=7687

Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025

 

 

Wahrheit: Lüge oder Selbsttäuschung?
Wahrheitssuchende hatten es in der Geschichte der Menschheit selten leicht. Sokrates wurde wegen Gottlosigkeit und Verderbnis der Jugend zum Tode verurteilt. Giordano Bruno vertrat unter anderem die Ansicht, dass die Sterne Sonnen mit eigenen Planeten seien, und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In autoritären Herrschaftssystemen ergeht es den Überbringern schlechter Nachrichten selten gut (kill the messenger).
Was ist das Gegenteil von Wahrheit? Den meisten wird dazu spontan die Lüge einfallen. In der Tat gibt es bewusste und chronische Lügner; sie sind aber relativ selten. Was dagegen nicht nur bei Menschen, sondern überall in der Natur weit verbreitet ist, ist das Phänomen der Täuschung: Tarnung, Mimikry, Drohgebärden, Ablenkungsmanöver. Wer andere erfolgreich täuscht, hat bessere Chancen, nicht gefressen zu werden, Beute zu machen, sich fortzupflanzen oder Konflikte zu gewinnen. Beim Menschen kommt noch seine Eigenwahrnehmung dazu: Man kann nicht nur andere täuschen, sondern auch sich selbst.
Schon die Bergpredigt hat dafür ein treffendes Bild: Man sieht den Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen Auge. Selbsttäuschung wirkt auf den ersten Blick paradox.
Ist eine realistische Wahrnehmung der Welt nicht überlebenswichtig? Der kürzlich verstorbene Robert Trivers hat das Phänomen aus evolutionsbiologischer Sicht untersucht. Eine seiner zentralen Thesen: Bewusste Täuschung hinterlässt verräterische Spuren, weil der Täuschende die Wahrheit kennt. Wer die Täuschung vor sich selbst versteckt, kann andere erfolgreicher täuschen. Das erklärt viel menschliches Verhalten, das ansonsten äußerst rätselhaft erscheint. Wer mehr dazu wissen will, insbesondere zur empirischen Evidenz, dem sei das Buch „The Folly of Fools“ von Trivers oder seine wissenschaftlichen Arbeiten empfohlen.
Ein weiteres Rätsel in diesem Zusammenhang ist, wie es unsere Spezies geschafft hat, so etwas wie die Wissenschaft hervorzubringen. Die Wissenschaft ist zwar in ihrer Umsetzung äußerst fehleranfällig, aber doch eindeutig darauf ausgerichtet, die Wahrheit zu finden, womit sie langfristig auch sehr erfolgreich ist. Tatsächlich aber streben viele Wissenschaftler, und gerade die erfolgreichsten, primär nicht nach Wahrheit, sondern nach Status. Was diesen Status ausmacht, ist aber nicht naturgegeben, sondern wird durch das jeweilige System definiert. Die Wissenschaft ist ein System, das diesen Status daran koppelt, überprüfbare Ergebnisse zu produzieren, die der Kritik anderer standhalten. Man könnte fast sagen, die Wissenschaft täuscht die Menschen, um die Wahrheit hervorzubringen.
Auch die aktuellen KI-Systeme wie zum Beispiel ChatGPT, Claude und Gemini haben zwar nach wie vor Probleme mit der Faktentreue, wurden aber darauf trainiert, wahrheitsgetreu und hilfreich zu antworten. Es macht Hoffnung, dass die Menschheit es immer wieder schafft, Systeme zu entwickeln, die nach höheren Zielen streben als die meisten Angehörigen der Spezies selbst.
… Alles vom 2.5.2026 von Hannah Bast bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/luege-oder-selbsttaeuschung

Kommentar:
Wieder ein informativer Text der Informatik-Professorin Hannah Bast. Für die Wissenschaft ist Wahrheit nur temporär. Denn als wahr gilt etwas solange, bis es falsifiziert worden ist. Fortschritt als Prozess fortschreitender Falsifizierung.
Frau Bast benennt das aktuell wichtigste Problem so: Viele Wissenschaftler streben „nicht nach Wahrheit, sondern nach Status“. Wissenschaft ist bei uns leider immer weniger frei und unabhängig, sondern von Sponsoren, Ideologie bzw. Politik vereinnahmt. An der Berliner Humboldt-Uni gibt es feministische Medizin mit entspr. Bonuspunkten. Dem Wiener Mathematik-Professor Rudolf Taschner wurde – obwohl anerkanntes Mathe-As – das Goldene Doktordiplom versagt, da er gewagt hatte, den Klimawandel als „Scheinproblem“ zu bezeichnen. Ek

