Regenbogen

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Regenbogen im Glottertal bei Freiburg im Mai 2021

 

Kniefall und Regenbogenfarbe beim EM-Spiel England-Deutschland
Der DFB will Deutschland als woke Nation präsentieren

Wenn an diesem Dienstag im Achtelfinale der Fussball-Europameisterschaft Deutschland und England aufeinander treffen, wollen beide Mannschaften vor dem Anpfiff auf die Knie gehen. Und die Spielführer der Teams, Manuel Neuer und Harry Kane, wollen eine Kapitänsbinde in den Farben des Regenbogens tragen. Noch vor dem ersten Ballkontakt erreicht damit die Politisierung des Sports einen Höhepunkt, der eigentlich ein Tiefpunkt ist.
Fussball war lange die schönste Nebensache der Welt. Seit er zur politischen Haupt- und Staatsaktion geworden ist, gibt er seine grösste Errungenschaft preis: Er vereint nicht mehr ein denkbar vielfältiges Publikum in der Freude am Spiel. Er doppelt und verschärft die ausserhalb der Stadien herrschende gesellschaftliche Spaltung.

Natürlich kann ein Sport, der Massen begeistert, nie ganz unpolitisch sein. Wo Aufmerksamkeitspreise vergeben werden, droht Instrumentalisierung. Populäre Ereignisse können populistisch verzweckt werden. Kein Potentat liess je die Gelegenheit verstreichen, sich im geborgten Licht zu sonnen, das durch sportliche oder künstlerische Grosstaten auf ihn fällt.

Auch die Demokratie mit ihrem skeptischen Verhältnis zum Zeremoniell schätzt den symbolischen Überschwang. Nicht zufällig produzierte Angela Merkels Auftritt in der Kabine der deutschen Fussballweltmeister 2014 nach dem Finalsieg von Rio einige der meistverbreiteten Fotos ihrer Kanzlerschaft. An diesem Dienstag in London aber dreht das sportpolitische Symbolkarussell frei.

Das Knien in der Öffentlichkeit ist die maximale Demutsgeste. Wer kniet, der ordnet sich freiwillig einem Grösseren unter – einem Gott, einer Majestät, einer Gruppe. Der kniende Mensch gibt vor den Augen der anderen die eigene Unwürdigkeit kund und kürt gerade so den Empfänger seiner Unterwerfung zum Souverän. Wovor knien deutsche Nationalspieler? Letztlich vor sich selbst und einer moralischen Lauterkeit, die sie mit ein und derselben Geste behaupten und beglaubigen wollen. Auf dem Rasen von Wembley wird deutsche Selbstergriffenheit vorgeführt.

Dem Deutschen Fussball-Bund ist es offenbar ein Anliegen, Deutschland als woke Nation zu präsentieren, politisch korrekt bis in die Waden. Dazu hat der mit Korruptionsvorwürfen kämpfende Verband aber weder die Legitimation noch das Mandat. Und wer meint, der Kampf gegen Rassismus werde leichter gewonnen, wenn kickende Millionäre das Knie beugen, der hat vom Wesen der Menschenverachtung nichts begriffen. Der Kniefall von Wembley ist und bleibt: ein Knien vor der eigenen Ergriffenheit, ein absurdes Spektakel.
… Alles von Alexander Kissler vom 29.6.2021 bitte lesen auf https://www.nzz.ch