Oberrieder stehen zu ihrem Dorf – Umfrage, Heimatgefuehl, Demografie

Die Schwarzwaldgemeinde Oberried vermittelt ihren Bürgern ein starkes Heimatgefühl: 96 Prozent der Einwohner des Kernortes und der Ortsteile Zastler und St. Wilhelm haben bei einer Umfrage des AGP-Institutes der Evangelischen Hochschule Freiburg (EH) angegeben, sich dem Ort zugehörig zu fühlen. Dass die Hofsgrunder mit nur 36 Prozent dagegen deutlich abfallen, verwundert Kenner kaum – die Eingemeindung ist in dem Höhendorf auch nach 40 Jahren nicht überwunden. Zwischen den Bewohnern von Berg und Tal gibt es also nach wie vor Unterschiede, was ihr Verhältnis zur Gesamtgemeinde betrifft. Dennoch sind die Ergebnisse der vom Gemeinderat 2011 bei EH-Professor Thomas Klie in Auftrag gegebenen Studie sehr aufschlussreich. Dank sehr guter Rücklaufquoten der Haushaltsbefragung mit 43 Prozent und 41 Prozent beim Extrabogen für Menschen über 40 Jahren konnten, so die auswertenden Studenten, viele Daten festgestellt und wichtige Erkenntnisse ermittelt werden.
Für Bürgermeister Franz-Josef Winterhalter gab es zwei wichtige Gründe, sich mit fundierten Zahlen an wichtige Planungen zu machen. So geht die demografische Entwicklung der Gesellschaft auch an Oberried nicht vorbei. Hier leben viele alte Menschen, aber das – wie jetzt deutlich ist – sogar gerne. Zum Thema altersgerechte Wohnungen bietet sich eine attraktive räumliche Lösung an: Die Arbeiterwohlfahrt will bis zum Jahresende ihre zwei Wohnheime an der Brugga für Menschen mit Behinderungen auflösen. Haus- und Grundstückseigentümer ist der Orden der Ursulinen in Freiburg. Und die würden für geringe Erbpacht Haus und Hof der Gemeinde Oberried zur weiteren sozialen Verwendung überlassen. Für die Betriebsträgerschaft von dort angedachten “Lebensformen für würdiges Leben im Alter” schwebt Winterhalter eine “Dienstleistungsgenossenschaft” vor.
Aus der EH-Untersuchung “Altersgerechtes Wohnen in Oberried” sind für alle drei Fragestellungen verwertbare Erkenntnisse erwachsen. So war nicht nur für den Bürgermeister die Erkenntnis erschreckend, dass immer noch zu wenig Menschen daran denken, ihre Wohnungen alterstauglich herzurichten. Dabei lebt schon jetzt in 44 Prozent der befragten Haushalte mindestens eine Person, die 65 Jahre oder älter ist. Und in acht Prozent wohnen 80-Jährige und Ältere. “Nach den objektiven Fakten der Altersgerechtigkeit betrachtet”, stellt Professor Klie fest, “sind nur 1,5 Prozent der befragten Haushalte in Oberried barrierefrei”. Wenn bei Umbauten mal ans Alter gedacht werde, sei das meistens nur im Bad zu sehen.
In 44 Prozent der befragten Haushalte lebt mindestens eine Person im Rentenalter: Angesichts dieser geahnten und nun belegten Fakten will Bürgermeister Winterhalter mit dem Gemeinderat das Denken über die Alterstauglichkeit verstärken: “Das muss in die Köpfe der Menschen. Allerdings ist noch viel an Sensibilisierung, Information und Unterstützung notwendig.” Dazu will er auch auf günstige Kredite hinweisen oder die Beratung der Sparkassen und Banken empfehlen. Zum Wohnen und Wohlfühlen im Alter gehört auch ein friedvolles Miteinander im Gemeinwesen. Erfreulich positiv zeigt sich die Zufriedenheit mit der Qualität von Nachbarschaft – 92 Prozent können nicht darüber klagen. Sie freuen sich, wenn der Nachbar ein Paket vom Postboten annimmt, wenn erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt oder nachbarschaftliche Hilfe angeboten wird. Auch das Verhältnis zwischen den Generationen schätzen die Oberrieder positiv ein und fühlen sich insgesamt recht sicher. Und die Zufriedenheit mit Oberrieds Vereinen, die allesamt als wichtig angesehen werden, erfreut nicht nur deren Funktionäre – allerdings macht Hofsgrund auch hier statt der 86 Prozent mit 48 Prozent die Ausnahme.