 

 

Wahrheit: Der am wenigsten falsche Versuch von Realitätsbeschreibung
Was wir Wahrheit nennen, ist tatsächlich jeweils nur der am wenigsten falsche Versuch, die Realität zu beschreiben. Wahrheit ist, im Geist der wissenschaftlichen Methode, tatsächlich ein kontinuierlicher Vorgang.
… Alles vom 21.2.2026 von Dushan Wegner bitte lesen auf
https://www.dushanwegner.com/essays/klarname/
oder
https://www.achgut.com/artikel/anonyme_kritik_sie_wollen_wissen_wo_du_wohnst

.

Rod Dreher „Live not by lies“  und Vaclav Havel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“
Als Rod Dreher vor einigen Jahren sein Buch „Live not by lies” publizierte, machte er die breitere Öffentlichkeit auf ein Werk aufmerksam, das eigentlich schon weitgehend vergessen, ja schlimmer noch, „überholt“ schien: Václav Havels „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (dt. 1978). Die Ereignisse der letzten Jahre und der politische Sieg des Wokeismus auf allen wichtigen Fronten strafte diesen Eindruck leider auf bittere Weise Lügen.
Havel ist das Paradebeispiel für all das, was einem Dissidenten – ein bezeichnenderweise erneut überaus populärer Begriff – von Seiten eines autoritären Staates mit totalitärer Ideologie im Alltag angetan werden kann: Ein Studienabschluß wurde ihm unmöglich gemacht, die Berufswahl eingeengt, seine Werke zensiert und verboten, sein Alltagsleben bespitzelt, sein guter Ruf untergraben – selbst seine Freiheit wurde ihm unter den verschiedensten Vorwänden wieder und wieder entzogen.

Im Zentrum steht daher für Havel die Einsicht in die Erniedrigung des Menschen, der durch ein totalitäres bzw. post-totalitäres System gezwungen wird, nahezu jede alltägliche Handlung auf Konvergenz mit einer übergeordneten Ideologie zu überprüfen und somit jede Eigentlichkeit und Echtheit zu opfern. Schlimm ist hierbei die Tatsache, daß es dem totalitären System der Moderne gar nicht so sehr darum geht, den Menschen von der „Wahrheit“ der jeweils propagierten Doktrin zu überzeugen, wie dies in der Anfangsphase des Totalitarismus des 20. Jhs. noch der Fall war, sondern ihn lediglich zur formalen Unterwerfung zu zwingen.

Auch wir sollten uns daher wieder rasch an jene Lehren erinnern und an die gar nicht so weit zurückliegende, allzu oft kollektiv verdrängte Zeit denken, als eine ganze Hälfte unseres Kontinents im bleiernen Griff eines Lügengebildes gefangen war, dessen ideologische Parameter und Grundvoraussetzungen sich 1989 keineswegs, wie erwartet, in Rauch aufgelöst haben, sondern ganz im Gegenteil Schritt für Schritt die triumphalistische Selbstherrlichkeit des westlichen Linksliberalismus untergraben haben und diesen schließlich auf dieselbe gefährliche Spur wie einst den eben erst überwundenen Gegner setzten …
Zensur, Gewalt, Denunziation, versperrte Universitätsabschlüsse, staatlich geförderte Diskreditierung, Spitzelei, indirekte Geiselnahme der Familien, gesperrte Bankkonten, öffentlich eingeforderte Zeichen der ideologischen Unterwerfung – all das ist schleichend zurückgekehrt und umso perfider, als es sich immer noch bruchlos unter derselben Fassade von Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit präsentiert, die einst den Kommunismus überwand.
… Alles vom 8.9.2023 von David Engels bitte lesen auf
https://www.dersandwirt.de/vaclav-havel/

