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Erlöst - Peking 2008
Millione sin jetze erlöst. Des
mit dere Medaille-Zählerei isch rum! Viili vun denne erhoffte Medaille für unsri
ditschi Mannschaft sin jo de Bach nab. D Hoffnungsträger sin nit schnell gnue
gfießelt, krault, in d Pedale trette, grudert, nit hoch gnue gumpt, hen nit wit
gnue gworfe. Fraue-Hockey, Handball, Turne, Tennis, Beach-Ball – numme Träne. Uf
de andere Sit bruche sich unsri Sportler - also mini , dini, sini, ihri un so
wittersch - mit ihre Leischtunge in China nit verschteckle. Un die Medaille alli
ohni Doping! S isch also au ohni Friiburger Noochhilfe gange. Numme ei Pferd
isch so blöd gsin un het sich dope lehn!
Was het s nit in de erschte
Dääg alles gheiße, bevor dass die ditsch Mannschaft endlig ihri erscht Medaille
iigfahre het: S gäb kei Pressefreiheit, d Luft wär unerträglich, s Olympische
Komitee sott schärfer gege d Unterdrückung vun de Menscherechte proteschtiere! D
Eröffnungsfeier sei beiidruckend gsin, häb aber in de Perfektion doch arg an
selli Nazi-Olympiade in Berlin erinnert. Un, ganz klar, alli usser uns hen wie
de Deifel gedopt. Jamaika, USA, sonige Leischtunge derfs doch gar nit gen! Schu
nooch de erschte - unerwartete - Medaille für uns - also für mich, dich, sie un
ihn - isches liislig wore mit dere Kritik. Un erscht räächt nooch sellem Pferd,
wo sich nit gege s Dope gwehrt het.
Jetze hen mir - also ich, du,
er un sie - doch noch so viili Goldini kriegt, dasses sogar zum fünfte Platz
greicht het. Un über eimol sin die Spiele großartig organisiert gsin, d Chinese
super-gaschtfreundlig, sogar d Luft guet un d Abschlussfeier d bescht, wo je
gfiiret wore n isch! Alles Läschtere, Verdächtige un Beschuldige vergesse. Mit
de Wirklichkeit un mit de Wohret isches halt so n ä Sach! Hauptsach mir sin mit
im Jubelboot. Un ich bi sicher, d Venzuelaner, d Israelis, d Moldawier un
Togolese were über ihri einzigi Medaille (Bronze) gnau so gjubelt han oder sogar
meh wie d Chinese über ihre hundert. Numme
sellem Pferd isches Wiehere für immer vergange!
Stefan Pflaum, Wunderfitz, 28.8.2008,
www.dreisamtaeler.de
Werner Franke bekämpft Doping so vehement wie
kein anderer in Deutschland. Genau deshalb gehört er in einigen Kreisen des
Sports aber auch zu den Bestgehassten. BZ-Redakteur Andreas Strepenick fragte
ihn, wie nun bei Olympia in Peking gedopt wird und welche Methoden der
Manipulation gerade besonders beliebt sind. Franke untersucht außerdem im
Auftrag der Albert-Ludwigs-Universität die Geschichte des Dopings in Freiburg.
BZ: Freuen Sie sich auf Peking?
Franke: Freuen? Der von den Medien hochgetrimmte Olympia-Hype geht mir
glatt an irgendeinem Körperteil vorbei. Ich werde mir — wenn’s passt — das eine
oder andere anschauen, aber natürlich als kritisch Denkender und Wissender,
nicht als olympisch TV-Vernebelter.
BZ: Was wissen Sie denn?
Franke: Ich weiß — und kann es auch durch Dokumente belegen — , dass es
in den letzten Jahren eine weitere Spirale in der Entwicklung des Dopings und
seiner Vertuschung gegeben hat: Hightech-Doping. In der Weltspitze wird
inzwischen auf hohem, wissenschaftlich und durch eigene Messungen der Täter
abgesichertem Niveau gedopt und vertuscht. Wer in Peking an den Start geht,
wiederholt doch nicht die Fehler anderer, und er weiß in der Regel, dass er so
in seinem olympischen Dopingzustand nicht erwischt werden kann. Wie zum Beispiel
schon die fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000, USA-Sprinterin Marion
Jones, immer betont hat: Sie ist in 160 Dopingkontrollen nie aufgefallen. Ich
hatte die Ergebnisse ihrer bei der riesigen USA-Diagnostik-Firma Quest
Diagnostics durchgeführten heimlichen Vorkontrollen kurz vor Sydney in Händen
und habe sie 2004 der "Frontal 21" -Redaktion des ZDF überlassen, die sie auch
während der Spiele in Athen gesendet hat. Da sieht man ganz klar: Präzise an die
Grenzwerte herangedopt. Sie ist natürlich aber trotzdem gestartet. Und hat
weiter gelogen.
BZ: Aber nun sitzt sie im Gefängnis.
Franke: Aber doch nicht wegen ihres Dopingbetrugs, sondern wegen ihrer Lügen vor
einer "Grand Jury" , was in den USA als schweres Vergehen gilt und entsprechend
hart bestraft wird.
BZ: Ist Ihr Bild von Olympia nicht doch zu düster? Viele freuen sich darauf.
Franke: Kein Wunder. Das gibt es alle paar Jahre: Mediengeförderte
Volksverdummung. Seit 1972. Und in Deutschland immer mit besonderer Beteiligung
der Sportmedizin der Universität Freiburg im Breisgau: Massenhaftes Doping,
weltweite Körperverletzung junger Menschen und Beihilfe dazu. Ich zitiere hier
den Bundesgerichtshof! Dabei besonders systematisch-verbrecherisch: Staatlich
tolerierte und in manchen Staaten sogar staatlich gelenkte Virilisierung von
Mädchen und jungen Frauen.
BZ: Aber zumindest das gab und gibt es in
Westdeutschland so gut wie nicht, das war doch DDR-spezifisch.
Franke: Oh je! Sind Sie aber verbildet. Allein in der Leichtathletik zur
Erinnerung: Birgit Dressels Doping und Tod, die Taten des
Sprinterinnen-Virilisierungs-DLV-Bundestrainers und Rechtsanwalts Jochen Spilker,
der Virilisierungswurf trainer Christian Gehrmann. Und als jüngstes ruchloses
Beispiel aus dem Jahre 2004: Der mehrfache Wiederholungstäter, 2002 zum "Trainer
des Jahres" gewählt, Thomas Springstein, der 16-jährigen Mädchen das
Testosteronester-Präparat Andriol unter dem Lügen-Label "Vitamintabletten"
verabreichte. Wie immer gab es dafür in unserem scheinheiligen Land nur kleine
Geld- und Bewährungsstrafen.
