Wissenschaft-Politik

d

Hochschwarzwald am Schauinsland 13.1.2021: Wetterbuchen im Schnee

 

 

Wir brauchen eine pluralistische Wissenschaftsnutzung durch die Politik
Ob Klimawandel oder Virus: Gefährliche Prognosen
– von Johannes Eisleben
Zwei Themen bewegen derzeit viele Menschen in den westlichen Massendemokratien: Covid und Klimawandel. Wie wichtig diese Themen sind, läßt sich auch daran ablesen, daß sich unsere drei Staatsgewalten und die Presse permanent mit diesen Themen auseinandersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Wochen Eilanträge gegen die Covid-Maßnahmen zurückgewiesen und entschieden, daß Grundrechtseinschränkungen im Rahmen des sogenannten Klimaschutzes möglich werden könnten. Bei dieser Entscheidung hat es sich auf Ergebnisse und Aussagen von Wissenschaftlern berufen, was Exekutive und Legislative auch tun.
.
Gibt es daran etwas zu beanstanden? Beruht nicht unsere ganze technische Zivilisation auf wissenschaftlicher Forschung und deren technischer Anwendung? Sicherlich. Doch müssen Politiker die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse würdigen und bei ihrer Anwendung eine Güterabwägung durchführen. Die Politik verrennt sich und verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie nur einseitige wissenschaftliche Meinungen berücksichtigt.
Wie ist es um die Qualität der Wissenschaft bei den hochpolitischen Fragen Klimawandel und Covid bestellt? In beiden Fällen sind Wissenschaftler, egal welcher Disziplin, nicht in der Lage, exakte quantitative Modelle zu erstellen. Sie können nicht genau verstehen, was geschieht, ihre Berechnungen sind sehr ungenau. Das liegt daran, daß es sich bei beiden Feldern, Weltklima und virale Infektion, um Systeme handelt, die sich mathematisch nicht exakt modellieren lassen.
Bei Phänomenen wie der Ballistik oder der Erzeugung mechanischer aus elektrischer Leistung im Elektromotor können wir quantitative, exakte Modelle aufstellen und mit deren Hilfe genaue Zahlen berechnen. So kann die Flugbahn einer Rakete genau berechnet werden. Oder es kann berechnet werden, wie lange bei einer bestimmten Leistung eine Batterie ein E-Auto mit Strom versorgen kann. Bei diesen Beispielen dominiert eine physikalische Fundamentalkraft, die das Geschehen bestimmt, hier haben wir es mit wenigen Variablen zu tun, wir haben feste Randbedingungen, und die Art der Elemente und ihrer Wechselwirkungen sind immer gleich.

So ist es beim Klima und Covid nicht. Dort kennen wir die Systeme nur ungefähr. Wir wissen nicht genau, wie die Erde und ihre Bestandteile wie Wasser, Boden, Atmosphäre und die klima­relevante Vegetation mit der Sonneneinstrahlung interagieren und wie sich der menschliche Kohlendioxideintrag in dieses System genau auswirkt. Denn das System enthält unzählige Elemente, die aufeinander einwirken, und wir können deren Zusammenspiel nur sehr grob verstehen. Daher wissen wir zwar, daß der anthropogene Ausstoß von Kohlendioxid zu dem Klimawandel, den wir beobachten, beiträgt, aber nicht genau, in welchem Ausmaß.

So ist es auch bei Sars-CoV-2. Das Virus breitet sich über die Atemluft aus, wir können es durch Isolationsmaßnahmen dauerhaft nicht aufhalten. Zwischen dem Virus und seinen menschlichen Wirten gibt es zahlreiche Wechselwirkungen, die wir nicht oder nur sehr schlecht verstehen. Wir wissen, daß das Virus ständig mutiert, um sich in der Population halten zu können. Mit Sicherheit wissen wir aber nicht genug über das System Virus-Mensch, um im voraus berechnen zu können, wie sich das Virus genau ausbreitet und welche Maßnahmen sich wie darauf auswirken. Sicher ist nur, daß am Virus nur ein sehr kleiner Teil der Infizierten stirbt – laut WHO sterben an einer Sars-CoV-2-Infektion etwa 0,15 Prozent der Menschen über 70 Jahre, während an einem akuten Herzinfarkt in dieser Altersgruppe auch mit Notfallbehandlung etwa 30 bis 40 Prozent der Patienten sterben – und daß es nie verschwinden wird, egal wie hoch der Anteil der Geimpften an der Bevölkerung ist:
Wir haben die Pocken durch Impfung ausgerottet, die Kinderlähmung ist durch die seit den 1950er Jahren laufende weltweite Impfkampagne sehr stark zurückgedrängt worden. Aber virale Erreger grippaler Infekte lassen sich durch Impfung nicht ausrotten, das wissen wir sicher: theoretisch, aber auch praktisch anhand der Influenza, gegen die seit 50 Jahren geimpft wird, ohne daß man je nachweisen konnte, daß dadurch Todesfälle verhindert wurden, geschweige denn, daß einer der zahlreichen Stämme ausgerottet worden wäre.

