Senioren-Therapiebegleithund

Das Mittagessen im Evangelischen Stift in Freiburg ist bereits beendet. Doch den Speisesaal im Haus Schlossberg will an diesem Mittwoch fast keiner verlassen. Und an Mittagschlaf denkt sowieso keine der Damen von Wohnbereich Zwei. Denn für 15 Uhr hat sich ganz besonderer Besuch angekündigt: Nikan. Ein Golden Retriever, ein Jahr und neun Monate alt und von „Beruf“ Therapiebegleithund. Als sich die Tür öffnet und Nikan den Raum betritt, wird er schon sehnsüchtig von den 13 Damen im Wohnbereich erwartet. Zunächst einmal ist Kennenlernen angesagt. Ulrike Gruber geht einmal mit Nikan im Kreis herum. Und schon platzen die Damen mit ihren Fragen heraus. „Wo schläft denn der Hund?“, „Wie klein war er bei der Geburt?“, „Was frisst er?“, „Haben Sie noch mehr Hunde?“. Einen anderen Hund hat Ulrike Gruber noch, ebenfalls einen Golden Retriever. Mit diesem habe sie bereits seit drei Jahren ehrenamtlich immer wieder Heime besucht, erzählt sie. Ulrike Gruber arbeitet im therapeutischen Bereich in einer Suchtklinik. Und ist von der therapeutischen Wirkung von Hunden überzeugt. Immer wieder aufs Neue. Mit Nikan haben die Seniorinnen ihren Spaß, jede möchte ihn gerne streicheln. Doch nach dem Begrüßen wird erst einmal gespielt. Apportieren steht auf dem Programm. Bälle fliegen durch den Raum und Nikan freut sich. „Wer ist die Schönste im ganzen Land? Such dir die Schönste aus“, ruft Frau Werner. Frau Kirner ist glücklich, denn der Golden Retriever geht direkt auf sie zu. Plötzlich wirkt Nikan ein wenig nervös und beginnt sich zu kratzen. „Er ist gestresst“, weiß Frauchen Ulrike Gruber. Ruhe kehrt ein. „Nicht, dass er noch einen Herzinfarkt kriegt“, sagt Frau Werner besorgt. „Das ist Schwerstarbeit für Nikan“, erklärt Ulrike Gruber. Der Golden Retriever nimmt sich eine kurze Verschnaufpause. Dann geht es weiter. Futterbeutel werden versteckt, Nikan findet sie und erhält Applaus von den Damen. Einige Mutige dürfen anschließend die Beutel öffnen und Nikan füttern. Der Golden Retriever ist professionell ausgebildet. Ulrike Gruber erzählt, sie habe sich bewusst dazu entschieden, mit Nikan „fachlich alles richtig“ zu machen. Die professionelle Ausbildung zum Therapiebegleithund hat Nikan bei Bettina Mutschler absolviert. „Bereits mit sieben Monaten haben wir spielerisch begonnen.“ Das Freiburger Institut für Tiergestützte Therapie sei das einzige zertifizierte in ganz Deutschland, versichert Leiterin Bettina Mutschler, die sich selbst als „Hundeerziehungsberaterin“ bezeichnet. „Viele Menschen denken: Mein Hund ist so süß, ich gehe mit ihm ins Altenheim. Davon halte ich nicht viel“, sagt Mutschler. Schließlich seien Hunde nicht immer berechenbar und eine Eignung zum einen und die richtige Ausbildung zum anderen sei wichtig, bevor man Hunde auf Menschen loslassen kann. Grund für den tierischen Besuch im Evangelischen Stift war ein Preisausschreiben. Die Heimleiterin des Hauses Schlossberg Birgit H. E. Walkenhorst hat im Frühjahr auf der Altenpflegemesse in Hannover bei einem Gewinnspiel einer lokalen Firma teilgenommen. Ironie des Schicksals: „Das erste Mal, dass ich etwas gewonnen habe. Und ich habe doch Angst vor Hunden…“ Doch auch die Heimleiterin ist Nikans Charme schließlich erlegen und begeistert, wie gut er erzogen ist. „Da hätten wir Unterhaltung, wenn Nikan immer da wäre“, ruft Frau Werner, als sich Hund und Frauchen verabschieden. Die Heimleiterin hat den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden: Zwei Studierende der Katholischen Fachhochschule würden gerne ihr Praxissemester am Evangelischen Stift absolvieren, erzählt sie. Das Thema, das sie gewählt hätten, sei: Tiere. Es wird also wohl auch weiterhin tierisch im Haus Schlossberg zugehen. Therapeutisch-tierisch.
25.10.2012, Katrin Hauf, www.stadtkurier.de

 

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