BZ: Dennoch — heute vor Peking: Hat sich nicht doch etwas wesentlich
gebessert? Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Franke: Allein was in den letzten Wochen als kleine Spitze eines großen Eisbergs
entdeckt worden ist, beweist es doch: Gerade sind nahezu die gesamte bulgarische
und griechische Gewichtheber-Mannschaft mit Anabolika-Doping aufgeflogen,
Letztere mit aus China bezogenen Präparaten! Oder auf einen Schlag sieben
russische Weltklasse-Leichtathletinnen erwischt worden — darunter Weltrekordler
und Weltmeister.
BZ: Aber das IOC hat betont, dass in Peking noch mehr Kontrollen als
in Athen vorgenommen werden sollen, mehr als 4000.
Franke: Wieder so ein Argument für Dumme! Das ist doch in seiner
bescheuerten Logik schon vom Ansatz her lächerlich: Wenn es keinen validierten
Test gibt, eine bestimmte Dopingsubstanz oder -methode nachzuweisen, dann nutzen
auch noch so viele Kontrollen nichts. In Peking — wie in Athen — kann man vor
Ort ja nur ein paar Dumme oder Hasardeure erwischen. Die wesentlichen
Dopingmittel werden doch — versteckt in irgendwelchen Trainingslagern auf einer
Karibikinsel oder im Hochland Kasachstans — Monate vorher angewandt.
BZ: Oder in Süd- und Ostafrika
Franke: Auch beliebt. Das wird alles lange vorher genommen, in der
Hochintensivtrainingsphase der Vorbereitungszeit. Aber da wird ja selten
effektiv kontrolliert. Und ein bis zwei "Missed Tests" geben höchstens
Ermahnungen, aber keine Sperre. Die griechischen Sprint-Olympiasieger Kenteris
und Thanou lassen hier zum Beispiel grüßen.
BZ: Thanou war keine Olympiasiegerin.
Franke: Doch, doch. Da Marion Jones ihre Goldmedaille von Sydney zurückgegeben
hat, gehört sie jetzt ihr. Obwohl man den beiden Griechen sowieso noch eine
Sondermedaille für olympisches Mixed-Doppel-Motorrad-Verfolgungsfahren
überreichen sollte!
BZ: Sie scheinen nicht viel von den derzeitigen Kontrollen in der
Trainingszeit zu halten.
Franke: Weil ich weiß, wie sie umgangen und ausgetrickst werden. Auch in
Deutschland. Und dann rufen mich sonntags Kontrolleure in Heidelberg an, um sich
ihren Frust von der Seele zu reden.
BZ: In China soll das Kontrollieren besonders schwierig sein.
Franke: Klar. Sie brauchen erstens jeweils Visa. Dann können Sie kein
Chinesisch. Dann sind die Athleten gerade weit weg in einer Provinz. Alles sehr
lustig.
BZ: Sie behaupten, es gebe ein Grund- Doping-Prinzip für große Wettkämpfe wie
die Olympischen Spiele.
Franke: Aber das kennt man doch: Nach der Hochtrainings-Hochdoping-Phase hält
man mit kleinen Dosen nur noch das erreichte Niveau aufrecht. Man bleibt dabei
so auch immer unterhalb der bekannten Grenzwerte und der Nachweisgrenze, auch
bei EPO.
BZ: Welche verbotenen Substanzen sind derzeit im Spitzensport gebräuchlich?
Franke: Die meisten kennt man ja schon, zum Beispiel aus dem
Victor-Conte-Arsenal des Balco-Skandals in den USA. Oder von den Ermittlungen
der Guardia Civil bei Eufemiano Fuentes und seinen Kollegen in Spanien. Oder von
den italienischen Ermittlungen. Aber auch von den Erfahrungen und Aussagen zum
Zentral-doping der Freiburger Sportmedizin, sei es das frühere System Professor
Armin Klümper oder das besonders scheinheilige System Professor Joseph Keul.
BZ: Das Letztere interessiert uns natürlich besonders.
Franke: In jüngster Zeit hat man hier ja von den Aussagen der Radrennfahrer Jörg
Jaksche und Patrik Sinkewitz vor der Staatsanwaltschaft beziehungsweise dem
Bundeskriminalamt sehr präzise Angaben erhalten.
BZ: Was wird gern genommen?
Franke: Da ist zunächst das gentechnologische Präparat IGF-1, der
"Insulinähnliche Wachstumsfaktor 1" , Fuentes-Deckname "Ignacio" , zusammen mit
dem schon länger missbrauchten Wachstumsfaktor HGH — "Niño" im Fuentes-Code.
Besonders IGF-1, für das es überhaupt keinen zugelassenen Test gibt, ist das
ultimative Hormon mit sehr breiter Wirkung in vielen Organen, auch und gerade in
der Regeneration zwischen harten Trainingseinheiten. Wird offiziell von der
kalifornischen Firma Tercica hergestellt und vertrieben; es gibt natürlich auch
einen Schwarzmarkt. Es ist nur in wenigen Ländern und nur sehr eingeschränkt für
wenige genetisch oder krankheitsbedingte Fälle von Kindern und Jugendlichen mit
Zwergenwuchs zugelassen, wie zum Beispiel solchen Fällen, in denen sogenannte
Autoantikörper gegen das körpereigene Wachstumshormon gebildet werden.
Zusätzlich wird hier noch Insulin und — manchmal auch — Schilddrüsenhormon
gegeben, für die es ebenfalls keine zugelassenen Tests in Peking gibt.
BZ: Und das Ausdauer-Dopingmittel Erythropoietin, also EPO?
Franke: Hier gibt es das eigent liche Natur-EPO, dann EPO-Modifikationen, die
zum Teil viel länger stabiler und länger wirksam sind, wie das kürzlich bei der
Tour de France bei drei schlecht beratenen Fahrern nachgewiesene Cera der Firma
Roche.
BZ: Aber da EPO-artige Verbindungen die Ausdauerleistung fördern, kommen sie
nur für bestimmte Sportarten in Frage.
