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IHK: Steffen Auer zu Ausbildung, Studium
Dass alle Unternehmen automatisch Mitglied in der Industrie- und Handelskammer (IHK) werden, ist umstritten. Für die Pflichtmitgliedschaft gebe es aber gute Gründe, sagt Steffen Auer. Der Unternehmer aus Lahr ist seit zehn Jahren Präsident der IHK Südlicher Oberrhein. Am 22. Juli wird sein Nachfolger gewählt. Barbara Schmidt hat mit Auer gesprochen.

BZ: Herr Auer, Sie haben zwei Amtszeiten als IHK-Präsident hinter sich, eine dritte lässt die IHK-Satzung nicht zu. Hätten Sie gerne weitergemacht?
Auer: Ich finde eine Begrenzung auf zwei Amtszeiten sehr sinnvoll. Zum einen glaube ich daran, dass eine neue Person neuen Schwung und neue Ideen einbringt. Zum anderen wäre es für ein solches Ehrenamt sonst noch schwieriger, jemanden zu finden. Dann würden alle sagen, der kennt sich aus, der soll einfach weitermachen.
BZ: Als IHK-Präsident arbeiten sie ehrenamtlich und bekommen keine Aufwandsentschädigung – anders als zum Beispiel Ihr Kollege bei der Handwerkskammer. Finden Sie das richtig?
Auer: Wir sind eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und das Wirtschaftsministerium, das uns beaufsichtigt, sagt, es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit. Wir haben das Ministerium um Prüfung gebeten, aber bisher noch kein positives Feedback erhalten.
BZ: Als Sie 2011 gewählt wurden, nannten Sie den Fachkräftemangel als eine der größten Aufgaben. Das Problem hielt all die Jahre an – dann kam Corona. Wie sieht es heute aus?

Auer: Corona war nur eine kurze Zwischenstation. Einige Unternehmen hatten wirtschaftliche Probleme, weshalb der Fachkräftemangel kurzzeitig nicht das drängendste Problem war. Seit zwei, drei Monaten steht er aber wieder auf Platz 1, das zeigt unsere vierteljährliche Konjunkturumfrage. Wir haben schon vor Jahren vorhergesagt, dass wir bis 2025 ungefähr 25 000 neue Fachkräfte brauchen. Die Zuwanderung hat die Lücke etwas überbrückt. Aber wir brauchen mehr, und zwar nicht nur Fachkräfte, sondern Arbeitskräfte überhaupt. Einzelne Branchen sind jetzt sogar stärker betroffen als vor Corona.
BZ: Zum Beispiel?
Auer: In der Gastronomie sind in der Krise viele Arbeitskräfte in andere Branchen gewechselt. Sie zurückzubekommen, wird sehr herausfordernd sein.

BZ: Nicht nur Gastronomen, auch Einzelhändler, Industriebetriebe und Dienstleister sind Mitglied der IHK. Kann ein Verband eine solche Vielfalt an Branchen überhaupt angemessen vertreten?
Auer: Genau das unterscheidet uns ja von einem Verband. Wenn sich zum Beispiel der Verband der Automobilindustrie zu einem Thema äußert, wird er dies im Sinne der Automobilindustrie tun. Aufgabe der IHK ist es, so steht es im IHK-Gesetz, die Meinung der Gesamtwirtschaft zu vertreten. Deshalb gibt es auch die Pflichtmitgliedschaft. Wenn ich als Präsident etwas sage, muss das immer in der Vollversammlung abgestimmt sein. Ich darf keine Klientelmeinung vertreten.

BZ: Und wenn es zu einem Thema unterschiedliche Meinungen gibt?
Auer: Dann müssen wir das sagen. Die Windenergie ist ein gutes Beispiel. Gastronomen wollen die Windräder möglichst weit weg von ihrem Betrieb haben. Industrieunternehmen sind die Versorgungssicherheit und die Energiepreise wichtig. Windkraftbetreiber wollen möglichst viele Windräder bauen. Dieses Meinungsbild müssen wir darstellen. Deswegen werden wir von der Politik gerne zu solchen Themen befragt, weil wir objektiver antworten als Verbände. Wir treten auch nicht mit so markigen Sprüchen auf, wie es Verbände gerne tun.

