Vollernter

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Markgräflerland: Tele-Blick nach Norden über Britzingen nach Muggarth (rechts) und Kastelberg (links) am 26.10.2006

 

 

Weinlese mit dem Vollernter

Viele verbinden die Traubenlese mit der Vorstellung vom Gemeinschaftswerk vieler Hände. Im Markgräflerland ist diese Praxis jedoch rückläufig. Nach Einschätzung von Hansjörg Stücklin lassen die Winzer mittlerweile zwei Drittel ihrer Rebflächen maschinell ernten; Standard ist das Verfahren bereits bei den Sorten Gutedel und Müller-Thurgau. Es sind Lohnunternehmer, die solche Maschinen führen, denn je spezieller oder teurer eine Maschine ist, desto seltener findet sie sich auf den einzelnen Betrieben. Unter ihnen ist Klaus Stiefvater aus Kirchhofen. An der Südseite des Batzenbergs erntet er an diesem Vormittag Müller-Thurgau-Trauben im Auftrag des Offnadinger Weingutswinzers Christoph Kunz.
Ein dröhnendes Geräusch weist die Richtung und in der Luft hängt eine fruchtig-beerige Duftwolke. Da ist das Ungetüm auch schon. Das ist nicht übertrieben. Gut drei Meter hoch ist die Maschine, muss sie doch eine ganze Rebzeile umschließen und Sortierapparaturen und Sammelbehälter mit sich führen. Das Ernteprinzip beruht auf einer Rüttelmechanik: Beidseitig angebrachte Kunststoffstäbe schütteln die Beeren ab. Sie fallen auf umlaufende Auffangtaschen, die wie die Zähne eines Reißverschlusses ineinandergreifen und ihr Mitbringsel oben angekommen über einem Förderband entleeren. An einem Monitor kann Klaus Stiefvater unter anderem Motordrehzahl, Fahrgeschwindigkeit und Rüttelfrequenz überwachen. Gebläse saugen die Blätter ab, weiter durchläuft das Lesegut eine Abbeermaschine, um Holzteile oder Stiele zu entfernen. Im Sammelbehälter kommen tatsächlich nur Beeren an. Christoph Kunz lässt sie in herkömmliche Traubenbehälter entleeren.
Schon nach 20 Minuten ist das etwa 3000 Quadratmeter große Rebstück abgeerntet. “Eine Herbstmannschaft von acht Leuten würde vier Stunden dafür benötigen”, rechnet Kunz vor. Die Schlagkraft der Vollernter ist der Grund für die wachsende Verbreitung, besonders für die Haupterwerbswinzer bei den Genossenschaften, die zwischen 15 und 20 Hektar Reben bewirtschaften. Mit vier Hektar ist das Weingut Kunz vergleichsweise klein, und nach wie vor dominiert in diesem Betrieb die Handlese. Einen stärkeren Einsatz der Erntemaschine schließt Kunz nicht aus. “Noch habe ich Erntehelfer, aber wer weiß, wie das in einigen Jahren sein wird”, sagt er. Was die Kosten angeht, ist der Traubenvollernter jedenfalls wettbewerbsfähig. Etwa 550 Euro je Hektar sind zu kalkulieren, was mit erfahrenen und flinken Herbstleuten zu schaffen ist.
Berater Stücklin ist überzeugt, dass die Maschinenlese weiter zunehmen wird. “Studien zeigen, dass die Qualität nicht beeinträchtigt ist”, erklärt er. Allerdings muss das Lesegut – die Trauben werden ja abgebeert – so schnell wie möglich auf die Kelter gelangen und faule Beeren müssen vorab rausgeschnitten werden. Von Vorteil ist, dass sich die Rüttelfrequenz so einstellen lässt, dass wirklich nur reife Beeren, mitgehen, die locker auf den Stielen sitzen. Auch Ernst Nickel, Geschäftsführer der WG Wolfenweiler, meint, dass sich die Maschinen durchsetzen werden, dort jedenfalls, wo die Hangneigung den Einsatz zulässt und der Strukturwandel große Betriebe hervorgebracht hat. “Selektionen, die aus mehreren Lesegängen hervorgehen, werden jedoch nach wie vor von Hand geherbstet”, sagt er. Auch die Spätburgunderernte wird im Bereich dieser WG zu 80 Prozent von Hand geleistet, weil durch Fäulnis versehrte Beeren auszulesen sind.