Franke: Das dachten und denken noch viele. Es ist aber falsch. EPO — das weiß
man seit dem Herbst 2004 genau — wird auch in sehr vielen anderen Sportarten,
vor allem auch in Schnellkraft-Disziplinen wie den Sprints, systematisch
genommen. Das kam mit brutaler Klarheit bei der Verhandlung gegen Michelle
Collins heraus, der USA-400-Meter-Läuferin und 200-Meter-Hallen-Weltmeisterin
von 2003. Die Dopingkontroll-Experten waren verblüfft, als sie feststellen
mussten, dass zum Beispiel Sprinter systematisch EPO-artige Substanzen im
Training nehmen, um etwa die Sauerstoff-Bindungs-Regenerationszeit zwischen
hochintensiven Sprints zu verbessern und so viel größere Trainingsvolumina
bewältigen zu können. Dabei wurde Collins so eingestellt, dass ihr normaler
Hämatokrit-Wert von rund 39 bis 40 Prozent auf Werte zwischen 44,0 bis 49,5
angehoben war, also unter dem Grenzwert von 50 blieb, der — wenn überschritten —
dann in der Regel genauere EPO-Nachweise veranlasst. Das steht alles sehr
aufschlussreich und detailliert im Sportgerichtsurteil der Usada vom 9. Dezember
2004, seitdem weiß man: Auch Sprinter nehmen EPO — im Training.
BZ: Auch Eigenblut-Doping scheint immer noch Alltag zu sein.
Franke: Richtig. Im Grunde eine recht alte — und immer noch nicht nachweisbare —
Methode, die schon in den 1970er Jahren verbreitet war. Der frühere Chefarzt der
US-Olympia-Mannschaft hat in seinem Buch "Drugs, Sports and Politics" erstmals
berichtet, wie bei den Olympischen Spielen 1984 einmal fast die gesamte
US-Rad-Mannschaft in einem Hotel zur Re-Infusion in den Betten liegend
angetroffen worden war. Wie das heutzutage mit 100-prozentiger Sicherheit
abläuft, hat zum Beispiel Jaksche ausführlich in Ansbach den Ermittlungsorganen
berichtet: Der Sportler spendet zunächst in der Vorsaison Blut, das kühl
gespeichert wird. In Jaksches Fall entweder bei Dr. Fuentes in Madrid oder bei
Dr. Choina in der Helios-Klinik in Bleicherode am Harz, dem deutschen Vertreter
des Fuentes-Netzwerks. Da lesen Sie dann, wie der Sportler — meist mit
Bancotel-Vouchers — in dem ausgemachten Hotel — dort zum Beispiel das
Schlosshotel in Karlsruhe — ein Zimmer belegt. Dann kommt irgendwann der
Dopingarzt, in diesem Fall wieder Dr. Choina, reinfundiert das Blut, gibt
eventuell noch ein paar Präparate mit auf den Weg und macht den nächsten
Treffpunkt aus. Dann verschwindet der Arzt, etwas später — separat — der frisch
gedopte Sportler, der eine über die Rezeption oder das Restaurant, der andere
direkt über die Tiefgarage: Die beiden, Doper und Gedopter, werden so auch nie
zusammen gesehen. Ein voll konspiratives System: 007-artig. Lesen Sie Jaksche
oder Sinkewitz, sonst glauben Sie es nicht!
BZ: Ein anderer Fuentes-Kunde, der US-Olympiasieger im Straßenrennen von
Athen 2004, Tyler Hamilton, ist aber schließlich doch beim Blutdoping erwischt
worden.
Franke: Ja, aber erst später. Und bei ihm handelt es sich um
blutgruppenverträgliches Fremdblut-Doping. Und dafür gab es — was er nicht
wusste — ein in Australien entwickeltes Nachweisverfahren! Er durfte übrigens im
Gegensatz zu Marion Jones und den US-amerikanischen Staffel-Sprintern seine
Goldmedaille behalten. How do you spell corrupt?
BZ: In Sydney 2000 gewann Jan Ullrich Gold und Andreas Klöden Bronze.
Franke: Und wenn Sie den Zwischenbericht der Freiburger Expertenkommission dazu
lesen, müssen Sie mir erklären, weshalb deren Medaillen nicht zurückgegeben
werden.
BZ: Was olympische Medaillen angeht, gewann zum Beispiel der Zeitfahrer
Robert Lechner in Seoul 1988 Bronze und hat nun gestanden, dabei auch gedopt
worden zu sein.
Franke: Ja, und zwar in diesem Fall von Dr. Georg "Schorsch" Huber,
Sportmediziner bei Professor Keul. Und Huber gab ihm sogar das
Stanozolol-Präparat Stromba, ein bekannt lebertoxisches Steroid, also von einer
Pharmaka-Gruppe, von der Keul zuvor immer betont hatte, auch öffentlich, gerade
diese würde man wegen ihres Schadensrisikos eben nicht geben. Wenn dann schon
eher reine Testosteron-Ester. Skrupelloser Doping-Opportunismus also!
BZ: Freiburger Ärzte, auch Huber, haben betont, sie hätten Schlimmeres
verhüten wollen. Kann es nicht sinnvoll sein, dass ordentliche Ärzte, erst recht
Universitätsärzte, Doping lenken und beaufsichtigen?
Franke: Sie meinen, damit weniger Nebenwirkungen und Schäden entstehen? Kennt
man schon von den DDR-Sportärzten! Aber es bleibt eine verlogene akademische
Begründung für kriminelles Tun.
Werner Franke
Geboren am: 31. Januar 1940 in Paderborn, Molekularbiologe in Heidelberg
Professor Werner Franke arbeitet am Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Für
seinen Kampf gegen Doping bekam er das Bundesverdienstkreuz. Dieselbe
Auszeichnung erhielt allerdings auch Professor Joseph Keul, der langjährige Chef
der universitären Sportmedizin in Freiburg. Beide waren bis zu Keuls Tod im Jahr
2000 erbitterte Feinde. Seit 2007 — nach der Enthüllung des Dopings beim Team
Telekom/T-Mobile — soll Franke nun die Geschichte der Freiburger Sportmedizin
mit untersuchen. Er gehört einer Kommission der Albert-Ludwigs-Universität an.

Andreas Strepenick, 9.8.2008,
www.badische-zeitung.de
 
Danke für diese mutige journalistische Arbeit
Dieses BZ-Interview zum Thema Doping und Olympia sollte man als ganze Seite auf
Hochglanz kopieren, einrahmen und dem Innenminister, Herrn Bach vom IOC und
jeden Sportfunktionär schicken, damit sie dies über ihren Arbeitsplatz
aufhängen. Die Qualität der Nachfragen durch die BZ und die kompromisslosen
Antworten von Franke zeigen eindeutig das Problem des Weltsports und die
Verlogenheit von Olympia in Peking. Wir Deutschen brechen ein, weil wir sauber
getrimmt wurden und das Ausland zieht an uns vorüber, weil keiner Einhalt
gebietet. Man kann bald nicht mehr hinschauen, weil nur noch der Zweifel
mitschwingt. Da sitzen Putin und Bush bei der Eröffnung in der Ehrenloge, der
Reporter säuselt was von Frieden während der Spiele und beide haben den Krieg in
Georgien genehmigt. Wir Deutschen wollen immer bieder erscheinen, spielen die
Narren und werden, wenn wir weiter solche Qualitäten in Sport und Politik
anbieten, bald die westliche Provinz vom Großreich China werden, noch in diesem
Jahrhundert. Warum opfert der Kommerz die Werte der westlichen Welt und sägt
sich selbst für die kommenden Generationen den Ast ab?