BZ: Die Pflichtmitgliedschaft ist unter den IHK-Mitgliedern aber umstritten.
Auer: Das stimmt, und ich kann die Kritik verstehen. Die Logik dahinter ist aber, dass ich nur die Meinung der Gesamtwirtschaft vertreten kann, wenn alle Branchen und Unternehmen Mitglied sind. Außerdem ist die IHK relativ günstig für das, was sie leistet. Würde der Staat zum Beispiel die Aus- und Weiterbildung selbst organisieren, wären unsere 2500 ehrenamtlichen Prüfer alle fest angestellt, würde das die Unternehmen ein Vielfaches kosten. Zudem zahlen kleinere Betriebe gar keinen Beitrag. Das sind etwa 40 Prozent unserer Mitglieder.

BZ: Sie haben stets für die betriebliche Ausbildung geworben, doch der Trend an die Universitäten dauert an. Warum ist die duale Ausbildung für viele junge Menschen nicht mehr attraktiv?
Auer: Das stimmt so nicht ganz. Inzwischen hat ein Drittel der Azubis im IHK-Bezirk eine Hochschulzugangsberechtigung. Vor zehn Jahren waren es nur 15 Prozent. Aber natürlich haben Sie recht, die duale Ausbildung hat gegenüber dem Studium zu kämpfen. Viele Eltern wollen, dass Sohn oder Tochter studieren. Es ist auch schwierig, den Nachweis zu erbringen, dass man mit einer Ausbildung genauso viel erreichen kann. Eine neue IHK-Studie in Baden-Württemberg zeigt aber, dass man mit einer dualen Ausbildung beim Lebenseinkommen dasselbe Niveau erzielen kann wie jemand, der studiert hat. Vorausgesetzt, man bildet sich permanent weiter.

BZ: Wie sieht es bei Ihren eigenen Kindern aus, Ausbildung oder Studium?
Auer: Meine Tochter hatte einen Abi-Schnitt von 1,0 und studiert jetzt Mikrosystemtechnik in Freiburg. Mein Sohn macht erst nächstes Jahr Abi und tendiert im Moment eher zu einer Ausbildung. Jugendlichen, die noch nicht genau wissen, was sie beruflich machen wollen, rate ich immer zu einer Ausbildung. Danach kann man immer noch studieren.

BZ: Sie sind Familienvater und führen mit Ihrem Bruder den Schwarzwald-Eisenhandel in Lahr mit 400 Mitarbeitern und 150 Millionen Euro Jahresumsatz. Dazu das Ehrenamt bei der IHK. Wie haben Sie die Dreifachbelastung gewuppt?
Auer: Die IHK hat, alle Termine zusammengerechnet, im Schnitt rund zwei Tage pro Woche in Anspruch genommen. In unserem Unternehmen mussten wir jemanden einstellen, der für mich Geschäftsführungstätigkeiten übernimmt. Ich habe sehr viel operative Arbeit und Verantwortung an die Mitarbeiter übertragen. Das hat dem Unternehmen nicht geschadet, im Gegenteil. Die Familie leidet, weil ich unter der Woche viel abends unterwegs war. Deshalb hatten wir die Abmachung, dass zumindest das Wochenende IHK-frei bleibt. Aber jetzt habe ich meiner Frau versprochen, dass mehr Zeit für die Familie bleibt.

BZ: Ist Ihre Frau auch berufstätig?
Auer: Ja, sie leitet die Personalabteilung bei Schwarzwald-Eisen. Wir sind ja beide Chemiker und haben früher in der Pharmaindustrie gearbeitet. Im Vergleich dazu ist man in einem mittelständischen Betrieb natürlich freier in der Gestaltung der Arbeitszeit, das schätzt meine Frau sehr. Nichtsdestotrotz arbeiten wir beide ziemlich viel.

