Mittelschicht

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Blick nach Südosten zum Feldberg im Schwarzwald im Januar 2019

Blick nach Südosten zum Feldberg im Schwarzwald im Januar 2019

 

Der Kampf der zwei Mittelschichten: Freisassen und Klerus
von Joel Kotkin
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Politiker in der gesamten westlichen Welt sprechen gern von der „Mittelschicht“, als ob das eine große Wählerschaft mit gemeinsamen Interessen und Bestrebungen wäre. Aber, wie Karl Marx schon beobachtete, die Mittelschicht war schon immer gespalten entlang der Herkunft ihres Reichtums und entlang der Weltanschauung. Heute ist sie geteilt in zwei unterschiedliche und oft gegensätzliche Mittelschichten.
Zunächst sind da die „Freisassen“ beziehungsweise die traditionelle Mittelschicht, die aus Kleinunternehmern, Kleingrundbesitzern, Handwerkern und Kunsthandwerkern besteht, es ist das, was wir historisch als das Bürgertum oder den alten französischen Dritten Stand definieren würden, der tief in der Privatwirtschaft verwurzelt ist.
Die andere Mittelschicht, die jetzt im Aufstieg begriffen ist, das ist der „Klerus“, eine Gruppe, die ihren Lebensunterhalt größtenteils in quasi-öffentlichen Institutionen, insbesondere Universitäten, Medien, der Non-Profit-Welt und der oberen Bürokratie bestreitet.
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Zwischen den Oligarchen, die inzwischen bis zu 50 Prozent des Weltvermögens besitzen,
https://www.independent.co.uk/voices/despite-appearances-the-idea-of-social-progress-is-a-myth-a7867371.html
und der wachsenden Menge von eigentumslosen „Leibeigenen“ kämpft die traditionelle Mittelschicht zunehmend ums Überleben gegen diejenigen, die den größten Zugang zu Kapital und politischer Macht haben. Die Macht dieses modernen Äquivalents der mittelalterlichen Aristokratie, die die Franzosen als der Zweite Stand bezeichneten, scheint zu wachsen; eine kürzlich durchgeführte Studie des britischen Parlaments geht davon aus, dass die obersten ein Prozent bis 2030 ihren Anteil auf zwei Drittel des Weltvermögens ausweiten werden, wobei sich die größten Gewinne überwiegend auf die obersten 0,01 Prozent konzentrieren werden. Eine der Folgen dieser Konzentration wirtschaftlicher Macht ist, dass das Unternehmertum selbst in Amerika, der kapitalistischen Brutstätte, nun zurückgeht.
Im Gegensatz dazu hat die „Geistlichkeit“ beziehungsweise der „Klerus“ ein weitaus weniger feindseliges Verhältnis zu den Megareichen, da er zu einem großen Teil außerhalb des Marktsystems agiert. Wie die katholische Kirche im Mittelalter genießt dieser Teil der Mittelschicht eine gewisse Symbiose mit den oligarchischen Eliten, den Hauptfinanziers von NGOs und Universitäten, und er dominiert die Medien- und Kulturindustrie, die so viele von ihnen beschäftigt. Sie sind oft auch Nutznießer des Regulierungsstaates, entweder direkt als hochrangige Regierungsangestellte oder als Berater, Anwälte oder über Non-Profit-Organisationen.
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Der Aufstieg des Klerus
Der Begriff „Klerus“ wurde in den 1830er Jahren von Samuel Coleridge geprägt, um eine Klasse von Menschen zu definieren, deren Aufgabe es war, die Massen zu unterrichten und zu lenken. Die traditionellen (kirchlichen) Kleriker sind immer noch ein Teil dieser Klasse, aber zu ihnen gesellten sich andere – Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, öffentliche Intellektuelle und die Leiter von gemeinnützigen Stiftungen. Seit der industriellen Revolution hat sich der Klerus immer weiter ausgedehnt und ist immer säkularer geworden, wobei er den religiösen Klerus im Wesentlichen ersetzt hat als „neue Legitimatoren (new legitimizers) der Gesellschaft“, wie es der große deutsche Soziologe Max Weber bezeichnet hat. (1)
Obwohl sie sicherlich nicht alle einer Meinung sind, befürworten die Kleriker im Allgemeinen eine immer stärkere zentrale Kontrolle und Regulierung. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty nennt sie „die Brahmanen-Linke“ und weist darauf hin, dass ihr Ziel nicht unbedingt Wachstum oder größerer Wohlstand für die hoi polloi ist, sondern eine Gesellschaft, die von ihren eigenen fortschrittlichen Überzeugungen geprägt ist. In dieser Hinsicht bekleiden sie trotz einer allgemein säkularen Ideologie eine Rolle, wie sie die katholische Kirche, bzw. das, was die Franzosen als Ersten Stand bezeichneten, in der feudalen Gesellschaft spielte.

