StGeorgen

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Tele-Blick vom Käppele nach Westen über St. Georgen und Industriegebiet Haid zum Kaiserstuhl am 7.11.2010

 

Blick von Herdern nach Süden über die Freiburger Altstadt zum Schönberg am 10.5.2013 - rechts St.Georgen

 

 

                   
(1) Schönberg am 5.5.2013                    (2) Bahnhof St.Georgen am 5.5.2013   (3) Bifänge am 5.5.2013

         
(4) Blick zum Wohnstift Augustinum am Fuß des Schönbergs 5.5.2013

(1) Blick nach Süden zum Schönberg ab 5.5.2013 – rechts Leutersberg
(3) Blick nach Osten am Fuß des Schönbergs übers Wohngebiet Bifänge zum Schwarzwald am 5.5.2013

 

 

 

Vor 75 Jahren – Zwangseingemeindung von St.Georgen nach Freiburg

Im April jährt es sich zum 75. Mal, dass St. Georgen ein Stadtteil Freiburgs wurde. Das, was Robert Wagner, der damalige NS-Reichsstatthalter Badens, am 2. Februar 1938 verfügt hatte, war ein Verwaltungsakt. “Und für die St. Georgener ein Schock”, sagt Georg Koch, der von 1985 bis 1997 Vorsitzender des Bürgervereins Freiburg-St. Georgen war und die Hintergründe des historischen Ereignisses gründlich recherchiert hat. Mit 3000 Einwohnern und einer Gemarkungsfläche von 1620 Hektar war St. Georgen die größte Gemeinde im damaligen Landkreis Freiburg. Ihr Gebiet erstreckte sich vom Mooswald bis zum Lorettoberg und vom Schönberg bis nach Haslach, Betzenhausen und Lehen. Wo heute die Stadtteile Rieselfeld und Vauban bestehen, ließen die St. Georgener Landwirte einst ihre Kühe weiden. Freiburgs nationalsozialistischer Oberbürgermeister Franz Kerber hatte die Eingemeindung von 1934 an betrieben. Gegenüber dem Badischen Bezirksamt klagte er, dass sich die St. Georgener Gemarkung “wie eine Kette um die Stadt” lege und “jeden Fortschritt und jede organische Weiterbebauung des Gebietes” verhindere. 1935 beantragte er die Eingemeindung von St. Georgen, Merzhausen, Ebnet, Horben und Lehen, was zunächst abgelehnt wurde.

 

Die „Stube“ – einst St. Georgens Rathaus – verlor nach der Zwangseingemeindung nach Freiburg an Bedeutung. Heute beherbergt sie ein Gasthaus und Vereinsräume. Im ehemaligen Spritzenhaus (rechter Bildrand) befindet sich das Gemeindesekretariat als Verwaltungsaußenstelle.