Rod Dreher: Lebt nicht mit der Lüge
Viele meinen: Das Getue um Political Correctness und Wokeness ist eine unerhebliche Sache, die von einer irrelevanten Minderheit betrieben wird.
Rod Dreher sagt zu beiden Haltungen entschieden Nein! Wer sich einrichtet in die heutigen Zustände; wer seine Kinder dem Mainstream überlässt; wer schweigt, wo es gilt, die Stimme zu erheben, der lebt mit der Lüge. Diese „seltsamen Zeiten“ werden nicht einfach vorübergehen, idem man sie aussitzt. Wir brauchen Menschen mit Mut und mit Widerstandgeist.
In seinem Buch „Lebt nicht mit der Lüge!“ (einem New York Times-Bestseller) spricht er mit vielen Menschen, die zu kommunistischen Zeiten ein widerständiges Leben führten. Es waren Emigranten aus dem ehemaligen Ostblock, die ihm wiederholt sagten: „Was wir gerade erleben, dieses Mundtotmachen, dieses ideologische Dauerfeuer, diese Umkehr aller Werte – genau so hat es damals auch begonnen.“
Dreher und seine Gewährsleute (u.a. der mittlerweile verstorbene Roger Scruton, der in den 80er-Jahren den antikommunistischen Widerstand unterstützte) sehen den Westen in den Klauen eines sanften Totalitarismus.

Rod Dreher
Lebt nicht mit der Lüge!
ISBN 9783947 931484, 272 S., 22 Euro
.
In den letzten Jahren hat sich im Westen ein beängstigender „sanfter“ Totalitarismus entwickelt. Als „sanft“ wird er bezeichnet, weil er nicht mit militärischer Härte wie im Kommunismus durchgesetzt wird.
Durch die totalitäre Ideologie wird versucht, die bisherigen Institutionen und Traditionen zu verdrängen mit dem Ziel, alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens unter Kontrolle zu bringen. Konservative, Christen und Andersdenkende werden gesellschaftlich ausgegrenzt. Durch die Technologie wird ein Überwachungssystem ermöglicht, wobei der Konsum und das Streben nach Bequemlichkeit und Unterhaltung den Geist der Menschen im Westen abgestumpft haben, sodass sie bereit sind, dies zu akzeptieren.
Trotz der Warnzeichen erkennen viele die Gefahren nicht und noch weniger wissen sie, wie sie Widerstand leisten können. Dreher erklärt, warum es uns so schwer fällt, die Gefahr des Totalitarismus in unserer Zeit zu erkennen. Er legt die Schritte des Widerstands dar und erzählt Geschichten von modernen Dissidenten, die ihren Glauben und ihre Integrität in der Zeit des Kommunismus bewahrt haben.
8.9.2023

 

 „Wahrheit gibt es nur zu zweien.“
Hannah Arendt

Wahrheit, die ich meine
Max von Schenkendorff verfasste 1813 das berühmte politische Gedicht “Freiheit, die ich meine”, welches in poetischer Form den Wunsch nach politischer Freiheit zum Ausdruck bringt. Es dauerte lange, bis die Deutschen diese Freiheit bekamen. Heute haben wir noch zahlreiche politische Freiheiten, wenn auch nicht mehr alle – aber haben wir noch öffentliche Wahrheit? Wir werden sehen, dass die politische Freiheit ohne eine öffentliche Pflege von Wahrheit verloren geht.
Chaim Noll berichtete an dieser Stelle darüber, https://www.achgut.com/artikel/demontage_der_demokratie
wie bei der New York Times die klassische Wahrheitsfindung durch eine dogmatisch definierte politische Wahrheit ersetzt wird. Bari Weiss, eine NYT-Redakteurin, die wegen des von Noll geschilderten Versagens der Redaktion gekündigt hat, stellt fest:
Wahrheit sei “nicht mehr ein Prozess gemeinsamer Entdeckung,
sondern eine Orthodoxie, die schon vorher erleuchteten Wenigen bekannt ist.”
Damit beruft sie sich auf den um die vorletzte Jahrhundertwende von den US-amerikanischen Pragmatikern beschriebenen diskursiven Wahrheitsbegriff, den auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, nach eigener Einschätzung ein Westmarxist, verwendet. Danach ist Wahrheit das Ergebnis eines gemeinsamen Entdeckungsprozesses, der zu einem Konsens darüber führt, was eine Gruppe für wahr erachtet. Diese soziologische Sicht von Wahrheit ist modern und hat ihre Tücken. Es ist charakteristisch, dass eine amerikanische Journalistin sich darauf beruft, und die damit verbundene Gefahr werden wir gleich kennenlernen.