HANDLESE: Im Pfaffenweiler Weingut Hug ist Grauburgunderlese angesagt. In der Anlage am Dürrenberg liegen die Öchslewerte über 90 Grad. Der Zucker macht die Finger klebrig. Die Reife lässt sich auch sehen, riechen und schmecken. Die Trauben sind gleichmäßig rotbraun ausgefärbt, ihr fruchtig-süßer Geschmack breitet sich im Gaumen aus und lässt die Fülle erahnen, die Weine dieser Rebsorte ins Glas bringen. Es ist kurz nach acht Uhr, die Morgenkühle zwickt die Wangen. Bei klarem Himmel und sachtem Wind ist das Herbsten in der zehnjährigen Rebanlage eine feine Sache, zumal es so gut wie keine faulen Beeren gibt. Seniorchefin Mathilde Hug weist die Herbstleute ein, ihr Mann Pius steuert den Traktor mit den Sammelbehältern am Heck. Dort hinein entleeren Sorin Vaduva und Ivoylo Todorof die Eimer. Der Rumäne Vaduva kommt mit seiner Frau Anna seit gut zehn Jahren zum Herbsten nach Pfaffenweiler, ebenso im Frühsommer. Die beiden helfen im Weingut und in der Straußwirtschaft der Hugs mit, wo immer es nötig ist. Der Bulgare Ivoylo Todorof hingegen kommt nur zum Herbsten. Weiter sind Freunde und Verwandte der Hugs dabei. Und weil deren Bereitschaft zum geselligen Herbsten der fünf Hektar Reben des Weinguts ungebrochen ist, gibt es für Mario Hug keinen Grund, über Alternativen nachzudenken. “Ich kann es mir derzeit noch nicht vorstellen, dass ein Vollernter durch unsere Anlagen fährt”, sagt er.
Mario Hug liebt seinen Beruf, eine nicht nachlassende Begeisterung für seine Reben und den Wein treibt ihn an. Ihm gefällt auch die Herausforderung. Denn, so der Winzer: “Jedes Jahr verläuft anders.” In diesem Jahr ging es für die Winzer darum, die Rebenkrankheit Peronospora zu beherrschen. Der Betrieb war auch vom Hagel betroffen. Die Spannung löst sich in der Lese, in diesem Jahr ist sie gepaart mit großer Freude, auch wenn die Ertragsmenge unterdurchschnittlich ist. Denn es zeichnet sich ab, dass die Trauben sehr gute, aromareiche Weine ergeben. Nach zwei Stunden startet Pius Hug mit der ersten Fuhre. Im Weingut ist die Kelter bereit. Die Trauben laufen durch die Abbeermaschine auf die Presse, weil von Hand geschnitten, sind sie noch komplett. 800 Kilogramm dürften es gewesen sein, insgesamt kann die Presse 2000 Kilogramm aufnehmen. Für einen Weingutswinzer ist der Arbeitstag mit der Lese aber nicht beendet. Mario Hug hat schon Moste eingelagert, die bereits gären. Und am Abend bewirtet er mit seiner Frau die Gäste in der Straußwirtschaft.
Alles von Silvia Faller vom 8.10.2012 bitte lesen auf
http://www.badische-zeitung.de/ehrenkirchen/der-vollernter-ist-auf-dem-vormarsch–64374004.html

Vollernter: Blick nach Norden am Tuniberg zwischen Merdingen und Waltershofen am 20.10.2008

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