Dieses Interview zeigt sehr klar, wo die Reise hingeht. Danke an die BZ für
diese mutige journalistische Arbeit.
BZ-Leserbrief vom 19.8.2008 von Wolfgang Göttsche, Ballrechten-Dottingen
Hochleistungssport ist kein Sport mehr, sondern
gedopte Unterhaltung
"Nüchtern betrachtet hat sich, seit vielen Olympiaden, das IOC zu einem
florierenden Weltkonzern der Unterhaltung und der Dienstleistung im Werbesektor
entwickelt. Das Gleiche gilt für die Tour de France, die Uefa oder die Fifa. Da
geht es vorrangig um die Einschaltquoten von Unterhaltungsveranstaltungen, wie
in jedem Konzern also um das große Geld. Nüchtern betrachtet passen das große
Geld und die Ethik und die Moral kaum zusammen. Wenn Siemens, Airbus, Alstom
oder VW mit China ins Geschäft einsteigen, ruft niemand zum Boykott auf. Warum
werden Stimmen laut, wenn der Konzern IOC in Peking eine lukrative Veranstaltung
organisiert? Was unterscheidet das IOC von den anderen in China agierenden
Konzernen? Tatsächlich wenig. Nüchtern betrachtet sind Drogen, also Doping,
schon lange im Unterhaltungsgewerbe präsent: Hochleistungsprofis der Branche
werden vor und nach ihren stundenlangen Konzerten nicht danach kontrolliert.
Dass manche Hochleistungsunterhaltungssportler mit ihrem Umfeld für eine
Freigabe der Dopingmittel plädieren, ist logisch. Nüchtern betrachtet hat der
heutige Hochleistungsunterhaltungssport nichts mehr zu tun mit dem Sport aus der
Sicht eines Barons Pierre de Coubertin oder mit den von Millionen Menschen
ausgeübten sportlichen Aktivitäten."
BZ-Leserbrief vom 19.8.2008 von André Thomas, Gundelfingen
 
Aufklärung wäre so einfach: Fast alle
Substanzen (Medikamente) sind rezept- und verschreibungspflichtig, die
Vertiebswege sind kontrollierbar! Bei EPO (gentechnisch hergestellt) werden
geschätzt lediglich 20 Prozent klinisch bzw. intensivmedizinisch eingesetzt. Das
heißt im Umkehrschluss: Circa 80 Prozent fließen in andere Kanäle (vermutlich
Doping), sodass der Missbrauch weit über die Radsportszene hinausreicht.
Hinzu kommt, dass der Patentschutz für EPO in
Kürze ausläuft. Verschiedene Pharmafirmen haben bereits eine Zulassung für den
Vertrieb als Generikum beantragt, zum Beispiel auch die Firma Stada. Nun ist
aber gerade dieses Unternehmen ein bedeutender Sponsor des Bunds deutscher
Radfahrer. Deren Präsident, Rudolf Scharping, beeilte sich jedoch in
vorauseilendem Gehorsam auch für die Zukunft eine Zusammenarbeit(?) mit diesem
Unternehmen anzukündigen. Diese Scheinheiligkeit ist nicht mehr zu überbieten.
Außerdem ist damit zu rechnen, dass infolge des Vertriebs von EPO als Generikum
dieses Präparat erheblich billiger zu haben sein wird. So kann sich ein
erweiterter Kreis von Spitzensportlern dieses finanziell leisten!
Schlussfolgerung: Da der Spitzensport ein Teil unserer Gesellschaft ist, werden
auch in Zukunft Gier, Macht, Lüge, Betrug, Korruption, Bestechung usw.
notwendigerweise ein integraler Bestandteil dieses Systems bleiben. Alle
Beteiligten verdienen hieran hervorragend, einschließlich der Politiker und der
Medien. Freuen wir uns doch schon heute auf die Doping-Olympiade 2008 in Peking.
BZ-Leserbrief vom 8.6.2007 von Dr. Manfred Dedem, Freiburg
 
Das, was jetzt durch die Dopinggeständnisse
bekannt geworden ist, hätte die breite Sportöffentlichkelt kaum überraschen
dürfen. Funktionäre, Sponsoren und die Medien mussten von den Zuständen im
Radsport wissen, zumal viele Fakten selbst im Internet nachzulesen waren. Doping
war offensichtlich im Spitzenradsport keine Ausnahme, sondern eher die
Normalität. Sponsoren haben sich in den Erfolgen der Radfahrer gesonnt, die
Medien erfreuten sich an den hohen Einschaltquoten, die Funktionäre sahen sich
in ihrer Sportpolitik bestätigt und die Sportler selbst profitierten von hohen
Zahlungen. Die Einzigen, die nach meinem Kenntnisstand leer ausgingen, waren die
beiden Freiburger Klinikärzte, die sich mehr wider- als bereitwillig dafür
hergaben, am Doping im Radsport mitzuwirken, damit wenigstens eine gewisse
ärztliche Kontrolle zur Risikominderung gewährleistet war. Aber auch ohne die
Mithilfe der Freiburger Ärzte wäre im Team Telekom gedopt worden, weil doch
Funktionäre, Sponsoren und Sportler die Erfolge unbedingt haben wollten. Die
Dopingmittel wären, wie wir wissen, auch anderweitig erhältlich gewesen. Für
ihre Mitwirkung werden die Freiburger Sportärzte jetzt regelrecht
kriminalisiert, verlieren ihre Position und möglicherweise auch ihre
Approbation.
