Regionale Produkte versus spanisches Treibhausgemüse

Kann man da nichts machen? Warum wir Tomaten auf den Augen haben müssen, im Winter spanisches Treibhausgemüse zu essen

Eine Vorahnung entwürdigender Lagerbaracken findet man in dem berühmten Roman “Onkel Toms Hütte” . Er schildert Mitte des 19. Jahrhunderts die Unterkünfte der schwarzen Sklaven im Süden der USA. Erschöpft und übermüdet, sind sie an das nackte materielle Dasein gefesselt. Was vor drei Wochen unter der Überschrift “Bittere Tomaten” und dem Blickfang einer unendlichen Plastikdächerfläche an der Südküste Spaniens im BZ-Magazin zu lesen war, erinnerte daran. “Was wir hier haben, ist neue Sklaverei”, zitiert der Beitrag eine Menschenrechtsaktivistin, “in ganz Europa isst man Gemüse und Obst, das von Menschen gepflückt wird, die völlig entrechtet arbeiten, gedemütigten Menschen, auf denen man herumtrampelt.”

Geschildert wird das Plastikmeer von Almeria, das bis zu 15 Kilometer ins Landesinnere reicht. Darunter in Reih und Glied an langen Drahtseilen, von Versorgungsschläuchen begleitet, Paprika und Aubergine, Gurkenpflanze und Tomatenstaude – eine endlose Geometrie. Unter den Planen arbeiten bei 50 Grad, in pestizidgeschwängerter Luft, die pflückenden Billignomaden — hier zumeist Marokkaner. Ihre Arbeitgeber, ehemalige spanische Bauern, sind agroindustrielle Kleinunternehmer. Nicht selten werden wegen Überproduktion bis zu mehreren hundert Tonnen des Gemüses vernichtet. Und die Gastarbeiter erleben Rassenhass. Wie lesen wir diese Reportage “Bittere Tomaten” ? Wohl mit dem Stoßseufzer: “Furchtbar, aber da kann man nichts machen.” Wir hören sie oft, diese Formel. Sie ist so geläufig, dass man sich fragen kann, ob eine Werbeagentur daran beteiligt ist, die sich auf Entmutigungsformeln spezialisiert hat. Dass etwas unabänderlich ist, stimmt immer genau so lange, bis jemand das Gegenteil beweist. Es gilt im kleinen wie im großen Maßstab. Die gern bespöttelten Idealisten sind oft die intelligenteren, weitsichtigeren Realisten und die überlegenen “Realisten” nur die bequemeren Betonköpfe.

Man kann gegen die beschriebenen Zustände sehr wohl etwas machen und sollte es tun. Was hier beschrieben wird, ist eine Zukunft, die auch bei uns längst begonnen hat und mit der wir verzahnt sind. Die südspanische Plastikplanenanlage ist ja das Treibhaus der Deutschen. Von den 1000 Lastwagen, die in der Hochsaison mit Paprika, Tomaten, Gurken und Auberginen beladen jenes Gebiet verlassen, sind 70 Prozent für den deutschen Haushalt bestimmt. Manche fahren durch Freiburg, halten vielleicht sogar, und wir kaufen im Netz die roten, gelben und grünen Paprika mit dem Aufkleber “Gärtners Beste” — als habe ein Gärtner mit Gießkanne und grüner Schürze sie gezogen und nicht ein Drei-Euro-Marokkaner. Der Nahrungsmittelmarkt blendet mit einer verlogenen, längst vergangenen Scheinwelt. Eine Hightech-Hallenanlage in Niedersachsen, in der die Hälfte der Hähnchen, die in Deutschland verzehrt werden, einem durchrationalisierten kurzen Lebens- und Sterbeprozess unterworfen sind, nennt sich “Wiesenhof” .

Und auch in der Oberrheinebene gibt es die Entwicklung zum industriellen Anbau von einzelnen Früchten und Gemüsen, die sich entweder besonderer staatlicher Unterstützung oder einer ausgewählten Popularität unter der Kundschaft, wie der Spargel, erfreuen und deshalb im Übermaß mit allen negativen Konsequenzen angebaut werden. Die industrielle billige Massenproduktionen, dort und hier, stützen einander, bedingen und stabilisieren sich gegenseitig. Und dass es sie noch in Südspanien und in der Rheinebene gibt, ist eine Übergangsform. Sie könnten von Spanien nach Nordafrika, vom Oberrhein nach Osteuropa wandern, wo alles noch billiger produziert werden kann. Der technische Fortschritt übergibt die letzte Schwundstufe von Menschenhandarbeit einer zuverlässigeren und präzis steuerbaren Maschine, weil dort die Ackerschläge maschinentauglich sind und das Hundertfache messen.

