Schwarzwald für Ehrenamtliche, Geschäftige und Erholungssuchende - Volunteering, Business and Holidays in the Black Forest


Internationale Begegnungsstätte in Jerusalem
Beit Ben Yehuda
 

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Beit Ben Yehuda - Haus Pax - Internationale Begegnungsstätte

"Vor 3 Jahren hat in Jerusalem das neue Gästehaus der internationalen Begegnungsstätte Beit Ben Yehuda (BBY) seinen Betrieb aufgenommen. Das Haus bietet Raum für Treffen zwischen jungen und alten Menschen aus Israel, Deutschland und anderen Ländern. Es möchte mit seinen Veranstaltungen zu einer Stärkung der Freundschaft zwischen jungen und alten Menschen in Israel und anderen Ländern beitragen. Die israelische Leiterin der Bildungs- und Begegnungsstätte ist Line Djamchid." 

Beit Ben Yehuda - Haus Pax
Rh. Ein Gedi 28, Jerusalem 93383, Israel, Tel ++972-(0)2-6730124
Line Djamchid - Leiterin der Bildungs- und Begegnungsstätte, Tel ++972-(0)2-6730124
Katharina von Münster - Landesbeauftragte der ASF in Israel
E-Mail: bby(at)asf-ev.de
, http://www.beit-ben-yehuda.org , www.asf-ev.e

 

Streifzug durch die Bethlehemstrasse in Jerusalem

Heute moechte ich Sie zu einem Streifzug durch die "alte" Ausfallstrasse nach Bethlehem, der gleichnamigen Bethlehemstrasse einladen. Die fruehere Bedeutung als Hauptausfallsstrasse nach Sueden wurde mangels Kapazitaetsgruenden an die parallel verlaufende, sechsspurige Hebronstrasse abgetreten. Was geblieben ist, ist der alte Charme der fruehen Jahre des 20. Jhdt, eine vielzahl sehenswerter Haeuser und eine Geschaeftswelt, die eher an die fuenfziger Jahre bei uns erinnert, als an das umtriebige Treiben einer modernen Grossstadt des 21. Jhdt. Immer wieder benutze nicht nur ich die alte Strasse zum gemuetlichen Einkauf, zu einem Restaurantbesuch oder einfach nur zum Bummeln.
Ausserdem ist diese Strasse aus den Stadtvierteln Baka oder auch Talpiot der kuerzeste Weg in die Altstadt, die man ohne Anstrengung in 35 Min. erreichen kann. Wir beginnen den Streifzug an der Kreuzung Bethlehemstr/Rivkastr. . Gleich auf der linken Seite erkennen wir das Emmah Appleman College of Art & Technology. Einrichtungen dieser Art finden wir in ganz Israel, besonders aber oft in Jerusalem. Grosszuegige juedische Geldspender aus der ganzen Welt sponsern soziale Einrichtungen, spenden Spielplaetze, foerdern wissenschaftliche Institute usw. als ihren "Diasporabeitrag" fuer Israel.
Gegenueber befindet sich einer der zahlreichen 24 h Kioske, die es im ganzen Land gibt. In Jerusalem allerdings sind sie auf Grund des religioesen Einflusses nicht so zahlreich vertreten. In Tel Aviv hingegen gibt es an exponierten Stellen in der Stadt sehr viele Laeden dieser Art, die nie schliessen.
Diese kleinen Kioske, die oft erstaunlich gut sortiert sind, helfen so oft ueber Versorgungsengpaesse hinweg und sind willkommene Dienstleister, wenn man mal eben Gaeste bekommt und schnell etwas benoetigt.

Unweit davon ist eines der zahlreichen Seniorenheime in der Stadt. Die ueberwiegend juedischen Bewohner stammen aus der ganzen Welt, gehoeren oft noch der Generation der Shoa-Ueberlebenden an und beduerfen der aufmerksamen Pflege und Zuwendung. Im gleichen Heim befinden sich auch juedische Senioren, die nach der Staatsgruendung Israels aus ihrer urspruenglich arabischen Heimat aus Protest gegen die Staatsgruendung Israels ausgewiesen wurden. Auch sie verloren ihre Heimat, in der sie bislang in vielen Generationen gelebt hatten. Diese juedischen Fluechtlinge haben jedoch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung , im Vergleich zu den Shoaueberlebenden aus Europa, keine so hohe Reputation. Dies fuehrt zwangsweise immer wieder zu Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen, hervorgerufen durch die persoenliche Betroffenheit. Nicht allzu weit entfernt ist ein weiteres Heim, dass auch durch Aktion Suehnezeichen durch die Gestellung einer Volontaerin unterstuetzt wird. Dieses Heim wurde durch die Familie Frankforter gesponsert. Immer wieder sieht man Senioren mit Pflegern, die oft auch von den Philippinen stammen, gemaehlichen Schrittes auf dem Buergersteig beim spazieren gehen.
In unmittelbarer Naehe befindet sich ein Postamt, dass nur durch Ortskenntnis in einem Hinterhof entdeckt werden kann. Grosse Hinweisschilder an der Strasse zu dieser wichtigen Einrichtung sucht man vergebens. Ein Sicherheitsdienst untersucht die Taschen, ehe man Zutritt erhaelt, Wie im Arbeitsamt oder der Kfz-Zulassungsstelle muss man erst mal einen Wartebon mit einer Nummer ziehen und in der Zwischenzeit kann man sich auf den Wartebaenken das bunte Leben in der belebten Poststelle betrachten. Allein schon das Sprachenwirrwarr der Kunden ist hoerenswert, aber auch die Geduld, mit der man die Sprachschwierigkeiten behandelt, verdient erwaehnt zu werden. Neben Falafel ist der Bagel eine weitere Spezialitaet des Landes. Das Bagel-Café an der Ecke Yehuda/Bethlehmstr. ist bekannt fuer seine verschiedenen Bagelspezialitaeten. Der Bagel ist ein kreisrundes Hoernchen, dass z.B. mit Mohn, Sesam oder anderen Gewuerzen bestreut ist. Das Hoernchen wird in zwei Haelften geschnitten und dann z.B. mit Humus bestrichen, mit Zwiebeln belegt, Tomaten, Salat usw. dann wird die andere Haelfte des Hoernchens darauf gelegt, leicht angepresst und dann in zwei Teile geteilt. Bagels werden gerne zur Pause mitgenommen oder auch fuer Parties bestellt. Ich trinke in dem heimeligen Cafe fast taeglich einen koestlichen Cappuccino und amuesiere mich koestlich ueber die Fahrweise an der belebten Kreuzung. Die Regel ist, dass es keine Regel nach der Regel gibt. Alles faehrt kreuz und quer ueber die Kreuzung, jedes Zoegern wird sofort mit einem wuetenden Hupkonzert quittiert und spannend wird es dann , wenn von allen Seiten die Kreuzung regelrecht zugefahren wird und dann mittels bester Nerven und einem ohrenbetaeubenden Hupkonzert die Belastungsfaehigkeit der betroffenen Autorfahrer getestet wird. Der Knaeuel loest sich nach einiger Zeit, weil irgendjemand die Nerven verloren hat und auf alle Rechte verzichtend zur Seite gefahren ist. Dabei darf die vielsagende Handbewegung, ausgestreckter Arm mit geoeffneter Hand, nicht fehlen, soll sagen, schau mal was Du da fuer einen Stiefel zusammenfaehrst. Gesten solcher Art loesen dann oft Schimpfkanonaden aus, die unueberhoerbar den Strassenlaerm durchdringen.

Nach diesem Alltagschaos moechte ich viel lieber auf die wunderschoenen Haeuser im Jerusalem Stil, die ueberwiegend zu Beginn des 20 Jhdt. entlang der Strasse gebaut wurden, hinweisen. Die meist rechteckigen und 2 -3 Stockwerke hohen Gebaeude haben kein Ziegeldach. Stattdessen wird das Dach als Dachgarten genutzt und in aller Regel fuer grosse Familienfeiern genutzt. Ferner befindet sich auf fast jedem Dach eine Solaranlage und der unvermeidliche Wasserkessel, der mit der Anlage aufgeheizt wird. Der Eingangsbereich ist oft nach innen in einem grosszuegigen Halbrund ausgespart, 2 Saeulen stuetzen dabei die Decke des ersten Stockes ab. Der Fussboden ist meist mit schoenen geometrischen Mustern verziert, die Tueren sind oft mit weiteren Ornamenten oder einfachen Arabesken phantasievoll verziert. An der Decke haengt eine Metallgehaeuselampe, die auch mit Buntglas besonders effektvoll wirkt. Besonders auffallend sind jedoch die Fensterrahmen. Die Grundform ist rechteckig hochkant, wobei die Linienfuehrung von den seitlichen Rahmen nach oben entweder in einem Halbrund spitz zulaeuft, aehnlich wie gotische Fenster oder ein schoener Halbbogen in leicht ausholender Form. Der Fensterbogen ist mit Steinen ausgefuehrt, wobei der Schlussstein in der Mitte besonders durch seine hervortretende Form auffaellt. Die Steine sind auch abwechselnd leicht braunrot angemalt oder naturweiss gehalten. Das verleiht dem Fensterstock einen Zebralook. Aehnliche Musterungen kennen wir aus maurischer Zeit und bestaetigt die Beliebtheit der orientalischen Baustile im Nahen Osten ebenso wie in Europa, das fast zur gleichen Zeit in vielen Stilelementen wie z.B. dem Jugendstil orientalische Einfluesse integriert hat. Eine der niedlichsten Laedelchen in der Bethlehemstrasse ist der Minikiosk fuer Judaica, der sich in eine Ecke des Bagel-Café Gebaeudes eingefuegt hat. Der kaum 4,5 qm grosse Laden faellt zunaechst durch seinen gelben Anstrich mit orangen Punkten auf. Danach durch seine attrakive Verkaeuferin, die mit freundlichen Worten die verschiedenen Artikel anbietet: Von der Kippa uber die Mesusa bis hin zu Schabbatleuchtern und natuerlich zum siebenarmigen Menorahleuchter. Auf dem Weg zu unserer naechsten Station, einem Pita- oder Falafelstand, begegnen uns immer wieder Senioren in Begleitung philippinischer Pfleger. Seit vielen Jahren helfen die geduldigen wie hoeflichen Menschen aus Fernost, den notorischen Pflegernotstand auszugleichen. Sie verdienen fuer ihre Verhaeltnisse nicht schlecht dabei mit dem Nachteil, dass sie nur sehr selten nach Hause fahren koennen, weil die Reise zu teuer ist. Wir haben den in sattem gruen gestrichenen Falafelstand erreicht und versuchen durch die Schlange der anstehenden hungrigen Gaeste zu erspaehen, was der emsige orthodoxe Betreiber heute im Angebot hat. Eine Pita, wie der Besitzer zu sagen pflegt, besteht aus einem kreisrunden Fladenbrot, in dem mit einem Schnitt auf der Seite eine Oeffnung geschaffen wird, in die in folgender Reihenfolge folgende Zutaten hineingestopft werden:
Zunaechst wird Humus, die Grundlage vieler kalter Speisen, eingestrichen, danach erfolgt eine erste Lage verschiedener Gemuese/Salate, danach ein paar Kichererbsebaellchen, danach Spices, die zweite Lage Gemuese und wieder Kirchenerbsenbaellchen und zum Schluss noch ein kleiner Schuss Tehina (Sesampaste). Diese koestliche Speise darf man zu den Nationalgerichten zaehlen und gehoert zu einem Muss eines Israelbesuches. Der kleine Falafelstand hat fast den ganzen Tag ueber Hochbetrieb; gehoert doch die Falafel zu den beliebtesten fast foods in Israel, auch in arabischen Laendern uebrigens.

Auf der rechten Strassenseite passieren wir das Waffle-Restaurant. Diese kleine Restauration hat schon Kultstatus. Alt wie Jung schaetzt das besonders umfangreiche Angebot an Waffelspeisen. Daneben gibt es auch ueppige Salatteller und Koestlichkeiten aus der heimischen Kueche. Rechter Hand erspaehen wir alsbald an der Ecke Ester Ha'malka St/Bethlehem St einen beindruckenden Gemueseladen. Die gesamte, saisonbedingte Auswahl aller Gemuese Israels werden dort sehr einladend ausgelegt. Eine Reihe von Helfern ist staendig dabei, verkauftes Gemuese nachzulegen, besondere Obstsorten z.B. zu schneiden und als Schnitze anzubieten wie z.B. frische Ananas oder Kokosnuesse. Fuer besonders durstige Kunden bietet der findige Haendler frisch gepressten Orangensaft oder Granatapfelsaft an. Man kann sich beim genussvollen Trinken auf wackelige ausgediente Barhocker setzen und dem geschaeftigen Treiben im Laden zu sehen oder die Ahnengalerie der Besitzerfamilie, die hoch ueber den Fruechten an der Wand angebracht ist, bestaunen.
An der Ecke Zerubbal St befindet sich kaum auffallend eine kleine Synagoge, die auf den ersten Blick eher einer Garage als einem sakralen Gebaeude aehnelt. Die kleine Synagoge macht an Schabbat durch die improvisierte Handwaschgelegenheit auf uralten Stuehlen vor dem Eingang auf sich aufmerksam, aber am eindrucksvollsten sind die wechselnden Gebetsstimmen und der dazu begleitende SingSang rauher Maennerkehlen.

In unmittelbarer Naehe entdecke ich sogar noch ein Wohnhaus im Bauhausstil. Die Erfinder dieses eindrucksvollen Stiles mussten bekanntlich Deutschland unter der Nazidiktatur verlassen und konnten ihr schoepferisches Wirken in der jungen Stadt Tel Aviv besonders zur Geltung bringen. Im Jahre 2004 hat die UNESCO Tel Aviv zum Weltkulturerbe fuer den Bauhausstil ausgezeichnet, eine spaete aber dennoch wuerdevolle Anerkennung dieser einmaligen Architektur. Nicht allzu weit davon entfernt reihen sich einige kleine Restaurants aneinander, deren Mobiliar eher einem Flohmarktstatus aehneln, aber das ist so gewollt und wie man sieht, auch ausserordentlich beliebt. Selten sind mehrere Tische leer, besonders vor dem Schabbat laesst man sich hier sehen, um gesehen zu werden. Die Schar der Besucher spiegelt das uebliche "bunte Bild" der israelischen Gesellschaft wider: Orthodoxe Juden in modernen, auf alt gemachten Kleidern, junge Geschaeftsleute in modernem outfit und staendigem Handygebrauch, Senioren, die sich mal etwas leisten wollen, japanische Touristen, sephardische wie aschkenasische Juden, amerikanische Juden und dunkelhaeutige Falaschen, fast ein optischer Querschnitt der Weltbevoelkerung. In jedem Fall geht es locker und sehr ungezwungen zu, man erzaehlt sich bei Humus und feinen Salaten die neuesten Geschichten der Woche und schmiedet Plaene fuer Schabbatausfluege oder Besuche bei kulturellen Veranstaltungen. Beim Weitergehen fallen mir immer wieder die schoenen alten Tueren aus Metall oder Holz auf. Leider sind viele davon nicht in einem sehr guten Zustand. Die Pracht vergangener Tage laesst sich dennoch erahnen. Orientalische Ornamentik, vermischt mit juedischen Symbolen und bunte Pflaster mit arabisch-maurischen Stilelementen im Eingangsbereich verleihen dann den Hausfluren eine besondere Note. Im Vorgarten eines alten, grossen Hauses, dessen Baujahr (1906) noch gut ueber dem Eingang zu erkennen ist, stehen viele Zitronenbaeume, eine Platane, eine Bananenstaude, ein Orangenbaum, eine sehr schoen gewachsene Palme, ein mittelgrosser Gummibaum und einige Zypressen, abgerundet durch einen Eukalyptusbaum. Insgesamt sehen wir hier einen wunderschoenen Querschnitt vieler Baeume, die in Israel wachsen. An der Ecke Bethlehem St/ Gedaliahu St ist noch ein kleines Speiselokal zu erwaehnen, dessen israelisch-arabischer Betreiber stets mit guter Laune und Einfallsreichtum seine Speisen anbietet. Man kann sich sein Essen sehr individuell zusammenstellen und alles ist stets frisch gekocht und wie bei Mama angerichtet. Die Speisen beeinhalten traditionelle arabische Gerichte ebenso, wie israelische Speisen. Dieses Lokal unterliegt natuerlich nicht den strengen Kaschrutgesetzen fuer die koschere Kueche. Es ist auch ein Irrglauben anzunehmen, dass alle Isreaelis koscher essen.

Wir ueberqueren die alten Geleise der legendaeren Eisenbahnlinie Jerusalem - Tel Aviv. Diese LInie wird seit vielen Jahren nicht mehr bis zum historischen Jerusalemer Bahnhof betrieben. Leider verkommt dieses einmalige Gebaeude und niemand, nicht einmal Israel Railways, scheint bisher ein Interesse zu haben, diesen Bahnhof zu erhalten. Das Bahnwaerterhaus ist noch der Nachwelt erhalten geblieben, leider aber auch nicht museal erhalten, ebensowenig das alte Stellwerk. Einige vor sich hinrostende Signale erinnern noch an die knapp ueber 100 Jahre betriebene Strecke. Gegenwaertig kann man Jerusalem noch mit der Bahn auf der alten Strecke anfahren, muss allerdings in Jerusalem - Malha schon aussteigen und mit dem Bus die Fahrt in die Innenstadt fortsetzen.
Diese Fahrt kann nur empfohlen werden, da sie zwischen Malha und Beit Shemesch in einem besonders landschaftlich reizvollen Teil verlaeuft. Ob diese Strecke dann noch nach der Fertigstellung der Schnellbahnstrecke Tel Aviv - Jerusalem weiter betrieben wird, ist offen. Ab ca. 2015 sollen dann Hochgeschwindigkeitszuege die beiden Staedte in nur 27 Minuten Fahrtzeit verbinden. Nach der Ueberquerung der Geleise stehen wir bei der Smut St und damit vor den ersten Haeusern der sogenannten Templer, jenes pietistischen Siedlerbewegung, die in Wuerttemberg Ende des 19. Jhdt. entstanden war. Mit der Einwanderung der Templer in das damals immer noch osmanisch besetzte Palaestina, begann eine bedeutende, aber kurze Episode in der Geschichte Jerusalems. Die umtriebigen Siedler liessen sich in der heute benannten Deutschen Kolonie (HaMoschava HaGermanit) nieder. Einige Steinhaeuser mit Spruechen aus der Bibel erinnern noch an diese Zeit. In der Hauptstrasse des Viertels, der Emmek Refaim, befindet sich auch der Friedhof der Templer. Dieses Viertel schmiegt sich zwischen die Emmek Refaim St und Bethlehem St und motiviet fuer einen Entdeckerspaziergang . 1873 begannen sie dort zu bauen und benannten ihre Kolonie nach dem biblischen Tal Refaim. In einer Mischung aus tiefer Froemmigkeit und schwaebischer Arbeitskraft machten sich die Templer daran, in dieser Region eine Struktur zu entwickeln, sie bauten erste Fabriken z.B. fuer Zementverarbeitung und schufen Handwerksbetriebe mit modernsten Maschinen. Insgesamt brachten sie einen ungeheuren Modernitaetsschub ins Land. Die Templer vertraten die Auffassung, dass sie als Christen nur dort siedeln konnten, wo schon Abraham seinen Glauben demonstrierte, Koenig David wirkte und der Tempel stand. Weitere Siedlungen entstanden in Haifa, Jaffa und bei Tel Aviv. Die Templer waren deutschnationale Traditionalisten, pflegten deutsche Kultur, gingen natuerlich sonntags zur Messe und feierten Kaisers wie spaeter auch Hitlers Geburtstag. Mit Hitlers Machtuebernahme begann so nach und nach auf Grund ihrer Haltung zum Nationalsozialismus der Niedergang der Templer. Die mittlerweile auf 3000 Mitglieder angewachsene Gruppierung bildete eine Ortsgruppe der NSDAP nach der anderen. Die Maenner wurden ab 1939 zum Wehrdienst nach Deutschland einberufen und die Briten als Mandatsmacht setzten schliesslich die Templer fest und ein Teil von ihnen wurde nach Australien deportiert. 1948 mussten nach der Staatsgruendung Israels die letzten Templer das Land verlassen. Von ihrem einstigen Aufbauwerk ist nur wenig geblieben, ein paar Haeuser und der Friedhof. Mit diesem Bericht endet meine Berichterstattung aus Jerusalem. Es war mir mit dem letzten Kapitel ein Anliegen, die politische Einstellung der Templer darzustellen. Mit diesem Beitrag soll so manch ueberschwengliche Beschreibung ueber diese Bewegung in das richtige Licht der Historie gerueckt werden.
Ich moechte mich bei allen Lesern fuer ihre Aufmerksamkeit bedanken. Es wuerde mich sehr freuen, wenn ich den ein oder anderen Leser bei unserer Buergerreise im Herbst nach Israel als Gast begruessen koennte. Auskuenfte erteilt das Referat Internat. Beziehung der Stadt Freiburg und der Freundeskreis Staedtepartnerschaft Freiburg - Tel Aviv e.V. (www.Freiburg-Tel Aviv.de)

Johannes Reiner, Jerusalem, 24.4.2010

 

Galiaea - kulturelle und landschaftliche Perle Israels

Nach rund 7 Wochen Dauereinsatz war es wieder mal an der Zeit, eine Pause einzulegen. Ich hatte als Kontrastprogramm zu meinen letzten Ferien den Norden Israels ausgewaehlt - Galilaea, eine kulturelle wie landschaftliche Perle Israels. Die Wahl hatte auch einen anderen Hintergrund. Nach langer Zeit wollte ich einmal das Fruehjahr in Galiaea photographisch "einfangen".