Die klassischen Wahrheitsbegriffe
Wir sprechen im Folgenden nicht von der alltäglichen, “irrationalen Erfahrungsgewissheit” (Arnold Gehlen), die es uns erlaubt, ohne viel Nachzudenken unser Leben zu führen – so wie wir beispielsweise als Fußgänger davon ausgehen, dass eine asphaltierte Straße befahren sein kann oder der Boden weitergeht, wenn man eine Tür innerhalb eines Gebäudes öffnet. Sondern wir sprechen davon, was wir als wissenschaftliche Wahrheit betrachten, egal, ob wir diese als Wissenschaftler oder als deren Nutzer im Alltag einsetzen wie die meisten von uns.
Es gibt zwei klassische Wahrheitsbegriffe, die wir bei zwei der bedeutendsten kanonischen Meisterdenkern unseres Kulturkreises, Aristoteles und Kant, vorfinden: den Korrespondenz- und den Konsistenzbegriff der Wahrheit.

Der Korrespondenzbegriff bedeutet, dass ein wahrer Satz mit den Tatsachen der Realität übereinstimmen muss. Beispielsweise ist der Satz “Jeden Morgen geht die Sonne auf.” wahr, weil tatsächlich jeden Tag die Erdrotation den Ort, an dem wir uns gerade aufhalten, aus dem Schatten in die Sonnenstrahlen dreht. Um Anhänger dieser Theorie der Wahrheit zu sein, muss man davon ausgehen, dass es eine vom menschlichen Geist unabhängige Realität gibt, die wir durch unsere Sinnesorgane teilweise direkt wahrnehmen können (UV-Strahlung, Radioaktivität oder Viruspartikel können wir beispielsweise nicht direkt wahrnehmen). Dieser Auffassung sind Realisten, auch kritische Realisten wie Kant. Demgegenüber glauben Idealisten nicht, dass es eine vom Geist unabhängige Realität gibt.
.
Der Konsistenzbegriff ergänzt den Korrespondenzbegriff. Er bedeutet, dass Sätze, die zusammen ein Wissensgebiet bilden, widerspruchsfrei sein müssen. Beispielsweise kann man nicht sagen: “Das Universum besteht aus Materie, die eine Masse hat. Masse geht mit Gravitationskraft einher. Es gibt gravitationsfreie Materie.”, da der dritte Satz den ersten beiden logisch widerspricht. Um Anhänger dieser Theorie zu sein, muss man die Gesetze der Logik als für die Wahrheitsfindung verbindlich akzeptieren.
Den pragmatische Wahrheitsbegriff (diskursive Wahrheit) haben wir schon kennengelernt, er kann als eine weitere Ergänzung der ersten beiden Begriffe betrachtet werden, wenn man bedenkt, wie sich Wissensgebäude entwickeln: Als Einstein die Relativitätstheorie vorschlug, dauerte es einige Zeit, bis die internationale Gemeinschaft theoretischer Physiker erkannte, dass sie plausibel ist und Phänomene erklären kann, die bis dahin nicht verstanden wurden. Mit anderen Worten, um eine bestehende Menge an für wahr gehaltenen Sätzen zu verändern, braucht es Kommunikation und Zeit.
Um diese Wahrheitstheorie zu akzeptieren, muss man erkennen, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, dessen Vorstellungen von dem, was richtig und falsch ist, sich in der Interaktion mit anderen Menschen ergibt. Doch bei dieser Interaktion setzen die Disputanten unseres Kulturkreises ständig die beiden klassischen Wahrheitsbegriffe ein, um das kanonische Wissen anzupassen, diskursive Wahrheit kann Korrespondenz- und Konsistenzbegriff nicht entbehren. Diese Kultur der Wahrheitsfindung im Dialog beschreibt schon Plato, und sie ist charakteristisch für unsere abendländische Kultur und ihre große Leistungsfähigkeit.