BZ: Vielleicht hat sich die Arbeit gelohnt. Was waren Ihre größten Erfolge in der IHK?
Auer: Eine Regionalstudie, die wir mit Prognos zusammen erstellt haben, hat ergeben, dass Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in Südbaden noch besser an einem Strang ziehen müssen, damit wir in Stuttgart und Berlin eine stärkere Stimme haben. Wir haben sofort mit der Umsetzung begonnen und sind sehr gut vorangekommen. Wir haben zum Beispiel im Regiowin-Wettbewerb für mehrere Millionen Projekte in die Region geholt, die vom Land gefördert werden. Das zweite Thema, bei dem wir einiges vorangebracht haben, ist die Zusammenarbeit mit Frankreich. Die Fortschritte bei der Bahnstrecke Colmar − Freiburg, die Gründung der grenzüberschreitenden Gesellschaft SEM zur Entwicklung des Standorts Fessenheim und die deutsch-französische Ausbildung sind Beispiele. Auch sonst steht unsere IHK gut da. Wir sind zum Beispiel Federführer Umwelt und Digitalisierung für Baden-Württemberg und Federführer Frankreich für ganz Deutschland.
BZ: Hinterlassen Sie auch Baustellen?
Auer: Beim Thema Frankreich hätte man noch mehr erreichen können, wir müssen hier noch effizienter vorankommen. Zum anderen müsste man den Unternehmen die vielfältigen Themen und Angebote der IHK besser vermitteln. Viele wissen gar nicht, was wir überhaupt tun. Vor allem kleinere Unternehmen – das ist die Mehrheit unserer Mitglieder – hatten bisher wenig Kontakt zu uns. Wir haben deshalb einen Kleinstunternehmerausschuss gegründet. Das Hauptthema der Zukunft ist aus meiner Sicht die Digitalisierung. Einerseits muss die IHK digital werden, andererseits müssen wir die Unternehmen dazu bringen, es zu werden, weil sie sonst ihren Innovationsvorsprung verlieren.

BZ: Bisher stand noch nie eine Frau an der Spitze der IHK Südlicher Oberrhein. Wird am 22. Juli die erste Präsidentin gewählt?
Auer: Unsere Findungskommission wird einen super Kandidaten vorschlagen, es ist aber keine Frau. Das finde ich schade, aber man kann es nicht erzwingen. Wir sind bestrebt, Unternehmerinnen zu finden. Oft ist es aber leider so, dass die Unternehmerinnen noch viele andere Hüte aufhaben und ablehnen. Ich habe vor zehn Jahren auch erst abgelehnt. Auch deshalb fände ich eine Aufwandsentschädigung sinnvoll, denn der Arbeitsaufwand ist nicht ohne, ob für einen Mann oder eine Frau.

… Alles vom 20.7.2021 von Barbara Schmidt bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/ihk-praesident-ich-darf-keine-klientelmeinung-vertreten–203502140.html
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Steffen Auer (52)
Der promovierte Chemiker und Wirtschaftsingenieur ist in Zell am Harmersbach in der Ortenau aufgewachsen und seit Juli 2011 Präsident der IHK Südlicher Oberrhein mit rund 70 000 Mitgliedsfirmen. Sie haben im März ihre Vollversammlung gewählt. Dieses Parlament der regionalen Wirtschaft wird in seiner konstituierenden Sitzung an diesem Donnerstag einen neuen Präsidenten bestimmen.
Auer hat nach seiner Promotion an der Technischen Hochschule in Zürich unter anderem beim Pharmakonzern Novartis in führenden Positionen gearbeitet, ehe er 2008 die Leitung der Schwarzwald-Eisen-Gruppe in Lahr übernahm. Das Familienunternehmen besteht in sechster Generation. Auer ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Lahr.

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