Mit meinem kleinen koreanischen Mietwagen mit Schaltgetriebe, fuer israelische Verhaeltnisse eher ungewoehnlich, rollte ich zunaechst Richtung Mittelmeer, um in Tel Aviv einen wichtigen Termin bezueglich Staedtepartnerschaft Freiburg - Tel Aviv wahrzunehmen. Die Begegnung mit den zustaendigen Damen und Herren im Rathaus war sehr herzlich, kennen wir uns nun schon seit vielen Jahren und haben viele Stunden um unsere gemeinsamen Anliegen diskutiert, entschieden und Erfahrungen gesammelt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auf einem guten Weg sind. Nach den ausgefuellten Stunden rollte ich auf der Hauptrennstrecke Nr. 4 nach Norden um dann auf der Hoehe von Caesarea nach Nordosten Richtung Afula abzubiegen. Mit grossem Erstaunen habe ich dann rechts und links der Str. Nr 65 die Entwicklung der arabischen Stadt Umm el Fahm registriert. Es ist sehr erfreulich, dass die israelischen Araber am wirtschafltichen Aufschwung Israels partizipieren. Nach wenigen Minuten passierte ich den Verkehrsknoten Afula und bog dann nach rechts in die Str. Nr. 71 ab. Ich wollte den weitaus weniger bekannten Weg nach Beit Shean waehlen. Beit Shean ist ob seiner hervorragend gelungenen Ausgrabungen zur roemischen Epoche ein touristisches Muss . Die Temperaturen sind fuer Europaer in den Sommermonaten allerdings eine sehr sportliche Herausforderung. Mit viel Wasser im Gepaeck und Sonnenschutz lassen sich diese wetterbedingten Erschwernisse gut ausgleichen.

Mit dem letzten Buechsenlicht erreichte ich mein heutiges Tagesziel und zugleich Domizil fuer die naechsten 5 Tage, den Kibbutz Ashdot Ya'akov Ihud. Nach passieren des Eingangstores rollte ich gemuetlich ueber die unvermeidlichen Strassenquerhuegel, die die zuegige Fahrweise so mancher Autofahrer reduzieren helfen sollen. Die Anlage selbst entspricht der im Bereich des Sees Genezareth ueblichen Kibbutzbauweise. Insgesamt ist der Kibbutz flaechenmaessig grosszuegig angelegt und sehr deutlich kann man die Entwicklung aus den 40 er Jahren bis heute auch an den Gebaeuden erkennen. Die Gruender des Kibbutzes kamen aus der damaligen Sowjetunion und Litauen. Die einfachen Bauten erfuellten den Zweck und noch heute laesst sich erahnen, dass das Leben in dem mitunter schwuelheissen Klima, damals ohne Klimaanlage, nicht leicht gewesen sein muss. Malaria und andere Krankheiten forderten anfangs ihre Opfer. Zum Glueck erfand ein juedischer Arzt ein wirksames Mittel gegen Malaria und so wurde die Lebensqualitaet fuer alle Bewohner des Tales, auch der arabischen Bevoelkerung, deutlich erleichtert und verbessert. Zwischen den Wohnhaeuschen sind sehr gut die sozialen Einrichtungen zu erkennen, die damals wie heute zu einem Kibbutz gehoeren: Kindergaerten, Kleinkinderkrippe, soziale Einrichtungen fuer Senioren, aerztliche Stationen, ein Einkaufsmarkt, der Wasserturm, Gemeinschaftsspeisesaal und die unvermeidlichen Schutzbunker. Der Kibbutz liegt nur 500 m von der jordanischen Grenze entfernt und die Nachbarschaft war in der Gruenderzeit bis zum Friedensvertrag 1994 nicht immer friedlich.

Der Kibbutz, der in der Regel ca. 2000 Mitglieder nicht ueberschreiten soll, hat sich vor vielen Jahren getrennt, weil ein Teil der Mitglieder der Auffassung war, die alten Prinzipien wie z.B. jedes Mitglied verdient das Gleiche, egal in welcher Funktion er taetig ist, jeder bekommt nur ein Taschengeld usw. nicht mehr zeitgemaess sind. So trennten sich die Mitglieder in einen kommunistisch/sozialistichen Kibbutz mit dem Namen Ashdod Ya'akov Me'uhad und den schon erwaehnten, kapitalistischen Kibbutz Ashdod Ya'akov Ihud. Dies ist ein typ. Beispiel und spiegelt nur unzureichend die Veraenderungen in der Kibbutzbewegung in den letzten Jahren in Israel wider. Der Kibbutz Ashdod Ya'akov Ihud weist heute ca. 190 Mitglieder und ungefaehr 300 weitere Personen als Mieter in den fruehren Familienhausern auf. Heute werden an die Kibbutzmitglieder entsprechend ihrer Taetigkeit Gehaelter gezahlt. Das notwendige Geld hierzu sowie fuer den Unterhalt der Gebaeude und die laufenden Kosten werden durch die Einnahmen aus einer sehr gut florierenden Plastikflaschenfabrik bestritten. Daneben gibt es Ertraege durch die Vermietung von Hotelzimmern, den erwaehnten Wohnungen und z.B. durch eine grosse Werkstatt einer bekannten Automarke, die auch Fremdleistungen an Dritten erbringt.

Am naechsten Tag hatte ich mir die kuenstlichen Seen im Hula - Tal vorgenommen. Diese Seen sind nicht nur ein Produkt der Entwaesserung des frueher sehr sumpfigen Tales, sondern auch z.T. durch Naturschutzorganisationen so veraendert worden, dass die abertausende von Zugvoegeln, die hier auf dem Weg nach/vom Sueden Station machen, ausreichend natuerliches Futter vorfinden. In den fruehren Jahren hatten sich die Voegel immer ueber die Bestaende in den kuenstlichen Fischteichen hergemacht, sehr zum Aergernis der Besitzer. Ich hatte mich fuer den Agomon Hulasee entschieden und hatte gerade noch etwas Glueck, die Reste von riesigen Kranich- und Stoerchenschwaermen fuer den Flug nach Europa beobachten zu koennen. Ein unglaublich schoenes Schauspiel, dass man sich nicht entgehen lassen sollte. In Europa sehen wir z.B. Stoerche meist nur in kleineren Kolonien, oft auch als Einzelpaar , hier hatte ich das Glueck hunderte von Stoerchen beim Sammelflug zu beobachten. Es steigen kleinere Gruppen auf und kreisen, es folgen weitere Gruppen, formieren sich zu einem grossen Schwarm und landen dann immer wieder, gerade so, als ob sie dieses Verfahren ueben muessten. Die Pausen werden zur Futteraufnahme genutzt, der Naturgabentisch ist dank vorbildlicher Vorarbeit durch den Naturschutzbund reichlich gedeckt. Aehnliche Verhaltensweisen konnte ich bei den Kranichen beobachten, wirklich sehr beeindruckend. Die Luftfahrt wird durch die Voegelschwaerme teilweise beeintraechtigt. Die Schwarmbewegungen werden sehr genau beobachtet und die Erkenntnisse fliessen dann in die Flugvorbereitungen der betroffenen Airports und Airlines. Bei meiner ausgedehnten Wanderung um den See konnte ich auch Nutriat, eine Biber- oder auch Otterart sehr nah "beim Landgang" beobachten. Die Tiere waren zwar scheu, aber bei ruhiger und vorsichtiger Verhaltensweise fassten sie offensichtlich Vertrauen und man konnte den emsigen Tieren genuesslich zusehen. Als weitere Tierarten waeren noch Wasserbueffel, Pelikane, eine Reihe von Raubvoegeln und der beruehmte Kingsfisher zu benennen. Die Kingsfisher waren gerade fleissig dabei, ihre Beute im Wasser durch einen rasanten Sturzflug zu erhaschen und sofort zu verschlingen. Aus einer Hoehe von ca. 7 - 9 Metern schiessen die Voegel mit angelegten Fluegeln ins Wasser und die ausgespaehten Tiere haben meist keine Chance, dieser Attacke zu entkommen. An einer besonders ergiebigen Beobachtungsstation konnten Besucher auch das Superfernglas des Naturschuetzers beobachten, einfach traumhaft schoen, die Tiere in der freien Natur beobachten zu koennen.

Nach diesem herrlichen Naturereignis fuhr ich zur noerdlichsten groesseren Siedlung Israels, Metulla. Ende der 80er Jahre wurde Metulla durch den "Guten Zaun" bekannt. In der Folge des Libanonfeldzuges 1982 - 85 konnten die libanesischen Christen taeglich nach Israel zum Arbeiten und Einkaufen kommen. Durch die Veraenderung der politischen Lage im Libanon, jetzt hat die Hisbollah im Grenzbereich das Sagen, ist diese humanitaere Geste ausser Kraft gesetzt worden. Durch die veraenderte Situation ist auch nicht mehr moeglich, bis an den Grenzzaun heranzufahren. Metulla und auch die benachbarte noerdlichste Stadt Israels, Kiriat Shoma, hat schon sehr oft unter dem Raketenterror der Hisbollah gelitten, zuletzt ganz besonders beim Libanonkrieg 2006. Nach diesem politischen Punkt der Rundfahrt habe ich mich noch auf die Golanhoehen bewegt und im Weinzentrum von Katzrin Station gemacht. Dort haben sich in den letzten Jahren nach deutscher Redensart so etwas aehnliches wie Winzergenossenschaften entwickelt, die hervorragend ausgebaute Weine anbieten. Im letzten Jahr traf ich in einer Kellerei sorgar einen deutschen, juedischen Kellermeister, der ausgezeichnete Weine kosher herstellt. Die Verkaufsraeume aehneln sehr den deutschen Winzergenossenschaften. Wer da wohl Pate gestanden hat? Nach Beurteilung der verschiedenen nationalen wie internationalen Prueforgange hat der israelische Wein ganz erheblich an Qualitaet zugenommen. In Deutschland gibt es kosheren Wein in gut sortierten Weinlaeden und durch eigene Vertriebsorganisationen bzw. Grosshaendler. Eine Verkostung musste ich mir auf Grund der Autofahrt verkneifen und so bewegte ich mich Richtung Fernstrasse Nr 98. Ziel war es , die zu Jordanien grenznahe und wenig befahrene Strecke genauer anzusehen. Das Strassennetz hat in den letzten Jahren eine erhebliche Aufwertung erfahren, parallel zur Entwicklung des Schienenverkehrs. Viele Fernstrassen sind verbreitert, verbessert oder fast autobahnaehnlich ausgebaut worden. Fuer uns Europaer ist Israel ein ideales Autoselbstfahrerland. Ich empfehle jedoch, eine Erstisraelreise organisiert durchzufuehren, um das Land und die verschiedenen Besonderheiten einmal wenigstens grob kennen zu lernen. Diese Erfahrungen sind bei einer eigenen Reise von grossem Wert.

Auffallend waren die mittlerweile an vielen Orten angelegten Regensammelbecken. Diese Becken unterstuetzen die landesweit angelaufenen Bemuehungen, den steigenden Wasserbedarf durch Nutzung natuerlicher Ressourcen abzudecken. Allerdings reicht der See Genezareth, wie schon einmal berichtet, schon lange nicht mehr aus und deshalb wird in zunehmendem Masse Suesswasser durch Meerwasserentsalzung gewonnen. Zunaechst verlaeuft die Str. Nr 98 parallel zur syrischen Grenze ehe man auf Hoehe von Tzomet Afik dann die jordanische Grenze als linken Nachbarn zu Gesicht bekommt. Wenige Kilometer vor Hammat Gader beginnt der einmalig schoene Abstieg in zahlreichen engen Kurven hinunter in das Tal des Yarmuk. Dabei sind links und rechts der Strasse noch sehr gut die Spuren vergangener Konflikte zu sehen, Schilder die vor Minen warnen wie auch ehemalige Stellungen.

Tief unten im Tal erkennen wir die Reste der legendaeren Eisenbahn von Damaskus nach Haifa, die von 1905 - 1946 in Betrieb war. Es ist noch die alte Trasse teilweise zu erkennen, die jetzt als Fahrweg genutzt wird und es sind noch die Reste zweier grosser Bruecken zu sehen. Auf die Eisenbahn selbst gehe ich in einem spaeteren Beitrag ein. In Hammat Gader, unmittelbar an der jordanischen Grenze gelegen, ist vor allem durch die 42 Grad heissen Heilquellen bekannt. Diese wurden schon seit ueber 3500 Jahren von Menschen der Region genutzt und unter roemischer Zeit zu einem Luxusbad ausgebaut. Viele Jahrhunderte lagen die Anlagen nach der roemischen Zeit brach, ehe mit der Enstehung des Staates Israel auch die Anlagen wieder reaktivieirt worden sind. Eine groesszuegige Erholungsanlage laedt heute zu einem kultivierten Badespass in historischem Areal ein. Das Wahrzeichen von Hammat Gader, das weisse Minarett einer Moschee darf nicht unerwaehnt bleiben. Man plant den nicht mehr genutzten Gebetsraum in ein archaeologisches Musuem fuer Funde aus der roemisch-byzantinischen Zeit umzubauen.
Nach diesem Besuch ist der Tag sehr gelungen zu Ende gegangen. In wenigen Minuten erreiche ich mein Feriendomizil und lasse den Tag bei einem guten Glas Wein aus Katzrin ausklingen.
Johannes Reiner, Jerusalem, 30.03.10
 

Galilaea - 2.Teil

Heute moechte ich Sie zu einer weiteren Exkursion auf den Golan einladen. Doch zunaechst bleiben wir noch im Jordantal, um 2 aussergewoehnliche Orte anzusehen. Wir fahren mit unserem kleinen Flitzer Richtung Beit Shean und nach wenigen Kilometern erreichen wir Old Gesher. Man hat dort die Moeglichkeit, traurige Waggonreste der legendaeren Hedjazbahn auf der alten Originalbruecke hinter dem elektrisch geladenen Grenzzaun auf jordanischer Seite zu sehen. Die Hedjazbahn verlief von Damaskus nach Medina inkl. einer Stichstrecke ab De'ra (Syrien) nach Haifa. Interessant ist auch der Einblick in das maeandernde Jordantal und im Hintergrund gruessen die Berge von Jordanien. Links und rechts des Flussverlaufes sind bebaute Felder zu erkennen, das spaerliche Wasser des Jordan wird hier noch landwirtschaftlich gut genutzt, in Jordanien wie in Israel.
Ich fahre wieder Richtung Norden und kurz vor "meinem" Kibbutz zweigt eine unscheinbare Strasse nach Naharayim ab. Die Strasse verlaeuft ueber alte Bruecken, wird immer schlechter und enger, verlaeuft dann direkt parallel zum gut bewachten Grenzzaun nach Jordanien und ploetzlich endet der Weg an einer scheinbaren Oase der Stille. Eine kleine Raststation laedt zum Verweilen ein und bei laengerer Betrachtung des Umfeldes faellt mir ein grosser Huegel mit dem Namen FLOWER HILL auf und zu Fuessen des Huegels entdecke ich 7 kleinere Huegel im Halbrund angeordnet, mit Blumen und Steinen bedeckt und der unterschwellige Gedanke, es koennten Graeber sein, entpuppt sich zur traurigen Wahrheit. Hier wurden am 14.3.1997 7 junge Menschen im Alter von nur durchschnittlich 14 Jahren von einem jordanischen Grensoldaten hinterruecks erschossen. Die jungen Leute stammten alle aus Beit Shemesch, einer Kleinstadt westlich von Jerusalem. Der Taeter hat behauptet, er sei nicht gesund. Dieser heimtueckische Mord hat auf beiden Seiten der Grenze Entsetzen ausgeloest und Koenig Hussein von Jordanien hat persoenlich die Eltern der Kinder besucht, um sein Beileid zu bekunden. In Erinnerung an diese schreckliche Tat wurde ein Huegel mit wunderschoenen Blumen bepflanzt, die fuer immer an das zu frueh ausgeloeschte Leben der Kinder erinnern soll. Nach einer Schweigeminute fuer die Opfer bin ich zum kleinen Café in der Naehe des Mahnmales gegangen und der freundliche Betreiber ermunterte mich, die gut erhaltenen Reste des ersten Kraftwerkes in Nordisrael anzusehen.
Das Kraftwerk wurde am Yarmuck erbaut und hatte schon damals ein Rueckpumpwerk, um das abgeflossene Wasser wieder in den Stausee zurueckzupumpen, um es erneut zur Energiegewinnung zu nutzen. Heute kann man noch sehr gut den Damm, die Stauwerkmechanismen und Ueberlaufbecken einsehen . Der Eingang erfolgt durch eine Spezialtuer durch den elektrisch geladenen Grenzzaun nach Jordanien und laesst einen doch etwas kalt den Ruecken erschaudern. Das kuriose an der Anlage ist, dass sie heute auf (umstrittenem) jordanischem Gebiet liegt, aber auf Grund eines Abkommens mit Jordanien, darf die Anlage betreten werden bzw. weiter dahinter liegende Gebiete sogar landwirtschaftlich vom Kibbutz Ya'akov genutzt werden. Die Zeitdauer der Nutzung ist ab Friedensvertrag (1994) zunaechst auf 25 Jahre begrenzt. Der Rundgang durch die teilweise durch Kriegseinfluesse maltraetierte Anlage ist schon etwas grotesk. Ganz entgegen den sonstigen Bestimmungen an Grenzen darf man hier nach Herzenslust photographieren und die technischen Anlagen, die damals ganz Nordisrael mit Strom versorgten, bewundern. Minenwarnschilder erinnern immer noch daran, dass die Kriegsfolgen von 1948/49 nicht beseitigt worden sind, sicherlich auch wegen der unklaren Zugehoerigkeitsfrage. Wer setzt schon Raeumkommmandos auf einem Gebiet ein, dessen klare Zuordnung zu einem Land immer noch nicht geregelt ist? Man nennt diesen Bereich auch "Peace of Island", immerhin ein schwacher Hoffnungsschimmer.

Nach diesem aussergewoehnlichen Rundgang bemuehte ich mich um eine rasche Rueckkehr aus diesem teilweise nicht sehr uebersichtlichen Bereich, um zunaechst Richtung Osten zu fahren. Die wilde Schlucht des Yarmuck hatte es mir angetan und ich wollte dieses Wunderwerk der Natur noch einmal bei besseren Lichtbedingungen ansehen. Die Strasse schlaengelt sich entlang des gut gesicherten Grenzzaunes nach Hammat Gader. An einem schoenen Aussichtspunkt halte ich an und erkenne sehr gut den ehemaligen Eisenbahndamm und die gesprengte Bruecke. Es muss schon ein imposantes akustisches wie optisches Schauspiel gewesen sein, wenn der Personenzug mit einer stampfenden und fauchenden Dampflokomotive sich durch das wilde Tal des Yarmuck gekaempft hat. Heute erinnern Bilder in einem kleinen, aber sehr sehenswerten Musuem in Kefar Yehoshua an diese Pionierzeit der Landerschliessung. Doch dazu gibt es noch einen spaeteren Bericht. Rasch kam ich auf der kurvigen und teilweise steilen Strasse, die in der Konzeption keiner alpinen Strasse in Europa nachsteht, auf den Golan hinauf. Auf der gut ausgebauten Str. Nr 98 erreichte ich rasch mein wichtigstes Tagesziel heute: Die Bergstadt Gamla

Gamla wurde ausreichend von dem schon mehrfach erwaehnten Geschichtsschreiber Josephus Flavius in seinem Buch vom JUEDISCHEN KRIEG beschrieben. Flavius selbst ist eine aus juedischer Sicht sehr umstrittene Figur. Als juedischer Widerstandskaempfer waehrend der roemischen Besatzungszeit erwarb er sich einen guten Namen bis auf die Tatsache, dass er imVerlauf der Kaempfe mit seinen Getreuen von den Roemern eingekesselt worden ist und sich die wenigen Kaempfer eingedenk der aussichtslosen Lage entschlossen, lieber den Freitod zu waehlen, als sich zu ergeben. Mittels eines Loses bestimmten sie, wer wen toeten sollte. Das Schicksal wollte es, dass Flavius sozusagen als letzter Kaempfer "uebrig" blieb und nun sich eigentlich selbst toeten sollte, aber es nicht tat. Er ergab sich den Roemern und bot sich ihnen u.a. als Uebersetzer an, ausserdem nahm er den Namen an, unter dem er beruehmt wurde: Josephus Flavius. Viele Juden verzeihen diese Haltungsweise Flavius nie, bis heute nicht. Er wird deshalb in der juedischen Geschichte auch nicht besonders erwaehnt, dafuer als Geschichtsschreiber auf roemischer Seite viel mehr. Seine bekanntesten Aufzeichnungen duerfte der Ueberlebensbericht von 2 Frauen und drei Kindern sein, die sich auf der Felsenfestung Massada dem Kollektivsuizid entzogen hatten und damit als erste authentische Quellen fuer den 2 Jahre waehrenden Widerstandskampf der Zeloten gegen die uebermaechtigen Roemer gegolten haben. Flavius schrieb die Schilderungen akribisch auf und hat damit der Nachwelt einen einzigartigen historischen wie erschuetternden Bericht ueber den verzweifelten Kampf der Aufstaendischen gegen die Uebermacht Rom's hinterlassen. Von Flavius wissen wir auch Details ueber die kleine Stadt Gamla auf dem Golan, die ein aehnliches Schicksal wie Massada ereilte, nur ist dieses tragische Ereignis in der Geschichtsschreibung nicht so beruehmt geworden, wie dieEreignisse in Massada. Heute kann man Gamla sehr bequem ueber eine Stichstrasse von der Str. Nr 808 erreichen. Am Eingang wird man freundlich von einem Mitarbeiter der Naturschutzbehoerde begruesst. Gamla ist heute zugleich ein einzigartiges Naturreservat, in dem z.B. Kolibris und Griffon Geier leben. Bei entsprechenden Winden kreisen die riesigen Voegel, die in etwa in ihren Ausmassen grossen Adlern entsprechen, oft ganz niedrig ueber den Koepfen der Wanderer. Die Thermik in der Schluchtenlandschaft tut ein uebriges dazu, die Voegel in wunderschoenen Flugkonfigurationen zu beobachten. Bei einer kleinen Raststation, die von aufmerksamen Serviceleuten betrieben wird, kann man allerlei Unterlagen ueber den Naturschutzpark von Gamla erwerben und natuerlich auch Grundlagen ueber das historische Gamla.
Heute hatte ich endlich die Gelegenheit, von der touristischen Aussichtsplattform auf das ca. 200m tiefer liegende legendaere Staedtchen hinunterzusteigen. Die Stadt, die ehedem nach Flavius ca. 9000 Einwohner hatte, liegt auf einer Felsnase, die nur von einer Seite den Zugang erlaubte. Taktisch gesehen war das klug, allerdings hatte diese Bauweise den Nachteil, dass bei einer Belagerung eine Ausweichmoeglichkeit nicht gegeben war, ausgenommen der Sprung ueber die Klippen in den Tod. Genau dieses schreckliche Ereignis hatte sich in Gamla vor dem Ereignis von Massada zugetragen: Der kollektive Genuzid. Als Tourleader hatte ich bislang nie die Gelegenheit dazu, weil die zeitlich eng gefassten Besuchsprogramme, einen Besuch zu Fuss nie zugelassen haben. Um es vorweg zu nehmen: Ein Besuch von Gamla selbst mit Ab- und Aufstieg muss mit ca. 2,5 Std veranschlagt werden. Eine Zeit, die lohnt und letztlich dem Ereignis vor 2ooo Jahren Rechnung traegt. Der einzige Zugang ueber Land zur Stadt von Osten her zeigt noch heute die Spuren der Eroberung. Der Eingangstorbereich weist Spuren des Rammbockes auf und eine Armbrustmaschine laesst erahnen, mit welcher Wucht die Pfeile damals in geballter Form jede Bewegung in ungeschuetztem Gelaende zum Hasadeurspiel gemacht haben. Es sind noch sehr gut die Einrichtungen, die zum taeglichen Leben gebraucht wurden, zu erkennen wie z.B.die verschiedenen Muehlen fuer Mehl und Olivenoel. Mich hat am meisten die rekonstruierte Synagoge beeindruckt. Mit wenig Phantasie kann man sich sehr gut einen Gottesdienst am Erew Shabbat vorstellen. Mit grosser Vorsicht arbeitete ich mich ueber das Steilgelaende bis zur Felsnasenspitze hoch, die als Ausgangsort fuer den Genuzid beschrieben worden ist. Ca. 80 - 150m tief weitet sich das Tal, ein Sprung von den Klippen darf als toedlich angesehen werden. Lange sass ich auf schmalen Simsen und habe versucht, mir die ausweglose Situation der damaligen Bevoelkerung vorzustellen, verbunden mit dem treuen Glauben bzw. Gesetz, dass kein juedisches Blut sich mit nichtjuedischem Blut vermischen darf. Mit anderen Worten: Eine Schwaengerung einer gefangenen juedischen Frau durch einen roemischen Soldaten galt als unvorstellbar.