Was ist dagegen zu machen? Man muss das Ganze ins Auge fassen, den Zusammenhang, und einen Kreislauf durchbrechen, muss den Mut haben, eine Kausalkette umzukehren. Man kann den Strukturwandel für einen schicksalhaften Vorgang halten, der nichts als Anpassung erlaubt, für einen Mythos wie die große Globalisierung, man kann ihn aber auch als Handlung auffassen, in die Hand nehmen und als aktivem Strukturwandel ihm eine bewusste Prägung geben. Produktionsformen sind Lebensformen. Die Frage stellt sich also: Welche Lebensform wollen wir?
Der Breisgau ist ein subtropisch fruchtbarer Landstrich, was wächst hier eigentlich nicht? Auf einem Quadratmeter wächst hier so viel wie auf manchem Zehnquadratmeterstück in der norddeutschen Geest. Aber von dem Obst und Gemüse, das von Freiburger Bürgern gekauft wird, stammen nur fünf Prozent aus dem näheren Umland. Im Winter, wird vielleicht mancher sagen, da ist man doch auf den Süden angewiesen. Ist man? Auch zu Weihnachten gibt es hier noch 35 verschiedene Gemüse und Salate, nur eben keine Tomaten und Gurken. Es gilt nicht das Eine durch das Andere vollkommen zu ersetzen, sondern es geht darum, ein bewusstes Maß zu finden.

Der Kunde ist König, heißt es völlig zu Recht. Warum begreift er nicht seine Macht? Wer kauft, vergibt einen Auftrag. Wer sein Geld dafür ausgibt, was hier erzeugt wird, vergibt einen Auftrag an die eigene Region und — wir übertreiben nicht — er gestaltet ihre Zukunft, entscheidet über sie. Der Wirtschaftstyp prägt die Kulturlandschaft, was bei uns “Natur” heißt, ist größtenteils das Ergebnis des vor 8000 Jahren begonnenen Landbaus, ist menschliche “Kultur” . Die Natur davor war weit eintöniger als sie es heute ist, und sie ist auf dem Weg, durch menschlichen Eingriff wieder eintönig zu werden. Monokultur erzeugt Monotonie, Polykultur Vielgestaltigkeit. Aber es geht uns hier nicht zuerst um den Landschaftseindruck, es geht um Lebensformen, die Herstellung vielseitiger Überlebensbedingungen und insofern um Wertschöpfung. Man kann die Rheinebene in ein Maisfeld verwandeln, auf dem wenig Leute und von Satelliten gesteuerte Maschinen stumpfsinnige Arbeit verrichten und dabei kaum Wertschöpfung stattfindet, und man kann sie als vielgestaltige und vielstufige Landwirtschaft erhalten und ausbauen und dadurch die regionale Wertschöpfung erhöhen.

Ein Hof, der kilometerweit nur Rotkohl erzeugt, macht nicht nur einen monotonen Eindruck, er kommt mit wenig Arbeitskraft aus und beschäftigt nur in der Erntezeit etliche unausgebildete Billiglohnarbeiter. Sein Saatgut kommt etwa aus China, der Stickstoff aus Trinidad. Die Landwirtschaft ist nahezu abhängig von nur noch wenigen Saatgutkonzernen, die auf dem Weg fortwährender Patentierung die Welternährung in der Hand haben, auf Hochleistungssorten reduziert sind und zugleich durch technischen Eingriff (Hybridzüchtung) unterbinden, dass man von der nächsten Generation einer Sorte Saatgut nehmen kann.

Die Arbeit ist einseitig. Der Spielraum der Entscheidungen, der Handgriffe, der Erfahrungen ist schmal. Ein solcher Betrieb erzeugt viel Transport, nämlich die rollenden Lagerhallen auf unseren Straßen; er trägt bei zum Klimawandel, verseucht nicht selten die Böden, weshalb in Holland schon 97 Prozent aller Fruchtgemüse in Mineralwolle und nicht mehr in gewachsenem Boden wachsen, und macht landwirtschaftliche Ausbildung überflüssig, scheinbar überflüssig. Welchen Sinn hätte hier eine landwirtschaftliche Lehre, es gibt schon jetzt kaum noch Lehrlinge und Ausbildung, kaum noch Überlieferung von Fertigkeiten und Fähigkeiten auf dem Sektor Ernährung durch Landwirtschaft. Das könnte einmal teuer werden; das negative Kapital, das auf diesem Sektor produziert wird, kommt in der öffentlichen Rechnung bisher nicht vor.