Der heutige Klerus konzentriert sich auf Berufsfelder, deren Zahl in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, darunter Lehre, Beratung, Recht, Medizin und öffentlicher Dienst. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der traditionellen Mittelschicht – Kleinunternehmer, Arbeiter in der Grundstoffindustrie und im Baugewerbe – am Arbeitsmarkt zurückgegangen und geschrumpft. (2) Einige Berufsgruppen, die einst enger an die Privatwirtschaft gebunden waren, wie z.B. Ärzte, wurden von bürokratischen Strukturen zusammengefasst und haben sich – zumindest in den Vereinigten Staaten – von einer verlässlichen konservativen Lobby zu einer zunehmend fortschrittlichen gewandelt.

Diese Verschiebungen sind in Europa eher noch stärker ausgeprägt. In Frankreich sind im letzten Vierteljahrhundert über 1,4 Millionen Arbeitsplätze mit geringerer Qualifikation verschwunden, während qualifiziertere Arbeitsplätze, oft im öffentlichen Sektor, stark zugenommen haben. Diejenigen, die in staatlichen Industrien, an den Universitäten und in anderen Klerus-orientierten Positionen arbeiten, genießen weitaus bessere Leistungen, insbesondere Renten, als diejenigen, die im rein privaten Sektor arbeiten. Zwar müssen die Mitglieder des Klerus auch unter den hohen europäischen Steuern auf die Mittelschicht leiden, aber sie profitieren auch weit mehr als andere von der Großzügigkeit des Staates.

„Die privilegierte Schicht“
An seiner Spitze besteht der Klerus heute weitgehend aus den gut ausgebildeten Nachkommen der Wohlhabenden. Die Mitgliedschaft in dieser Klasse ist zunehmend erblich geworden, was zum Teil auf das Phänomen der Heirat gut ausgebildeter Menschen untereinander zurückzuführen ist – zwischen 1960 und 2005 hat sich der Anteil der Männer mit Universitätsabschluss, die Frauen mit Universitätsabschluss heirateten, von 25 auf 48 Prozent fast verdoppelt. „Nach einer Generation“, so prognostizierte der amerikanische Soziologe Daniel Bell vor fast einem halben Jahrhundert, „wird aus einer Meritokratie einfach eine abgeschlossene Klasse“. (3)
Wie groß ist der Klerus? Ein Analyst, Michael Lind, schätzt, dass das, was er als „Überklasse“ (overclass) bezeichnet, etwa 15 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmerschaft ausmacht. Das ist weitaus mehr, als bei den Mitgliedern des alten „Ersten Standes“, die bei ca. einem Prozent der französischen Bevölkerung lag. Eine andere Analyse definiert den Klerus etwas enger und schätzt, dass er etwa 2,4 Millionen Menschen in einem Land mit über 320 Millionen Einwohnern umfasst.(4)

Wie ihre mittelalterlichen Pendants im alten Ersten Stand bestehen die Mitglieder des zeitgenössischen Klerus darauf, dass sie nicht von Eigeninteresse, sondern vom Streben nach dem Gemeinwohl angetrieben sind. Sie bilden „die privilegierte Schicht“, wie es der linke französische Analytiker Christophe Guilluy formulierte, und operieren von der Annahme einer „moralischen Überlegenheit“ aus, aus der sich ihr Recht ableitet, Anderen Weisungen zu erteilen. (5) Diese Macht wird durch ihre Kontrolle über die Kultur, die meisten Medien, die Bildungssysteme – acht von zehn britischen Professoren gehören der Linken an – und über die gesamte Bürokratie erheblich verstärkt.