Als langjähriger ehemaliger Fußballprofi des SC Freiburg möchte ich feststellen,
dass insbesondere Prof. Dr. Andreas Schmid in enger Zusammenarbeit mit der
sportmedizinischen Abteilung der Uniklinik Freiburg in vielen Jahren
hervorragende Arbeit für die Fußballer des SC Freiburg, aber auch für viele
andere Sportler, geleistet hat. Doping war im Fußball beim SC Freiburg nie ein
Thema, es wurde vielmehr vom Trainerstab und der medizinischen Abteilung,
einschließlich Prof. Dr. Andreas Schmid, strikt abgelehnt. Insofern finde ich es
geradezu beschämend, wenn Präsident Stocker sich jetzt von Prof. Dr. Andreas
Schmid distanziert und auf seine weiteren Dienste für den SC Freiburg
verzichtet. Hier hätte ich wirklich Solidarität gegenüber einem Arzt erwartet,
der sich große Verdienste um die medizinischen Belange des Sportclubs erworben
hat und der sich in Ausführung dieser Tätigkeit nichts hat zuschulden kommen
lassen. Für uns Sportler stand seine Integrität stets außer Frage. Um es ganz
klar zu sagen: Ich bin grundsätzlich gegen Doping im Sport, habe dies als
Fußballer auch nie getan und hätte es auch nicht in einer anderen Sportart in
Erwägung gezogen. Gleichwohl habe ich ein gewisses Verständnis für die
Radsportler unter den gegebenen Umständen. Anzustreben wäre im Idealfall
selbstverständlich ein völlig dopingfreier Sport. Dazu müssten aber alle
Beteiligten — jeweils auf ihrem Gebiet — beitragen und zwar im Inland und im
Ausland. Die Politiker müssten entsprechende Gesetze verabschieden, die
Sportverbände für noch striktere Kontrollen sorgen, Sponsoren und Medien hätten
ihre Erwartungshaltung in puncto Sporterfolge und Rekorde auf ein realistisches
Maß zurückzuschrauben. Vor allem aber müssten die Funktionäre Sofortmaßnahmen
ergreifen, wenn innerhalb kurzer Zeit sprunghafte Leistungssteigerungen von
einzelnen Sportlern erzielt werden. Letztendlich wird man Doping weltweit jedoch
nur schwer ganz ausrotten können.
BZ-Leserbrief vom 1.6.2007 von Andreas Zeyer, Auernheim (Ex-Profi vom SC
Freiburg)
 
Das Dopingverbot für Leistungssportler ist
deshalb sinnvoll, weil eine Bewegung zu immer effektiver leistungssteigernden
Mitteln jeweils höhere gesundheitliche Gefahren mit sich bringt, die vermieden
werden müssen. Leistungssteigernde Mittel sind heute für Berufsathleten aber
existenziell notwendig, weil sie zum Beispiel ohne exzessives, ebenfalls
potenziell gesundheitsschädliches Training, oder eine gefährliche
Nahrungsmittelzufuhr, wie zum Beispiel eine unphysiologisch hohe Eiweißaufnahme,
und vieles mehr keine Spitzenleistungen mehr erzielen, Spitzenleistungen, die
Millionen von Fernsehzuschauern erwarten, die ihre siegreichen Helden
vergöttern. Wer will hier entscheiden, was noch erlaubt oder verträglich ist und
was nicht? Natürlich müssen eindeutig krankmachende Mittel verboten sein. Und
diese Verbote müssen mit angepassten Rechtsmitteln durchgesetzt werden. Was
passiert aber augenblicklich mit uns? Eine einmalig emotional aufgeladene
Atmosphäre, die umgekehrte Seite des Siegestaumels, führt dazu, dass angeblich
Schuldige, vor allem auch Ärzte, wie Schwerverbrecher an den Pranger gestellt
werden. Wer ist hier überhaupt schuldig? Sind dies die Massen, die nur Siege
akzeptieren? Sind es die Sportler? Sind es die Ärzte? Ist es nicht die ganze
verlogene Gesellschaft? Die Sportmedizin wird nahezu geschlossen, wenn die
Sportler nicht mehr betreut werden dürfen. Sind hier nicht maßlose
Entscheidungen getroffen worden? Ins Groteske übertrieben könnte doch dann auch
gefordert werden, dass unser ganzes Universitätsklinikum geschlossen wird. Wir
brauchen ein Strafmaß, das den Verhältnissen und nicht den Emotionen angepasst
ist. Es kann nicht darum gehen, unmenschliche Strafen zu verhängen, nur weil zum
Beispiel die Universität den Exzellenzstatus ansteuert. Wir brauchen mehr
Augenmaß und damit mehr Gerechtigkeit — übrigens nicht nur in der Frage des
Dopings!
BZ-Leserbrief vom 1.6.2007 von Prof. Dr. med. Ulf Stein, St. Peter
 
Uni und Doping: Wahrlich
exzellent
Das hätte sich das Duo Jäger/Salomon fürs Jubiläumsjahr bestimmt anders
vorgestellt: Nämlich "Freiburg in aller Munde" , und Erfolg bei der
lukrativen Exzellenzinitiative der Universität. Gerade ein einziges Mal
in den letzten Monaten gab es eine positive Nachricht über Freiburg:
Nämlich der einmalig erfolgreiche Bürgerentscheid gegen den Ausverkauf
des städtischen Wohnraumes.
- Die angedachte Prämierung als Spitzen-Uni
-
daneben.
- Dann das unwürdige Gezerre innerhalb des Vorstandes des SC
Freiburg.
- Negative Schlagzeilen machten auch zuvor der Skandal des
Pfusch-Mediziners Friedl,
- kürzlich die bundesweit als Zumutung
empfundene Rede des Herrn Oettinger zur Beisetzung des Herrn
Filbinger im Freiburger Münster.
- Und nun die Lawine des jahrelangen
Dopings an Freiburger Unikliniken.
Um des Olympiastützpunktes willen hieß es schon
vor Jahren "Augen zu!" bei Verdachtsmomenten gegen die Herren Keul und
Klümper. Gerade Menschen, die sich jahrzehntelang für die echten
Qualitäten und den inneren Frieden in Freiburg eingesetzt haben und die
für die unsere Stadt auszeichnende Gastfreundlichkeit, Offenheit und
historische Würde erfolgreich geworben haben, sind tief betroffen über
diese Entwicklungen. Ob nicht der aktuelle neoliberale Trugschluss,
alles wäre verkäuflich (Geschichte, soziale Verantwortung, Ethik) und
alles wäre käuflich (Gesundheit, Erfolg, Macht, Glanz) mit dazu
beiträgt? In jedem Fall: Freiburg — wahrlich "exzellent" !
BZ-Leserbief vom 29.5.2007 von
Henning Wellbrock, Freiburg
 
Doping und Schönheitschirurgie: Die künstlich aufgewertete Ware Mensch
Herr Brendler hat hier den Finger in eine Wunde gelegt, und die Parallelen
zwischen (illegalem) Doping und (legaler) "Schönheits" -Chirurgie unter dem
Oberbegriffes des "Nichtschadens" als übergeordnetem Leitmotiv des ärztlichen
Berufsethos beleuchtet: Der einzige substanzielle Unterschied ist die Frage der
Legalität. Beide haben die künstlich aufgewertete Ware Mensch zum Ziel, in
beiden Fällen arbeiten die Ärzte (in der Regel) nicht gegen den erklärten Willen
des Patienten/Kunden, und in beiden Fällen werden Bedürfnisse suggeriert, um
mithalten zu können. Und in beiden Fällen wird den Kunden und der Gesellschaft
geschadet.