Die Nebeneffekte des landwirtschaftlichen Produzierens müssen endlich stärker bewertet werden, auch finanziell und betriebswirtschaftlich, also die Ausbildung, die Vermittlung von Fertigkeiten und Kenntnissen, sinnstiftende anstatt stumpfsinniger Arbeit, die Beschäftigung von Fachkräften, das nachhaltige Wirtschaften, die Bodenfruchtbarkeit, die Krisenfestigkeit durch vielfältige Bewirtschaftung, die Förderung der Region durch regionale Wertschöpfungsketten, die Vermeidung übertriebenen Transports. Es würden andere Höfe entstehen, wenn die Gesichtspunkte eines rationalen Realismus Geltung bekämen. Ein Hof, der fünfzig oder siebzig Gemüsesorten erzeugt oder fünfzehn Obstsorten, macht nicht nur einen vielgestaltigen Eindruck, er beschäftigt Fachkräfte, mehr Arbeitskräfte, schafft Arbeit. Er kann ausbilden, fachlich qualifizieren. Die Arbeit ist vielseitig, anspruchsvoll und abwechslungsreich, hat erhebliche Entscheidungs- und Erfahrungsspielräume und fordert heraus, sie teilt von selbst durch täglichen Umgang und Anschauung, Kenntnisse und Fertigkeiten mit. Er erzeugt wenig Transport und kann, wenn er will, sein Saatgut und seinen Stickstoff selbst erzeugen, in Zukunft vielleicht auch seinen Treibstoff. Ein solcher Hof, genauer gesagt, eine solche Hoflandschaft, zeichnet sich aus durch erhöhte Krisenfestigkeit.
Wie aber kann man hoffen, nachdem in den letzten 20 Jahren die Hälfte der Höfe in Baden-Württemberg aufgegeben hat und eine weitere Welle des Aufhörens bevorsteht, wie kann man erreichen, dass sich dennoch in dem hier aufgezeigten Sinn, eine notwendige Anzahl zum Weitermachen entschließt?

1. Indem man die Gesamtrechung aufmacht, nicht nur die betriebswirtschaftliche, sondern eine, die bedenkt, was der Erhalt unserer Kulturlandschaft, das Gebiet der Arbeit, die Wertschöpfung in der Region, die krisenfeste gesunde Ernährung, die Kontinuität der Sortenvielfalt bedeuten würden und wie eine Landwirtschaftspolitik darauf reagieren kann.
2. Indem der Kunde sich als König begreift, als einer, der sich in einem nicht sentimentalen, sondern in einem nüchternen und klug ökonomischen Sinn für die Region mitverantwortlich fühlt und zeigt. Die Höfe brauchen verlässliche Abnehmer, es lassen sich Verträge mit Institutionen denken. Es lässt sich ein Pakt zwischen Stadt und Land denken. Es lässt sich vorstellen, dass der Kunde bewusst den Markt in die Hand nimmt und nicht der Markt die Kundschaft.

Christian Hiß und Uwe Pörksen am 11.3.2006 in der BZ
Christian Hiß (45) ist Gärtnermeister in Eichstetten am Kaiserstuhl, Demeterhof Hiß
Uwe Pörksen (71) ist emeritierter Professor für Sprache und Ältere Literatur in Freiburg.

Andalusien – größter industrieller Wintergarten der Welt >Ernaehrung1(18.3.2006)

Wir brauchen keine Erdbeeren im Januar – Agrarwesen und Verbraucher
Herzlichen Glückwunsch Herrn Uwe Pörksen und Herrn Christian Hiß. Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Ich bin schon lange ein Gegner dieser Anbaumethoden, aber wir Endverbraucher sind unter dem Strich selber schuld. Wir haben das Plastikmeer von Almeria gesehen und uns über die Anbautechniken vor Ort informieren können. Ein Fließband ist ein Nichts gegen diese Arbeitsbedingungen. Was erschwerend dazu kommt, ist, wenn ein Produkt nicht der EU-Norm entspricht oder gerade eine Überproduktion herrscht, zum Beispiel die Tomaten oder die Gurken einfach vernichtet werden, tonnenweise! Aus meiner Sicht muss ein Umdenken in einer umweltbewussten Bevölkerung stattfinden, sonst hat das Elend in Spanien kein Ende. Wir brauchen keine Erdbeeren im Januar oder Kirschen im Feb ruar. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass es so viele Menschen gibt, die Freude daran haben, verseuchtes Obst und Gemüse zu essen, oder doch?
BZ-Leserbrief von 8.4.2006 von Klaus Messing, Maulburg

 

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