Die bedrängten Freisassen
Die Perspektive der traditionellen Mittelschicht („Freisassen“) unterscheidet sich im Allgemeinen von der des Klerus und macht das aus, was Piketty als „Kaufmannsrecht“ bezeichnet. Diese Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt auf dem Marktplatz, und das bringt sie oft in Konflikt mit den Oligarchen, die ständig versuchen, ihre Geschäfte zu zerschlagen oder zu absorbieren, oder mit den Geistlichen, die Umwelt- und andere Vorschriften erlassen, die ihre Aktivitäten behindern. Im Allgemeinen sind größere Firmen viel versierter in der Anpassung an diese Beschränkungen als kleinere Firmen.

Die eigentumsbesitzende Freisassenschaft ist seit langem entscheidend für die Entwicklung der Demokratie. Die frühesten Demokratien in Athen und der Römischen Republik beruhten auf einer durchsetzungsstarken, eigentumsbesitzenden Mittelschicht. Aristoteles warnte vor den Gefahren einer Oligarchie, die sowohl die Wirtschaft als auch den Staat kontrollieren würde. Letztlich spielte die immer stärkere Konsolidierung des Reichtums eine wichtige Rolle bei der Untergrabung der griechischen Demokratie und der bürgergeführten römischen Republik. (6) Als die mittleren Ordnungen schwächer wurden, folgte die Autokratie, zunächst in Form des Imperiums und später in der Uneinigkeit und sozialen Stagnation des finsteren Zeitalters.

Der große Aufstieg der Freisassen kam mit dem Wiederaufleben unabhängiger Eigentümer am Ende des Mittelalters, insbesondere in den Niederlanden und in Großbritannien. Diese Klasse schwoll später an, insbesondere nach der Revolution von 1789 in Frankreich und unter den britischen Nachkommen der Kolonisten in Kanada, Australien und den Vereinigten Staaten. Eine Studie aus dem Jahr 2016, die sich auf das Vereinigte Königreich, die Niederlande und die Vereinigten Staaten bezieht, zeigt, dass in allen drei Ländern die Konzentration des Reichtums von den 1820er bis zu den 1970er Jahren rapide abnahm. Noch nie waren der Wohlstand und die relative wirtschaftliche Sicherheit so groß wie heute.

In den Jahrzehnten nach den 1970er Jahren beschleunigte sich jedoch auch die Verschiebung zu einer stärkeren Konzentration des Reichtums und wurde nach dem Finanzcrash 2007/2008 unaufhaltsam. Obwohl die Finanzinstitutionen zur Entstehung der Krise beitrugen, waren sie am Ende die größten Gewinner der weitgehend anlagebasierten Konjunktur, die auf die Große Rezession folgte. Ladengeschäfte und gewöhnliche Hausbesitzer kamen dagegen schlecht weg. Wie ein konservativer Ökonom 2018 kurz und bündig feststellte: „Das wirtschaftliche Erbe des letzten Jahrzehnts ist eine übermäßige unternehmerische Erstarrung, ein massiver Vermögenstransfer aus der Mittelschicht in die oberen ein Prozent der Bevölkerung“.
„Als würde man von den Borg assimiliert“
Die Not der Freisassen zeigt sich in allen Bereichen, von sinkenden Raten von Unternehmensgründungen bis hin zu abnehmendem Wohneigentum, vor allem bei den jungen Leuten, vor allem in den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien. Selbst in den Vereinigten Staaten, einem Land, das nie Feudalismus erlebt hat, ist der Anteil der 100 größten privaten Landbesitzer zwischen 2007 und 2017 um fast 50 Prozent gestiegen.

Auch der Landbesitz in Europa konzentriert sich zunehmend in wenigen Händen; in Großbritannien, wo die Bodenpreise in den letzten zehn Jahren dramatisch gestiegen sind, besitzt weniger als ein Prozent der Bevölkerung die Hälfte des gesamten Landes. Auf dem Kontinent ist das Ackerland zunehmend konzentriert, während städtische Immobilien in die Hände eines kleinen Kaders von Unternehmenseigentümern und Mega-Reichen gefallen sind.

