Volker Finke: Mit Afrika teilen

Afrikakenner Volker Finke diskutiert über Migration und Menschenrechte. Es geht um Ursachen und Folgen von Migration: Zum Start einer Veranstaltungsreihe diskutiert Volker Finke, langjähriger Trainer des SC Freiburg und von 2013 bis 2015 Coach der Fußballnationalmannschaft von Kamerun, mit dem Juristen Jens Janssen und dem Arzt  Alexander Supady. „Das Sterben im Mittelmeer muss aufhören“, sagt Finke.

Als die Flüchtlingswelle 2015 ihren Höhepunkt erreicht hat, haben Sie in Kamerun gearbeitet. Wie haben Sie Afrika und seine Menschen erlebt, Herr Finke?
Die Ungerechtigkeit in Afrika ist wahnsinnig groß. In vielen Ländern leiden weite Teile der Bevölkerung unter bitterer Armut, einem Mangel an Bildung und Perspektivlosigkeit. Auf der anderen Seite steht meist eine kleine Elite, die sich um einen autokratischen Herrscher gruppiert und es sich gut gehen lässt. Kamerun gehörte lange zu den relativ stabilen Ländern in Afrika, was sich in den letzten zwei Jahren aber verändert hat. Der Konflikt zwischen dem frankophonen und dem anglophonen Teil der Bevölkerung hat zugenommen und die Wiederwahl des 85-jährigen Paul Biya jetzt macht die Lage nicht besser. Derzeit fliehen viele Menschen über die Grenze nach Nigeria. So ist es meist in Afrika: Die Flüchtlingsbewegungen führen zunächst in die Nachbarländer, nach Europa machen sich vergleichsweise wenige auf.
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Die, die es schaffen, sind oft die Schlauesten. Die fehlen dann in Afrika – doch andererseits sichern sie das Leben ihrer Familien durch ihre monatlichen Überweisungen. Ist das das Dilemma?
Ja, Afrika lebt zum Großteil von diesen Transferleistungen. Die Clans, die Geld zusammenlegen, um eines ihrer Mitglieder nach Europa zu schicken, erwarten, dass etwas zurückkommt. Wie schwer es ist, hier Arbeit zu finden, wissen sie nicht. Der Druck, der auf diesen Migranten lastet, und ihr Schuldbewusstsein erklären ein wenig,warum der eine oder andere kriminell wird.
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Viele Fluchtgründe – seien es kriegerische Konflikte, fehlende Demokratie oder wirtschaftliche Not – sind auch Nachwirkungen des europäischen Kolonialismus. Welche Spuren
haben Sie da wahrgenommen?
Afrika hat im Gegensatz zu Europa keine 170 Jahre Entwicklung hin zur Zivilgesellschaft erlebt. Die meisten afrikanischen Länder sind erst in den 1960er Jahren aus der Kolonialherrschaft frei gekommen. Danach ging die Ausbeutung weiter. Es gibt in Afrika so vieles,was zu Reichtum führen könnte – etwa die Rohstoffe, die wir für die Entwicklung digitaler Technik brauchen –, doch die meisten Menschen dort haben nichts davon.

Daran ist der Westen mitschuldig. Weil es nicht gelingt, eine Zertifizierung für Smartphone Komponenten durchzusetzen, müssen Kinder unter gefährlichen Bedingungen Metalle abbauen und afrikanische Märkte werden mit europäischen Agrarprodukten überschwemmt…
… was sehr traurig ist. Ich habe das selber gesehen: Da kommt der Bauer auf seinem Moped mit 20 Hühnern und Enten, die er so schön zusammengebunden hat, dass er ein beliebtes Fotomotiv für Touristen darstellt, auf den Markt gefahren und verkauft nichts,weil die Hühner aus Europa viel billiger sind. Wenn wir die afrikanischen Märkte weiterhin auf diese Weise kaputt machen, schaffen wir Fluchtgründe. Europäische Politiker glauben, dass sie sich vom Flüchtlingsproblem freikaufen können, aber das gelingt nicht, weil das Geld in den Taschen der Eliten landet und nie bei denen, die es brauchen.

„Fluchtursachen bekämpfen“, heißt daher das Credo der Stunde. In der Diskussion geht es um die Abriegelung von Migrationsrouten, den Schutz der EU-Außengrenzen, einen Marshallplan für Afrika, das Einwanderungsgesetz und um Rücknahmeabkommen mit den Herkunftsstaaten.Wo sehen Sie einen Ansatz, der funktionieren könnte?
Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Lösung: Wir, die wir einen so großen wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Vorsprung haben, müssen unseren Wohlstand teilen mit den Menschen auf der Erde, die in den vergangenen Jahrhunderten zu kurz gekommen sind. Das liegt auch in unserem eigenen Interesse. Denn Afrika hat viel von dem, was wir dringend brauchen: Rohstoffe und Arbeitskräfte. Unsere Gesellschaft altert, die Pflege der Senioren ist eine riesige Herausforderung. Wenn wir über ein Einwanderungsgesetz legale Wege nach Europa ermöglichen, würden alle profitieren. Auf der anderen Seite sollten wir mit einer Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe die Entstehung einer Mittelschicht in afrikanischen Ländern fördern, damit möglichst viele dort bleiben und ihre Länder mit ihren
Ideen und ihrer Tatkraft voranbringen. Denn alle aufnehmen können wir nicht. Über Lösungswege kann und muss man diskutieren, aber eines geht nicht: dass so viele Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Dass man Schiffbrüchige rettet, war jahrzehntelang selbstverständlicher Konsens, doch der wird nun in Frage gestellt.Wie konnte das passieren?
Ich schäme mich dafür. Aber ich glaube, dass nun etwas in Bewegung kommt und es eine Wende gibt.

Was macht Sie hoffnungsvoll?
Weil es alternativlos ist – ein doofes Wort, aber hier stimmt es. Ich bin überzeugt: Wir können unseren Wohlstand nur bewahren, indem wir ihn teilen, nicht indem wir Mauern hochziehen. Ich war neulich hier in Freiburg bei einer
Demonstration für die Seenotrettung im Mittelmeer – da waren so viele engagierte Leute jeden Alters, das war ganz erfreulich. Aber meine Frau, die ein paar Flugblätter verteilte, hat erschreckende Kommentare zu hören bekommen. Es gibt tiefe Gräben in unserer Gesellschaft.
21.10.2018, Sigrun Rehm im Gespräch mit Volker Finke, http://www.der-sonntag.de,

Diskussion: „Migration, Flucht und Menschenrechte“ mit Fußballtrainer Volker Finke, Rechtsanwalt Jens Janssen und Arzt Alexander Supady morgen, 22. Oktober, 19 Uhr, im Humboldtsaal, Humboldtstraße 2, Freiburg. Es ist der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, die die Denkfabrik „Global Initiative on Health, Migration and Development“ mit der Landeszentrale für politische Bildung, der SeenotrettungsInitiative Resqship, der Universität Freiburg und der Stadt ausrichtet.

Die Denkfabrik: “Global Initiative“, deren Mitbegründer der Freiburger Arzt und Seenotretter Alexander Supady ist, befasst sich mit der Suche nach konsensfähigen Antworten auf die Migrationsfrage. Bald im Internet:
http://www.global-initiative.org

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