St. Georgens Nein blieb unbeachtet
1937 hatte sich die Wehrmacht in der Schlageter-Kaserne, die auf den St. Georgener Gemeindewiesen errichtet wurde, einquartiert, weil die Stadt keine Flächen dafür zur Verfügung stellen konnte. Kerber wiederholte seinen Antrag, zumal die Stadt den kommunalen Anteil der Erschließungskosten bezahlt hatte. “Derartige militärische Angelegenheiten” würden noch weitere gemeindliche Aufgaben mit sich bringen, denen “die kleinen bäuerlichen Nachbargemeinden” nicht gewachsen seien, argumentierte er. Im November 1937 verfasste der Reichsstatthalter einen Entwurf über die Eingliederung, der vom Freiburger Gemeinderat einseitig bejaht wurde. Das Nein des St. Georgener Gremiums blieb unwirksam. Wie ohnmächtig die St. Georgener waren, zeigte sich daran: Im Februar 1938 reisten der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Hermann Heer sowie zwei Gemeinderäte nach Berlin, um im Reichsinnenministerium Einspruch einzulegen. Von einem Ministerialrat erfuhren sie, dass der Reichsstatthalter die Angelegenheit entschieden habe. Auf der Rückfahrt machten sie in Karlsruhe Station, wurden jedoch nicht einmal vorgelassen. Tags darauf war in der damaligen Freiburger Zeitung zu lesen: “Die Staatsaufsichtsbehörde hat dem Antrag des Oberbürgermeisters von Freiburg auf Eingemeindung stattgegeben und die Zusammenlegung genehmigt.” Am 1. April 1938 trat sie in Kraft.
1933 gab es im Ort nur 15 NSDAP-Mitglieder
Genau genommen hatte die Gemeinde St. Georgen ihre Souveränität schon 1933 verloren, als ihr Bürgermeister Adolf Keller abgesetzt wurde. Das Mitglied der konservativen Zentrums-Partei wollte nicht der NSDAP beitreten. Nach Keller, der 1951 starb, ist im Ortsteil Uffhausen ein Straße benannt. In seine Amtszeit fiel der Bau der Schönbergschule, der Festhalle und des St. Georgener Freibads – Einrichtungen, die alle heute noch bestehen. Die Parteikreisleitung bestimmte zunächst ein Mitglied der Haslacher NSDAP-Ortsgruppe zum kommissarischen Bürgermeister und setzte neue Gemeinderäte ein, womit die Gleichschaltung vollzogen war. In St. Georgen selbst zählte die Partei 1933 erst 15 Mitglieder. Dazu gehörten der Ratsschreiber Karl Vögele, der kurze Zeit Bürgermeister war, 1937 jedoch wegen “Unbotmäßigkeiten gegen die Gemeindepolitik” wieder abgesetzt wurde, und Hermann Heer, der als Bürgermeister die Eingemeindung vollziehen musste.Gemeindesekretariat ist bis heute eine Besonderheit
Das St. Georgener Rathaus an der Blumenstraße, die “Stube”, die schon von 1574 bis 1831 Sitz des Vogtes und des Ortsgerichts und danach des Bürgermeisteramtes war, verwaiste danach. Ein Ortsbeauftragter führte einfache Verwaltungstätigkeiten aus. Daraus entstand später ein Gemeindesekretariat, das bis heute als Außenstelle des Freiburger Bürgeramtes im historischen Spritzenhaus des Ortsteils Uffhausen neben der “Stube” besteht. So kommt es, dass es in St. Georgen als einzigem Stadtteil der Kernstadt eine Verwaltungsstelle gibt, in dem die Bürger – ähnlich wie in den Rathäusern der in den 1970er Jahren eingemeindeten Ortschaften – Verwaltungsangelegenheiten vor Ort regeln können.Im Hinblick darauf, dass es anderen Gemeinden in Baden-Württemberg gelungen war, zwangsverordnete Eingliederungen nach dem Niedergang der Gewaltherrschaft rückgängig zu machen, stellt sich die Frage, warum das in St. Georgen niemand versucht hat. Nach Einschätzung Georg Kochs, Jahrgang 1933, der Gespräche mit längst verstorbenen Zeitzeugen in Erinnerung hat, “war einfach niemand da, der das in die Hand genommen hat. Adolf Keller wurde angesprochen, aber gebrochen von der Amtsenthebung hatte er sich total zurückgezogen. Andere engagierte und aktive Bürger waren im Zweiten Weltkrieg gefallen oder hatten sich wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP zu verantworten.”
Als Versäumnis bezeichnet Koch, dass der Eingemeindungsvertrag, der von der Gemeinde St. Georgen nie unterzeichnet worden ist, später nicht auf eine rechtsstaatliche Grundlage gestellt wurde. “Man hätte ihn überarbeiten und die Interessen unseres Ortes fixieren sollen”, meint er, “vieles mussten wir erkämpfen.” Als Beispiele nennt er, dass das Schwimmbad erhalten blieb – 1992 drohte die Schließung – oder dass Vereinsräume zur Verfügung stehen und die Festhalle saniert wurde. Der 1950 gegründete Bürgerverein Freiburg-St. Georgen kämpft auch heute, und zwar unter anderem dafür, dass das Stuben-Areal zu einem Stadtteilzentrum entwickelt wird.
10.4.2013, Silvia Faller

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