Die wachsende Unternehmenskonzentration, sowohl in den USA als auch in Europa, ist nun in die einst dynamische Technologiewirtschaft eingesickert. Im Silicon Valley wird die berühmte Garagenkultur von einer Vielzahl von Riesenfirmen verdrängt, die eine in der heutigen Zeit beispiellose Marktmacht erlangt haben und in einigen Fällen 80 bis 90 Prozent ihrer Schlüsselnischen wie Internetsuchen, soziale Medien, Mobilfunk- und Computerbetriebssysteme kontrollieren. Ein Online-Verleger verwendet eine Star Trek-Analogie, um den Status seiner Firma bei Google zu beschreiben: „Es ist ein bisschen so, als würde man von den Borg assimiliert. Man bekommt coole neue Kräfte. Aber nach der Assimilation würden Sie, wenn Ihre Implantate jemals entfernt würden, mit Sicherheit sterben. Damit ist im Grunde genommen unsere Beziehung zu Google erfasst.“

Der Niedergang der Freisassen bedroht die Zukunft der Demokratie, wie wir sie kennen. Angesichts zunehmender Angriffe auf ihre Unternehmen und, in einigen Fällen, auf ihre Gemeinschaften, haben sie begonnen, sich gegen viele der Politiken zu wehren, die von den Oligarchen und der Geistlichkeit weitgehend unterstützt werden, besonders gegen die Klimapolitik. Eine Politik, die den raschen Ersatz fossiler Brennstoffe durch stark subventionierte erneuerbare Energien erzwingt, erfordert die Entwicklung einer weitgehend von Verantwortung befreiten Bürokratie, die den Klerus sowohl versorgt als auch mit größerer Macht ausstattet, während sie den Oligarchen sowohl in den USA als auch in Europa eine einzigartige Gelegenheit bietet, aus den Energie-„Übergängen“ Kapital zu schlagen.

Reizvolle Aussichten: Krieg innerhalb der Mittelschicht
Für große Teile der Freisassen hingegen führt die Forderung nach einem raschen, radikalen Umstieg auf erneuerbare Energien zu deutlich höheren Energiepreisen. Er droht auch die Industrien zu schrumpfen, in denen viele von ihnen arbeiten, und den Lebensunterhalt der Händler in den Ladengeschäften kleinerer Städte und auf dem Land zu unterhöhlen. Schon die Versuche, eine solche Politik durchzusetzen, haben in einer Reihe von Ländern zu Aufständen der Freisassen geführt.

Die Energiepreiserhöhung von Präsident Emmanuel Macron mag in den Salons der Pariser Elite beliebt sein, aber nicht so sehr bei der großen Mehrheit, besonders nicht bei den 90 Prozent der Bewohner, die außerhalb des zentralen Bezirks arbeiten, sowie bei den Bewohnern der kleineren Städte und Gemeinden von La France Périphérique. Die massiven Gilets-Jaunes-Proteste in Frankreich im vergangenen Jahr lösten ähnliche Proteste in normalerweise ruhigeren Ländern wie Norwegen und den Niederlanden aus. Der stetige Anstieg der Energiepreise durch die grüne Politik sowie die Erhöhung der U-Bahn-Tarife haben zu großen Protesten rund um die chilenische Hauptstadt Santiago geführt, bei denen 20 Menschen starben und 1.200 verletzt wurden.

Eine ähnlich ultragrüne Politik – gewünscht durch den Klerus und seine oligarchischen Verbündeten – wurde von den Wählern in Australien entschieden abgelehnt, was einen überraschenden Sieg der Konservativen ermöglichte, und auch in Orten wie Ontario und Alberta, Kanada, wo sich grüne Regularien grundlegende Industrien wie die Ölindustrie und das verarbeitende Gewerbe bedrohen, die für die Freisassen von entscheidender Bedeutung sind. Forderungen nach einem radikalen „Green New Deal“, die von einer Reihe führender Demokraten unterstützt werden, dürften eine ähnliche Reaktion im gewaltigen amerikanischen „oil patch“ von den Appalachen bis nach Westtexas auslösen.