Nachdenklich verliess ich den historisch so belasteten Ort und kaempfte mich durch den fast zugewachsenen Weg steil aufwaerts zur Besucherplattform. Leider waren an diesem Nachmittag die Griffon Geier noch nicht unterwegs und so machte ich mich auf den Weg zum Drusenstaedtchen Majdal Shams. Das Staedtchen liegt unmittelbar zu Fuessen des Berges Hermon in einer Hoehe von ca. 1350 m. Die Strasse fuehrt uebrigens weiter in das einzige Skigebiet Israels. Ein eiskalter Wind lud nicht gerade zu Spaziergaengen ein. Wolkenfetzen huellten immer wieder den Gipfel ein und die Kirschbaeume in voller Bluehte bogen sich vor dem azurblauen Himmel auf Grund des Windes Richtung Osten. Links und rechts der schmalen Strasse saeumen weitere Obstplantagen den Weg, in den geschuetzten Talsenken wird Gemuese angebaut. Die herrlich frische Gebirgsluft wird von den Israelis besonders im Sommer geschaetzt. Die reizvolle Gebirgslandschaft laedt zudem zu Wanderungen ein, oft werden dabei historische Orte beruehrt wie z.B. die Kreuzritterburg Nimrod oder Montfort etwas weiter entfernt. Ueber die kurvenreiche Strasse ging es dann zuegig bergab, die grosse Kreuzritterburg dabei immer rechts "im Auge", ein imposanter Anblick. Nach kurzer Fahrt erreichte ich die noerdlichste Stadt Israels, Kiriat Shmona, die "Stadt der Acht".

In diesem Bereich fanden schon in den fruehen zwanziger Jahren immer wieder bewaffnete Konflikte zwischen den juedischen Einwanderern und der arabischen Bevoelkerung statt. Bei einem Gefecht verloren 8 Maenner unter der Fuehrung von Trumpeldor ihr Leben, ihr Wirken wird auf einem Ehrenmal auf dem Tel Dan gewuerdigt. Das Staedtchen ist in den letzten Jahren eher zu trauriger Beruehmtheit gelangt. Bei zahlreichen Raketenueberfaellen durch die Hisbollah wurde die Bevoelkerung jahrelang immer wieder eingeschuechtert und terrorisiert, ganz besonders litt die Stadt beim Libanonkrieg 2006.
Auf sehr gut ausgebauter Strasse erreichte ich rasch wieder den See Genezareth und alsbald meine Ferienunterkunft im Kibbutz Ashdod Ya'akov. Nach einer erholsamen und ruhigen Nacht hiess es am naechsten Tag leider schon Abschied nehmen von diesem idyllischen wie paradiesisch erscheinenden Ort. Ich machte noch einen Rundgang durch die schoene Anlage, die mit sehr viel Fleiss und Idealismus erbaut worden ist. Die Kibbutzpfaue begleiteten mich neugierig ein Stueck des Weges. Ausserhalb des Kibbutzes waren sehr gut die Bananenfelder zu erkennen. Zum Schutz der Fruechte vor unliebsamen Raeubern aus der Luft muessen die Plantagen mit Netzen ueberdacht werden. Schoen angelegte Blumenbeete, z.T. auf den alten Bunkeranlagen, verleihen der Anlage einen optisch sehr schoenen Reiz. Das milde Klima laesst sehr viele tropische Pflanzen gut gedeihen, besonders gut entwickelt sind auch tropische Baeume und typ. Baeume der Region wie z.B. der Gummibaum oder der Maulbeerbaum. Mit Wehmut verlasse ich den Kibbutz und umfahre Tiberias im Westen, um so rasch auf die Schnellstrasse nach Afula zu kommen.

Rechts lasse ich alsbald die "Hoerner von Hittim" liegen. Dort fand im Sommer 1187 die entscheidende Schlacht der Kreuzritter gegen den hoch favorisierten arabischen Heerfuehrer Saladin statt. Saladin hatte das Kreuzritterheer tagelang bereits verfolgt und taktisch geschickt verhindert, dass die Kreuzritter an Wasserquellen kamen. Nach ein paar Tagen waren die Kreuzritter stark geschwaecht und diesen Augenblick nutzte der pfiffige Feldherr, um die Kreuzritter vernichtend zu schlagen. Im traditionellen Verstaendnis wird diese Schlacht von vielen Moslems auch als generellen Sieg ueber das Christentum verstanden. Auf sehr guten Strassen erreiche ich schliesslich die historisch wie religioes sehr bedeutende Stadt Zippori bei Nazareth. Zippori ist auch unter dem Namen Sepphoris (wurde waehrend der hellenistischen Zeit verwendet; der Name kommt vom aramaeischen sippor, was soviel wie Vogel heisst) bekannt. In die hellenistische Zeit faellt auch die erste urkundlich Erwaehung um 103 BCE. In der roemischen Zeit wurde die Stadt als Handelszentrum bekannt. Die tiefen Spuren der damals eingesetzten Karren sind heute noch auf dem Originalpflaster des Cardo, der Prachtstrasse jeder roemischen Stadt, deutlich zu sehen. Gambinius, roemischer Gouverneur der damals benannten Provinz Syria machte Zippori zur Haupstadt Galilaeas. Unter der Zeit von Koenig Herodes wurde die Hauptstadtfunktion erneut bestaetigt. Nach dem Tod von Herodes d. Gr. 4 BCE revoltierten die Juden zunaechst erfolgreich, wurden aber spaeter von den Roemern ueberwaeltigt und die Ueberlebenden als Sklaven verkauft. Die Stadt selbst wurde anschliessend total zerstoert. Der siegreiche roemische Feldherr hiess Varus, uns Deutschen als der Verlierer gegen den Aufstand der Germanen 9 CE im Teutoburger Wald bekannt. Herodes Sohn, Antipas, baute die Stadt wieder auf und erwaehlte sie zu seiner Residenzstadt, ehe er 26 CE nach Tiberias zog und die sehr schoen am See Genezareth gelegene Stadt zur Hauptstadt Galilaeas erkor. Welche Rolle Zippori beim grossen Juedischen Krieg (66 - 70 CE) spielte, ist nicht ganz klar. Jedenfalls wurde die Stadt von den Roemer nicht zertoert , was den Schluss zulaesst, dass sich die juedische Bevoelkerung in unbekannter Form mit den Roemern arrangiert haben muss. Auch beim letzten juedischen Aufstand unter Bar Kochba (132 - 135 CE) ist Zippori verschont geblieben, musste allerdings auf Geheiss von Hadrian den Namen in Diocaesarea wechseln. Dieser Akt erinnert unmittelbar an eine gleiche Weisung von Hadrian bezueglich Jerusalem. Dieser schon damals legendaere Namen musste in der Folge des Aufstandes in Aelia Capitolina umbenannt werden, um jeden Bezug zum Judentum auszuloeschen. Zu Beginn des dritten Jhdt. wechselte der oberste juedische Gerichtshof, Sanhedrin, nach Zippori. Mit dabei war auch der beruehmte Rabbi Judah Hanasi, der die Kodifizierung der Mischna erfolgreich durchfuehrte. Letztlich blieb die ueberwiegend juedische Bevoelkerung gegenueber Besatzern nicht ruhig und revoltierte gegen die mittlerweile byzantinische Herrschaft 339 CE mit dem Ergebnis, dass Zippori wieder zertoert wurde. Ein Teil der juedischen Bevoelkerung konvertierte zum Christentum und baute die Stadt wieder auf, die Annenkirche wurde gebaut und Zippori wurde sogar Bischofssitz.
Im 7. Jhdt. eroberten Araber die Stadt und benannten sie Saffurije. Die Herrschaft wechselte spaeter an die Kreuzritter, die wieder einmal eine Namensaenderung erwirkten: La Saphorie. Allerdings hat dieser Ort den Kreuzrittern, militaerisch gesehen, kein Glueck gebracht. Hier versammelte sich das Kreuzritterheer vor der Schlacht bei den Hoernern von Hittim. Am 4.7.1187 endete der blutige Schlagabtausch gegen den arabischen Feldherrn Saladin fuer die Kreuzritter im Desaster (s. Anfang Galilaea Teil 2). Im 18. Jhdt. erwaehlte der Beduine, Emir Dahir el-Umar , die Festungsanlagen fuer seine Kriegszuege gegen den Pascha von Akko und im 20. Jhdt schliesslich attackierten arabische Bevoelkerungsteile immer wieder die in der Zwischenzeit eingewanderten Juden, die sich in Moschaw- und Kibbutzsiedlungen nieder gelassen haben. Im Unabhaengigkeitskrieg von 1948 fiel im Rahmen der Kampfhandlungen endgueltig Zippori an die juedische Bevoelkerung. Heute beeindruckt die Anlage durch die schoensten und wohl auch groessten Mosaiken, die man bislang in Israel gefunden hatte. Dazu gehoeren z.B. das bekannte Nil-Mosaik aus einer roemischen Villa, dass sehr eindrucksvoll einen Einblick in Fauna und Flora des Nils aus der damaligen Zeit wiedergibt. Das zweifellos schoenste Mosaik wurde im Triclinicum, dem Speisesaal einer luxurioesen roemischen Villa frei gelegt. Es zeigt in einer unglaublichen Detailierung den Dionysuskult, sowie das Antlitz der Mona Lisa von Galilaea. Der abschliessende Besuch gilt der Synagoge aus dem 5. Jhdt. Auch dieser Boden ist reich mit Mosaiken ausgestattet und u.a. ist die Opferung Isaaks, der Tierkreis und die Darbringung der Brote sehr gut zu erkennen. Empfehlenswert ist auch die Ausstellung ueber die Entwicklung von Zippori in den Resten der alten Festung. Ausserdem erhaelt man nach dem Aufstieg auf die Dachterrasse einen sehr schoenen Ueberblick ueber die gesamte Anlage, die herrliche Umgebung und Nazareth.
Nach soviel intensiver altertuemlicher Kultur wollte ich den Rest des Tages noch fuer einen besonderen Besuch eines technischen Denkmals des 19./20.Jhdt. nutzen. Ich fuhr auf sehr gut ausgebauten Strassen Richtung Nazareth ehe ich nach Kefar Yehoshua abbog. In diesem kleinen landwirtschaftlich gepraegten Ort befindet sich zu meiner voelligen Ueberraschung ein kleines Eisenbahnmuseum. Das ehemalige Stationsgebaeude mit anschliessenden Verwaltungsgebaeuden wurde von ISRAEL RAILWAYS aufwaendig restauriert und wird heute mit grossem Engagement von einer jungen Frau museal betreut.
Das Bahngebaeude lag an der schon laengst eingestellten Bahnlinie Damaskus - De'ra (Grenzbahnhof Syrien) - Haifa. Der Abzweig von De'ra nach Haifa gehoert insgesamt zur legendaeren Hedjazbahn, die um die Jahrhundertwende unter Leitung des deutschen Ingenieurs Meissner erbaut wurde. Sie fuehrte von Aleppo ueber Damaskus bis in die Pilgerstadt Medina. Von dieser Bahn sind heute nur Teilstrecken in Syrien vorhanden und werden auch nur noch sehr sparsam bedient. Im Inneren des Stationsgebaeudes ist auf historischen schwarz- weiss Bildern die Entwicklung der Eisenbahnlinie bis zu ihrer Einstellung nach dem zweiten Weltkrieg zu sehen. Mit sehr viel Muehe wurde das Bildmalterial zusammengetragen, alte Eisenbahnrequisten ergaenzen die sehenswerte Ausstellung und ein Film versetzt den interessierten Beobachter rasch in die Anfaenge des 20. Jhdt. zurueck. Originalaufnahmen zeigen den Dampfbetrieb unter osmanischer Zeit, spaeter unter britischem Mandat und schliesslich aus den Anfaengen des damals jungen Staates Israel. Auch die Kopien der ersten Fahrplaene und Anweisungen der Eisenbahngesellschaft Palaestina z.B. zum Milchtransport entlocken dem interessierten Leser so manches Laecheln, aber auch lobende Anerkennung. Die im ersten Teil Galilaea erwaehnte Yarmuckschlucht war Bestandteil der Eisenbahnlinie. Im Aussenbereich kann man noch sehr gut den alten Wasserturm, die Verladeanlage und Reste von Gueterwagen erkennen. Dieses Museum verdient viel Anerkennung und ich hoffe, dass die emsigen Bemuehungen der Museumsstationswaerterin durch viele Besucher belohnt werden. Nun heisst es zuegig Abschied nehmen, denn ich hatte noch am gleichen Tag Jerusalem zu erreichen.

Unterwegs habe ich fuer eine Stunde noch an einem der am schoensten gelegenen Kibbutzime kurzen Halt eingelegt am Kibbutz Nachsholim, direkt an einem weitlaeufigen Naturbadestrand am Mittelmeer gelegen. Man hat als Tourist stets grosse Muehe, Zimmer zu bekommen, weil die Israelis dort selbst sehr gerne Urlaub machen. Eine herrliche Naturbadebucht, geschuetzt durch scharfkantige Felsen laedt an warmen Tagen zum Baden ein. An der Kuestenlinie kann man im Norden bis nach Haifa sehen und im Sueden ist Casarea zu erkennen. In den angrenzenden Wiesen blühten verschiedene Blumen, das Meer leuchtete tiefblau und der Sandstrand wartete schon auf die ersten Gaeste. Allerdings lassen die Temperaturen um diese Jahreszeit ein Baden noch nicht zu. Lediglich Surfer in Neoprenanzuegen ueben das Wellenreiten bei den doch mitunter hohen Wellen, die ueber die Klippen in die Bucht hineindruecken. Ein herrlicher Sonnenuntergang kroente den erlebnisreichen Tag und wehmuetig machte ich mich auf den Weg nach Jerusalem.
Johannes Reiner,
Jerusalem, 16.4.2010

 

Pessach - Pessachfest

In wenigen Tagen beginnt eines der wichtigste juedischen Feste - das Pessachfest. In diesem Jahr ueberschneidet sich dieses Fest sogar mit dem christlichen Osterfest und dies bedeutet, dass Jerusalem mit christlichen Pilgern, juedischen Besuchern aus aller Welt sowie juedischen Israelis ueberfuellt sein wird. Seit Monaten sind nahezu alle verfuegbaren Gaestebetten ausgebucht, die Restaurants und Geschaefte auf den Ansturm vorbereitet. Fuer die Sicherheitskraefte bedeutet dieses Fest jedoch erhoehte Wachsamkeit.

Am 15. Tag des juedischen Monats Nissan wird der erste Tag des Pessachfestes gefeiert. Am Vorabend findet der sogenannte Sederabend statt, der eindeutige Hoehepunkt des bedeutenden Festes Seder bedeutet eigentlich uebersetzt "Ordnung", weil der Abend selbst in seinem Ablauf sehr genau liturgisch geregelt ist. Man liest die "Hagadah", die Erzaehlung, die vom Auszug des hebraeischen Volkes aus Aegypten berichtet. Im Verlauf des Abends werden vier Glaeser Wein getrunken und dabei werden auch viele Lieder zu Gehoer gebracht und auch ggf. Volkstaenze dazu getanzt. Die Speisen haben es an Symbolgehalt in sich. Salzwasser als Symbol des Weinens über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, wo das Pessachlamm geopfert wurde,
an ein Sederteller, auf dem sich die folgenden Speisen befinden:
a.. Karpass - Sellerie (Eppich), Radieschen, Petersilie oder Kartoffeln als Frucht der Erde,
b.. Maror - ein Bitterkraut, Lattich oder Meerrettich als Zeichen der Bitterkeit der Knechtschaft in Ägypten,
c.. Charosset - eine Mischung aus Apfel- bzw. auch Feigenstückchen und Datteln, Nüssen oder Mandeln, mit etwas Rotwein zusammengeknetet, mit Zimt oder Ingwer bestreut, als Symbol für den Lehm, aus dem die Israeliten in den Zeiten der Knechtschaft Ziegel herstellen mussten,
d.. Seroa - eine angebratene Lammkeule mit wenig Fleisch, die an die biblische Vorschrift der Opferung eines Pessachlamms im Jerusalemer Tempel erinnert. Da der Tempel nicht mehr steht, wird heutzutage kein Lammbraten mehr zum Pessach gegessen. So sagt es zumindest die Tradition der Aschkenasim. Sephardim hingegen pflegen weiterhin die Tradition des Pessach-Lammes, indem sie eine Lammkeule zubereiten. Die christliche Orthodoxe Kirche und auch einige katholische Länder haben diese Tradition beibehalten.
e.. Beitzah - ein gesottenes Ei, zum Zeichen der Gebrechlichkeit menschlicher Geschicke, aber auch der menschlichen Fruchtbarkeit und schließlich zum Zeichen der Trauer um den zerstörten Tempel in Jerusalem,
f.. Chaseret - kann aus derselben Gemüseart sein wie Maror, es wird jedoch nicht gegessen,
an und ein Becher, der für den Propheten Elija bestimmt ist.

Insgesamt dauert das Fest sieben, ausserhalb Israels sogar acht Tage. An den Halbfeiertagen, zwischen dem ersten und dem letzten Pessachtag wird in vielen Familien nur das allernotwendigste erledigt. Fuer die Pessachzeit sind besondere koschere Gesetze gueltig, die ueber den normalen Rahmen hinaus gehen. Jegliche Mehlspeise und jedes Backwerk, deren Teig "aufgeht", d.h. gegoren ist, gilt als verboten (Brot, Kekse, Nudeln etc.) Stattdessen gibt es sehr viele Matzothgerichte oder Kokoskekse. Damit auch alle Spuren des "unsauberen" Haushaltes wegkommen, wird dieser traditionell von den Frauen gruendlichst gesaeubert. Manche Familien loesen das Saeuberungsproblem ganz pragmatisch: Sie stellen das alte Geschirr einfach auf die Strasse und nehmen die Gelegenheit wahr, sich mit neuem Geschirr einzdecken. Mit dem zweiten Pessachtag beginnt man, den "Omer" zu zaehlen: Ganze 49 Tage bis zum Erntedankfest, auch Schavu'oth genannt. Der Seder selbst kann sich ueber mehrere Stunden hinwegziehen, je nachdem wie lange man braucht, um die 4 Glaeser zu trinken. Natuerlich kann auch alternative Traubensaft getrunken werden. Damit es den Kindern nicht zu langweilig wird, versteckt das Familienoberhaupt ein Stueck Matzen. Die gluecklichen Finder erhalten dann als Lohn eine kleine Aufmerksamkeit. In Israel sind in dieser Woche auch Schulferien. Besonders ist im Land als Feriendomizil Eilath gefragt oder auch beliebte Ziele am See Genezareth. In dieser Jahreszeit ohnehin wegen der vielen bluehenden Blumen ein einziger Traum.
Uebrigens werden zwei Mal im Jahr, naemlich kurz vor Pessach sowie dem juedischen Neujahr im September, die sog. Gebets- oder auch Wunschzettel aus den Ritzen der Klagemauer entfernt und sie werden dann anschliessend rituell auf dem Oelberg begraben. Da sich auf den Zetteln sehr oft religioese Worte befinden, duerfen die Schriftstuecke nicht einfach entsorgt werden. Seit ueber 30 Jahren wird in Israel landesweit am achten Tag nach Pessach das Minumafest gefeiert. Dieses traditionelle Fest der Juden aus dem Maghreb erinnert an Maimon Ben Josef, Vater des bekannten Moses Maimonides alias "Rambam". Eine der aeltesten Synagogen in Jerusalem heisst Rambam-Synagoge, im juedischen Viertel gelegen. Das christliche Osterfest hat uebrigens seinen Vorlaeufer im juedischen Pessach www.festjahr.de/festtage/ostern.html
Allen interessierten Lesern wuensche ich ein herzliches "Khag same ' akh" (= einen frohen Feiertag).
Jerusalem, 24.03.2010, Johannes Reiner

 

Einkaufen im israelischen Supermarkt

Das Einkaufen in Israel unterliegt landestypsichen Eigenheiten, die durchaus erwaehnenswert sind. Meine Erfahrungen basieren auf meine fast taeglichen Einkaeufe i.R. meiner Taetigkeit in einem grossen Supermarkt, verschiedenen kleineren Laeden und den typischen Kiosken, die in manchen Staedten Israels, wie z.B. in Tel Aviv 24 Std geoeffnet sind, in Jerusalem jedoch am Schabbat geschlossen werden muessen. Bei groesseren Supermaerkten und Geschaeften ist es ueblich, dass man vor dem Betreten eine Sicherheitsschleuse durchlaufen muss. Die Taschen und Rucksaecke werden kontrolliert und dann kann man sofort den Laden betreten. Diese Kontrolle ist eine Folge frueherer Anschlaege in den 90 er Jahren mit fatalen Folgen. Durch diese kostspielige Massnahme konnte in der Folge mancher Anschlag vereitelt werden. Um Kritiker gleich zu Anfang zu beruhigen: Auch in Deutschland werden bei Grossveranstaltungen und Events, die Sicherheit erfordern, Handtaschen und Personen gecheckt.