Mit der Erfüllung dieser Wünsche wird der Druck auf die anderen erhöht,
ebenfalls dieser neuen Norm zu entsprechen. Irgendwann wird das künstlich
Erzeugte als das Normale betrachtet: Die Erwartungen an die Leistung (Mann) oder
das Aussehen (Frau) als Kapital im Kampf um Ansehen und Geld werden immer höher
geschraubt. Wohin das führen kann, ist in einigen asiatischen Länder oder
Südamerika zu sehen, wo systematisch junge Mädchen durch Ärzte verstümmelt
werden um einem absurden Schönheitsideal zu entsprechen. Mit dem ärztliche
Berufsethos ist diese Entwicklung längst nicht mehr vereinbar.
BZ-Leserbrief vom 26.5.2007 von Christine Müller, Freiburg
 
Erklärungen der Sportärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich
Zuerst dementierten die Freiburger Sportärzte
Andreas Schmid und Lothar Heinrich die Dopingvorwürfe, am Mittwochabend folgte
dann das Eingeständnis. Eine Dokumentation der Erklärungen.
10. Mai 2007: "Ich, Prof. Dr. Andreas Schmid, nehme zu den unerklärlichen
Anschuldigungen wie folgt Stellung: Ich weise die gegen mich erhobenen Vorwürfe
des belgischen Ex-Pflegers entschieden zurück, sie entbehren jeder Grundlage.
Ich habe niemals Sportlern EPO oder Wachstumshormone verabreicht, solche
Medikamente Sportlern oder so genannten Pflegern ausgehändigt oder zugeschickt
(...)."
14. Mai 2007: Lothar Heinrich: "Die im Magazin Der Spiegel gegen
mich erhobenen Vorwürfe sind für mich nicht nachvollziehbar und entbehren
jeglicher Grundlage. Als Arzt ist es meine Aufgabe, die Gesundheit meiner
Patienten zu erhalten und Krankheiten zu behandeln. Das können bei Sportlern
Verletzungen und Infekte sein, aber auch die Durchführung und Analyse von
Leistungsdiagnostiken und entsprechender Trainingsberatungen. Im Rahmen des
Anti-Dopings kläre ich im Rahmen meiner Kenntnisse über die gesundheitlichen
Risiken durch Doping auf. Die Injektion von EPO als Doping durch mich oder die
Weitergabe von EPO an Masseure kam und kommt deshalb für mich nicht in Frage.
(...)."
23. Mai 2007, 22:06: "Herr Professor Dr. Andreas Schmid gibt über mich
(Ferdinand Gillmeister, Anwalt; Anm. d. Red.) als seinen Verteidiger und
Vertreter folgende persönliche Erklärung ab: "(...) Ich räume ein, seit Mitte
der 90er-Jahre das Doping einzelner Radprofis unterstützt zu haben. Ich habe den
Radsportlern auf Anforderung Dopingsubstanzen, insbesondere EPO, zugänglich
gemacht. Ich versichere, den Sportlern diese Medikamente niemals injiziert (...)
zu haben. Ich habe niemals einem Sportler ohne dessen Wissen oder gar gegen
seinen Willen Dopingsubstanzen verabreicht. Ich versichere ferner, dass ich
durch meine Mitwirkung am Doping niemals einen finanziellen oder sonst
wirtschaftlichen Vorteil (...) erstrebt habe. Ich bedauere meine Verfehlungen
sehr. Ich hätte als Arzt nie so handeln dürfen. Ich bedauere auch, dem Ansehen
meiner Universität Schaden zugefügt zu haben. Weder die Leitung des Klinikums
noch der Ärztliche Direktor der Sportmedizin, Professor Dr. Dickhuth, haben von
meinen Verfehlungen Kenntnis gehabt oder diese auch nur ahnen können. Ich sehe
unter den gegebenen Umständen für den Profiradsport die Chance, aus den Fehlern
zu lernen und einen Neuanfang zu unternehmen. Ich weiß, dass der Radsport durch
Doping seine sportliche Grundlage wie Fairness und Chancengleichheit verliert.
Ich habe als Sportmediziner aber auch erfahren, welch ungeheurem Erfolgsdruck
die Fahrer ausgesetzt sind. Die in den 90er-Jahren verbreitete Dopingpraxis hat
die Bereitschaft der Sportler, selbst zu dopen, erheblich gefördert. Die
verbesserten Anti-Doping- und Gesundheitskontrollen sowie die zunehmende
Verantwortung aller Beteiligter, auch der Sponsoren, sind wichtige Schritte auf
dem Weg zur Bekämpfung des Dopings. Ich unterstütze deshalb die Arbeit der
universitären Kommission zur Aufklärung der Dopingvorwürfe. Ich appelliere aber
auch an alle Verantwortlichen und Profiradsportler, nach Kräften an der
Aufklärungsarbeit mitzuwirken, auch wenn es "weh tut" . (...)"
23. Mai 2007, 22:17: Lothar Heinrich: "Mir ist die Erklärung, die
Professor Dr. Andreas Schmid (...) am 23.5. abgegeben hat, (...) bekannt. Auch
ich räume ein, (...) am Doping von Radsportlern mitgewirkt zu haben. Ich
bedauere diese ärztlichen Verfehlungen und hoffe, dass durch meinen aktiven
Beitrag das Doping in der Zukunft wirksam bekämpft werden kann."
25.5.2007
Priv. Doz. Dr.
Andreas Schmid, Freiburg wurde am 09. Juli 2005 zum außerplanmäßigen Professor an der Universität
Freiburg ernannt. Am 25.5.2007 suspendiert.
 
Die medizinische Betreuung der
Spitzensportler an der Uniklinik steht seit Jahrzehnten unter Dopingverdacht /
Privatverträge mit dem Chefarzt
1991 suchte die Deutsche Telekom einige Sportmediziner. Welche Anforderungen der
damalige Konzernchef Ron Sommer und Kommunikationsdirektor Jürgen Kindervater
stellten, ist nicht bekannt. Aber sie hatten beschlossen, ein Radsportteam zu
sponsern. Also wandten sie sich gezielt an Professor Joseph Keul, den damaligen
Leiter der sportmedizinischen Abteilung an der Freiburger Universitätsklinik. "Keul
führte alle Verhandlungen mit Sommer und Kindervater persönlich" , sagt ein
Kenner der Verhältnisse. Keul machte auch die Verträge. Klar war, dass keine
alten, womöglich schon mit Dopingpraktiken in Berührung gekommenen Mediziner für
die Betreuung in Frage kamen. "Die Ärzte mussten jung und unbelastet sein" ,
sagt der Insider. Sie mussten auch optisch ein Inbegriff sein für den neuen,
sauberen Radsport, wie ihn die Telekom nach außen hin fortan 16 Jahre lang
propagieren sollte.