Aber die Kluft zwischen den Freisassen und dem Klerus erstreckt sich auch auf allgemeinere Themen, von der Grenzkontrolle über die nationale Identität und die Einwanderung bis hin zum Ort der politischen Kontrolle. In den meisten Fällen ziehen die Freisassen lokale Autoritäten einer weiter entfernten Herrschaft vor, während die Geistlichen das Gegenteil bevorzugen. Dies zeigte sich bei der Abstimmung zum Brexit und bei den jüngsten Parlamentswahlen in Großbritannien, wo der kosmopolitische Klerus, der in London ansässig und hochgebildet ist, den Brexit weitgehend ablehnte, während die Mittelschicht sowie ein Großteil der Arbeiterschicht, besonders außerhalb des Südostens, und der Grundeigentümer, den Brexit und seinen Umsetzer, Premierminister Boris Johnson, bevorzugten. Bemerkenswerte 57 Prozent der Menschen, die ein eigenes Haus besaßen, unterstützten Johnson, verglichen mit knapp 22 Prozent für die Labour Party.

Der Zorn des Klerus auf Trump
Während sich Amerika auf seinen vierjährigen Präsidentschaftsmarathon vorbereitet, sind diese Spaltungen schmerzlich offensichtlich. Kein Präsident hat jemals den Zorn des Klerus – Medien, Unterhaltungsindustrie, Wissenschaft – mehr auf sich gezogen als Donald Trump. Aber Trump hat eine rekordverdächtige Unterstützung unter den Kleinunternehmern auf der Hauptstraße, besonders in den von Produktion und Energie abhängigen Teilen des Landes. Die Anziehungskraft der Klimaaktivisten dürfte sich nicht verbessern, da sie sich jetzt zunehmend für die Abschaffung des Eigentums an Einfamilienhäusern einsetzen, um ein angeblich klimafreundliches Regime der Raumverdichtung zu fördern, während die meisten Menschen aus der Mittelschicht ein Eigenheim bevorzugen.

Der Kampf zwischen den beiden Mittelschichten ist nicht nur eine Frage von Reichtum und Macht, sondern auch des Erhalts der sozialen Basis der Demokratie selbst. Ohne eine starke, unabhängige Mittelschicht, die außerhalb der Kontrolle großer Institutionen agiert, seien es nun Technikgiganten oder Regierungen, könnten wir einer technokratischen Zukunft entgegengehen, die einem „Feudalismus mit besserem Marketing“ ähnelt, wie ein Spaßvogel aus dem Silicon-Valley es ausdrückte.

Eine unabhängige und durchsetzungsstarke eigentumsbesitzende Mittelschicht, die gedeihen kann, bleibt die einzige Kraft, die in der Lage ist, der ständig wachsenden Zentralisierung entgegenzutreten. Ohne sie wird es wahrscheinlich keine Möglichkeit geben, das Entstehen einer neuen Feudalordnung in der Zukunft zu verhindern. Wie es der radikale Sozialtheoretiker Barrington Moore vor einem halben Jahrhundert bereits andeutete: „Keine Bourgeoisie, keine Demokratie“.(7)
Dieser Beitrag ist zuerst auf Englisch im Magazin Quillette erschienen.
https://quillette.com/2020/02/27/the-two-middle-classes/
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Joel Kotkin ist President Fellow für Urban Futures an der Chapman University und Executive Director des Center for Opportunity Urbanism. Sein letztes Buch „The Human City: Urbanism fort he Rest of us“ erschien 2017 im Agate Verlag. Sein nächstes Buch, „The Coming of Neo-Feudalism“, erscheint Anfang nächsten Jahres bei Encounter. Sie können ihm auf Twitter folgen: @joelkotkin

Anmerkungen:
(1) Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Band 1 (Berkeley: University of California Press, 1978), xcviii; Marc Bloch, Marc Bloch, Feudalgesellschaft, op. cit., 345.
(2) Analyse von Arbeitsplatzdaten von Mark Schill auf der Grundlage von EMSI-Berechnungen.
(3) Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society (New York: Basic Books, 1973), 427.
(4) Charles Murray, Das Auseinandergehen: Der Staat Weißes Amerika 1960-2010 (New York: Crown Books, 2012), 19-20.
(5) Christophe Guilluy, Die Dämmerung der Eliten: Wohlstand, die Peripherie und die Zukunft Frankreichs (New Haven: Yale University Press, 2016), 2, 9.
(6) Jeffrey A. Winters, Oligarchie (Cambridge: Cambridge University Press, 2011), 78-90; Montesquieu: Ausgewählte politische Schriften, hrsg. und trans. Melvin Richter (Indianapolis: Hackett, 1990), 86-87; Aristoteles, Politik, Hrsg. und trans. Benjamin Jowett, Bk. 3, .
(7) Barrington Moore, Jr., Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie: Lord and Peasant in the Making of the Modern World (Boston: Beacon, 1967), 418

