Oekologisierung Landwirtschaft

Solange die Weltbevölkerung wächst und die landwirtschaftlichen Nutzflächen abnehmen, wird eine ertragsmindernde und kostensteigernde Ökologisierung der Landwirtschaft – zumindest global – ein Traum bleiben. Auch wenn Aufrufe zu weniger Konsum und Verschwendung in satten Gesellschaften mehr als berechtigt sind.

Die von Jennifer Morgan geforderte Ökologisierung der Landwirtschaft und der Veränderung unserer Ernährungsgewohnheiten wecken Erinnerungen an meine Schülerzeit von 1943 bis 1949 im dörflichen Südosten Schleswig-Holsteins.
Vieles war damals schon Wirklichkeit. Da chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel noch auf ihre Erfindung warteten, war alles, was schädliche Insekten, Unkräuter und Pilzkrankheiten übrig ließen, biologisch-ökologisch erzeugt. Auch ohne Biolabel konnte man sich darauf verlassen, garantiert chemiefreies und ausschließlich regional und saisonal erzeugtes Obst, Gemüse, Getreide und Fleisch zu verzehren, wenn auch in unzureichenden Mengen und Qualität.

Die manuelle Bekämpfung von Unkräutern durch Pflügen und Hacken, sowie der fressenden Insekten wie Kartoffelkäfer oder Raupen war ineffizient genug, die Artenvielfalt auf Äckern und in Gärten nicht zu gefährden. Die sommerlichen Roggenfelder – oft vom giftigen Mutterkornpilz befallen – schmückten sich mit Kornblumen, Margeriten und Mohn. Aussichtslos gestaltete sich der Umgang mit Obst- und Bodenschädlingen, doch man lernte rasch, die Schadstellen aus wurmstichigen, verschorften Äpfeln und von Maden befallenen Karotten und Rettichen herauszuschneiden.

Auch wenn die damals kleinbäuerliche Tierhaltung den heutigen Vorstellungen vom Tierwohl nicht in allen Einzelheiten entsprechen dürfte, hatten alle Nutztiere genügend frische Luft, Platz, Auslauf und menschliche Zuwendung. Die Frischmilch direkt vom Bauern oder aus den kleinen regionalen Meiereien konnte genauso auf eine Pasteurisierung verzichten wie Hühnereier auf die heute üblichen Stempel. Dass man sich Fleisch nur sonntags oder an besonderen Festtagen leisten konnte, dürfte den Vorstellungen von Greenpeace entgegenkommen.
Essensreste wurden gegessen und trotz Fehlens von Kühlschränken und Haltbarkeitsdaten nicht weggeworfen, sondern kreativ verwertet. Die uns zur Verfügung stehenden Nahrungsmittelmengen ließen Übergewicht und Fettleibigkeit gar nicht erst aufkommen, und die selbstverständliche Wiederverwendung von plastikfreiem Einkaufs- und Verpackungsmaterial belastete noch nicht das ökologische Gewissen der Konsumenten.
Der Einsatz von Pferden bei der Bodenbearbeitung und Ernteeinbringung verringerte den Verbrauch knapper fossiler Treibstoffe und die Emission schädlicher Abgase. Die kleinen Äcker und Felder waren durch “Knicks” voneinander getrennt. Sie wirkten als Windschutz, reduzierten die Bodenerosion auf den gepflügten Äckern und boten Insekten und Vögeln geschützte Lebensräume.
Wer sich daran gewöhnt hat, jederzeit seine bevorzugten, hygienisch verpackten Nahrungsmittel aus aller Welt in ausreichender Menge, Auswahl und guter Qualität konsumieren zu können, sollte dies nicht verdrängen: Solange die Weltbevölkerung wächst und die landwirtschaftlichen Nutzflächen abnehmen, wird eine ertragsmindernde und kostensteigernde Ökologisierung der Landwirtschaft – zumindest global – ein Traum bleiben. Auch wenn Aufrufe zu weniger Konsum und Verschwendung in satten Gesellschaften mehr als berechtigt sind.

Der Biolandbau kann nur als Nische in einem konventionell arbeitenden Umfeld erfolgreich sein. Auch in Zukunft werden wir nicht auf unsere gut erforschten “Medikamente für Nutzpflanzen” verzichten können. Dabei ist zu hoffen, dass die Bewertung ihrer Wirkungen und Nebenwirkungen (Nutzen und Risiken) sowie deren Kommunikation nicht postfaktisch emotional, sondern ausschließlich auf der Basis von Vernunft und seriöser Forschung erfolgt.
7.4.2018, Günther Voss, Inzlingen, BZO
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Zu: “Die Kosten sind einfach zu hoch”, Interview von Jörg Buteweg mit Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan (Wirtschaft, 15. März)
http://www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/greenpeace-chefin-billiges-essen-ist-zu-teuer–150420402.html

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