Gehen wir zunaechst in den grossen Supermarkt, der in etwa in seiner Aufmachung und Strategie dem ALDI in Deutschland entspricht. Gleich am Eingang ist ein Schalter, an dem man zuruckgebrachte 0,5 Ltr Bierflaschen anzeigen muss. Pro Flasche wird ein Pfand von 1,20 NIS (New Israel Shekel), etwa 20 Cent, per Gutschein erstattet, der dann an der Kasse eingeloest wird. Es gibt noch ein paar wenige andere Flaschen, bei denen man Pfandgelt zurueckbekommt. Plastikflaschen jeder Art werden in den Stadtvierteln in riesigen Metallkaefigen gesammelt und entsorgt. Danach passiert man kunstvoll aufgebaute Sonderangebote, die man zu sehr guenstigen Preisen, je nach Einkaufshoehe, erwerben kann. Dabei handelt sich keinesfalls um Ramsch, sondern Produkte des taeglichen Bedarfs wie Kaffee, Reis o.aehnliche Dinge. In der hintersten Ecke ist eine Backstube, aus der es stets verlockend duftet. Ein israelischer Araber, einer von vielen in diesem Supermarkt, baeckt den ganzen Tag knusprige Baguettes, arabische Teigtaschen, viele davon mit koestlichen Fuellungen versehen und sehr leckere Minipizzas.
Eine gut sortierte Kaese- und Frischfleischtheke lockt mit Sonderangeboten oder besonderen Angeboten fuer Feiertage oder Schabbat. Dass die Theke nach den strengen Kaschrutgesetzen (koscher) aufgebaut ist, versteht sich von selbst.
In der Kosmetik - und Reinigungsmittelabteilung lassen viele deutsche Produkte gruessen. Weitere auslaendische Produkte gibt es natuerlich auch, aber sie sind mit vergleichbaren israelischen Produkten deutlich teurer. So kostet z.B. eine Packung eines bekannten italienischen Herstellers 3x soviel, wie einheimische Nudeln. Diese Methode zieht sich in etwa bei allen auslaendischen Produkten wie ein roter Faden durch. Erstaunlich teuer sind einheimische Milchprodukte. Man muss sehr genau die Preise vergleichen, um nicht z.B. bei verpacktem Schnittkaese fuer ein paar Gramm 3 Euro zu bezahlen, wenn z.B. der gleiche Kaese frisch geschnitten nur knapp die Haelfte kostet. Auch Gemuesetiefkuehlkost ist vergleichsweise deutlich teurer als bei uns. Frischgemuese vom Markt hingegen am guenstigsten, aber nicht jeder hat die Zeit, den weiten Weg dorthin anzutreten. Als Zwischenloesung bieten sich kleinere Gemuesehaendler an, die es in fast jeder Strasse gibt. Sonderangebote und erstklassige Qualitaet sichern einen garantierten Kundenzulauf.
Eine gute Flasche Wein ist selbst beim israelischen "Aldi" nicht unter 25 NIS, ca. 5 Euro zu haben. Dafuer erhaelt man aber auch eine sehr gute Qualitaet. Eine Flasche einheimischen Maccabee-Bieres mit dem seltenen Flaschenmass von 670 ml kostet 6,10 NIS brutto, abzueglich 1,20 NIS Pfandrueckerstattung. Gemuese in Dosen ist erschwinglich, aber eben nicht frisch. Auffallend sind die zahlreichen Regale mit suessen Sachen wie Fertigkuchen, Kekse, Waffeln usw. Eine Besonderheit in Israel stellen die zahlreichen Aufstriche dar wie z.B. Eieravocadocreme, Tomatenpaprika, Rotkraut, Auberginen mit und ohne Zwiebel, natuerlich Humus und Knoblauch in allen Variationen und Oliven in kaum zaehlbaren Varianten. Standarddosenfisch, der auch sehr gerne zum Fruehstueck genommen wird, ist Thunfisch in Oel und neuerdings auch fuer Kaloriensparer in Wasser eingelegt.

Fuer viele Europaeer ungewohnt ist der Anblick von bewaffneten Soldaten oder auch Zivilisten. Das ist in Israel voellig normal. Neulich sah ich eine Soldatin, die zum Wochenende heimgekommen war und mit ihrer Mutter froehlich schwatzend durch den Markt schlenderte und dabei laessig ihr Armeestandardgewehr M16 mit voll gefuellten Magazinen mitgefuehrt hat. Wie schon erwaehnt, arbeiten in diesem Markt sehr viele Araber und Juden taeglich Hand in Hand. Ich habe schon viele Male beobachtet, wie hoeflich und voellig normal man miteinander auskommt, Probleme ausdiskutiert und auch so manchen Scherz macht. Ich erwaehne es deshalb, weil in Europa oft die Vorstellung herrscht, dass Juden und Araber nicht miteinander auskommen, nicht miteinander arbeiten und sich voellig aus dem Weg gehen. Dieses Bild muss korrigiert werden. Im Lande leben schliesslich ca. 1,3 Millionen Araber mit israelischem Pass, die handwerkliche Berufe ebenso ausueben wie wissenschaftliche Taetigkeiten. An der Universitaet in Haifa sind sehr viele arabische Studenten immatrikuliert. In diesem Zusammenhang moechte ich auch erwaehnen, dass viele juedische Israelis die arabische Sprache sprechen oder in Intensivkursen lernen. Umgekehrt kenne ich persoenlich eine Reihe von Arabern, die hebraeisch sprechen.

Zurueck zu unserem Supermarkt. Wir sind an der Kasse angelangt. In den langen Warteschlangen entdecke ich arabische Frauen in traditionellen Gewaendern ebenso, wie Europaer, die in den zahlreichen Instituten in Jerusalem arbeiten. Mit stoischer Gelassenheit, ein Wunder beim sonstigen Temperament der Israelis, stehen die Menschen an und werden auch nicht ungeduldig, wenn die Kassiererin mit irgendeinem Produkt beim modernen touchscreensystem nicht klar kommt, eine Kundin mit einem Produkt in aller Ruhe zurueckgeht und sich auf Grund des Tipps der Kassiererin ein Sonderangebot vom Stapel nimmt. Bezahlt wird nahezu durchgaengig mit einer Kundenkarte oder Visacard. Groessere Barzahlungen fallen schon fast auf. Ein besonderer Service ist in Israel in manchen Supermaerkten noch voellig normal: Der Homeservice. Fuer ein geringes Entgelt wird die Ware noch an der Kasse von einem arabischen Helfer in Tueten gepackt und in grosse Koerbe gestellt. Die arabischen Fahrer sortieren sofort die Koerbe nach Strassen und liefern die Ware binnen einer Stunde zuverlaessig ins Haus. Unangenehm aus unserer Sicht ist jedoch der ungeheure Plastiktuetenverbrauch. Die Tueten kann man von einem Automaten kostenlos ziehen und werden bedenkenlos taeglich zu tausenden verbraucht.
Eine Verkaufsbesonderheit stellen die Eingangs erwaehnten Kioske dar, die ein durchaus vorzeigbares Angebot an Waren fuer den noetigsten Bedarf anbieten. Vom Gemuese bis zu Kaese, Toilettenartikel und Getraenke, Telefonkarten und Suessigkeiten, Blumen fuer den Schabbat wie Batterien fuer den MP 3 Player. Vorteil dieser Laeden ist deren lange Oeffnungszeiten und in Jerusalem oeffnen sie sofort nach Schabbatende, also am Samstagabend und man kann dann noch fehlende Produkte sozusagen an der Ecke guenstig erwerben. Auffallend ist insgesamt, dass man an der Kasse im Supermarkt wie im Kiosk noch ein paar nette Worte wechseln kann und die Zeit hierfuer trotz langer Warteschlangen noch da ist oder auch einfach genommen wird und niemand stoert sich an dem kurzen Plausch.
Johannes Reiner, Jerusalem, 13.3.2010

 

Begegnungen in Beit Ben Yehuda - Spiegelbild Israels

Es ist hoechste Zeit, einmal die Menschen vorzustellen, die in unserer Einrichtung ein und ausgehen, fuer sie taetig sind, voruebergehend eine Herberge finden oder an einem der oeffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Ich habe im Rahmen meiner Taetigkeit als Rezeptionist des Gaestehauses Beit Ben Yehuda von Aktion Suehnezeichen (ASF) im letzten Vierteljahr eine unglaublich breite Spannweite unterschiedlichster Menschen kennengelernt, wie sie nicht facettenreicher sein koennte. Ich beginne mit unseren Volontaeren, die nach meinem Dafuerhalten seit 50 Jahren in Israel auf menschlicher wie gesellschaftlicher Ebene teilweise bahnbrechende Leistungen erzielt haben. Ueber 1500 sind es mittlerweile gewesen. Mit ihrem selbstlosen Einsatz, der in der Regel ein Jahr dauert, haben sie so manche, verstaendlicherweise verschlossene Tuer, wieder oeffnen koennen. MIt unglaublicher Geduld und Idealismus versuchen sie mit Schwerpunkt Shoa Ueberlebenden Trost zu spenden, Vertrauen zwischen den Opfern und der mittlerweile dritten Generation von Deutschen, die mit dem II. WK nichts zu tun hatten, wieder aufzubauen. Neulich sagte mir ein Volontaer, dass er nicht geglaubt hat, als 20 jaehriger junger Mann mit einem 50 - 60 Jahre aelteren Menschen eine so innige Beziehung aufzubauen. In seiner Zeit kam dann hinzu, dass auch ein Betreuter Shoa-Ueberlebender gestorben ist. Fuer unsere Volontaere ist die Sterbebegleitung leider kein seltener Moment, der fuer alle Zeugen des Weggehens von dieser Welt hoechst belastende Momente mit sich bringt.

Darueber hinaus unterstuetzen sie Institute und Einrichtungen, die sich mit Antisemitismus befassen wie z.B. das Leo Beck Institut oder die nationale Gedaechtnisstaette Yad Vashem. Auch die Arbeit mit Behinderten gehoert zum Taetigkeitsbereich von ASF. Dieser vorbildliche humane Einsatz hat nichts mit Wiedergutmachung im kommerziellen Sinn zu tun. Der kaum beschreibbare erlittene Schaden kann nicht wieder gut gemacht werden. Das, was den Menschen juedischen Glaubens durch die Verantwortlichen des Nazi-Regimes angetan worden ist, ist weder mit einem materiellen noch finanziellen Betrag wieder gut zu machen. Die einzige ueberzeugende Taetigkeit, die dazu beitragen kann, die Basis menschlichen Miteinanders wieder aufzubauen,ist Vertrauen zu schaffen.

Meine zahlreichen Begegnungen mit unseren Volontaeren sind von grosser Achtung und Respekt gepraegt. Diese jungen Menschen, egal welchen Geschlechts, haben ein hohes Verantwortungsbewussstein, viel Feingespuer, grossen Einsatzwillen und eine unendliche Geduld. Fuer mich verblueffend ist ihre fuer ihr Alter grosse menschliche Reife und Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre unterschiedlichen Taetigkeiten nachgehen. Dabei wirken sie genauso lustig und auch jugendlich extravagant, wie ihre Freunde zu Hause. Was sie unterscheidet ist die Tatsache, dass sie freiwillig ein Jahr ihrer Ausbildungszeit, ihres Studiums oder Berufes fuer eine besondere Taetigkeit mit einer hohen Herausforderung in einem ganz besonderen Land mit einzigartigen Beziehungen zu Deutschland widmen. Auch wenn bei maennlichen Volontaeren hinter ihrem Einsatz haeufig der zivile Ersatzdienst steckt, ist es dennoch ein Unterschied, ob man diesen in einer Teestube in Deutschland oder z.B. bei Shoaueberlebenden in Israel ableistet, ohne den zivilen Ersatzdienst schmaelern zu wollen.
Im Tenor sagen viele junge Volos, wie sie hier genannt werden, dass sie eben etwas Besonderes leisten wollten, weil die einzige wirksame Hilfe fuer die betroffenen Menschen ist, ihnen an ihrem Lebensabend nach soviel Leid Menschlichkeit spueren zu lassen, nicht von irgendjemand, sondern von der Jugend des heutigen Deutschlands.

Kol hakavod(Hochachtung/Respekt), entfaehrt es so manchen Israeli, wenn sie erfahren, was die jungen Deutschen hier so eigentlich machen. Eine groessere Anerkennung, wie diesen Achtungsausspruch, kann man wohl kaum von einem juedischen Israeli bekommen und erwartet ihn im Prinzip auch nicht. Die Arbeit von ASF lauft eher bescheiden im Hintergrund und ist nicht darauf ausgelegt mit Pomp zu zeigen, welche segensreiche Arbeit in Israel geleistet wird. Vor einiger Zeit hatten wir eine Woche eine "bunt" gemischte Gruppe aus Deutschland und den Niederlanden bei uns. Diese Vereinigung NEVER BE SILENT hat es sich zur Aufgabe gemacht, so oft es geht nach Israel zu reisen um auf der osmanischen Stadtmauer taeglich einige Stunden fuer die Rueckkehr der Juden nach Israel zu beten. Mit grosser Inbrunst haben sie das taeglich getan und nach dem kulturellen Begleitprogramm und einem gemeinsamen Essen am Abend noch einmal. Die Mitglieder vertreten u.a. die Auffassung, dass die Christen im Holocaust versagt haben und jetzt alles zum Schutz der Juden in aller Welt getan werden muss. Man muss diese Menschen mit ihrem Idealismus und ihrer tiefen Glaeubigkeit im Prinzip sehr bewundern. Sie unterstuetzen ebenfalls Shoa-Ueberlebende, nicht nur in Israel.

Sehr gerne erinnere ich mich an eine grosse Saenger-, Tanz und Musikergruppe namens MORAVIA. Die 37 koepfige Gruppe im Alter von 14 - 70 Jahren verstand sich in der Tradition von Vertriebenen des II.WK aus Boehmen und Maehren. Sie reisten mit der Absicht nach Israel und Palaestina, mit ihrer Musik, zu der sie auch in traditionellen Kleidern der Heimat ihrer Vorfahren tanzten, eine Bruecke zu bauen. So logierte die Gruppe zunaechst ein paar Tage bei uns, ehe sie nach Bethlehem aufbrach und spaeter dann die Reise nach Hebron, Nablus, Haifa, Akko, Nazareth und Ramallah fortsetzte. Der Wechsel zwischen Israel und Palaestina war beabsichtigt, weil nach ihrer Auffassung durch die Musik leichter und unkomplizierter Verbindungen geschaffen werden koennen, als durch endlose Konferenzen mit schoen gefaerbten Worten. An allen Orten gab das Emsemble gut besuchte Konzerte.

Besondere Farbtupfer in der bunten Schar der Gaesten stellen stets Jugendliche aus Suedamerika dar. Meist sind es sephardische Juden (Anm>Die Juden aus dem spanisch sprechenden Sprachraum werden Sepharden genannt), die z.B. auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln oder einfach mal unkompliziert Israel, die Ur-Heimat des juedischen Volkes, besuchen wollen. Die Jungen und Maedchen aus Argentinien, Chile oder Brasilien koennen ihr Temperament nicht verleugnen, sind sehr hoeflich und spruehen vor Energie. Unkompliziertheit ist ein Wesenszug, der auch uns oft sehr kontrolliert agierenden Europaeern deutlich mehr Entspannung bringen wuerde.
An juedischen Feiertagen und an Schabbat, manchmal auch unter der Woche, kommen immer wieder mal Einheimische aus Jerusalem oder der Nachbarschaft vorbei. Das koennen Bewohner des Nachbarhauses sein, religoese Juden, die am Schabbat mit umgehaengtem Tallit (Gebetsschal) auf dem Weg zur Synagoge sind, Besucher von Anwohnern aus den gegenueberliegenden Haeusern, die schon immer mal wissen wollten, was sich hinter ASF eigentlich verbirgt usw. Neulich kam ein Stadtfuehrer mit 23 Jerusalemern vorbei, der die illustre Schar zu einer historischen Stadttour eingeladen hatte. Die sehr interessierten Teilnehmer staunten nicht schlecht, als sie von den Taetigkeiten von ASF hoerten und dabei auch ein Einblick in die verschiedenen Projekte in groben Worten erhielten. Auch das alte Haus von Elieser Ben Yehuda erweckt stets die Neugier der Besucher und die Bilder von seinem Wirken und seiner Familie werden bestaunt und mit vielen Kommentaren begleitet.
Eine gut besuchte Veranstaltung war ein Abend mit einer polnischen Historikerin, die ansonsten in Yad Vashem forscht. Sie stellte ein Buch mit dem frei uebersetzten Titel:" Der Mord am Nachbarn" vor, in dem auch nach jahrelangem Schweigen die Taeterrolle Polens bei der Shoa beschrieben wurde. "Dieses Buch hat die Gesellschaft in Polen veraendert", resuemierte die angehende Doktorantin. Die Polen muessten endlich die jahrelang gepflegte Rolle des Opfers revidieren und die teilweise aktive Beteiligung daran zur Kenntnis nehmen. Die auszugsweise vorgestellten Kapitel schildern haeufig das auch in anderen Laendern, in denen die Nazis taetig waren, das bekannte Bild des tatenlosen Zusehens von Deportationen, das anschliessende Pluendern der Wohnungen bis hin zur Ermordung unter zahlreicher Beteiligung der Dorfbevoelkerung.

Eine voellig andere Gaestegruppe stellte eine kleine Gruppe aus Deutschland dar, die sich vorgenommen hatte, in 100 Std ULPAN die Grundkenntnisse von Ivrit zu lernen. Die Teilnehmer kamen aus den unterschiedlichsten beruflichen wie privaten Eerwaegungen: Ein pensionierter Mathelehrer, weil er einfach noch einmal etwas besonderes lernen wollte, eine Ergotherapeutin, die seit Jahren ihr Ivrit mit viel Eigeninitiative verbessern wollte, eine Orchestermusikerin, die schon viele Erfahrungen mit russisch-juedischen Auswanderern gesammelt hatte und nun ihre Redefaehigkeit aufbessern wollte, eine Journalistin, die endlich die Schilder in Israel lesen lernen wollte, eine Theologiestudentin, um mehr Praxis in der Sprache zu bekommen, ein Deutscher juedischen Glaubens, dessen Tochter mit einem Israeli verheiratet ist und nun endlich die Chance wahrnehmen wollte, mit seinem Schwiegersohn in Zukunft das ein oder ander Wort in Ivrit zu sprechen, eine Physikerin, die seit Jahren mit einer Israelin korrespondiert und sicherer in Wort und Schrift werden wollte und ein Deutscher, dessen Freizeit ein Leben lang zu 60 % dem Thema Israel gewidmet war.

Wir hatten bislang an den Wochenenden zwei groessere Bar-Mizwa feiern, die ich in ihrem Inhalt in einem anderen Beitrag beschrieben habe. Nach der Feier hatte ich die Gelegenheit, mit der Oma des gefeierten Jungen, die mit ihrem Gemahl noch ein paar Tage zur Erholung bei uns blieb, zu sprechen. Mit grosser Offenheit erzaehlte sie von ihrem Schicksal waehrend des II. WK und der Shoa. Die Dame ist 78 Jahre alt und in Polen geboren. Sie lebte mit ihren Eltern in juedischen Ghetto in Krakau. Sie kann sich noch gut erinnern, als die Deutschen 1939 Polen ueberfielen und ihre Eltern besorgt um die Zukunft waren. Dass die Juden verfolgt worden sind, hatte sie in ihrem kindlichen Alter dennoch registriert. Ihre Mutter fasste den verzweifelten Entschluss, mit ihrem Bruder und ihr nach Ungarn zu fliehen. Dort fanden sie jahrelangen Unterschlupf. Ihr Vater und Onkel, die im Ghetto verblieben waren, wurden 3 Tage spaeter morgens von den SS-Leuten aus dem Ghetto geholt und auf Lastwagen verladen. Waehrend des Transportes fassten die beiden Maenner den Entschluss, bei einer passenden Gelegenheit vom Lkw zu springen, was tatsaechlich auch spaeter gelang. Sie versteckten sich im Strassengebuesch und warteten ab. Ihr Vater hob nach Stunden des Wartens den Kopf und er wurde von deutschen Soldaten entdeckt und spaeter nach Auschwitz gebracht und ermordet. Frau R. fand bei einem Besuch in Auschwitz in der Liste der Ermordeten auch ihren Vater mit dem Hinweis, Todesursache unbekannt. Ihr Onkel hatte die Flucht dadurch ueberlebt, dass er bis tief in die Nacht hinein sich nicht geruehrt hatte und im Schutze der Dunkelheit fliehen konnte. Zahlreiche Bauern gewaehrten ihm Unterschlupf und es gelang auch ihm ueber Ungarn nach Rumaenien zu fliehen und von dort nach Palaestina zu reisen. Doch zurueck zu Frau R.. Nach der gelueckten Flucht nach Ungarn drehte sich 1944 das Schicksal. Frau R. wurde durch die Ereignisse von der Mutter getrennt und von einer Frau weiter betreut und versteckt. Mittlerweile wurde sie von dieser Betreuerin als Christin getarnt, ein nicht seltener Versuch, zu ueberleben. Ihre Mutter war mit ihrem Bruder von Ungarn nach Rumaenien geflohen und hatte sich dort an das Rote Kreuz gewandt. In nimmermueden Einsaetzen forderte sie die Zufuehrung ihrer Tochter, die immer noch in Ungarn von der Frau und auch spaeter von Moenchen eines Klosters versteckt worden war. Auch diese Tarnung nuetzte nichts und Frau R. fand sich an der Hand der Frau zum Abtransport nach Auschwitz. Mit schwerer Stimme schilderte sie mir dann, wie sie bereits in der Schlange zum Abtransport am Bahnhof gestanden hatte, als ploetzlich einer der SS-Leute mit lauter Stimme ihren Namen rief. Er sagte zu ihr bzw. zu der begleitenden Frau, dass das Kind, mittlerweile 11 Jahre alt, frei waere und sich beim Roten Kreuz zu melden habe. Das Rote Kreuz Ungarn schaffte es, das kleine Maedchen zur Mutter nach Rumaenien zu bringen. Gemeinsam mit ihrem Bruder bestiegen sie wenig spaeter ein Schiff in Constanza, dass sie nach Palaestina bringen sollte. Insgesamt waren es drei Schiffe und beim Auslaufen aus dem Hafen wurden die Schiffe von deutschen Flugzeugen bombardiert. Eines der drei Schiffe erhielt einen Volltreffer und sank. Nach ihren Worten ueberlebten nur 2 Menschen. Die meisten Passagieren an Bord des getroffenen Schiffes waren Kinder gewesen. Die beiden anderen Schiffe konnten Palaestina erreichen, eine Odysee war zu Ende gegangen, zu welchem Preis, unter welchen Bedingungen, mit wieviel Glueck oder Schicksalsfuegung, die Antwort wird offen bleiben und immer schmerzhaft vor allem fuer jene Personen, die alle Angehoerigen verloren haben.