… Alles vom 16.3.2020 von Joel Kotkin bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/der_kampf_der_zwei_mittelschichten
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Joel Kotkin
Joel Kotkin, geb. 1952, ist Presidential Fellow an der Chapman University in Orange, Kalifornien und Geschäftsführer des Center for Opportunity Urbanism in Houston, Texas. Sein letztes Buch „The Human City: Urbanism for the Rest of us“ erschien 2017 im Agate Verlag.
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Weiterführende Links:
https://en.wikipedia.org/wiki/Joel_Kotkin
https://joelkotkin.com/
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Einige Kommentare:
Schelsky‘ Priesterschaft
Danke Herr Kotkin für diesen hervorragenden Beitrag. Der visionäre Soziologe Helmut Schelsky bezeichnete schon 1974 das Emporkommen einer neuen Klasse, die er die “Priesterschaft” der Intellektuellen nannte,als die demnächst kulturell führende Schicht. Und Roland Baader begründet seine These vom Ende des “Kapitalismus” mit der Befürchtung ,daß ihm die “Kapitalisten” ausgehen könnten. All das entwickelt sich gerade, und der aktuelle Status der “Gesellschaft” ist definiert durch den “Politischen Kapitalismus” ,an dessem Ende sicher eine neue, moderne Art des Faschismus stehen wird. Denn grün-linke Politik definiert sich quasi durch die permanente Enteignung der “Freisassen”, die mangels politischer Macht und ökonomischer Zwänge bald nur noch eine geduldete und unbedeutende Schicht sein werden.
16.3.2020, Sybille E., AO
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Ist ein Angestellter bei VW, BASF, usw. nicht auch Angehöriger der “Mittelschicht”?
Zumal große Konzerne zwischenzeitlich im Angestelltenbereich breite Gräben gezogen haben, welche einen Aufstieg vom “kleinen” Angestellten ins mittlere Management verhindern. So hat man extrem geschickt viele Angestellte, teilweise sogar zwangsweise, aus dem Tarifbereich in den außertariflichen Bereich gehoben – aber nur aus dem einen Grund, dass Überstunden nun nicht mehr dokumentiert werden und man so die Leute bis in die Puppen malochen lassen kann – natürlich ohne Ausgleichsfreizeit. Damit das für die Unternehmen noch billiger wird, schuf man durch Verbreiterung der untersten außertariflichen Bereiche ein neues “Angestelltenproletariat”, aus welchem ein Aufstieg in das mittlere Management – im Gegensatz zu “früher” – kaum mehr möglich ist…
16.3.2020, Th.W.
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Kampf gegen Rechts”
Ein sehr interessanter Blickwinkel, der viel Wahres enthält. Ich empfinde den “Kampf gegen Rechts” in seinen Auswüchsen nicht als Kampf gegen nationalsozialistisches Gedankengut, dann wäre er ein “Kampf gegen eine Sonderform von Links”, meinetwegen auch ein “Kampf gegen Rechtsextremismus”. Nein, ich empfinde ihn als Kampf gegen die bürgerlichen Freiheiten, als Angriff der mehrheitlich links ideologisierten “Klerus”-Mittelschicht gegen die marktwirtschaftlich orientierte, “schaffende” Mittelschicht. Ist der linken (schmarotzenden) “Klerus”-Mittelschicht eigentlich bewusst, dass es sie in dieser mächtigen Dimension nur gibt, weil die bürgerliche Mittelschicht so leistungsfähig ist ? „Keine Bourgeoisie, keine Demokratie“, das sehe ich auch so. Was passiert, wenn der “Kampf gegen Rechts” erfolgreich endet und der “Kapitalismus” inklusive seiner freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Grundordnung überwunden ist ? Dann passiert das, was jedes Mal passierte: Der einen Mittelschicht geht, ganz schnell, das Geld der anderen Mittelschicht aus und es wird brutal.
16.3.2020, M.ST
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Das klassische Bürgertum in Ohnmacht
So ist es, mit der Ergänzung, dass die Würfel, nicht zufaellig in Deutschland, vielleicht auch in Schweden, bereits gefallen sind. Nicht zuletzt auch, aber nicht nur, deshalb, weil sich das religiöse Element nicht voellig verabschiedet hat, sondern nur im anderen Gewand daherkommt, eine Scheinsaekularisierung zum Schlechteren, was die liberale Demokratie betrifft.
Die Mehrheit ist auch in diesem zutreffenden Beitrag richtig beschrieben, denn das klassische Bürgertum macht nur noch eine politisch ohnmächtige Größenordnung aus, zumal selbst hier die zu Recht die Angst vor Stigmatisierung und Angriffen von links besteht. Die HelferInnen vom ÖR und Spiegel, Zeit, Sueddeutscher, Rundschau, FAZ und selbst Bild und Welt u. a. agieren ebenso skrupellos unmoralisch wie totalitaer im Sinne der MachthaberInnen und der neuen “Elite”, wobei wir hier die Organisationen wie EU und UN nicht vergessen dürfen.
16.3.2020, R.N.
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Duftmarke “NAZI“
Wunderbarer Klartext über die neofeudale Schichtung nicht nur in diesem Land. Diese Fakten sollte jeder kennen. Die herrschende Klasse wird aber die Macht nicht freiwillig abgeben. Ihre Feinde hat sie mit der Duftmarke “NAZI“schon markiert.
16.3.2020, J. SCH.