Kritisch kam in den Antworten die Einkaufssituation in Oberried und den Ortsteilen zur Sprache, die sich mit zunehmendem Alter immer negativer bemerkbar mache. Einen Kaufladen, in dem regionale Produkte zu bekommen wären, fänden 97 Prozent gut – und 90 Prozent versprachen, ihn auch zu nutzen. Franz-Josef Winterhalter hofft, dass der in der Klosterscheune angelaufene Wochenmarkt ein wenig von dieser Erwartung erfüllen kann.
Die am Ortseingang Oberrieds, aus Kirchzarten kommend, zentral gelegenen Häuser der Ursulinen bieten sich bestens zum Umbau für ein “Projekt im Rahmen barrierefreies Wohnen im Alter” an. Die Bausubstanz sei in Ordnung. Es sollten keine Luxusresidenzen geschaffen, sondern für Oberrieds betagte Bürger bezahlbarer Wohnraum entstehen. Energetisch müsse natürlich ordentlich nachgerüstet werden. “Ich stelle mir vor”, so der Bürgermeister im Gespräch mit der BZ, “dass hier gemeinsames Wohnen mit gegenseitiger Unterstützung und gelebter Gemeinschaft entsteht”. Bei entstehendem Pflegebedarf könne dieser von der Sozialstation oder Pflegediensten eingekauft werden. Die Suche nach einem Bauträger sei bereits in vollem Gange. Und für den laufenden Betrieb wünscht sich Winterhalter eine Dienstleistungsgenossenschaft aus der Mitte der Bürger. Die Zustimmung von 56 Prozent Oberriedern aus der Umfrage ist ihm sicher.
Die BZ hat auch den Umfrageleiter von der Evangelischen Hochschule, Professor Thomas Klie, zu seinem Fazit der Untersuchung, für die sich seine Studenten einige Monate wichtige Zeit genommen haben, befragt: “Die Bürger von Oberried stehen zu ihrem Ort, die meisten wollen auch im Alter in Oberried wohnen und leben. Und sie sind bereit, sich dafür einzusetzen, dass ihre Gemeinde den demografischen Wandel gut besteht.” Und nach der Empfehlung für Bürgermeister, Gemeinderat sowie Bürger für die Weiterarbeit an den Ergebnissen befragt, sagt Klie: “Die Idee der Genossenschaft, die für die Zukunft Oberrieds wichtige Aufgaben der Daseinsvorsorge mitgestalten kann – vom Bürgerbus über den Dorfladen bis zum Betrieb einer Wohngruppe für Menschen mit Pflegebedarf und Demenz – sollte zügig aufgegriffen werden.”
Oberried könnte hier wie mit der Studie zum Thema Wohnen im Alter eine Pionierrolle übernehmen, rät der Wissenschaftler. Genossenschaftlichen Formen der Daseinsvorsorge gehöre die Zukunft. Und sogar aus Berlin werden die Bürger ermuntert. Referatsleiter Hagen Eyink, im Stadtentwicklungsministerium für ländliche Infrastruktur zuständig, ermuntert die Oberrieder: “Bringen Sie als Bürgerinnen und Bürger ihre Vorstellungen in die Planungen ein!”
Gerhard Lück, 21.7.2012
Dieser Beitrag wurde unter Hochschwarzwald, Senioren, Wohnen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.