Verscheusslichung im Breisgau

Ausweis immer neuer Baugebiete im Breisgau, Nachverdichtung oder aber eine Regionalplanung, die beide Extreme abstimmt? Das Umland von Freiburg wird immer mehr zugebaut bzw. zersiedelt., die erste Alternative hat anscheinend gewonnen. Hierauf wies Axel Mayer vom BUND in einem Vortrag in Emmendingen hin – er sprach von Verscheußlichung der Landschaft.

 

Angst vor der Riesenkrake Freiburg
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland warnt vor der Verscheußlichung des Elztals und der Region / Veranstaltung im Hirschensaal in Waldkirch…..
Alles vom 22.1.2014 bitte lesen auf
http://www.badische-zeitung.de/waldkirch/angst-vor-der-riesenkrake-freiburg–79890851.html

Zerstörung dieser Landschaft
Schade, dass Sie am Vortragsabend nicht dabei waren, denn dort habe ich den Begriff “Verscheußlichung” lange erklärt… Hier nochmal eine “verkürzte” Darstellung: Das Paradies am Oberrhein, der Breisgau und das Elztal, die reiche, vielfältige Natur- und Kulturlandschaft mit dem Naturgarten Kaiserstuhl, die sonnenverwöhnte “Toskana Deutschlands” und die “Ökohauptstadt” Freiburg… Wer kennt sie nicht, die Buchtitel, Postkarten, die Bildbände und Kalender, die eine der schönsten und vielfältigsten Landschaften dieser Republik beschreiben: Das Gebiet zwischen Rhein und Schwarzwald, zwischen Reben und Tannen, Kultur- und Naturlandschaft mit alten, historisch gewachsenen Dörfern und Städten wie Staufen, Kenzingen, Emmendingen, Waldkirch, Elzach und Breisach. Wenn ich über das “bald verlorene Paradies am Oberrhein”, über die sich beschleunigende Zerstörung dieser Landschaft rede, dann geschieht das nicht um Wunden aufzureissen, sondern aus einer ziemlich verzweifelten Liebe zu dieser Landschaft, ihrer Natur und zu den Menschen, die hier leben. Viele Menschen dieser Region verstehen den Begriff “Verscheußlichung”, weil sie diese täglich erleben. Der Blick ins Tal zerstört den Mythos und zeigt die unschöne Realität. Wandern Sie an einem Abend mit klarer Sicht auf einen unserer Hausberge im Schwarzwald oder Kaiserstuhl, auf den nächtlichen Schauinsland, den Kandel oder den Belchen und schauen Sie hinab ins Rheintal. Die Oberrheinebene ist erfüllt mit Lichtpunkten: mit Autos, Häusern, Gewerbe- und Industrieflächen, Straßenlampen und den Lichtern von Freiburg. Deutlich wird aus dieser Perspektive auch, wo die Stadt ihre Arme in die Umgebung streckt, wo Dörfer und Gemeinden am Fuß der Vorberge zu einem hässlichen Siedlungsbrei zusammenwachsen. Die wenigen, erhalten gebliebenen, historischen Altstädte und die restlichen Naturschutzgebiete am Oberrhein verbindet eines: Sie sind zunehmend Inseln in einem Meer von Scheußlichkeit. Die Struktur und das Gesicht des Breisgaus verändern sich. In den letzten Jahrzehnten hat es einen Landschaftsverbrauch gegeben, der größer ist, als in allen vorangegangenen Jahrhunderten zusammen. Ehemalige Bauerndörfer wie Denzlingen, Schallstadt, Hochdorf oder Teningen, idyllische Kleinstädte wie Endingen, Breisach, Kenzingen und Staufen sind weit über ihre ehemaligen Ränder hinausgewuchert. Besonders deutlich wird diese Entwicklung, wenn man auf der B3 von Freiburg nach Norden oder Süden fährt. Die Freiflächen zwischen den Gemeinden werden immer kleiner. Ähnliche Entwicklungen von zusammenwachsenden Siedlungsbändern sind in den Tälern des Schwarzwaldes, im Elztal, im Dreisamtal und im Münstertal nicht zu übersehen. Liebevoll geplante Baugebiete einzelner Gemeinden wachsen zu einem gesichtslosen Siedlungsbrei zusammen. Die viel zu kleinen Naturflächen, die der Regionalplan zwischen den Gemeinden freizuhalten versucht, werden zu Stadtparks in einer sich entwickelnden Bandstadt. Es kann nicht darum gehen, Entwicklung aufzuhalten oder eine Käseglocke über die Region zu stülpen. Es muss darum gehen, negative Entwicklungen aufzuhalten und Lebensqualität zu erhalten. Wir brauchen eine gute, nachhaltige Planung, damit kleine Gemeinden im Schwarzwald nicht schrumpfen während andere Gemeinden wuchern.

