Sprachenkolleg 50 Jahre

Umzingelt von der Sprache – 25000 Studenten aus mehr als 60 Nationen haben hier Deutsch gelernt: Das in Freiburg-Littenweiler beheimatete Sprachenkolleg für ausländische Studierende feierte jetzt 50-jähriges Bestehen. Es sind zwei sich scheinbar widersprechende Bilder, die aktuelle und ehemalige Schüler vom im Freiburger Osten beheimateten Sprachenkolleg entwerfen. Auf der einen Seite ist immer wieder zu hören, dass man hier “eine sehr schöne Zeit seines Lebens” verbracht habe, auf der anderen Seite gilt die Einrichtung als “Pauke“, in der man sich ganz schön ranhalten muss.
“Wir sind ein bisschen altmodisch”,  sagt Schulleiter Raimund Sesterhenn, der 1979 als Doktorand kam und seit 1989 Schulleiter ist in Bezug auf den Fleiß, der im Haus gefordert wird. “Wir haben eben eine Ahnung davon, wie schwer das Erlernen der deutschen Sprache ist, und wir haben keine Geschenke zu verteilen.” So wird von der ersten Stunde an nur noch Deutsch gesprochen, unzählige kleine Tests prägen den Unterrichtsalltag.
“Unsere Schüler sind umzingelt von der deutschen Sprache, ihre wichtigsten Instrumente sind ihre Ohren, sie müssen alles aufnehmen, was sie hören”, meint Sesterhenn. Und das zeigt in der Regel bald Wirkung: “Es ist ein unglaubliches Erfolgserlebnis, wenn jemand, der kein Wort sprach, nach drei Monaten kleine Gespräche führen kann.”
Lehrer als Freunde auf Augenhöhe. Wenn Schüler die Zeit im Sprachenkolleg trotzdem als so schön empfinden, hängt dies wohl auch mit der Vielzahl an Angeboten zusammen, die man im sozialen Bereich macht. Die Lehrer organisieren Ausflüge oder helfen beim Verfassen eines Briefes. Die Cafeteria des Hauses dürfen Studierende selbst mit Speisen aus ihren Herkunftsländern bestreiten, eine Brasilianerin soll einst wie ein Wilde gebacken und sich so das Studium mitfinanziert haben. “Ich fühle mich wie in einer Familie mit den Lehrern als Freunden auf Augenhöhe”, sagt etwa die Südkoreanerin Yun Young. Auch deshalb habe das Sprachenkolleg in Korea bereits einen hohen Bekanntheitsgrad.

 Sprachenkolleg 1962

Im Robert-Schlund-Saal der Thomas-Morus-Burse wurde in dieser Woche das Jubiläum gefeiert, und damit begab sich die Schule auf eine Reise in die Vergangenheit. Der Generalvikar Robert Schlund war einer der Ideengeber für die Gründung der von der Erzdiözese getragenen Sprachschule im Jahr 1962. Und in den Räumen der direkt neben dem seit 15 Jahren existierenden neuen Schulgebäude liegenden Thomas-Morus-Burse, einem katholischen Studentenwohnheim, das in diesem Sommer ebenfalls 50-jähriges Bestehen feierte, fanden die ersten Sprachkurse statt. Die Lehrer waren in den Anfangstagen noch höhere Semester unter den in der Thomas-Morus-Burse lebenden Studenten, bis vor etwa 30 Jahren war der Studentenpfarrer automatisch der Direktor des Sprachenkollegs. Die Studentenzahl stieg stetig an, man wich in alle möglichen freien Räume des Wohnheims aus, es wurde immer enger, was aber nie der guten Stimmung beim Lernen abträglich war. “So kann das nicht weitergehen” habe Weihbischof Paul Wehrle erkannt, erinnert sich Raimund Sesterhenn. Das war die Geburtsstunde des neuen Gebäudes, einem 3,5 Millionen Euro teuren dreigeschossigen Bau mit vier großen und zwei kleineren Unterrichtsräumen sowie einem Vortragssaal.

 Sprachenkolleg 2012

“Unsere Geschichte ist die einer zunehmenden Professionalisierung”, meint Direktor Sesterhenn. Seit 39 Jahren hat man einen Kooperationsvertrag mit der Universität,  seit 2005 arbeitet man mit dem Sprachlehrinstitut der Universität (SLI) zusammen. Das bringt mit sich, dass die DSH-Sprachprüfung, die Voraussetzung für ein Studium ist,  gemeinsam mit der Universität vorbereitet und abgenommen wird. Das Lehrerkollegium umfasst mittlerweile 14 Personen, größtenteils Teilzeitkräfte, die tarifbezahlt sind, was auf dem “Markt” Deutsch als Fremdsprache nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist. 164 Studenten aus 52 Ländern sind es derzeit, die am Sprachenkolleg Deutsch lernen. 780 Euro kostet zur Zeit ein dreimonatiger Kurs, das gilt im Vergleich zu ähnlichen Angeboten als günstig und ist möglich, weil die Erzdiözese Freiburg jeden Studienplatz mit mehr als 400 Euro bezuschusst und es zudem einen Landeszuschuss gibt.
Ein missionarischer Anspruch ist mit der Einrichtung, an der die meisten Studenten nicht dem christlichen Glauben angehören, aber nicht verbunden. “Wir sehen das Sprachenkolleg als ein Haus, das den Dialog zwischen der Weltkirche und der Weltgesellschaft pflegt, die den Studierenden das Rüstzeug für ihr Studium und ihr Leben gibt”, meinte der emeritierte Weihbischof Paul Wehrle beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen. Wehrle hat die Geschichte des Hauses seit 1989  begleitet und er erzählte auch noch einmal, wie es ihn bedrückt habe, als es in der Thomas-Morus-Burse für die ausländischen Sprachschüler immer enger und enger wurde. Und wie er sich gefreut habe, als die Erzdiözese grünes Licht für den von ihm geforderten Neubau gab.  In dem bereiteten zum Festakt die aus so vielen Ländern stammenden Studenten für ihre Gäste Speisen aus der ganzen Welt vor.
Otto Schnekenburger, 9.12.2012, www.der-sonntag.de

 

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