Selbstoptimierer – Quantified Self

Die Ideen der 2007 in Kalifornien gegründeten „Quantified Self – Selbsterkenntnis durch Zahlen“ sind in Deutschland angekommen: Self-Tracker, Selbstvermesser bzw. Selbstoptimierer versuchen, den Wunsch nach menschlicher Perfektion mithilfe der modernen digitalen Datentechnik zu erfüllen. „Normalerweise schlägt man nur einfach wild um sich beim Versuch, etwas in seinem Leben zu verändern. Beginnt man aber, verlässliche Daten über sich selbst zu sammeln, ändert sich alles“, so Gary Wolf, der Gründer von Quantified Self.
   
(1) Sensoren, Apps, Programme und Cloud
Das individuelle Überwachungssystem des Selbstoptimierers hat 4 Komponenten:

1) Sensoren am eigenen Körper nehmen rund um die Uhr Messungen vor
2) Apps auf dem Smartphone saugen die Daten auf und bündeln sowie übertragen sie
3) Programme/Algorithmen auf den Laptop stellen die Daten in Grafiken und Tabellen dar
4) Speicher in der Cloud bewahren die Megabyte große Selbstbespiegelung im Netz auf

So erhält er jederzeit online Feedbacks, um sein Leben zu kontrollieren. Ein Stick am Bund der Jeans zählt jeden Schritt. Am Schreibtisch notiert er alle 30 min in einem Produktivitäts-Log, was er gemacht hat. Ein Internetdienst kontrolliert, ob er auch einmal in der Woche fastet, jeden Tag Italiensch lernt und einem im Monat ein Buch liest. Abends legt er ein Stirnband an zum Aufzeichnen der Gehirnaktivität bzw. Schlafmuster. Täglich wertet er die Protokolle über seine Aktivitäten aus. Und er füttert das digitale Tagebuch Daytum oder „Day One“ mittels Smartphone und PC.

(2) Protokolle zur Selbstkontrolle

Die Idee, sich selbst über Protokolle zu kontrollieren, ist uralt. So verspürte Goethe eine Art Zwang zur Tagesbilanz und notierte über 35 Jahre hinweg Tag für Tag Spazierwege, Essen, Gesprächspartner und Fortschritt seiner Werke. Aber er kannte keine Excel-Tabellen zur Auswertung der Fortschritte, keine Tagesanalysen und er konnte sich nicht anderen vergleichen. Sensoren, Internet und Big Data heben die Selbstoptimierer in eine neue Ebene mit hohen Zielen: „Mehr und besser arbeiten, gesünder sein und glücklicher, eine gute Beziehung führen und die Zeit besser verbringen. Kurz: ich will mir besußt sein, wie ich lebe“ – so ein Selbstoptimierer von 27 Jahren.

Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnet das permanene Nach-oben-Streben als Vertikalspannung. Für ihn ist die Selbstoptimierung an die Stelle der alten Glaubenslehren getreten. Denn nachdem die vielen Ideologien ausgedien haben, beibt dem Individuum nur noch die eine große Idee, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Die einen tun dies als neue pure Leistungsideologie ab. Die  anderen bejubeln die Chancen der Selbstdisziplinierung.

Der Daytum-Gründe Nicholas Felton veröffentlichte die Leistungsschau seines eigenen Lebens seit 2005 online in detaillierten Grafiken.

 

(3) Die Macht der Disziplin
In seinem Bestseller „Die Macht der Disziplin“ lässt der US-Psychologe Roy Baumeister den entfesselten Kapitalismus als Januskopf erscheinen, der einerseits ein Überangebot an käuflichen Verführungen herstellt, andererseits die digitalen Werkzeuge zur Selbstdisziplinierung produziert – der Januskopf verdient natürlich an beidem. Die Konsumanreize überforden den Menschen: Mail, Newsseiten und Online-Games am Arbeitsplatz. Süß-fett-bunt im Supermarkt. Freizeitoptionen zuhause. Das permanente Widerstehen all dieser Verlockungen erschöpfen, da helfen uns die digitalen Wunderwaffen zum Widerstehen, zur Stärkung der Disziplin. Kleine Apps sollen die vielen Probleme lösen: Aggression, Fehlernährung, Kaufrausch, Schuldenmachen, Lernschwäche, Sucht, Unbeweglichkeit.

 

(4) Apps zur Vermessung
Das Selbstmanagementprogramm 6wunderkinder.de haben 4.5 Millionen angehende Selbstoptimierer seit 2011 heruntergeladen. „Du hast deine App, siehst ein Job-Offer und loggst dich ein.“, so der 27jährige Firmengründer Christian Reber aus Brandenburg.

Die Berliner Sparkasse hat 2/2013 über 300 Mitarbeiter mit digitalen Schritzählern ausgestattet.
Aviva gewährt Versicherten 20% Rabatt, wenn sie ihren Fahrstil von einer App kontrollieren lassen.

Die Schweizer Vermessungsplattform Decadoo soll in größeren Industrieunternehmen eingeführt werden, um den Health Score des Personals zu optimieren.

Apps zur digitalen Gesundheitskontrolle werden in naher Zukunft nicht mehr „nice to have“ sein, sondern „need to have“. Denn Diabetes, Herzprobleme und künstliche Gelenke aufgrund von Fettleibigkeit können nicht mehr bezahlt werden – die passenden Apps lieben bei den Krankenkassen bereit.

 

(5) Selbstoptimierter Datenschutz

Big Data liefert Unmengen von Daten über Leistung, Tagespläne, Schlaf, Sport,Gewicht, Lebensziele, Colesterinspiegel usw. Wer liest mit? Nach dem NSA-Skandal stellt sich die Frage nach dem Datenschutz gerade für die rasant wachsende Branche der  Selbstoptimierer neu. Das digitale Tagebuch Daytum verlangt 4 Dollar/Monat extra zur Geheimhaltung der eigenen Daten – sonst bzw. vorher waren demnach rei ugänglch?

 

Ob Selbstoptimierer eine neue narzisstische Generation bilden werden? Da mag folgende Frage nachdenklich stimmen: Was wäre, wenn all die Phantasie, all die Kraft, all der Elan und Erfindergeist, das Geld und all die Zeit, die Selbstoptimierer in sich selbst investieren, anderen zugute kommen würde?

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