Von der Wahrheit zur politischen Prawda
Die von Chaim Noll geschilderten Ereignisse bei der NYT sind, wie er selbst betont, nur die Spitze des Eisbergs, so geht es in tausenden von Redaktionen, aber auch in zahlreichen Gemeinschaften und Institutionen, vor allem auch an den der Wahrheit verpflichteten Universitäten zu. Was wir erleben, ist ein Abschied von den epistemischen Normen, von den klassischen Wahrheitsbegriffen, auf denen unsere Kultur und die damit geschaffene weltweit siegreiche technologisch-industrielle Zivilisation beruht.
Die klassische Wahrheit wird ersetzt durch eine politische Wahrheit, eine Prawda, die nun Universitätslehrer und unsere Medien vom öffentlichen Rundfunk über die Süddeutsche bis zur NZZ, verkünden. So wird uns weisgemacht, ein (wie auch immer entstandenes) Grippevirus, sei so gefährlich, dass wir uns immer noch in einer “globalen Pandemie” befänden, die weiterhin Maßnahmen wie die Maskenpflicht und Versammlungsverbote erfordere, obwohl die Letalität des Virus sich im gewohnten Rahmen (wie etwa der Influenzawelle von 2017/18) bewegt und die dafür typische Patientengruppe, fast ausschließlich Menschen am Ende ihres Lebens, trifft.
Offensichtlich stimmt die Aussage, die die Zeitungen, aber auch viele an Universitäten lehrenden Ärzte, tätigen, nicht mit der Realität überein: Sie verletzt das Korrespondenzprinzip, da wir auf 1.000 Infizierte nur etwa einen Toten beobachten, der in Deutschland im Mittel über 80 Jahre alt ist. Die von einigen Virologen gemachte und von Zeitungen oft wiederholte Aussage, es gäbe keine Immunität gegen SARS-Cov2, widerspricht dem Konsistenzprinzip, denn zu dem Zeitpunkt, als die Aussage gemacht wurde, entwickelten dieselben Virologen Antikörpertest gegen SARS-Cov2, die nur funktionieren, wenn es Immunität gibt – denn sie weisen ja den Ausdruck der humoralen Immunität gegen das Virus, nämlich gegen es gerichtete Antikörper, nach. Zusätzlich verstoßen sie auch gegen das Korrespondenzprinzip, weil ein Virus, gegen das es keine Immunität gibt, alle Infizierten tötet, wie etwa das die Tollwut erregende Rabiesvirus. Dies ist bei SARS-Cov2 offensichtlich nicht der Fall, über 95 Prozent der Infizierten sind symptomfrei oder haben milde Symptome, weil sie rasch eine ausreichende Immunität entwickeln.
.
Der Weg in die Prawda
Wie ist es dazu gekommen? Der diskursive Wahrheitsbegriff hat in den letzten Jahrzehnten den Korrespondenz- und den Konsistenzbegriff nicht ergänzt, sondern ersetzt. Einflussreiche Diskursteilnehmer definieren heute in kleinen Gruppen angesichts politischer Interessen und Kriterien, was als wahr zu gelten hat. Dabei wird nicht mehr, wie im Platonischen Dialog, Korrespondenz und Konsistenz als Grundlage benutzt, sondern vor allem politische Machtverhältnisse. Das ist die Tücke des verabsolutierten diskursiven Wahrheitsbegriffs.
Entkoppelt man ihn von den traditionellen, zivilisatorisch erprobten Wahrheitsbegriffen, erhält man eine politische Wahrheit, eine Art ZK-Prawda. Mit anderen Worten, für den diskursiven Wahrheitsbegriff sind Korrespondenz und Konsistenz essenziell, sonst verkommt er zu einem Mittel, Wahrheit aufgrund von Machtinteressen zu definieren, er wird totalitär. Denn dann wird es möglich, beliebige Wahrheiten im Konsens zu postulieren.
.
Das geschieht beispielsweise, wenn Wissenschaftler behaupten, sie könnten für ein hochgradig komplexes System, das Erdklima, mit Hilfe mathematischer Modelle valide Voraussagen über Jahrzehnte berechnen, obwohl es in der Physik unstrittig ist, dass sich komplexe Systeme der mathematischen Modellierung entziehen. Wie die Weber in “Des Kaisers neue Kleider”, die vorgeben, Gold zu verweben, tun sie auch etwas Aufsehen erregendes, sie rechnen mit viel Stromverbrauch auf Großrechnern ihre erratischen Modelle und veröffentlichen diese dann mit ganz großer Begleitung durch die Weltpresse, obwohl die Modelle a priori invalide sind. Der Weltöffentlichkeit jedoch machen sie vor, sie hätten eine Art Wahrheit gefunden, bezeichnenderweise sprechen sie von Konsens, ganz im Sinne des diskursiven Wahrheitsbegriffs. Seit über 30 Jahren beten Journalisten dies unablässig nach und warnen vor der anthropogenen Zerstörung des Planeten, obwohl die Modelle schlicht und ergreifend unwahr sind: Sie widersprechen dem Korrespondenz- und Konsistenzbegriff der Wahrheit.
.
Ähnlich ist es in der Volkswirtschaftslehre bei der pseudowissenschaftlichen Apologie des Euro oder der monetären Staatsfinanzierung. Jeder weiß, dass Papiergeld keine realen Erzeugnisse und Dienstleistungen ersetzen kann, doch Volkswirte vereinbaren einen Konsens und veröffentlichen dann Aufforderungen an die Regierung, sich auf unhaltbare Weise zu verschulden und riesige Mengen von Geld zu drucken, die von der Realproduktion entkoppelt sind. Jedes Kind kann verstehen, dass das nicht gut gehen kann, aber diese Lüge wird uns als wissenschaftliche Wahrheit verkauft. Dabei dient es nur den Interessen einer sehr kleinen Gruppe auf Kosten aller anderen Menschen.
Nun könnte man zu recht einwenden, schon immer hätte es diskursive Wahrheit gegeben und Mächtige hätten es versucht, die öffentliche Meinung zu dominieren und politische Ideologie genutzt, um ihre Machtinteressen durchzusetzen.
Das stimmt natürlich, aber die moralische Inbrunst, mit der uns öffentlich diese neue Herrschaftsideologie als Wahrheit verkauft wird und als Ausdruck demokratischer Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist charakteristisch für die totalitäre Seite der Moderne. Wir erleben gerade einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung, der in funktionierenden demokratischen Gesellschaften nicht möglich, sondern charakteristisch für den Totalitarismus ist, in den wir gerade hineinschlittern.
https://www.achgut.com/artikel/zwischen_herrschaftswillen_und_anbiederung