Begegnungen in Beit Ben Yehuda haben meist immer indirekt oder direkt mit der Shoa zu tun. Viele Israelis sind mittlerweile hier im Lande geboren, aber deren Eltern oder Grosseltern, sind durch die Umstaende und Ereignisse der Shoa ins Land gekommen. Es gibt so gut wie keinen israelisch-juedischen Staatsbuerger, dessen Wurzeln nicht mit der Shoa zu tun haben. Die Ueberlebensfrage im heutigen Israel unter den gegenwaertigen Bedrohungen, vor allem aus dem Iran, erhaelt dadurch eine voellig andere Bedeutung. Das Verstaendnis hiefuer ist in Europa und anderswo auf der Welt nicht immer ueberzeugend ausgepraegt. Ein zweites Mal wegzusehen kaeme dem Offenbarungseid der Menschheit gleich. Die Bewaehrungsprobe ist noch nicht zu Ende.
Johannes Reiner, Jerusalem, 8.3.2010


 


Bar Mizwa/Bat Mizwa feiern

In der Reihe der Berichte aus Israeal moechte ich auch hin und wieder auf juedische Traditionen, Riten und Symbole eingehen. Vor wenigen Tagen hatten wir wieder einmal eine religioese Familie in unserem Haus, die Bar Mizwa feierte. Mit 13 Jahren wird ein juedischer Junge offiziell in die juedische Glaubensgemeinschaft aufgenommen. Diese Feier duerfte eine der bedeutendsten Ereignisse im Leben eines Juden sein. Die Maedchen feiern bereits im 12. Lebensjahr Bat Mitzwa. Als eine der Begruendungen wird die fruehere Reife der Maedchen angefuehrt. Nur im allerweitesten Sinne sind diese Feiern mit der Kommunion bzw. Konfirmation vergleichbar. Zu dieser Feier wird die ganze "Mischpoke", d.h. die Verwandtschaft und Freunde eingeladen. Nach den bisherigen Erfahrungen in unserem Haus sind das in der Regel meist 40 - 70 Personen. Schon viele Wochen vorher beginnen die Vorbereitungen. Neben der religioesen Schulung bereitet sich der Junge oder das Maedchen auch profan vor. Es wird der bisherige Werdegang des Jugendlichen in unterschiedlichster Weise dargestellt. Das faengt mit Bildern ab Geburt an, setzt sich mit Kinderzeichnungen und ersten Nachweisen der Schreibfertigkeiten fort und nicht selten werden dann auch noch besondere Fertigkeiten in anschaulicher Form vorbereitet. Die grosse Familienfeier wird auch gerne auf den Schabbat gelegt, weil dann die Beteiligungsgarantie der Verwandtschaft am sichersten ist. Die religioese Feier kann auch schon davor stattgefunden haben, muss es aber nicht. In diesem Zusammenhang moechte ich auf den religioesen Teil der Bar Mizwa Feier am Beispiel der Klagemauer eingehen. Diese finden in der Regel am Montag und Donnerstagvormittag statt. Wer Zeit und Gelegenheit hat, sollte sich diese eindrucksvolle Feier nicht entgehen lassen. Als Zuschauer stoert man auch nicht und man kann nach Herzenslust sehr einpraegende Bilder einer tief religioesen wie auch familiaer und froehlich gepraegten Feier machen. Der Jugendliche wird von der gesamten maennlichen Verwandtschaft begleitet. Es wird zunaechst die Thora (5 Buecher Moses) "ausgehoben", d.h. von einem sicheren Verwahrungsort hervorgeholt. Die schweren Thorarollen kann der junge Mann natuerlich meist noch nicht oder nur kurz tragen. Die maennliche Verwandtschaft leistet selbstverstaendlich gerne Unterstuetzung. An einem grossen Lesepult wird die Thorarolle entrollt und der Probant muss eine Textstelle lesen und auch interpretieren. Da die Thorarolle kosher ist, duerfen die Textstellen nicht mit der blossen und unreinen Hand beruehrt warden. Unabhaengig davon wuerden die Thorarollen durch die haeufige Berruehrung im Verlauf der Zeit unansehnliche Gebrauchsspuren aufweisen. Dies verbietet sich also auch aus praktischen Ueberlegungen heraus, wenn man bedenkt, dass die stets von Hand geschriebenen Rollen im Schnitt ca. 30 000 $ kosten. Zum ersten Mal legt der Junge dann den Gebetsriemen an. Dieser wird in sieben Schlaegen am linken Unterarm angelegt und stellt die symbolische Verbindung vom Herzen zu G'tt (schreibweise aus Ruecksicht auf juedische Leser, die den unschwer zu erratenden Namen nicht aussprechen duerfen) dar.

Auch der Gebetsschal, Tallit genannt, wird umgelegt und auf dem Kopf eine kleine Kapsel, in der sich z.B. das wichtigste Gebet der Juden, Schmah Israel befindet, befestigt. Mir wurde u.a. erklaert, dass damit u.a. auch dargestellt werden soll oder kann, dass das Wort G'ttes hoeher ist, als der Mensch. Mit Hilfe eines Zeigestabes (Yad), der an der Spitze einer Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger aehnelt, zeigt der Junge jene Stelle, die er gerade liest. Nicht selten ist dabei zu beobachten, wie der Vater liebevoll seinen Arm um die Schulter des aufgeregten Jungen legt und versucht, ihn auf diese Weise zu beruhigen. Wenn der Junge dann zur Zufriedenheit der Anwesenden alle wichtigen Passagen gut gelesen hat, ist die Freude der Anwesenden sehr gross. Die Frauen, die vom abgetrennten Frauenteil den Vorgang genau beobachtet haben, fangen dann zu klatschen an, trillern mit der Zunge und Stimme und werfen Suessigkeiten auf die maennliche Gruppe. Der gefeierte junge Bursche wird dann ein kurzes Stueck die Thora tragen und dann auf die Schulter des Vaters gehoben. Mit lustigem und lauten Gesang geht man zurueck zum Aufbewahrungsort der Thora. Ausgelassene Teilnehmer koennen dann schon mal entgegen der Regel das Schofar, das eigentlich nur am Neujahr (September) geblasen wird, kraeftig blasen. Der religioese Teil der Bar Mizwa Feier kann natuerlich nicht nur an der Klagemauer stattfinden. Sie finden auch in den juedischen Gemeinden im Lande und ausserhalb statt. Sie koennen auch unter bestimmten Voraussetzungen im grossen Familienkreis stattfinden, wie z.B. auch in unserem Haus Beit Ben Yehuda. Es gibt natuerlich viele Formen der Bar Mizwa Feier, der geschilderte Ablauf ist nur ein Beispiel von vielen und erhebt keinen Anspruch auf Vollstaendigkeit in der Schilderung.
 
Zurueck nun zur anschliessenden Feier im Kreis der Familie. Der kleine Seminarraum wird im Verlauf des Freitages zu einem Gebetssaal umgewandelt. An der Seite werden die persoenlichen Dinge des jungen Burschen aufgelegt, in der Ecke parallel eine Kaffeeecke eingerichtet, Stuehle bereitgestellt, das Rednerpult wird zum Thorapult umfunktioniert und eine eigene Reihe fuer Frauen vorbereitet. Sie beten etwas abgesetzt von den Maennern, aehnlich wie in der Synagoge. Bei liberalen juedischen Gemeinden finden wir diese Regelung nicht vor, gleichwohl gibt es in diesen Gemeinden auch Rabbinerinnen. Am Eingangsbereich des Gaestehauses werden die Schabbatlichter bereitgestellt und auf einer Pinnwand wird das Konterfei des jungen Burschen gezeigt und das Ablaufprogramm der Feier vorgestellt.

Es ist Schabbatbeginn, die Gaeste sind alle eingetroffen und die Frauen entzuenden die Schabbatlichter. Da viele Frauen anwesend sind, behelfen wir uns mit Teelichtern. Eine Frau nach der anderen entzuendet zwei Teelichter, haelt sich die Hand vor Augen und spricht ein Gebet. Anschliessend macht sie mit beiden Haenden eine Art ausbreitende Geste, damit soll der Segen des Schabbates auf die Familie ausgebreitet werden. Die dabei stehenden Kinder werden von der Mutter umarmt und gekuesst und man wuenscht sich ein froehliches Schabbat Schalom. Im vorbereiteten Gebetsraum findet dann anschliessend die Bar Mizwa Feier statt. Diese dauert in der Regel etwa eine Stunde. Danach nimmt die Festgesellschaft nach ritueller Haendereinigung an der festlich eingedeckten Tafel Platz und es werden dann Gebete gesprochen, das Schabbatbrot nach einem bestimmten Modus geschnitten und der Kiddusch, der Segensspruch, gesprochen. Die Feier selbst wird dann parallel waehrend des Essens von nicht endenwollenden Gesaengen begleitet. Gegen Mitternacht wird in der Regel die Feier beendet und die Familien und Gaeste ziehen sich in ihre Zimmer zurueck. Ein fuer mich immer wiederkehrendes Phaenomen ist die Einhaltung der Schabbatruhe am anderen Morgen. Bis in die fruehen Nachmittagsstunden ist von den Gaesten im gesamten Haus nichts zu hoeren und zu sehen. Lediglich die Kinder unter 12 duerfen morgens mal schnell ein paar Cornflakes und Kakao zu sich nehmen, anschliessend herrscht aus unserer Sicht gespenstische Ruhe. Zum Schabbatausklang wird dann Kaffee getrunken oder auch die Reste vom Vortag gegessen.
Da bei religioesen Familien am Schabbat keine Arbeit verrichtet warden darf und auch keinerlei Schalter bewegt werden duerfen, muss dann mit speziellen Warmhalteplatten, die 24 Std durchlaufen, vorlieb genommen werden. Auch heisses Wasser fuer Tee und Kaffee wird in grossen Wasserbehaeltern, die vorgeheizt worden sind, dann auf guter Temperatur vorgehalten. Wer es sich leisten kann, laesst sich von einem nicht religioesen Caterring das Essen zubereiten und servieren. Am Ende der Bar Mizwa Feier kann es dann auch noch passieren, dass die gesamte Schulklasse des Jungen vorbeikommt und mit Gesaengen und Geschenken seine Aufwartung macht. Insgesamt ist die Bar Mizwa/Bat Mizwa Feier eine sehr froehliche, aber auch sehr besinnliche Feier im Kreis der gesamten Familie mit bis zu 4 Generationen. Nicht nur bei Bar Mizwa Feiern wird Besuchern klar vor Augen gefuehrt, dass die Famlien in Israel in der oeffentlichen wie persoenlichen Wahrnehmung einen deutlich hoeheren Stellenwert besitzt, als in Deutschland.
Johannes Reiner, Jerusalem 27.2.2010


 

Jerusalem - eine Stadt die herausfordert und schenkt

Teil 1
Bevor ich Sie zu einem Rundgang durch Jerusalem einlade, moechte ich Sie heute mit der Stadtgeschichte in ertragbarer Form vertraut machen. Die Juden nennen sie Yerushalayim und die Araber El-Kuds, die Heiige. Sie ist die Tempelstadt von David und Salomon, die Staette der Passion und der Auferstehung Christi und der Ort, von dem Mohammed mit seinem Wunderpferd Burrak in den Himmel gefahren ist. Sie beherbergt die heiligen Staetten dreier monotheistischer Weltreligionen:
> die Tempelmauer der Juden
> die Grabeskirche der Christen
> den Felsendom der Moslems
Heute praesentiert sich die Hauptstadt Israels mit ca. 690 000 Einwohnern als groesste Stadt des Landes. Nach derzeitigem Stand wohnen ca. 520 000 Juden, 150 000 Moslems und ca. 19000 Christen sowie wenige Minderheiten auf den zahlreichen Huegeln und Taelern der Stadt.
Wohl kaum eine andere Stadt auf der Erde loest so zwiespaeltige Gefuehle aus, ist gespickt mit farbigen Kontrasten und Extremen, hat einen eigenen Charme, dem fast jeder Besucher erliegt und manche Pilger sogar krank macht. Das Jerusalem Syndrom ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit. Die Menschen leiden oft unter Wahnvorstellungen und glauben, sie seien z.B. Jesus, Juden oder einer der Propheten.
Die ersten Spuren der Stadt gehen auf das 4. Jt v. C. zurueck und belegen die Besiedlung durch einen semitischen Stamm. In den Tontafeln von Ebla in Syrien in Nordsyrien lasen Forscher erstmals den Namen in sumerischer Keilschrift: Urusalim. Uru bedeutet Stadt und salim entspricht dem Wort Heil, also Stadt des Heiles. Im 19. Jh v. C. loesten Kanaaniter, die vom Zweistromland her in Palaestina eingedrungen waren, die Urbevoelkerung ab. Mit den Kanaanitern kam vermutlich auch Abraham in das Land und einmal sogar nach Jerusalem (Gen 14,18). Nach dem David Goliath bezwungen und damit auch die Philister abgeschuettelt hatte, lies sich David 1004 v. C. zum Koenig salben. Erst 998 v.C. eroberte David Jerusalem, nannte sie ebenfalls Jeruschalajim, Stadt des Heils und ernannte sie zur Hauptstadt. Er lies die Bundeslade aufstellen und machte damit die Stadt zum sakralen Zentrum des Zwoelfstaemmevolkes. Die David-Stadt ist heute touristisch in Teilen erschlossen und eine weitere Sehenswuerdigkeit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sein Sohn Salomon regierte von 965 - 926 v.C. baute den ersten Tempel und machte sich vor allem durch eine rege Bautaetigkeit einen Namen. Die damit verbundenen Kosten und Lasten fuehrten nach dem Tod von Salomon zu einer Rebellion und das Reich zerfiel. Jerusalem war fortan nur noch die Hauptstadt des Reiches Juda.
587 v. C. eroberte der babylonische Herrscher Nebukadnezar die Stadt, zerstoerte den Tempel und verschleppte die Juden nach Babylon. Eine Psalmstelle erinnert an diese Zeit: "Wenn wir an den Wassern von Babylon sassen, weinten wir, wenn wir an Zion (der Name galt als Synonym auch fuer Jerusalem) dachten". Nach dem Ende der babylonsichen Gefangenschaft bauten die Juden den zweiten Tempel um ca 445 v.C. auf. Die Freiheit waehrte nicht lange. 332 v. C. kam Jerusalem unter griechische Herrschaft und wurde hellenisiert. 198 v. C. rissen die Seleukiden die Macht an sich und deren Herrscher, Antiochus IV. entweihte den juedischen Tempel. Es kam zu Unruhen aber erst Makkabaeus befreite 165 v.C. Jerusalem von den Besatzern und fuehrte den Tempel wieder dem urspruenglichen Zweck zu. Das juedische Chanukkafest (Lichterfest mit 8 armigen Leuchter) erinnert jaehrlich an diese Zeit.
63 v. C. besetzten die Roemer das heutige Israel/Palaestina. 37 v.C. wurde Herodes der Grosse mit Hilfe der Roemer zum Koenig gewaehlt. Herodes, urspruenglich Iddumaer war bei den Juden nicht beliebt und auch seine spaetere Konvertierung konnte die Sympathien nicht verbessern. Er hat mit grossem Aufwand den zweiten Tempel zu einem Prachtbau ohne Beispiel umbauen lassen, um durch diese Geste, bei den Juden anerkannt zu werden.
66 n.C. brach der juedische Aufstand gegen die Besatzer aus in dessen Folge 70 n.C. der Tempel zerstoert wurde. 132 - 135 n.C. gab es einen erneuten Aufstand unter Bar Kochba gegen die Roemer, der jedoch mit fatalen Folgen endete. Der roemische Kaiser Hadrian ordnete an, dass der Name Jerusalem durch Aelia Capitolina ersetzt wird und den Juden bei Todesstrafe das Betreten der Stad verboten wird.

Jerusalem Teil 2
Das Jahr 135 n.C. wird bis heute vor allem im juedischen Sprachgebrauch als das Jahr der Vertreibung des juedischen Volkes in die ganze Welt betrachtet. Es beginnt fuer die Juden das Leben in der Diaspora, das erst mit Gruendung Israels 1948 beendet wurde. Betrachten wir jedoch zunaechst die Stadtgeschichte von Jerusalem ab diesem Zeitpunkt bis heute. Die Bedeutung einzeln genannter Gebaeude wird im Teil 3 ueber Jerusalem erklaert. Unter Konstantin dem Grossen entwickelte sich Jerusalem zu einer bedeutenden christlichen Stadt. Die spaetere Hl. Helena, Kaiser Justinian ( 527-565) sowie die Kaiserin Eudokia foerderten durchgehend den Bau von Kirchen und anderen christlichen Einrichtungen. 614 eroberten die Perser die Stadt und richteten gemeinsam mit der juedischen Stadtbevoelkerung ein Blutbad unter den Christen an und zerstoerten deren Kirchen.
Doch bald aenderten die Perser ihre Politik. Die Christen durften in die Stadt zurueckkehren und vertrieben nun gemeinsam mit den Persern die Juden.
627 eroberte der byzantinische Kaiser Herakleios die Stadt und vertrieb wiederum die Perser.
Der byzantinische Einfluss blieb jedoch nicht lange wirksam.
Die Moslems unter Kalif Omar I. eroberten 638, 6 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammeds, die Stadt und benannten sie fortan El Kuds (Die Heilige) .
Der Kalif Abd el -Malik erbaute 698 den Felsendom, der zu den bekanntesten Bauwerken in Jerusalem zaehlt. Im Jahre 1009 befahl Kalif Hakim die Grabeskirche zu zerstoeren und das Eigentum der Christen zu beschlagnahmen. Wenige Jahre spaeter, 1046, gestatten die Fatimiden dem byzantinischen Kaiser Konstantin X. die Grabeskirche wieder aufzubauen. Das Glueck fuer die Christen, die uebrigens damals die Bevoelkerungsmehrheit in Jerusalem stellten, hielt jedoch nicht lange.
1071 drangen seldschukische Tuerken in die Stadt ein mit der Folge, dass christlichen Pilgern der Zugang zu den Pilgerorten erschwert bis unmoeglich gemacht wurde.
Papst Urban II. rief deshalb 1095 zum ersten Kreuzzug auf, um christliche Staetten zu sichern.
Kreuzrittern wurde fuer den Fall des Todes die Himmelfahrt per Ablass garantiert. Schon bei der Zusammenziehung des Kreusritterheeres in Europa kam es zu zahlreichen Pogromen gegenueber juedischen Gemeinden.
Am 14.07.1099 erstuermten die Kreuzritter unter Fuehrung von Gottfried von Bouillon Jerusalem und ermordeten fast alle moslemischen wie juedischen Einwohner.
Im Juli 1187 erlitten die Kreuzritter bei der Schlacht von Hittim (unweit See Genezareth) durch den legendaeren Feldherrn Saladin eine vernichtende Niederlage mit der Folge, dass Jerusalem am 2.10.1187 wieder unter moslemische Herrschaft kam. Saladin verschonte die Kirchen und gewaehrte christlichen Pilgern den Zutritt zu den hl. Staetten.
1191 und 1192 versuchte der bekannte Kreuzritter Richard Loewenherz vergeblich, die Stadt zurueck zu erobern.
1229 schloss Kaiser Friedrich II. mit Sultan el-Kamil einen Vertrag, wonach Jerusalem mit Bethlehem und Jaffo durch einen Korridor zu verbinden sind und damit dem christlichen Koenigreich eingegliedert werden koennen.
Diese eigenwillige politischen Konstruktion wurde durch die Eroberung von Jerusalem am 11.7. 1244 durch choresmische Tuerken aufgeloest. Jerusalem gehoerte die naechsten 700 Jahre unter moslemische Herrschaft.
1517 entriss der tuerkische Sultan Selim I. den Mamelucken die Stadt und sein Sohn und Nachfolger, Sueleymann der Praechtige, lies die Stadtmauer erneuern und stiftete zahlreiche Bauwerke und Brunnen.
1847 wurde durch Papst Pius IX. das Lateinische Patriarchat wieder eingerichtet und 1857 errichtete Sir Montefiore die erste juedische Siedlung, Mishkenot Sha'ananim, unweit des King David Hotels. Das Erkennungszeichen der Siedllung ist die weithin sichtbare Windmuehle.
1892 erhielt die Stadt einen Bahnanschluss nach Jaffa. Um 1900 hatte Jerusalem bereits ca 60 000 Einwohner. Am 11.12.1917 rueckten Englaender unter Fuehrung von Allenby in die Stadt ein und ab 1920 residierte hier der Hochkommisar fuer das Mandatsgebiet Palaestina bis zum 14.07.1948, dem Unabhaengigkeitstag Israels. Gem. Teilungsplan der UNO sollte Jerusalem eine offene und freie Stadt sein, die von einem internat. Gremium verwaltet werden sollte. Ein Tag nach Ausrufung des Staates Israel griffen die anliegenden arabischen Staaten Israel an und in der Folge des Unabhaengigkeitskrieges eroberte Jordanien den Ostteil und Israel den Westteil Jerusalems.