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Die Mittelschicht begehrt auf
Durch Deutschland zieht sich ein tiefer Riß. Mit überkommenen Kategorien wie rechts-links, Ost-West, oben-unten, progressiv-rückwärtsgewandt ist diese Spaltung nicht mehr zu beschreiben. Es sind nämlich nicht Extremisten oder Verhetzte, die da aufbegehren. Viel gefährlicher für die an den Schalthebeln: Die Mittelschicht, die das Gemeinwesen trägt und am Laufen hält, kündigt den politischen und medialen Eliten die Gefolgschaft auf, weil diese sie im Stich gelassen haben.
Die Mittelschicht: Das sind die Leute, die jeden Morgen aufstehen, arbeiten gehen und Steuern zahlen, die Familien gründen, Kinder erziehen und sich darum kümmern, daß diese in geordneten Verhältnissen aufwachsen und etwas lernen, die sich ehrenamtlich für andere engagieren, die Verantwortung in Familie und Gesellschaft übernehmen in der Hoffnung, daß es ihnen und ihren Kindern als Frucht ihrer Leistung künftig besser geht.
Darüber hinaus entrichten sie Steuern und Abgaben, und das nicht zu knapp. Im Gegenzug erwarten sie, daß der Staat das Seine tut und seine Versprechen hält: daß er sein Gewaltmonopol behauptet; daß Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit für alle gelten; daß Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen, Bildungswesen und Verwaltung ordentlich funktionieren; daß mit dem Geld der Bürger verantwortlich und sparsam umgegangen wird und jeder Wohlstand, Vermögen und Absicherung im Alter aufbauen kann.
Dieses Versprechen erfüllt der deutsche Staat immer schlechter und vielfach nur noch auf dem Papier. Die Mittelschicht hat das lange nicht gemerkt. Wer ganz davon in Anspruch genommen ist, trotz steigender Lasten über die Runden zu kommen und den eigenen Lebensstandard zu verteidigen, schaut lieber weg und glaubt gern, daß doch irgendwie alles gutgehen würde. Inzwischen aber ist das Staatsversagen unübersehbar. Die Staatsfinanzen ufern aus, das Steueraufkommen hat sich fast verdoppelt in den dreizehn Merkeljahren, während das Durchschnittseinkommen weit hinterherhinkt. …
8.2.2019, Michael Paulwitz, „Der große Graben: Unruhe, Unbehagen und Spaltung nehmen zu:
Die arbeitende Mitttelschicht kündigt die Gefolgschaft auf“,
Junge Freiheit 7/19, Seite 1
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