Telekom wählte die Freiburger Universitätsklinik, weil sie als Wiege der
Sportmedizin einen glänzenden Ruf genoss. Hier ausgebildete Mediziner gingen in
die ganze Welt, besetzen in vielen Orten sportmedizinische Schlüsselstellungen.
Keul, später auch Chef des deutschen Sportärztebunds, begleitete über Jahrzehnte
hinweg deutsche Athleten zu Olympischen Spielen. Er genoss Ansehen in den
höchsten politischen Kreisen. Dopinggegner gehen davon aus, dass in Freiburg
mehr angeboten wurde als nur Leistungsdiagnostik und schnelle Hilfe bei
gesundheitlichen Beschwerden. "Freiburg war bekannt dafür, das komplette
Spektrum anzubieten" , sagt ein Kenner der Szene. Er meint dabei die Betreuung
in allen Fragen des Dopings. Er meint jene Schattenwelt, von deren Existenz
Experten wie der Heidelberger Professor Werner Franke seit Jahrzehnten ausgehen.
Franke wurde viel angefeindet, verklagt, Sportmediziner und Sportfunktionäre
zogen seine Behauptungen ins Lächerliche. Franke bleibt aber bis heute dabei:
Keuls Abteilung habe ebenso wie die Sporttraumatologische Spezialambulanz im
Freiburger Mooswald unter ihrem langjährigen Leiter Professor Armin Klümper
"zweifellos eine zentrale Rolle" in der Geschichte des Dopings gespielt. Ein
ehemaliger Sportreporter aus Ostdeutschland sagt: "Wenn du damals in der DDR
unsere Leute gefragt hast, wer eigentlich im Westen mit Doping zu tun hat, dann
fiel häufig zuerst der Name Keul." Ein Freiburger Arzt erklärt dagegen, Keul sei
noch der Harmlosere der beiden einstigen Koryphäen gewesen: "Der Klümper hat es
viel schlimmer getrieben als der Keul." Aber was genau wurde getrieben? Und wie
will man es heute noch beweisen? "Es wurde sorgfältig darauf geachtet, keine
schriftlichen Unterlagen in dieser Angelegenheit zu hinterlassen" , sagt der
Insider.
Andreas Schmid und Lothar Heinrich nahmen das Angebot des Teams Telekom an. Sie
waren jung, sie waren ehrgeizig. Aussagen in der Enthüllungsgeschichte des
ehemaligen Telekom-Masseurs Jef d’Hont deuten darauf hin, dass sich Schmid
anfangs gegen das Doping wehrte. Aber er hat dann doch mitgemacht. Am
Mittwochabend legten er und sein Kollege Lothar Heinrich ein Teilgeständnis ab.
Zuvor hatten Schmid und Heinrich behauptet, mit Doping nichts zu tun zu haben,
hatten also gelogen.
Und wer log noch? Professor Joseph Keul starb im Jahr 2000. Er hatte immer
wieder erklärt, mit Doping nichts zu tun zu haben. Die erste
Enthüllungsgeschichte vor acht Jahren schmetterte er zusammen mit
Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich mit umfangreichen Gegendarstellungsklagen ab.
Dem Spiegel brachen die Zeugen weg. Keul trug einen letzten Sieg davon.
Es ist heute sehr wahrscheinlich, dass der Professor, nach dem der Konferenzraum
im Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald benannt ist, sehr genau wusste, was
Schmid und Heinrich taten. Vielleicht hat er es sogar angeordnet und überwacht.
"Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Schmid und Heinrich ein Dopingprogramm in
Freiburg entwickelten, ohne dass ihr direkter Vorgesetzter davon wusste" , sagt
der Insider.
Professor Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor der Freiburger
Universitätsklinik, hat gegenüber der Badischen Zeitung erklärt, Keul habe mit
der Telekom seinerzeit einen so genannten Privatvertrag abgeschlossen. Das Geld
sei nicht über die Universitätsverwaltung, sondern direkt über Keul geflossen.
Rechtlich sei das höchst fragwürdig, wenn nicht gar unzulässig gewesen, sagt
Brandis. Nach Keuls Tod habe daher Interims-Nachfolger Professor Aloys Berg die
Verträge für betreute Sportler und Sportarten umschreiben und auf eine rechtlich
einwandfreie Grundlage stellen müssen. Dass der Name Keul bis heute kaum eine
Rolle spielt in der öffentlichen Debatte, verbittert einen der damals
Beteiligten: "Es kann doch nicht sein, dass die beiden kleinen Assistenzärzte
von damals nun am Pranger stehen, der damalige Chef aber wieder ungeschoren
davonkommt."
Dass über Keul kein schlechtes Wort gesagt werden darf, hat aber Gundolf
Fleischer (CDU), Wirtschafts-Staatssekretär in Stuttgart und Präsident des
Badischen Sportbundes, zuletzt am 12. Mai auf der Mitgliederversammlung der
Organisation in Hinterzarten öffentlich eingefordert. "Keul ist tot, er kann
sich nicht mehr wehren" , sagte Fleischer. Er zeigte sich entrüstet über
Veröffentlichungen, in denen der Name Keul fiel. Von den Delegierten erhielt er
dafür Beifall. Fleischer sprach von einer "Medienkampagne" . Er wolle "nichts
unter den Teppich kehren" , die Vorwürfe gegen Schmid und Heinrich müssten
sorgfältig aufgeklärt werden. Es werde aber "ein Generalverdacht erhoben, obwohl
es sich um ein spezielles Problem handelt".
Wie speziell das Problem der Sportmedizin in Freiburg ist, sollen nun zwei
Kommissionen untersuchen. Eine wird sich mit den Vorwürfen gegen Schmid und
Heinrich befassen, eine zweite soll die zurückliegenden 20 Jahre Sportmedizin
aufarbeiten — auch wenn die ersten Dopingvorwürfe gegen Freiburger Ärzte schon
vor rund drei Jahrzehnten aufkamen. Uni-Rektor Professor Wolfgang Jäger kündigte
die Einrichtung dieser historischen Kommission gestern an. Ein bis zwei Jahre,
glaubte Brandis, werde allein die erste Kommission für ihre Arbeit benötigen.