22.1.2014, Axel Mayer
Mehr Infos:
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/verscheusslichung-des-breisgaus.html
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/flaechenverbrauch_vortrag.ht
http://www.mitwelt.org/kloster-tennenbach.html

Nur vernetztes Planen hilft
Es ist schon “bewundernswert”, wie wenig der eine oder andere Kommentator nach den Ursachen für den zunehmenden Flächenverbrauch fragt bzw. gegebenenfalls die erkennbaren Realitäten und Gewohnheiten von uns Menschen mit berücksichtigt. In Stichworten:
1. Wer in der eigenen Familie und im näheren Wohnumfeld die letzten Generationen zurückgeht wird feststellen, daß noch Mitte des vorigen Jahrhunderts gang und gäbe war, daß zwei bis teilweise drei Generationen mit jeweils mehreren Kindern unter einem Dach lebten. So brauchte man pro Erdenbürger sehr viel weniger qm, als heute und als Folge davon auch sehr viel weniger Häuser (und Grundstücke, auf denen diese gebaut werden);
2. Heutzutage fühlt sich so niemand mehr wirklich wohl. Singles, Kleinfamilien oder Paare verwenden oft mehr Wohnraum, als früher die unter 1) beschriebenen (Groß-) Familien. Das geht halt nicht ohne – ich wiederhole mich – zusätzlich gebaute Häuser.
3. Vor die Wahl gestellt, ob diese zusätzlich zu schaffenden Wohnflächen in Großblocks errichtet, oder in kleineren Wohneinheiten gewünscht werden, beantwortet sich von selber. Schauen mal alle, wo und wie sie wohnen. Fragen Sie überall nach, was gewünscht und gebraucht wird, die Antworten werden eindeutig sein. Bauflächen in Wohngebieten müssen nicht wie “Sauerbier” angeboten werden, sie werden gewünscht und gebraucht.
4. Also: Nicht hoffnungslos veraltetes Denken (sorry) in der Form von Sozialromantikern hilft zur tatsächlich schützenswerten Bewahrung dessen, was wichtig ist, sondern kluges und vernetztes Planen. Das ist das einzige, was wirklich hilft. Wer die ansonsten oben beschriebene Realität verkennt/ übersieht/ negiert, schadet der von ihm eigentlich verfolgten Zielstellung. Er wird nämlich dann nicht mehr ernst genommen. Das erweckt dann zudem den Eindruck des Wasserpredigers, der Wein trinkt. Davon haben wir auf entscheidenden Feldern ohnehin zu viele.
22.1.2014, Heinz Kleeb

Nachverdichtung als Lösung
Man kann auch wachsen, ohne immer mehr unverbrauchte Landschaft zuzubetonieren. Das Schlüsselwort heißt Nachverdichtung. Wer sich in den Stadtkernen größerer Städte umschaut, findet immer wieder zahlreiche niedrige sehr alte Gebäude neben weit höheren Gebäuden aus der Gründerzeit. Früher hat man Vilenviertel nach und nach durch urbane und hohe Blockrandbebauung ersetzt, wenn die Stadt mal wieder einen Wachstumsschub hatte. Dadurch wurden Flächen gespart. Heute bleiben die Innenstädte so groß wie sie sind, auch wenn die Stadt wächst. Denn um die alte Innenstadt haben sich längst Gürtel mit Gartenstädten mit niedrigen Zeilenhäusern gelegt. Diese großflächige Bebauung wird von Stadtplanern noch immer als das Non-Plus-Ultra des Siedlungsbaus angesehen, obwohl die Menschen tagtäglich mit ihrem Interesse für die Altbauwohnungen in der alten und urbanen Innenstadt zeigen, dass sie ganz anders leben möchten. Daher schießen die Mieten in den alten Stadtvierteln durch die Decke. Statt die Innenstadt durch Abbruch der Vorortsiedlungen nach und nach zu erweitern, baut man immer mehr Vororte mit viel Grün um jedes Haus. Damit schafft man aber nicht die Stadt, die die Bürger nachfragen, sondern einen Siedlungsbrei, in den die Menschen gezwungenermaßen ziehen, weil die knappen Wohnungen in viel zu kleinen Innenstädten nur noch von den Bestverdienenden bezahlt werden können.
Das ist im Großraum Freiburg auch nicht anders als in anderen Städten. Die Tatsache, dass hier die Grünen herrschen, besagt nicht, dass sie bei der Stadtplanung irgend etwas anders machen, als ihre Vorgänger, die diesen Blödsinn seit den 20er Jahren verbrochen haben.
23.1.2014, Rainer Brombach

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