Da es in der Klimaforschung und der Virusmedizin, an der jeweils viele Disziplinen beteiligt sind, keine exakten quantitativen Modelle geben kann, müssen Politiker in diesen Bereichen Ratgeber aller beteiligten Teildisziplinen anhören: bei Covid Virologen, Pneumologen, Intensivmediziner, Epidemiologen, aber auch Zellbiologen oder Biochemiker. Sie müssen sich dabei auch von Fachleuten beraten lassen, die einander widersprechende Meinungen vertreten. Wir brauchen eine pluralistische Wissenschaftsnutzung durch die Politik. Dies ist bei Sars-CoV-2 nicht geschehen, und in der Klimamodellierung geschieht es auch nicht.

Politiker müssen vor allem aber auch die Werte und Güter, die von den Empfehlungen der Wissenschaftler tangiert werden, gegen andere Güter abwägen. Das ist keine wissenschaftliche Aufgabe, sondern eine politische. So muß beispielsweise bei Covid das Wohl der Kinder und Jugendlichen und das Funktionieren der Wirtschaft gegen das unvermeidliche Risiko für alte Menschen abgewogen werden, beim Klimaschutz das Ziel von Wohlstand auch für die unteren Einkommensschichten gegenüber der fraglichen Realisierung von Klimazielen.

Wenn Politiker dabei versagen und nur einseitig auf bestimmte Güter setzen, entsteht erst Politikverdrossenheit, dann politischer Unmut und schließlich ein Legitimationsverlust des Staates, gefolgt von gesellschaftlicher Instabilität. Wir sind derzeit zwischen der ersten und zweiten Stufe und sollten daher rasch zu einer pluralistischen Nutzung der Wissenschaft und einer differenzierten Abwägung zwischen den Gütern zurückkehren.
28.5.2021, Johannes Eisleben, JF 22/21, Seite 1

.

 

Aus den Fakten der Wissenschaft folgen keine Normen
Corona-Ausschuss 42: Prof. Michael Esfeld

Am 5. März 2021 war der ehemals der Leopoldina angehörende Wissenschaftsphilosoph Prof. Dr. Michael Esfeld zu Gast in der 42. Sitzung des Corona-Ausschusses. Ergänzend zur Vorabveröffentlichung einer Passage zum „Wissenschafts“-Terror folgt nun die vollständige Transkription dieses Abschnitts.
….
Also das ist jetzt hier die Situation. Natürlich weiß niemand, was ist genau die Infektionssterblichkeitsrate? Die Schätzung bei Ioannidis ist Medianwert 0,27. Aus der Streeck-Studie für Heinsberg ist es 0,35. Vielleicht ist es 0,4, vielleicht ist es 0,2. Das wissen wir am Ende nicht, denn wir müssen die Zahlen nehmen, die wir jetzt nach bestem Wissen und Gewissen zur Verfügung haben. Aber das sind Fakten. Und Prozess.

Und hier geht es um Normen und was wir tun sollen. Und Wissenschaft ist gerade dadurch objektiv, dass sie vollkommen von Normen absieht, sich rein auf Fakten beschränkt. Das ist die große Errungenschaft der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Dass man alles Wertende darüber, was Gut und Böse ist. Nicht, in der Antike, Platon, ist die Vorstellung, was ist ein gutes Schwert oder was ist auch ein guter Schreibtisch oder ein guter Apfel? Nicht, Sie haben da so schöne rote Äpfel. Nicht, dass sind sicher gute Äpfel.
Die neuzeitliche Naturwissenschaft seit dem 17. Jahrhundert schiebt die Werturteile von sich. Und darauf beruht ihr Erfolg. Das ist die Objektivität, reine Fakten, urbarer Standpunkt von nirgendwo und nirgendwann wird angestrebt. Geht natürlich nie ganz, weil immer Ihre Vorurteile einfließen, in irgendeiner Weise. Aber das ist das, was man anstrebt. Und das heißt ja schon, dass diese Fakten als solche nie Normen implizieren können. Jetzt können Sie natürlich allgemeine Normen, normative Prämissen machen. Wie, im Straßenverkehr soll es nicht so viele Tote geben. Und jetzt sagt diese Statistik, wenn Autos 200 fahren, dann sterben viele Leute. Oder sowas. Dann können Sie mit dieser normativen Prämisse das begründen. Aber erst einmal müssen Sie die normative Prämisse explizit machen – und dann muss der Zusammenhang stimmen.
Also, hier ist (…) der elementare Fehlschluss, dass man denkt, aus den Fakten würden irgendwelche Normen folgen. Jetzt kann man zugute halten, dass natürlich Gesundheitsschutz eine allgemein akzeptierte Norm ist. Aber da müsste man zeigen, wie die Verbindung von den Fakten über die Norm Gesundheitsschutz zu diesen Handlungsempfehlungen ist. Und das kann vorne und hinten nicht stimmen. Weil, wie gesagt, die Norm Gesundheitsschutz galt auch Mitte der 50er Jahre, galt auch 1968. Die Schlussfolgerungen waren ganz andere.
…. Alles vom 5.3.2021 (incl Transkript) bitte lesen auf
http://dschneble.tssd.de/blog/?p=9711