Aber im Augenblick wird die Zeit nicht mehr in Jahren, sondern in Tagen, ja
Minuten gemessen. Andreas Schmid hatte die Badische Zeitung am 27. März davor
gewarnt, über seine eventuelle Verstrickung in eine Dopingaffäre überhaupt nur
ein Wort zu berichten. Er weigerte sich, etwas zu den Vorwürfen des früheren
Team-Masseurs Jef d’Hont zu sagen, er warnte und er drohte. Schmid schrie am
Telefon — und rief fünf Minuten später noch einmal an, um sich zu entschuldigen.
Als am 30. April Der Spiegel seine Enthüllungsgeschichte herausbrachte,
erklärte Schmid schriftlich in knappen Worten, die Beschuldigungen entbehrten
jeder Grundlage. Er log. Er log noch einmal am 10. Mai in seiner Erklärung
gegenüber Klinikumsdirektor Brandis. Wie sein Kollege Heinrich hoffte er, das
Kartell des Schweigens werde halten.
Schmid, 45, wirkte stets wie ein Arzt von höchster Integrität. Er ist
liebenswürdig, angenehm, fleißig. "Den konntest du auch nachts um vier noch
anrufen. Der hat alles für dich getan" , sagt ein Langstreckenläufer. Noch am
Mittwoch, kurz nach 14 Uhr, erklärte Achim Stocker, der Präsident des
Fußball-Zweitligisten SC Freiburg: "Schmid ist ein toller Typ und ein
grundanständiger Mensch." Stocker wollte seine Fußballer weiterhin von ihm
betreuen lassen, obwohl die Universität Schmid wie Heinrich zu diesem Zeitpunkt
bereits suspendiert hatte. Stockers Aussage ging nicht mehr in Druck. Denn um
22.06 Uhr schickte Schmids Anwalt eine schriftliche Erklärung an die Redaktion.
"Ich räume ein, seit Mitte der 90er-Jahre das Doping einzelner Radprofis
unterstützt zu haben." Dann wurde viel telefoniert. Schmid korrigierte seine
Erklärung. Er bat, das verhängnisvolle Wort "seit" durch "in den" zu ersetzen.
Es war ein Kampf um Minuten, wie der Radsport selbst immer ein Kampf um Minuten
war.
Ein junger Arzt aus Freiburg, so erzählen die Kollegen, kehrte von einem
Trainingslager des Teams Telekom auf Mallorca angewidert zurück. "Ich will mit
Doping nichts zu tun haben" , habe der Arzt gesagt und die sportmedizinische
Abteilung verlassen. Es gab also eine Wahl. Und die Zukunft? Einer, der die
Geschichte Keuls und Klümpers kennt wie kaum ein anderer, sagt nur: "Das Thema
Doping lässt uns nicht mehr los."

Andreas
Strepenick , 25.5.2007,
www.badische-zeitung.de
 
Der Sport steht an einem Wendepunkt. In atemberaubendem Tempo kommen nun
Wahrheiten ans Licht. Radrennfahrer gestehen fast schon im Stundenrhythmus, über
Jahre hinweg getäuscht und betrogen zu haben. Auch Andreas Schmid und Lothar
Heinrich, die beiden Sportärzte der Freiburger Universität, versuchten die
Flucht in die Wahrheit. Als ihnen klar wurde, dass ihre Lüge nicht länger
Bestand haben würde, gaben sie zu, Sportler gedopt zu haben. Sie gaben
wahrscheinlich noch nicht alles zu. Wer über 15 Jahre hinweg log, muss erst
wieder lernen, was die Wahrheit ist.
Schmid und Heinrich sind keine Einzeltäter. Sie sind, das kommt nun nach und
nach ans Licht, Teil eines Systems, das im Radsport — und wohl nicht nur dort —
entstehen konnte, weil Fans und Medien nur Sieger lieben und nicht so genau
wissen wollten, wie diese Siege entstanden sind. Wir lieben den Sport, wir
lieben seine Helden, wir wollten schlechte Nachrichten und schlimme Vermutungen
nicht hören. Selbst heute fällt es vielen unendlich schwer, in diesen Helden
Betrüger zu sehen. Viele Athleten waren aber genau das. Sie machten mit in
verborgenen und womöglich in Teilen sogar kriminellen Systemen, die ihre
Existenz eben auch der Tatsache verdanken, dass der Staat und die Verbände des
Sports lange nicht genau hingeschaut haben. Einige Vertreter aus Politik und
Sport haben womöglich sogar mehr getan als nur geduldet und geschwiegen. Die
Wahrheit über das Doping kommt nun langsam ans Licht, aber man hat den Eindruck,
noch immer erst sehr wenig von dieser Wahrheit zu sehen.
Schmid und Heinrich haben ihren ärztlichen Eid gebrochen und gefährliche
Medikamente für Nieren- und Krebskranke über Jahre hinweg Sportlern verabreicht,
nur damit diese ein bisschen schneller und ausdauernder radeln konnten. Sie
tarnten ihre Arbeit so, dass Kontrollen ins Leere liefen. Was sie taten, ist
verachtenswert. Es gibt keine Entschuldigung dafür. Ihr persönliches Schicksal
ist aber zweitrangig, vergleicht man es mit dem Schaden, den sie ihrer
Universität angetan haben. Sie logen und betrogen unter akademischem Schutz. Sie
— und womöglich auch einige ihrer Kollegen und sogar Vorgesetzten — haben die
Universitätsklinik, eine der besten in Deutschland, in nie gesehener Weise in
Verruf gebracht. Eine Institution von herausragender Qualität, von
internationalem Ansehen, steckt nun mitten in einem der größten Dopingskandale
der Sportgeschichte. Die Universität reagierte erfreulicherweise mit äußerster
Schärfe. Sie entließ die Ärzte und will vielleicht nie wieder Leistungssportler
betreuen. Ausgestanden ist die Affäre damit aber nicht. Auch nicht für die
anderen Einrichtungen des Spitzensports in der Region. Die Sportmedizin der
Universitätsklinik ist engstens verbunden mit der Sportmedizin der Traumatologie
im Mooswald, mit der Sport-Uni und mit dem Olympiastützpunkt. Stürzt eine Säule,
gefährdet das auch die übrigen Bereiche. Aber um einen glaubhaften Neubeginn zu
ermöglichen, muss die Vergangenheit schonungslos aufgearbeitet werden. Wenn die
jüngsten Geständnisse diesen Prozess ermöglichen würden, könnte aus dem
Tiefpunkt für den Leistungssport in der Region vielleicht doch ein Neubeginn
werden.
BZ vom 25.5.2007
 
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14.11.09
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