Jerusalem war eine geteilte Stadt bis zum 6 Tage Krieg 1967. In diesem Krieg eroberte Israel Ost-Jerusalem und annektierte diesen Teil der Stadt 1980 mit der gleichzeitigen Erklaerung, dass das wiedervereinigte Jerusalem "...zur ewigen Hauptstadt Israels..." ernannt wird. Die UNO erkennt bis heute diesen Beschluss nicht an mit der Folge, dass sich keine einzige Botschaft in Jerusalem befindet, sondern durchgaengig in Tel Aviv.
Ende Teil 2, 23.1.2010,

Tel 3: Zwischen religioeser Passion und politischer Befriedung

Heute moechte ich Sie auf einen Spaziergang durch Jerusalem mitnehmen. Jeder Besucher kommt haeufig mit fertigen oder halbfertigen Bildern und Vorstellungen nach Jerusalem. Die Praegung hat z.B. bei christlichen Besuchern durch die religioese Erziehung schon sehr frueh begonnen, wurde durch die Jugendzeit hindurch unterschiedlich modifiziert und dieses Bild wird bei einem Besuch ueber die Folie Jerusalem darueber gelegt. Uebereinstimmungen, soviel sei jetzt schon verraten, sind dabei selten festzustellen. Vielmehr werden die Besucher beim ersten Besuch von den kaum zaehlbaren Eindruecken extremster Unterschiedlichkeit foermlich "erschlagen" und erst nach und nach beginnt der Tourist zu begreifen, was sich tatsaechlich in der Stadt der Staedte alles abspielt, wird Bild um Bild korrigiert und neu sortiert . Es entsteht eine neue Collage aus Buchstaben, Pressebildern, Momentaufnahmen aus den verschiedenen Stadtvierteln, Gespraechen, das wirklichkeitsnahe Bild beginnt sich aus dem Wirrwarr der Eindruecke heraus zu kristallisieren und ermuntert in der Regel fast jeden Pilger, zu Hause weiter zu forschen und bei einem weiteren Besuch das neu gewonnene Bild bestaetigt zu sehen. Jerusalem steckt an, Besucher aus aller Welt wollen primaer nur eines sehen: Den Tempelberg.
Am Fusse des Berges wird die Besucherschar immer bunter, das Gewirr der Sprachen aus aller Welt kaum noch identifizierbar. Orthodoxe Juden in schwarzen Anzuegen und grossen Hueten aus Stoff oder Pelz eilen zur Klagemauer, hessische Rentner schieben sich gemaehlich dazwischen, eine Pilgergruppe aus Guatemale bahnt sich singend den Weg, arabische Brotverkaeufer versuchen ueberdimensionale Brotbleche durch die wogende Menschemenge zu balancieren und Rucksacktouristen aus Suedamerika versuchen mit ihren Rucksaecken schwitzend mitzuhalten.

Auf Gottes erwaehltem Berg Morija fuehrt eine schmale Rampe. Die Zugaenglichkeit ist heute zeitlich streng reglementiert und bei den kleinsten Ansaetzen von Spannungen wird das Tor nicht geoeffnet.
Nach peniblen Kontrollen ist man endlich auf dem Berg angelangt und unter die Reisenden aus der ganzen Welt haben sich jetzt die Jerusalemer Muslime gemischt, die zum Gebet in die Al - Aksa Moschee eilen. Auf dem weitflaechigen Areal entdecke ich Beduinen mit ihren weiss-roten Kopftuechern, verschleierte Frauen und modern gekleidete Muslime, die eine Arbeitspause fuer ein Gebet nutzen. Der Tempelberg wird u.a.vom Waqf (Zusammenschluss mehrer arab. Familien) bewacht und finanziell vom jordanischen Koenigshaus unterstuetzt. Kein Wunder, Koenig Hussein war der 42. Nachfolger des Propheten Mohammed und ist demzufolge dieser wichtigen moslemischen Staette besonders verpflichtet gewesen. Zu Lebzeiten hatte der Monarch die Kuppel dieses Prachtbaus fuer ca. 500 Mill. $ vergolden lassen. Hier also stand Salomons Tempel. Vor dem geistigen Auge wandern Lastkamele vorbei, Maultiere schleppen die Zedernholzstaemme von Jaffo hinauf nach Jerusalem, Saeulen fuer das Allerheiligste aus dem Libanongebirge. Wertvoller Schmuck und Silber durften bei diesen Transporten fuer dieses Heiligtum nicht fehlen.

Am gleichen Platz, nur 1000 Jahre spaeter hat Jesus die Tische der Geldwechsler und Taubenhaendler umgeworfen. Gleichwohl fand diese wuetende Szene im praechtigsten Tempel der damaligen Zeit statt, dem Prachtbau, den Herodes aus dem zweiten Tempel hatte neu gestalten lassen. Hier also, am gleichen Platz stieg Mohammed mit seinem Wunderpferd Buraq reichlich ein halbes Jahrtausend spaeter in den Himmel und zu der benachbarten Al-Aksa Moschee ist der Prophet mit seinem Pferd Buraq von Medina aus entrueckt (Koran, Sure 17,1). Nach Mekka und Medina zaehlt die Al-Aksa Moschee zum drittwichtigsten und der Felsendom zum viertwichtigsten islamischen Heiligtum. Das religioes-politische Spannungsfeld zwischen diesem Ort und der angrenzenden juedischen Klagemauer ist foermlich zu spueren. Die exakte Lage des 70 n.C. von den Roemern zerstoerten Tempels ist nicht mehr genau feststellbar. Deshalb beten die Juden die letzten Steinquader, die von Herodes grossem Prachttempel uebrig geblieben sind, an, weil man glaubt, dass diese dem verlorenen Allerheiligsten am naechsten gewesen sind.
Zur wichtigsten Staette des Judentums hat jeder Mann (auf der linken Seite) und jede Frau (auf der rechten Seite) zutritt. Maenner muessen ihr Haupt dabei bedecken, zur Not auch mit einer Papierkippa. Frauen bedecken ihr Haar oft mit schoenen Tuechern. Die bedeutendste Staette des Judentums strahlt Ehrfurcht und Respekt aus. Kein Besucher bleibt vor den Quadern ohne innere Anteilnahme stehen, die Spiritualitaet erfasst selbst den kritischsten Zweifler oder unter Zeitdruck angereisten Kreuzfahrttouristen. Jeder Besucher kann seine innersten Wuensche auch auf einen kleinen Zettel schreiben und zwischen die Ritzen der Steinquader stecken in der Hoffnung, dass bei dieser geographischen Naehe zum Schoepfer die Wuensche besonders schnell erhoert werden. In bestimmten Zeitabstaenden werden die Zettel, die meist zu kleinen Kuegelchen zusammengerollt sind, von aufmerksamen Helfern entfernt und rituell begraben. An den riesigen Steinquadern lehnen Menschen, deren Erscheinungsbild kaum widerspruechlicher sein koennte: Ein alter orthodoxer Mann mit Locken und Zizith (Schaufaeden) stuetzt sich mit einer Hand ab, mit der anderen bedeckt er sein Gesicht, daneben lehnt ein Soldat, der mit einer Hand die Mauer beruehrt, waehrend er mit der anderen sein Schnellfeuergewehr umschliesst, ein dunkelhaeutiger Jude (Falasche) aus Aethiopien mit einem Tallith (Gebetsschal) auf dem Kopf, daneben ein britischer Tourist mit Strohhut, der unsicher und ehrfuerchtig versucht, sich einen besseren Platz an der Mauer zu ergattern. Alle Welt ist eingeladen, diese beeindruckende Froemmigkeit per Photo oder Film festzuhalten, ausgenommen am Schabbat.

Als Theodor Herzl, der Begruender des Zionismus und damit Wegbereiter des spaeteren Israels, 1898 erstmals nach Jerusalem kam, fand er die mit allerlei Mythos umgebene Stadt ueberhaupt nicht ueberzeugend. In seinem Tagebuch schrieb er ueber ".muffige Ablagerungen von zweitausend Jahren der Unmenschlichkeit, Intoleranz und Unreinlichkeit".
An der Klagemauer empfand er "keine tieferen Emotionen" sondern nur "Aberglaube und Fanatismus auf allen Seiten". Im quirligen wie irdischen Jeruslam von heute sucht jeder Mensch auf seine Art nach einem Stueck Himmel. In dicken Menschentrauben schieben sich oft Glaeubige die Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesu Christi, zur Grabeskirche hinunter. Auch hier koennte das Bild nicht bunter sein. Man hat den Eindruck, hier trifft man stets einen Querschnitt der Christen aus aller Welt, nicht selten in ihren heimischen Trachten ebenso, wie in bunten Saris. Wallfahrergruppen versuchen in Gesaengen einander zu uebertrumpfen, waehrend tiefglaeubige Maenner abwechselnd ein schweres Holzkreuz zum Grab Jesus in die Grabeskirche schleppen. An dem Ort, wo heute die Grabeskirche steht, sollen nach der Ueberlieferung die letzten Kreuzwegstationen Jesu gewesen sein. Hier soll Jesus an der Schaedelstaette Golgotha ans Kreuz geschlagen worden sein, hier soll er auferstanden sein. Die erwuenschte Ruhe an diesem bedeutenden Ort der Christenheit ist nicht immer gegeben. In langen Schlangen muessen sich die Pilger an der Kreuzigungstelle anstellen, um wenigstens ein paar Sekunden knieend in gedanklicher Stille verweilen zu koennen. Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten unter den 6 Konfessionen, die sich heute die Raeumlichkeiten der legendaeren Kirche teilen. Erschoepft von soviel Eindruecken und Widerspruechen, selbst an solch heiligen Orten, verlassen wir kangsam die Stadt. Felsendom, Sicherheitszaun, Klagemauer, Grabeskirche, Leidensweg-wieviel Uneinigkeit herrscht unter den Konfessionen, die hier mit wesentlichen Gedenkstaetten unter einem Ueberbegriff versammelt ist: Jerusalem.

Denkt der Mensch an diese heilige Stadt, ob Jude, Muslim oder Christ, wird er bei ehrlicher Reflektion feststellen, dass er auch so manche Barriere gegenueber Andersglaeubigen mit sich herumtraegt. Eine gute Gelegenheit, bei einer Tee- oder Kaffeepause abseits des Trubels nachzudenken, was man auch an sich selbst aendern kann, um zu Befriedung und Verstaendigung zu gelangen. Annaehrung durch Begegnung, schon in kleinen Schritten ein erster Weg, der mit dem Besuch Jerusalems bereits gemacht worden ist. Im lockeren Gespraech faellt dann meist den Reisenden wieder ein, dass sie bereits in der Kindheit mit Jerusalem in Beruehrung gekommen sind. Wer hat denn nicht mit Spass "An der Reise nach Jerusalem" teilgenommen? Diese Stadt ist ein Teil von uns, ob wir uns nun religioes betrachten oder nicht. Wenn die mueden Touristen sich aus dem Altstadtgassengewirr muehsam den Weg bahnen, werden die Basarhaendler richtig aktiv und versuchen mit verlockenden Angeboten, den Reisenden ein Souvenier zu verkaufen. Tuerschilder in Olivenholz, Menorahleuchter aus Silber, herrlich duftende Gewuerzmischungen, suesse arab. Backwaren, T-Shirts mit Schalom und Salam Aufschriften, Kippots und Kruzifixe. Im Hintergrund ertoent bereits der Ruf des Muezzins fuer das Gebet und waehrend man durch die wasserpfeiffengeschwaengerte Luft das Ende des Bazars bereits erkennt, hat das Glockenlaeuten aus dem nahen christlichen Viertel den Ruf des Muezzins akkustisch ersetzt. Im juedischen Viertel ist noch ein Teil des roemischen Cardo, der einstigen Prachtstrasse zu sehen. Wir wenden uns jedoch der unweit wieder entstehenden Hurvasynagoge zu, die alsbald wieder ihrer Bestimmung in altem Glanz uebergeben werden duerfte. Sie wurde im Unabhaengigkeitskrieg 1948 zerstoert und durch grosszuegige Spenden konnte der Wiederaufbau finanziert werden. Das juedische Viertel besticht auch durch seine Architektur und das an Vielfalt kaum zu ueberbietende Erscheinungsbild der juedischen Bevoelkerung. Vom Geschaeftsmann im dunklen Zweireiher bis zu orthodoxen Maennern, mit langen schwarzen Maenteln, wallenden Baerten und Loeckchen oder auch mal in grau-schwarz gestreiften Hosen, dunklen Hueten oder auch mit Pelzmuetzen. Die Frauen zeigen sich in schicker Eleganz ebenso wie in optisch aus dem 19 Jh. stammenden Kleidern, Jaeckchen und Tuechern, die kunstvoll um das Haare geschlungen werden. Je nach Pfiffigkeit der Traegerin kann dem zunaechst altertuemlichen Erscheinungsbild ein gewisser moderner Touch verpasst warden.

Was bleibt von diesem Besuch in Jerusalem im Kopf? Wohin mit all den Eindruecken, Bildern und brennenden Fragen? Die Stadt des Friedens hat bis heute keine ueberzeugende und fuer alle betreffenden Bevoelkerungsgruppen gueltige Antworten gefunden. Der Prophet Sacharija Zion hat in einer naechtlichen Vision vor mehr als 2500 Jahren Jerusalem ohne Mauern gesehen. Vom Oelberg aus betrachtet ist das irdische Jerusalem vor allem in den fruehen Morgenstunden oder bei Sonnenuntergang mit den vielen goldenen und leuchtenden Kuppeln so schoen, wie wir uns das oft vor der dem Besuch in unserer Phantasie vorgestellt haben. Es ist das Bild, wie es in vielen Variationen in vielen Zimmern, Restaurants, Photoalben und Chips rund um die Welt vorhanden ist. Es gibt auch ein sehr schoenes Lied, dass das goldene Jerusalem sehr einfuehlsam beschreibt> Jerushalaim Shel Zahav-Jerusalem die goldene Stadt. Es wurde 1967 fuer den jaehrlichen Schlagercontest komponiert, aber durch die Ereignisse des Sechs-Tage Krieges nicht aufgefuehrt. Dafuer ist es in Israel zur heimlichen Hymne gekuert worden und geniesst bis heute uneingeschrankte Popularitaet.
"Zehn Mass Schoenheit kamen auf die Erde herab. Neun bekam Jerusalem", heisst es in einem populaeren jiddischen Sprichwort.
"Zehn Mass Leiden kamen auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun."
Schon Koenig David betete:"Wuenschet Jerusalem Glueck! Es moege Friede sein in deinen Mauern und Glueck in deinen Palaesten!" Dieser Wunsch hat an Gueltigkeit und Dringlichkeit nicht an Wert verloren, indess der Weg dazu muss gefunden werden, schneller, als in den letzten dreitausend Jahren.

Ende Teil 3, 26.01.2010, Johannes Reiner,
z.Zt. Beit Ben Yehuda, c/o Johannes Reiner, Ein Gedi St 28, Jerusalem 93383, Israel
bby_reception@asf-ev.de

 

Raus aus Jerusalem - der Versuch, sich in der Wueste zu entspannen

Nach ueber drei Wochen Dauereinsatz mit vielen Ueberstunden hatte ich die Gelegenheit, 4 freie Tage am Stueck zu nehmen. Auf Grund der Witterungslage entschied ich mich, Richtung Sueden zu fahren in der Hoffnung, ein paar waermere Temperaturen zu erspueren. Ich mietete mir einen Kleinwagen, den man bei den grossen Anbieteren schon fuer 35 $ am Tag bekommt. Der Papierkram und die Einweisung gehen im Raketentempo und schon nach 20 Min rollt man im brodelnden Verkehr mit. Der Motor kann uebrigens nur durch das Eingeben eines Codes gestartet werden. Das Fahren in Israel ist fuer uns Europaer keine allzu groesse Umstellung. Man muss sich halt daran gewoehnen, dass Fahrtrichtungswechsel nicht durchgaengig angezeigt werden, vom 1.11. - 30.03. auch tagsueber das Licht angeschaltet werden muss und an Tankstellen meist hilfreiche Haende zur Seite stehen, um den Tankvorgang vorzunehmen. Bezahlt wird in der Regel mit der Kreditkarte, wie so vieles in Israel. In der Wueste weisen Schilder auf wilde Kamele und Wuestengazellen hin. Diese Hinweise sind sehr ernst zu nehmen, zumal die Tiere auf Grund ihrer hervorragenden Tarnfarbe nicht immer sofort zu erkennen sind und nachts natuerlich genauso unberechenbar die Fahrbahn wechseln koennen, wie bei uns Rehe.
Das Handynetz ist auch in jedem Winkel der zugaenglichen Wueste einwandfrei nutzbar, auch eine Frage der Sicherheit. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betraegt auf der Landstrasse ca. 90 km/h. Mehr geben auch die Verkehrs- wie Strassenverhaeltnisse meist nicht her. Ansonsten macht das Fahren in diesem sehr abwechslungsreichen Land viel Spass und das Auto verschafft den Vorteil, dass man (meist) anhalten kann , wo man will, um z.B. zu filmen. Ich rolle mit meinem kleinen Koreaner mit Automatikgetriebe, fast obligatorisch in Israel, vom kuehlen Jerusalem in ca. 890 m ueber Normalnull durch die judaeische Wueste hinunter nach Jericho (- 200 m) . Kurz vor Jericho biege ich rechts in die Wueste zum Kloster Nabi Musa ab. Nach nicht bewiesen Aussagen soll Moses dort begraben sein. Gem. dem Talmud ist jedoch Moses, nach dem Gott ihm vom Berg Nebo (heute Jordanien) aus das verheissene Land gezeigt hat, gestorben. Wo er genau begraben ist, kann derzeit niemand sagen.
Nach diesem Abstecher zum malerisch gelegenen Kloster in biblischer Landschaft fahre ich weiter zum Toten Meer.
Links ist kurz vor dem Abzweig sehr gut die Oase Jericho zu erkennen. Jericho gehoert wie alle grossen palaestinensischen Stadte zur sogenannten Zone A. Dies bedeutet, dass die Verwaltung und Sicherheit voll in den Haenden der palaestinensischen Behoerden liegt. Die Regionen um die Staedte herum gehoeren meist zur Zone B, d.h. die Sicherheit liegt in den Haenden der Israelis, die Verwaltung in der Verantwortung der PA. Die Zone C, dazu gehoert vor allem der Grenzstreifen zu Jordanien unterliegt noch komplett der Kontrolle Israels. Auf der Fahrt Richtung Massada, dem historischen Besichtigungsort am Toten Meer und ein MUSS fuer jeden Israelbesucher, passiere ich einen Checkpoint. Ein Hinweisschild zeigt nach rechts auf den Aussichtspunkt Daragot. Die schmale Strasse windet sich in zig Schleifen und Kehren fast 400m hoch und man erreicht einen wunderschoenen und stillen Platz mit einem phantastischen Blick ueber das Tote Meer und hinueber zu den Moabbergen von Jordanien.
In dieser traumhaften Stille der Wueste entdecke ich, wie sich ganz vorsichtig mehrere Gazellen in meine Richtung bewegen. Die Tiere haben offensichtlich keine Scheu und zu den Pirschbewegungen gesellt sich ein weiteres Tier, dass in der Region heimisch ist: Der Beo, etwa so gross wie eine Amsel mit markanten ockergelben Federn im Fluegelkleid. Sein Markenzeichen ist ein schoener Pfeiffton, den er bei Imitation auch gerne wiederholt. Allein dieses Erlebnis inmitten der Judaeischen Wueste war die Anreise schon wert und verdient erwaehnt und geschuetzt zu werden.
Ich fahre weiter nach Ein Gedi um eine kurze Mittagspause einzulegen. Mit grossem Betruebnis habe ich wieder einmal feststellen muessen, dass der Wasserspiegel des Toten Meeres weiter gefallen ist. Alle bisher angedachten Projekte, entweder Wasser vom Mittelmeer oder vom Roten Meer einzuleiten, scheitern nicht nur am Geld sondern u.a. auch an der Unvertraeglichkeit dieser Gewaesser mit dem besonders hoch mit Salz (ca. 32,6%) angereicherten Wassers des Toten Meeres. Bleibt nur zu hoffen, dass man mit der Einleitung nicht spaet beginnt, es waere nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden sondern vor allem der Verlust eines einmaligen Naturphaenomens.