So war es nicht gemeint
Das alles hatten John Deweys und anderer Pragmatiker nicht im Sinne, als sie mit dem diskursiven Wahrheitsbegriff einen wichtigen Aspekt von Wahrheit beschrieben, sie waren allesamt verdienstvolle bürgerliche Demokraten. Doch seit die westmarxistische “kritische Theorie” um Jürgen Habermas den ohne die klassischen Wahrheitsbegriffe essenziell totalitären diskursiven Wahrheitsbegriff übernahm und die Dekonstruktivisten wie Jaques Derrida die Wahrheit an sich infrage stellten, erleben wir einen Verlust epistemischer Normen.
Was das bedeutet, erfahren nun tausende von als “rechts” diffamierten Menschen, und es ist interessant, dass sich jemand aus dem juste millieu wie Bari Weiss auf den diskursiven Wahrheitsbegriff beruft, obwohl sie nun nicht mehr dazugehört, weil sie sich für Pluralismus einsetzt. Ihr Problem ist, dass die Wahrheitskreise der neuen Prawda immer enger werden, immer weniger gehören noch zum Kreis der Guten – nun hat es sogar schon Kerngestalten der globalistischen Pseudolinken wie den Linguisten Noam Chomsky, die Kinderbuchautorin Joanne Rowling und die Literatin Margret Atwood erwischt, weil sie es gewagt haben, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. Das Ganze erinnert formal (aber nicht inhaltlich) an die Reinigungen unter Stalin, inklusive öffentlicher wehleidiger Selbstanklagen im Arme-Sünder-Stil wie durch den NYT Herausgeber Arthur Sulzberger. Das ganze allerdings ohne Gulag und ohne Blut – weil das Herrschaftssystem auch ohne noch prima funktioniert.
.
Wir erkennen nun, dass politische Freiheit ohne die öffentliche Pflege von Wahrheit (im klassischen Sinne Aristoteles) nicht funktionieren kann. Wenn uns ständig in den wichtigsten Sachfragen wie Wirtschaft, Währung, Umweltpolitik, Migration und Staatlichkeit, Gesundheit (COVID-19), Souveränität (Verhältnis von Nationalstaat zu EU) oder Vergesellschaftung (Stichwort: Antifa, Politics of identity, BLM/„Antitassismus“, Genderwahn) von einer kleinen Gruppe von Akademikern und Journalisten erfundene, falsche Aussagen (nämlich scheinwissenschaftliche Lügen) als Wahrheit verkauft werden und auch noch bejubelt werden und Kritik an diesen lügnerischen Herrschaftsideen als gegen Demokratie und Rechtsstaat gerichtet verteufelt werden, endet die Freiheit.
Freiheit, die ich – nach Grotius, Kant, Mill und Hayek – meine, gibt es nicht ohne Wahrheit, die ich – nach Aristoteles und Kant – meine. Unser Trost ist, dass keine Ideologie ohne Massenversorgung funktioniert, und wenn diese stottert, fallen sogar die wichtigsten Träger der Ideologie davon ab.
… Alles vom 21.7.2020 von Johannes Eisleben bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/wahrheit_die_ich_meine
.
Johannes Eisleben
ist Arzt und Mathematiker und arbeitet als Systeminformatiker. Er lebt mit seiner Familie bei München.

Schreibe einen Kommentar