Nach ca 3 weiteren Fahrstunden durch die Negevwueste erreiche ich mein Domizil fuer die naechsten drei Naechte. Das Wuestencamp Silent Arrow liegt ausserhalb des vertraumten und sehr beschaulich wirkenden Staedtchens Mitzpe Ramon, benannt nach dem einmalige schoenen wie geologisch interessanten Ramonkraters. Das kleine Camp besitzt keinen Stromanschluss und die Beleuchtung erfolgt im Aufenthaltszelt und der Toilette mittels Kerzen. Nur das Aufenthaltszelt, das auch zugleich als Schlafzelt fuer Schlafsaalgaeste fungiert, besitzt einen kleinen Ofen, den die Betreiberin mit altem Palettenholz beschickt. Es ist lausig kalt und Gemuetlichkeit will nicht so recht aufkommen. Zudem pfeifft ein eiskalter Wind Sand durch die Ritzen und zu den Naturgeraeuschen gesellt sich fuer ein paar Stunden der Laerm der israelischen Luftwaffe, die eine Nachtuebung in der Naehe abhaelt. Danach herrscht gespentische Stille und die eiskalten Temperaturen vergisst man angesichts des einmalig schoenen Sternenhimmels fuer einen Moment. Das Angebot, im fahlen Kerzenschein in der altertuemlich und sehr einfach wirkenden Kueche zu kochen, lehnte ich dankend ab. Alsbald verdrollte ich mich in mein Einzelzelt und benoetigte 4 Decken inkl. Socken, um halbwegs eine Waerme erzeugen zu koennen. Die Nachtruhe war himmlisch, der Wind hatte sich gelegt und die Luft gut.
Am naechsten Morgen schaelte ich mich muehsam aus den Decken und der Tag begruesste mich mit Sonnenschein und Packo, dem sehr freundlichen Lagerhund. Ich war der einzige Gast, um diese Zeit kein Einzelfall. Als Haerteuebung galt dann das Duschen in der Kabine, natuerlich ohne Heizung. Alles erinnerte mich so an meine Dienstzeit, wo solche Verhaeltnisse standard waren. Heute wollte ich eine Wanderung im Ramonkrater machen. Die Naturschutzbehoerden haben zahlreiche Wanderwege angelegt, allerdings darf man sich die Ausschilderung nicht so umfangreich vorstellen wir bei uns. Die Wanderung zu den Ammoniterhuegeln war einmalig schoen, das Gefuehl, allein in der Wueste zu wandern, kaum zu beschreiben. Man hoerte seinen eigenen Atem, keinen Vogel, kein Wind, nur das Knirschen der Fusssohlen war zu hoeren.
Fortsetzung folgt
19.1.2010, Johannes Reiner

Auf Grund der aktuellen Wetterlage in Israel moechte ich, gerade zum Thema passend, zu den schweren Regenfaellen in den letzten 35 Std Stellung nehmen.
In den letzten knapp 1,5 Tagen ist in Israel und vor allem im Negev soviel Regen heruntergekommen, wie ansonsten in einem halben Jahr. Die groesste Tageszeitung Israels, Yedioth Achronoth hatte deshalb diesem Naturereignis, bei dem leider auch Menschenleben zu beklagen waren, mehrere Seiten gewidmet. Ungeheuere Wassermassen waelzten sich binnen weniger Stunden aus den knochentrockenen Wadis auf die Flaechen des Wuestenbereiches und rissen dutzende von Autos, Lastzuege und Omnibusse mit. Die groessten Schaeden entstanden in der Aravasenke, die sich noerdlich von Eilat befindet. Eine massive Strassenbruecke wurde total zerstoert, viele Autofahrer wurden eingeschlossen und retteten sich auf die Daecher ihrer Fahrzeuge, wo sie die israelische Armee mit Helikoptern abbergen konnte. Ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, denn die Wassermassen schwollen immer wieder an, flauten ab, alles war unkalkulierbar und man war sich nicht sicher, wie lange die Autos noch stehen bleiben wuerden oder einfach weggeschwemmt werden. In einem Fall wurde ein Jeep mitgerissen, kenterte und die Fahrerin ertrank, ihre beide Brueder konnten in letzter Sekunde von einem Hubschrauber geborgen werden. Alle Strassen nach Eilat waren unterbrochen, somit die suedlichste Stadt Israels nur noch ueber die Luft erreichbar. Heute begann man damit, die Schaeden zu sichten und die wichtigsten Strassen wieder halbwegs passierbar zu machen. Die Ursache liegt auf der Hand. Der Wuestenboden ist durch die Hitze ueber mehrere Schichten hindurch sehr hart. Faellt zuviel Regen, kann das Wasser die trockenen Schichten nicht allmaehlich aufweichen und teilweise versickern, sondern das Wasser fliesst ungebremst ab und sucht sich seinen natuerlichen Weg. Es ist auf Grund der riesigen Flaeche des Negev ( 12 000 qkm) kaum moeglich, ueberall Auffangbecken zu bauen, das geht schon aus finanziellen Gruenden nur dort, wo auch Landwirtschaft betrieben wird. Im Verlauf der Jahre wurden besonders gefaehrdete Strassen bei Wadiausgaengen hoeher gelegt oder ueberbrueckt, aber die Kosten sind immens. Deshalb wurden alle gefaehrdeten Stellen gekennzeichnet und mit Wasserstandsanzeigern versehen, damit man sehen kann, wie tief die Furtstelle ist. Aber bei diesen Wassermassen sind alle Vorsichtsmassnahmen nur noch bedingt wirksam gewesen. Auch das praeventive Absperren der Strassen konnte nicht mehr im vollem Umfang erfolgen bzw die Autofahrer, die waehrend des ploetzlich einsetzenden Regens in den weiten der Wueste unterwegs waren, konnten ueber den Rundfunk zwar gewarnt werden, aber rettende Hoehenzuege waren als Fluchtort nicht immer verfuegbar oder mit dem normalen Pkw nicht erklimmbar.

Nach diesem Naturereignis zurueck zu meiner Excursion, die von viel Sonne und keinem Regen begleitet worden war. Ich nutze eine Rast bei der Wanderung zu den Ammoniter Huegeln, um Ihnen etwas ueber den Negev zwischendurch zu sagen. Das Wort Negev kommt aus dem hebraeischen und bedeutet soviel wie trocken. Immerhin umfasst der Negev mehr als die Haelfte des israelischen Staatsgebietes. Die Wueste beginnt suedlich der Hauptstadt des Negev, Beersheva und endet im Sueden bei Eilat. Archaeologen fanden Besiedlungsspuren von Halbnomaden aus dem 4. Jahrtausend v.C. Die erste israelitische Siedlung liegt noerdlich von Beersheva. Dort schloss Abraham mit dem kanaanitischen Koenig Abimelech von Gerar jenen beruehmten Vertrag, der Abraham die alleinige Nutzung des Brunnens zusicherte, nachzulesen in Gen 26, 28-31. 1900 gruendeten in der Endphase des osmanischen Reiches die Tuerken die arabische Stadt Bir Seb'a, die sich rasch zum beliebten Handeslplatz fuer Beduinen entwickelte. 1907 konzipierte ein deutscher Architekt eine Stadtanlage, die heutige Altstadt. Beersheva ist heute eine moderne Grossstadt mit 185 000 Einw. die bekannte wie moderne Einrichtungen wie z.B. das Institut zur Erforschung der Wueste, das Arid Zone Research Centre oder die Ben Gurion Universitaet aufweist.

Nach diesem Exkurs moechte ich mich wieder der Wanderung widmen und muss leider aus Zeitgruenden den Rueckweg zum Auto einschlagen. Die Temperaturen betragen Anfang Januar bereits um die 27 Grad, die Luftfeuchtigkeit in der Mittagszeit etwas 42 % und deshalb ist die Waerme auch fuer uns Europaer sehr ertraeglich. Allerdings ist das Trinken von Wasser in grossen Mengen unerlaesslich. Bei normalen Wuestenwanderungen ist mit einem Tagesverbrauch von 2 - 3 Litern zu rechnen. Nach der wohltuenden wie bereichernden Stille der Wueste fahre ich weiter ueber die wenig befahrene Strasse Richtung Biq'at Uvda. In dieser Senke befindet sich ein Militaerflughafen, der gelegentlich auch fuer Charterflugzeuge aus Europa frei gegeben wird, damit der Flughafen von Eilat etwas entlastet wird.

Mittlerweile ist es etwa 15 Uhr geworden und ab dieser Zeit verandert sich das Licht in der Wueste kontinuierlich. Die Berge werden ploetzlich farbiger, die Konturen, in der Hitze des Tages eher verschwommen, werden schaerfer und die Licht erhaelt einen weichen warmen Ton. Es beginnt die hohe Zeit fuer Photographen und Filmer. Das Farbenspiel der Berge in roten, schwarzen und gelbfarbenen Toenen ist faszinierend und laedt allenthalben zum Photostopp ein.
Meine Idee, just in dieser schoenen Abendstimmung die sehr einsame und kaum befahrene Strasse entlang der aegyptischen Grenze Richtung Nordwesten zu fahren, wurde durch das israelische Militaer verwehrt. Die Lage lasse es nicht zu, ist die lapidare wie verstaendliche Erklaerung. Durch die Unruhen im Gazastreifen und den wiederholten geglueckten Ausbruechen, auch von Hamasterroristen, kam es vor, dass sich diese ueber den Sinai in weitem Bogen dieser sog. West-Grenze genaehert und versucht haben, in das israelische Kernland einzudringen. Mit erhoehter Praesenz versucht man seitens Israel dieser Bedrohung zu begegnen.
Deshalb war ich gezwungen, entweder die gleiche Route nach Mitzpe Ramon zurueck zu fahren oder ueber Eilat in einem Bogen den Rueckweg anzutreten.
Ich entschloss mich zum Letzteren und berichte ueber die Fortsetzung der Tour in den naechsten Tagen.
20.1.2010, Johannes Reiner

Abschluss der Wuestenreise
Nach der Umleitungsanweisung durch das israelische Militaer fuhr ich Richtung Eilat und erreichte alsbald einen sehr exponierten Aussichtspunkt bei Har Hizqiyyahu. Von einem Huegel konnte man in der weichen Abendsonne rotgluehend das Edomgebirge von Jordanien mit der Hafenstadt Akaba sehen, daneben das israelische Eilat und um 180 Grad gedreht hatte man in einer Entfernung von 1m den Stacheldrahtverhau der aegyptischen Grenze vor sich und dahinter die Weite der Wueste Sinai.
Auf der aegyptischen Seite waren einige Wacheinrichtungen der Grenztruppen zu sehen, ein hoher Wachturm war besetzt, gespenstische Stille umgab diese Region, obgleich beide Staaten ja einen Friedensvertrag miteinander haben. Auch der Nahe Grenzuebergang bei Ras en Naqb war wegen der Spannungen mit der Hamas geschlossen.
Ich wollte noch unbedingt meine Fuesse in das Rote Meer haengen und beeilte mich, vor Sonnenuntergang den Strand zu erreichen. Das klare Wasser hatte eine Temperatur von ca 20 Grad, einige unentwegte Wassersportler uebten Kajakfahren und Windsurfen. Eilat ist ein Badeort, der niemals ruht. Immer findet man ganzjaehrig Urlauber aus der ganzen Welt. Auch Tauchsportler finden hier ideale Verhaeltnisse vor. Wer diese Faehigkeit nicht besitzt, muss auf die wunderschoene Unterseewelt nicht verzichten. Ein Unterwasserobservatorium laedt neugierige Besucher ein, die reiche Fauna und Flora unter Wasser teilweise in der Natur, teilweise in Terarrien zu bewundern.
Nach einer Fahrtdauer von fast 2 Std. erreichte tief in der Nacht, die sehr schnell immer hereinbricht, mein Wuestencamp. Ein heftiger Wind mit viel Staub machte die Fahrt nicht gerade zum Vergnuegen und man musste hoellisch auf die nachtaktiven Tiere aufpassen. Am naechsten Tage fuhr ich zunaechst nach Yeroham. Dieses aus dem Wuestensand gestampfte Staedtchen besticht durch eine gut angelegte Ortsstruktur, einige mittelstaendischen Betriebe und durch einen grossen See, auf dem sich vor allem verschiedene Entenarten und Wasservoegel heimisch fuehlen. Ein besonderes Geschenk der Natur an einem Ort, wo man es gar nicht vermutet. Ich begab mich dann zu meinem heutigen Tagesziel, der Nabataerstadt Mamshit unweit Dimona. Die Nabataer waren im Nahen Osten vor allem als Handelsvolk bekannt. Mamshit gehoerte z.B. mit den Staedten Avdat und Shivta zu einer Reihe von nabataeischen Niederlassungen, die dem Ziel dienten, die Weihrauchstrasse, die vom Oman bis zum heutigen Gaza fuehrte, zu sichern. In den Staedten und Doerfern entlang der beruehmten Weihrauchstrasse gab es fuer die Karawanen Wasser, Essen und Unterkunft.
Mamshit hatte die Hochbluehtezeit zwischen dem 3. Jh. v. Chr bis zum 1. Jh n.C.. Danach kamen die Roemer, deren Spuren bis heute unuebersehbar sind> die weithin bekannte Badekultur.
Danach folgten die Byzantiner, die ehemalige Tempel in Kirchen umwandelten, die vor allem durch wunderschoene Bodenmosaike beeindruckten, die bis heute in einem stauneswerten Zustand sind.
Um 634 n.C. eroberten die Araber die Stadt, zerstoerten sie teilweise und "verewigten" sich durch eingeritzte Koranverse in der Apsis der verschiedenen Kirchen, die heute noch lesbar sind.
Fuer die Rueckfahrt waehlte ich die Route durch den einmalig schoene Krater Hamakhtesh Hagadol, ein absolutes Kleinod. Dort entdeckte ich wilde Kamele, Wuestenfuechse, Greifvoegel und einen besonders schoenen Ort mit bunten Sandsteinen.
Nach der letzten Nacht im Camp trat ich dann die Rueckfahrt nach Jerusalem an. Als kulturellen Zwischenstopp waehlte ich den abseits der ueblichen Touristenrouten sehr sehenswerten Ort Tell Maresha und Beit Guvrin. Beide Staetten liegen unweit von Hebron, aber gerade noch im israelischen Kernland. Tell Maresha geht bis auf die Amarnabriefe (14. Jh v. C. !!!) zurueck. Nach der Landnahme war der Stamm der Judaer hier ansaessig. Es wuerde den Platzrahmen sprengen, alle geschichtlichen Ereignisse durch die Jahrtausende aufzuzaehlen. Heute kann man in den zahlreichen Hoehlen noch die Spuren aus der hellenistischen Zeit sehen.
Das benachbarten Beit Guvrin wurde vor allem durch sein bell caves, Hoehlen, die wie eine grosse Glocke aussehen, bekannt. Die Phoenikier bauten dort im grossen Stil Sandstein ab und schufen dadurch ueber 80 Hoehlen mit einer Hoehe von bis zu 12 m.
Am Abend erreichte ich dann wieder das deutlich kuehlere Jerusalem und mein zu betreuendes Gaestehaus forderte wieder meinen Einsatz. Wuestentouren koennen nur empfohlen werden. Dort wie in anderen ausgesetzten Regionen der Erde wie z.B. Antarktis, Urwald etc. beherrscht noch die Natur das menschliche Leben in grossem Ausmass. Es ist unsere Verantwortung, diese Raeume zu schuetzen, um den Einklang zwischen Mensch und Natur auch weiter zu ermoeglichen. Es ist die einmalige Chance, mit besonderen Lebensformen und Verhaltensweisen sich diese einmaligen Schaetze zu erschliessen. Die Achtung vor der Natur ist die Bedingung dafuer. Vom Wuestenfieber befallene Globetrotter zieht es immer wieder in die weiten von Sand - und Steinwuesten. Probieren sie es aus, es laesst sie nicht mehr los, garantiert.
Johannes Reiner, Jerusalem, 21.01.2010

 

Volonteer bei Aktion Suehnezeichen - keine Frage des Alters

Bei Beit Ben Yehuda werden fuer die vielfaeltigen Taetigkeiten mit Holocaustueberlebenden, fuer Archivarbeiten und auch fuer die Stelle als "Hausvater" Menschen jeden Alters gerne genommen.
Es stehen im Jahr ca. insgesamt 180 Plaetze fuer Taetigkeiten in der ganzen Welt zur Verfuegung. In Israel sind es gegenwaertig 24, davon ist ein Platz meine Funktion als Hausvater. Auf die 180 Stellen kommen mehr Bewerber, als verfuegbare Stellen. So waren es im letzten Jahr ca 300 Bewerber, im Jahr davor ca 500. Fuer die Taetigkeiten melden sich nicht nur junge Menschen, sondern Interessierte jeden Alters. Das macht die Taetigkeit bei ASF so interessant. In meinem Fall konnte ich meine Verwendung erst nach meiner Pensionierung anstreben. In Auswahlgespraechen und Seminaren werden dann die geeigneten Personen ermittelt und auf ihre Taetigkeit umfassend vorbereitet. Unsere Volontaere befinden sich z.B. in Jerusalem, Haifa, Afula, Tel Aviv, Naharija oder in einem Kibbutz. Die jungen Leuten treffen sich aus freien Stuecken immer wieder oder jetzt alsbald zu einem laengeren Seminar fuer die Zwischenauswertung in unserem Gaestehaus. Weitere Details ihrer Taetigkeiten und sonstige Infos finden Sie im neuen Newsletter, der schon vor einiger Zeit hochgeladen wurde. Weniger bekannt ist die Taetigkeit des Hausvaters oder auch Hausmutter, die ich jetzt kurz vorstellen mochte.

Fuer diesen Dienstposten in Jerusalem werden gerne Erwachsene mit Erfahrung in Menschenfuehrung sowie Management genommen. Die Verwendungszeit sollte mindestens drei Monate betragen. Bei einer Verwendungsdauer von mehr als 4 Monaten wird ein Teil des Flugpreises erstattet. Das monatliche Taschengeld betraegt 600 NIS, etwas mehr als 100 Euro. Der Dienstposteninhaber muss sich voellig selbstaendig versorgen, Waeschewaschen inklusive. Es besteht die Moeglichkeit in der grossen Kueche des Gaestehauses zu kochen, allerdings ist diese Kueche milchig koscher. Dies bedeutet, dass keinerlei Fleisch oder Wurst in die Kueche eingebracht werden darf. Alternativ kann der Hausvater aber auch in seiner Wohnung im ehemaligen Haus von Ben Yehuda (Baujahr 1922) auf einem 2 Plattenkocher sich Essen zubereiten. Diese Kleinkueche ist nicht koscher.  Neben der Kueche steht dem Hausvater das Wohnzimmer, das zugleich auch tagsueber als oeffentliche Bibliothek fungiert, zur Verfuegung. Neben einer Toilette mit Dusche gibt es dann noch ein einfach ausgestattetes Schlafzimmer.
Der Hausvater beginnt seinen Dienst in der Regel ca 15.30 Uhr. Er erhaelt dann von der Direktorin des Gaestehauses letzte Instruktionen fuer den Dienst bis zum naechsten Tag gegen 08.30 Uhr.
Des weiteren ist der Hausvater waehrend des juedischen Wochenendes, d.h. von Donnerstag 15.30 Uhr bis zum Sonntag, 08.30 Uhr im Einsatz. Der Hausvater ist waehrend seiner Dienstzeiten damit erster Ansprechpartner von ASF fuer Interessenten aus aller Welt, entweder direkt oder am Telefon. Fuer diese Taetigkeit ist deshalb das Beherrschen der englischen Umgangssprache unerlaesslich. Alle Besprechungen und Anweisungen fuer das Tagesgeschehen finden ebenfalls in englischer Sprache statt. Das Beherrschen der hebraeischen Sprache (Ivrit) ist natuerlich von grossem Vorteil, aber keine Bedingung. Je nach Verwendungszeit besteht fuer den Hausvater auch die Moeglichkeit, an einem Intensivsprachkurs fuer Ivrit im Haus teilzunehmen.
Der Hausvater checkt Gaeste fuer das Gaestehaus (48 Betten) zu allen Zeiten ein - und aus, unterstuetzt die Gaeste beim Bezug der Zimmer, gibt Ratschlaege fuer Besichtigungstouren durch Jerusalem, Bearbeitet das PC gestuetzte Buchungsprogramm, weist die Gaeste in die Versorgungseinrichtungen der naehren Umgebung ein, unterstuetzt die Gaeste bei der Benutzung der verschiedenen Buslinien und steht fuer alle sonstigen Fragen stets zur Verfuegung.
Er organisiert auch den Transfer von Gaesten zum Airport.
Wenn Gruppen im Hause uebernachten, ist der Hausvater fuer die Organisation und Vorbereitung des Fruehstueckes verantwortlich. Die Arbeitszeiten decken sich dann nicht mit den o.a. Zeiten.
Der Hausvater unterstuetzt die Hausleitung bei der Durchfuehrung von Seminaren und sonstigen Vorhaben. Ferner besetzt er tagsueber auch das Buero, wenn die Direktorin abwesend ist, was jedoch eher die Ausnahme ist. Fuer seine Taetigkeit erhaelt der Hausvater in der Woche 2 Tage Zeitausgleich, die jedoch je nach Buchungslage nicht regelmaessig genommen werden koennen. Es bietet sich deshalb an, freie Tage zu sammeln und bei schwacher Auslastung des Hauses zu nehmen.

Bisheriges Fazit: Meine Taetigkeit als Hausvater macht mir sehr viel Spass. Vor allem der Umgang mit Gaesten aller Altersgruppen aus der ganzen Welt oeffnet den persoenlichen Weitblick und foerdert das Verstaendnis fuer die Sorgen und Wuensche anderer Menschen sowie eine bessere Beurteilung von (globalen) Problemen. Wer will, kann aus dieser Verwendung sehr viel fuer sich und damit auch fuer andere Menschen an Erfahrung zur Weitergabe dazu lernen. Vor allem im Bereich der Voelkerverstaendigung in Israel selbst kann man sehr viel dazu beitragen, das besondere Verhaeltnis zwischen Deutschland und Israel mit seinen Moeglichkeiten positiv zu beleben, vielleicht der groesste und beglueckendste Gewinn dieser Taetigkeit. Nicht zu vergessen der Kontakt zu den Volontaeren selbst, die immer wieder mal zu allen Zeiten vorbei kommen und ihr Herz ausschuetten. Die belebenden Diskussionen moechte ich nicht missen.
18.1.2010, Johannes Reiner
Beit Ben Yehuda, Ein Gedi St 28, Jerusalem 93383


 

 

Der israelische Winter

Wenn man den heutigen Temperaturen Glauben schenken darf, dann ist eventuell der Winter schon fast vorbei. In Jerusalem hatten wir fast 20 Grad und eine herrliche warme Sonne, die Voegel zwitscherten schon munter und die Bienen waren auch schon unterwegs. Aber das kann auch taeuschen, aehnliche Wetterlaunen im Winter hatten wir in Europa auch schon.
Bis vor wenigen Tagen hatten wir in Jerusalem seit Wochen ein Tagesmittel von ca. 14 Grad, nachts sanken die Temperaturen bis auf 3 - 5 Grad ab. Dann wird es in den alten Haeusern ohne Heizung lausig kalt und ungemuetlich. Meist behilft man sich mit Heizlueftern, die alles andere als oekonomisch arbeiten. Modernere Wohnungen sind natuerlich besser ausgeruestet und so haben wir z.B. im Gaestehaus von Beit Ben Yehuda eine Fussbodenheizung, die mit Oel befeuert wird.  Viele Israelis mit geringerem Einkommen sagen sich, dass man die wenigen kaelteren Wochen auch so um die Runden bringt und sparen lieber das Geld fuer aufwaendige Heizanlagen.
Bisher hatte sich der Winter im Bereich von Jerusalem mit 4 Tagen intensiven Regen und einem kraeftigen Sandsturm aus der nahen Judaeischen Wueste gemeldet. Diese beginnt in unserem Stadtteil Talpiot fast vor der Haustuer. An klaren Tagen, wie heute, koennen wir ueber die angrenzenden arabischen Doerfer bis zu den jordanischen Bergen sehen.

Wer es sich leisten kann, faehrt von Jerusalem oder auch der hl. (juedischen) Stadt Safed, die auch in etwa auf 850 - 1000m ueber Meereshoehe liegt, zum Aufwaermen nach Eilat oder fuer einige Wochen in das beliebte Thailand.
Die Regenfaelle sind in den letzten Jahren leider nicht mehr so ergiebig gewesen, um den traditionellen Trinkwasserspeicher See Genezareth zu befuellen. Das aus der Bibel schon bekannte Gewaesser konnte den steigenden Bedarf fuer mittlerweile 7,6 Mill Einwohner unabhaengig davon schon laengere Zeit nicht mehr decken. Deshalb hatte man nach Alternativen gesucht, wie z.B. dem Transport von Suesswasser aus der Tuerkei oder dem Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen. Erst vor wenigen Tagen konnte in Hadera eine weitere hochmoderne Anlage in Betrieb genommen werden.

Trotz des fruehlingshaften Wetters wuensche ich mir fuer das Land in den naechsten Wochen noch ein paar Regentage, damit die Fruechte und Pflanzen des Landes wieder gedeihen koennen. Das gegenwaertige Angebot bei den Gemuesehaendlern kann sich sehen lassen. Taeglich kommt alles frisch auf den Markt wie z.B den groessten Markt in Jerusalem, Mahane Yehuda. Eine Augenweide fuer alle Sinne!
In diesem Sinne wuensche ich ein schoenes Wochenende in Deutschland. Bei uns hat das Wochenende schon am Donnerstagabend begonnen und wird heute mit dem Schabbatbeginn fortgesetzt. Nach juedischer Zeitrechnung beginnt der neue Tag mit Sonnenuntergang und endet am naechsten Tag wieder mit Sonnenuntergang. Deshalb schliesse ich mit dem Gruss "Schabbat Schalom"
Johannes Reiner, Jerusalem, 9.1.2010

 

Johannes Reiner seit 12/2009 für Aktion Sühnezeichen in Jerusalem

Johannes Reiner aus Bötzingen, Leiter des Freundeskreises Städtepartnerschaft Freiburg-Tel Aviv e.V., weilt seit Dezember 2009 in Jerusalem, um ehrenamtlich in der internationalen Begegnungsstätte BBY zu arbeiten, die von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Israel unterstützt wird. Hier eine erste Mail aus jerusalem sowie weiter unten Auszüge aus dem BBY-Newsletter:

Hallo Herr Dr. Kaier,
jetzt komme ich endlich dazu, mich einmal zu melden. Die Zeit bisher, seit 20.12. war mit sehr viel Arbeit verbunden, die fuer "uebrige" Korrespondenz wenig Spielraum lies. Ich leite Ihnen den neuen Newsletter unserer Freiwilligen weiter. Da finden Sie auch die jeweiligen "Geschichten" der Volontaere.
Wir haben zur Zeit 23 junge Frauen und Maenner hier, wovon 9 in Jerusalem sind und der Rest ist in Israel in den Projekten verstreut.
Mein persoenlicher Kontakt beschraenkt sich auf die Jerusalemer Crew. Die jungen Leute wohnen auch nicht bei uns, sondern ausserhalb in einer WG. Gelegentlich schauen sie mal vorbei, wenn sie etwas benoetigen. Wenn ich gerade Zeit habe, spreche ich natuerlich mit den jungen Leuten.
Ende Januar findet bei uns ein Zwischenseminar statt mit Schwerpunkt: "Welche Erfahrungen haben wir bisher gemacht und was muss ggf. geaendert werden?"
Ich selber bin taeglich ab 16 Uhr in charge und arbeite im Gaestehaus als Rezeptionist bis zum naechsten Morgen fuer Gaeste aus aller Welt. Zusaetzlich arbeite ich an den juedischen Wochenenden, d.h. von Donnerstagabend bis Sonntagfrüh. ....
Herzliche Gruesse
Johannes Reiner, 5.1.2010
z.Zt. Beit Ben Yehuda, c/o Johannes Reiner, Ein Gedi St 28, Jerusalem 93383, Israel
bby_reception@asf-ev.de


 

BBY-Newsletter Januar 2010 (Auszug)

Newsletter Januar 2010 von Aktion Suehnezeichen Friedensdienste Israel und dem Beit Ben Yehuda

Liebe Leserin, lieber Leser,
wir wuenschen Ihnen allen ein frohes und gesundes neues Jahr 2010!
Wir blicken auf ein ereignisreiches Jahr 2009 zurück:
53 Volontäre haben in den vergangen 12 Monaten mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste einen Freiwilligendienst in Israel geleistet. 5 Volontäre aus Israel leisteten einen Freiwilligendienst mit ASF in Deutschland. In unserem Gästehaus Beit Ben Yehuda-Haus Pax übernachteten so viele Gäste wie noch nie. Wir veranstalteten zwei Hebräischsprachkurse, einen Arabischsprachkurs und zahlreiche andere kulturelle Veranstaltungen. In diesem Newsletter erfahren Sie, was es aus Freiwilligensicht bedeutet an einer Gedenkveranstaltung zum 9. November mit überlebenden teilnehmen zu dürfen, wie der Arbeitsalltag in einer Schule für Jugendliche mit Behinderungen aussieht und welche hebräische Wortwendung unsere diesjährigen Freiwilligen lieb gewonnen haben. Unser Veranstaltungsrückblick gibt Ihnen eine Übersicht über viele interessante Begegnungen und Gespräche im Beit Ben Yehuda in den vergangenen Monaten. Zum Schluss möchten wir allen unseren Förderern und Ehrenamtlichen für ihre Unterstützung im vergangenen Jahr danken.
Ihre Katharina von Münster
 
Aus den Freiwilligenprojekten
Die Berliner Freiwillige Charlotte Plückhahn berichtet über ihre Arbeit im Beit Sefer Rachel Strauss, einer Schule für Kinder und Jugendliche mit geistigen und körperlichen Behinderungen in Jerusalem.

Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Freude, auch wenn sie mich manchmal an meine Grenze bringt. Dass ich mich so wohl fhle, ist auch meinen Mitarbeitern zuzuschreiben, die allesamt unglaublich nett und bemüht sind. Im Moment arbeite ich in der schwierigsten Klasse der Schule. Drei von den fünf Kindern dieser Klasse können nicht sprechen und man kann ihrer starken geistigen Behinderungen wegen auch nur sehr eingeschrnkt mit ihnen arbeiten. Dennoch kann ihnen die mit guten, engagierten Pdagogen und vielseitigem Material ausgerstete Schule wirklich viel bieten. Es kommen Musik-, Kunst- und Physiotherapeuten in die Schule, es wird gebacken, getanzt und musiziert, es wird im Schulgarten selbst Gemüse und Obst herangezogen und am Ende jeden Tages wird im "Snoozelraum" entspannt. Trotzdem ist es eine willkommene Abwechslung, dass ich an drei Tagen auch mit anderen Klassen und Schlern arbeiten kann. Einmal pro Woche spiele ich z.B. mit zwei Klassen Fussball, was immer ein grosser Spa ist, denn die Baelle fliegen kreuz und quer durch die Gegend. Spielregeln gibt es nicht wirklich, weil niemand sie verstanden hat, aber alle freuen sich, wenn ein Tor fllt, denn ein jeder rechnet sich letztendlich den Gewinnern zu. Der Trainer ist am Rande der Verzweiflung und ich habe meine Freude.
Auerdem arbeite ich einmal in der Woche im "Beit Caf" mit der Klasse von Schaul. Die Kinder backen mit uns Kuchen und bereiten Kaffee und Tee zu, um dann eine Klasse der Schule, sowie Lehrer und Eltern in ihrem zurechtgemachten Kaffeehaus zu verköstigen. Natrlich muss auch bezahlt werden. Ich glaube, dass ich im "Beit Caf" am meisten lernen werde, nicht nur von den Kindern, sondern auch von Schaul. In meinen Augen ist er ein grossartiger Pädagoge und tut alles, um seine Klasse auf eine spätere Arbeit und vor allem auf den Alltag vorzubereiten. Charlottes Freiwilligenplatz wird von der Stephanus-Stiftung gefördert.

Aus dem Freiwilligenleben
"Ich verbleibe in Sprachlosigkeit"
Am 9. November fand die zentrale Gedenkveranstaltung in Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 vom Irgun Olei Merkas Europa, Yad Vashem und Beit Terezin statt, zu der auch ASF eingeladen war. Die ASF-Freiwillige Johanna Jaspersen sprach im Namen der Freiwilligengruppe zu den rund 100 anwesenden Gästen darunter vielen Shoa-berlebenden. Hier ein Auszug aus ihrer Rede:
Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Johanna Jaspersen und ich bin Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Noch nie ist es mir so schwer gefallen mir Worte zu berlegen, die passend sein knnten. Am Liebsten wrde ich meinem Gefhl mit Schweigen Ausdruck verleihen. Denn egal, welche Worte ich jetzt wähle, scheinen sie mir alle unpassend in Gedenken und Erinnerung an die Schrecken des 9.November 1938. So verbleibe ich in Sprachlosigkeit. Wenn ich jetzt doch etwas sage, bin ich mir der Unzulnglichkeit meiner Worte bewusst und es ist mir trotzdem ein Bedrfnis das Folgende zum Ausdruck zu bringen: Hier zu Ihnen sprechen zu drfen ist mir eine Ehre, derer ich mir bewusst bin und ich nehme es wahr als kleinen Schritt auf dem Weg der Sühne. Jeder von uns Freiwilligen hat seine eigenen und persönlichen Grnde, warum er gerade nach Israel gekommen ist um diese Arbeit zu tun, so kann ich nur von mir sprechen, wenn ich sage, dass mich das Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit meiner deutschen Identität hierher getrieben hat. Denn obwohl der Holocaust vergangen ist, ist er das dunkelste Kapitel der deutschen und somit auch meiner Geschichte, das nicht vergessen werden darf. In Gedenken an die Menschen und Familien die im Holocaust ermordet wurden, stehe ich jetzt vor Ihnen und auch wenn ich glaube, nicht die passenden Worte gefunden zu haben, so möchte ich Ihnen doch in meinem und im Namen von ASF danken für diese Möglichkeit.
Toda raba.
Die Freiwillige Johanna Jaspersen aus Mecklenburg-Vorpommern arbeitet im Seniorenheim Rishonei HaCarmel und im jüdisch-arabischen Zentrum Beit Ha Gefen in Haifa. Ihr Freiwilligenplatz wird gefördert durch die Quäker.



Ben Yehudas Vermächtnis

Eliezer Ben Yehuda, wurde 1858 in Litauen geboren. Schon als Kind lernte er biblisches Hebrisch, sowie Yiddish, Russisch und auch Deutsch. Noch bevor er 1881 nach Eretz Israel einwanderte, fing er an, ein neues, modernes Hebrisch aus dem alten zu entwickeln. Seinen Sohn, Itamar Ben Yehuda, erzog er nur im neuen Hebrisch und er war damit das erste Kind, das Ivrit im Alltag sprach.

In jeder Ausgabe unseres Newsletters möchten wir Ihnen ein neues Wort oder eine Redewendung nherbringen. Die Worte haben fr die Freiwilligen eine besondere Bedeutung, oft abgewandelte hebrische Worte oder Stze. Sie sollen zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.

"Nachon?!"
Ich wei nicht mehr, wann mir der Begriff zum ersten Mal begegnet ist, doch es muss in den ersten Wochen hier im Land gewesen sein. War es unsere Hebrischlehrerin, die ihre Frage, ob wir die Hausaufgaben erledigt htten, mit "nachon?" beendete und damit fragende Blicke auf sich zog? Oder war es der Sdamerikanische Kibbutz-Freiwillige, der es unentwegt in unsere, eigentlich auf Englisch verlaufende, Konversation einflieen lie? "You know that, nachon?"
Ins Deutsche bersetzen wrde man es wahrscheinlich mit "richtig?" oder "stimmts?". Doch das drckt noch nicht alle Facetten dieser so unscheinbar wirkenden Buchstabenfolge aus.
Vielmehr kann es auch Zustimmung und Euphorie gegenber des gerade Gehrten ausdrcken. Dann also "nachon!", verbunden mit einem krftigen Nicken des Kopfes. Oft als Antwort auf einen geuerten Gedanken eingesetzt versteht man es somit durchaus auch als "genau" oder "richtig".
Flexibel und in allen Lebenslagen einsetzbar. Das beschreibt den Charakter des Wortes wohl am Besten. Als eine offene Grenze zwischen Frage und Antwort, womit es auch durchaus symbolisch fr so vieles hier in Israel verstanden werden kann.
Denn wenn man an der Bushaltestelle steht und wartet, dann wartet man, bis der Bus kommt. Und wenn er kommt, dann steigt man ein. Und wenn er nicht kommt, dann wartet man eben noch ein bisschen lnger. Relativ simpel.
Nachon?!


Ereignisse im Überblick

Vom 2. bis 28. August beherbergte das Gstehaus den jhrlichen Hebrischsprachkurs mit Teilnehmern aus Deutschland, sterreich, Frankreich und Neuseeland. Am 8. August wurde in der Erlserkirche in der Altstadt von Jerusalem die Ausstellung "Deutsche Volontre im Heiligen Land" erffnet. Auch der ASF-Freiwillige Matthias Sievers wurde dort portrtiert. Matthias Sievers leistete von 2008 bis 2009 einen Freiwilligendienst im Seniorenheim Beit Barth und im Central Archive for the History of the Jewish People in Jerusalem.
Vom 11.September bis 4. Oktober bffelten die neuen 23 ASF-Freiwilligen Hebrisch im Beit Ben Yehuda und lernten in Seminaren die Geschichte und Politik Israels kennen. Am 14. September sprach Israel Lwenstein als Zeitzeuge ber sein Leben als Kind in Berlin, das berleben im KZ nach der Deportation nach Auschwitz und sein Leben nach der Shoa im Kibbutz in Israel zu einer Delegation der Bundeszentrale fr politische Bildung und ConAct.
Am 23.September diskutierte Buchautor Dietmar Schultke mit deutschen und israelischen Zuhrern ber Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall. Am 24. September diskutierte eine Gruppe Berliner Schlerinnen palstinensischen Migrationshintergrunds mit den ASF-Freiwilligen ber Fragen der deutschen Identitt. Vom 4. bis 9. Oktober fand der erste ffentliche Arabischsprachkurs im Beit Ben Yehuda statt.

Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen zu Gast im Beit Ben Yehuda.
Am 14.Oktober besuchte die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen ASF und diskutierte gemeinsam mit israelischen Freunden von ASF und den Freiwilligen ber den Beitrag des freiwilligen Engagements zu den deutsch-israelischen Beziehungen. Am gleichen Tag prsentierte sich ASF auf dem von der Stiftung EVZ und Goethe Institut gefrderten Israelisch-Deutschen Netzwerktreffen der Israelisch-Deutschen Gesellschaft in Tel Aviv.
Vom 19. bis 20. Oktober trafen sich im Beit Ben Yehuda Vertreter deutscher und israelischer Organisationen zum Abschlussseminar "Freiwilligkeit & Hitnadwut". Die Seminarreihe, die gemeinsam von Beit Ben Yehuda, dem deutsch-israelischen Jugendaustauschzentrum ConAct, Aktion Shnezeichen Friedensdienste und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft entwickelt wurde, hat neue deutsch-israelische Kooperationen fr Freiwilligendienste von Israelis in Deutschland entwickelt. Im September 2010 soll eine etwa 20-kpfige Gruppe von jungen Israelis bis 30 Jahre gemeinsam ihren Freiwilligendienst in Deutschland antreten.
Am 28. Oktober trafen ASF-Freiwillige eine deutsch-israelische Schleraustauschgruppe in Yad Vashem, um von ihrer Arbeit zu berichten. Am 4. November trafen die ASF-Freiwilligen mit Volontren der nationalreligisen Jugendbewegung Bnei Akiva zusammen. Am 9. November nahm ASF an der zentralen Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 in Beit Terezin teil.
Am 28. November präsentierten sich die ASF-Freiwilligen mit einem Stand auf dem Weihnachtsbasar der Erlöserkirche.
Vom 7. bis 16. Dezember besuchte das amerikanische ASF-Mitglied Al Gilens Israel, um acht Freiwillige fr ein Buch ber das Engagement von ASF-Freiwilligen in verschiedenen Lndern zu portrtieren. Am 10. Dezember wurde in Berlin der ehemalige Israel-Freiwillige Werner Falk fr sein langjhriges soziales Engagement im Rahmen von ASF mit der Berliner Ehrennadel ausgezeichnet. Am 14. Dezember traf sich die U18-Mannschaft des DFB mit ASF-Freiwilligen. Der israelische Staatspräsident Shimon Peres lud Vertreter von ASF zu einer Veranstaltung zu Ehren von Shoa-Überlebenden am 15. Dezember ein.



ASF-Israel in den Medien

Auch in den vergangenen 4 Monaten sind Zeitungsartikel, Filme und mehr über die Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel in deutschen und israelischen Medien erschienen.
Hier eine kleine Auswahl.

http://www.motke.co.il/SelectedArticle.aspx?ArticleID=5565
Ein in hebräischer Sprache erschienener Artikel der israelischen Onlinezeitung "Motke" über Katharina Troppenz, 08/09 Freiwillige im Elternheim Anita Müller Cohen, Tel Aviv (Artikel vom 1. September 2009).

Schwerpunktseite zum Thema ASF-Israel:
http://www.asf-ev.de/aktuelles/im_blickpunkt_berichte_aus_den_asf_laendern/im_blickpunkt_israel/
Auf der ASF-Hompage war die Arbeit in Israel fr einen Monat ganz besonders im "Blickpunkt" - eine bunte Sammlung von Artikeln, Berichten und Bildern aus der nun fast 50-jhrigen ASF-Israel Geschichte.

taz-Artikel zur Gedenkveranstaltung an die Reichsprogromnacht 1938 http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/zurueck-in-die-vergangenheit-1
Berichterstattung zur Gedenkveranstaltung am 9. November 2009 in Beit Terezin, bei der auch Freiwillige Johanna Jaspersen und Freundeskreismitglied Jakob Hirsch sprachen.

Leben in der DDR: Ein Interview mit Chaim Noll
http://www.asf-ev.de/aktuelles/nachrichten/2009/heute_habe_ich_keine_angst_mehr_dass_deut
schland_in_die_ns_zeit_zurueckfaellt/ 
"Heute habe ich keine Angst mehr, dass Deutschland in die NS-Zeit zurckfllt," sagt der deutsch-israelische Schriftsteller, der in der DDR aufwuchs und seinen ganz eigenen Blick auf Deutschland, den Mauerfall und den Lauf der Geschichte hat.

20 Jahre Mauerfall: Israel Löwenstein im Gesprch:
http://www.asf-ev.de/aktuelles/nachrichten/2009/sind_sie_von_drueben/ 
"Sind Sie von drben?" ASF-Israel Freundeskreismitglied Israel Lwenstein ber Eindrcke aus der DDR und die Folgen des Mauerfalls.

ASF-Israel: Jetzt mit eigener Facebook-Seite
http://www.facebook.com/pages/Aktion-Suehnezeichen-Friedensdienste-Israel/85069687071
Hier finden Sie die neuesten Informationen zu Veranstaltungen, Ehemaligentreffen, dem 50-jhrigen ASF-Israel Jubiläum 2011 und natürlich den aktuellen Volontären. Anmelden, Fan werden und nichts mehr verpassen!

Fernsehbeitrag der Deutschen Welle: Eine ASF-Freiwillige in Israel http://www.youtube.com/watch?v=DeDmt5CrVY4
In Vorbereitung auf die anstehenden Deutsch-Israelischen Regierungskonsultationen drehte die Deutsche Welle TV Ende November einen Fernsehbeitrag ber einen Israeli in Deutschland und eine Deutsche in Israel. Hierfr begleiteten sie die Jerusalemer ASF-Freiwillige Friedericke Fischer fr zwei Tage in ihren Projekten und in der Freizeit.

Aktuelle ASF-Freiwillige erzhlen ihre ganz eigenen Geschichten
http://www.asf-ev.de/aktuelles/lebenszeichen_freiwillige_berichten
Eine bersicht ber die auf der ASF-Homepage verffentlichten Erlebnisberichte einiger Freiwilliger der aktuellen Generation. Auch drei Israel-Freiwillige schreiben mit und berichten hautnah: Hans Rusinek, Elisabeth Luise Mller und Friedericke Fischer.

Aktivitaeten im Beit Ben Yehuda 2010

Winterulpan im Beit Ben Yehuda vom 31. Januar bis 25. Februar
http://www.beit-ben-yehuda.org/index.php?id=137
Intensivsprachkurs fr Fortgeschrittene

Sommerulpan im Beit Ben Yehuda vom 1. bis 27. August
http://www.beit-ben-yehuda.org/index.php?id=137
Intensivsprachkurs fr Anfnger

Volontr fr Hausmutter-, Hausvaterstelle im Beit Ben Yehuda gesucht
http://www.beit-ben-yehuda.org/index.php?id=136 >
Leben und Arbeiten in Jerusalem ab 15. September

Besuchen sie unsere Webseite für weitere Informationen und Angebote!
http://www.beit-ben-yehuda.org

Mitarbeiter von ASF-Israel und BBY
Wir moechten uns bei unseren Praktikanten Judith Rudolph, Robin Laumann und Sandra Arpa, unserem ehemaligen Mitarbeiter Erez Even sowie unseren Hausvätern Martin Schott und Heinz Mrochen für ihre Unterstützung in den vergangenen Monaten bedanken. Auch bei allen anderen, die die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und dem Beit Ben Yehuda-Haus Pax von Deutschland oder Israel aus im Jahr 2009 unterstützt und gefördert haben, möchten wir uns herzlich bedanken.
Wir wünschen allen ein gesundes und frohes neues Jahr 2010.

Herausgegeben von:
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel / Beit Ben Yehuda
Rechov Ein Gedi 28, 93383 Jerusalem
Redaktion: Katharina von Münster, Friedericke Fischer
Design: Andr Nitzschke
Übersetzung ins Hebrische: Roni Kochavi-Nehab

Dieser Newsletter wird vom ASF Bro Israel hergestellt.
Anmerkungen, Kommentare und Abbestellungen schicken Sie bitte an:
bby_volo@asf-ev.de  

Friedericke Fischer
Appartment 14, Derech Bet Lehem 135, 93428 Jerusalem, Israel
+972 (0) 548 849 488
www.friedericke.wordpress.com

 

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