Weide

Home >Natur >Landwirt >Weide

Sommerhitze Juli 2018 - Wenig Wasser zum Baden in der Dreisam

Sommerhitze Juli 2018 – Wenig Wasser zum Baden in der Dreisam

  • Wilde Wald-Weiden am Taubergießen – innovativer Waldnaturschutz? (16.12.2018)
  • Weide 4.0

 

Wilde Wald-Weiden am Taubergießen – innovativer Waldnaturschutz?

Vor kurzem wurde von der Gemeinde Kappel-Grafenhausen (Naturschutzgebiet Taubergießen) ein am Oberrhein bislang einzigartiges Projekt gestartet: Wilde-Wald-Weiden. Ziel ist die Wiederherstellung einer extensiven Weidelandschaft, die offenes Grasland ebenso einbezieht wie lichte, von der Eiche geprägte Weidewälder.

Seit 2017 weiden halbwilde 30 Salers-Rinder mit ausladenden Hörnern, eine alte Rasse aus der Auvergne, die schon ähnlich in den dortigen Höhlenmalereien auftaucht sowie mehrere Konik-Pferde (alte Steppenponyrasse aus Polen) ganzjährig auf den nassen „Elzwiesen“ und im angrenzenden Wald. Die Offenlandweide umfasst 30 Hektar. Hinzu kommen 60 ha Waldweide im Schonwald „Lichter Wald“.
Der Schonwald dient insbesondere der Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung von großflächigen, lichten Waldstrukturen, in denen vor allem Eichen und Ulmen wachsen. Dabei wird die Waldweide bewusst als Pflegemassnahme zur Schaffung lichter Wälder eingesetzt, da die Salers-Rinder den sehr dichten Unterwuchs, vor allem Haselgewächse, als Futter schätzen und auslichten.

Die Weidetiere sollen in Verbindung mit Überflutungen im künftigen Polder “Elzmündung“ Strukturen schaffen, die u.a. bestmmte Insektenarten zur Vermehrung oder für die Ernährung benötigen. Bodenverwundungen durch Huftritt ermöglichen außerdem die Keimung bestimmter lichtbedürftiger Planzensamen.
Außerhalb des Waldes soll das Projekt die Extensivweiden durch Beweidung dauerhaft offen halten und in eine naturnahe Weidelandschaft rücküberführen. Alte Gewannnamen wie Sau- und Rappenkopf, Gänsweid oder Kälberschollen zeugen von einer vor dem Beginn der großen Rheinkorrekturen noch häufig anzutreffenden kraftvollen Landschaftsgestaltung durch Weidetiere.
Auf den Wilden-Wald-Weiden in Kappel-Grafenhausen können so im großflächigen Weideverbund geschützte Pflanzen- und Tierarten erhalten und die Biodiversität gefördert werden.

Ein weiteres schönes Ausflugsziel, vor allem für Familien, zumal Rinder wie auch Ponys freundlich und wenig scheu sind. Die urig aussehenden Weidetiere sind ein Besuchermagnet, der das Angebot für Naherholung und Tourismus „auch ohne Seilbahn!“ im Naturschutzgebiet Taubergießen positiv bereichert.

16.12.2018, Hans-E. Homlicher, Freiburg

 

Weide 4.0

Weidende Kühe werben auf immer mehr Milchpackungen in den Supermarktregalen, wie auch in Tourismusprospekten. Schafe, Ziegen, Lamas, Yacks usw. scheinen Konjunktur in der Landschafts-pflege zu haben. Die Agrarpolitik gewährt sogar Weideprämien. Doch wenn man mit offenen Augen durchs Land fährt, fallen weidende Tiere immer seltener auf, wohl aber große neue Ställe. Wandert man durch den Schwarzwald trifft man Weidevieh in der Regel an steilen Hängen, wo sie aber öfter auch von Mulchgeräten oder bald auch von Mährobotern ersetzt werden. Weide also Marktingmode, Auslaufmodell oder doch mehr?

Weide ist die älteste Landnutzugsform

Eigentlich hat die Geschichte der Landnutzung mit der Weide begonnen. Dabei ist offen, ob das Gras oder die Weidetiere als Graser zuerst da waren. Denn sie sind eine Lebensgemeinschaft, die die besten Böden der Welt, die Steppen und Prärien mit ihren Schwarzerdeböden hervorgebracht hat. Weil die Graser den Wuchs des Grases durch Abbeißen fördern und damit das Wachsen seiner Wurzeln, die zusammen mit den Exkrementen der Graser die Basis für den Humus sind. Deshalb waren diese steppenartigen Landschaften auch der Lebensraum für die ersten Menschen als Jäger und Sammler. Überall dort aber, wo der Boden zu karg und das Klima für diese Lebensgemeinschaft zu rau war, entwickelte sich Wald.

Weide als Rodungsfolger

Als die Menschen sesshaft wurden, rodeten sie Wald für den Ackerbau und als Bau- und Brennmaterial. Für ihre Viehzucht dienten die noch nicht gerodeten Wälder und das wieder aufgegebene Brachland als Weide. Damit begann in fast allen Kulturen ein Prozess, der später als Schicksal der Allmende beschriebenen wurde. Weil zum Überleben immer mehr Tiere gehalten wurden, vor allem Ziegen, die die entwaldeten Berge kahl fraßen und durch Übernutzung den Humusaufbau der Weide in die Verkarstung verkehrt haben.

Dem Schwarzwald als Spätsiedelgebiet ist diese Entwicklung erspart geblieben, obwohl auch er vor 250 Jahren beinahe entwaldet war. Ob die Wiederbewaldung eine Folge der Gesetze zur nachhaltigen Waldnutzung oder der Entdeckung der Kohle als Alternative zum Holz ist, ist unklar. Klar ist, dass das Verhältnis zwischen Weide und Wald seither gestört ist, obwohl Wald zum natürlichen Lebensraum fast aller Weidetiere gehört hat. Dennoch sind nicht wieder Mischwälder entstanden, weil die Jagdlust Hirsche und Rehe hegte. Dienten zuvor Zäune nur dem Schutz von Gärten und Äckern vor den Weidetieren, begann jetzt die Einzäunung der Weiden. Nur in den Hochgebirgen konnten die Viehherden weiter dem Graswuchs nachwandern.

Die Weide als Verlierer in der landwirtschaftlichen Revolution.

Mit der Industrialisierung stieg der Nahrungsmittelbedarf in den Städten. Im Zentrum standen das Brot und damit die Intensivierung des Ackerbaues. Die Viehhaltung musste dazu Mist als Dünger liefern, weshalb man zur ganzjährigen Stallhaltung überging. Mit dem eisernen Pflug konnten Weiden leichter umgebrochen werden. Als Futter für das Vieh und zur Förderung der Boden-fruchtbarkeit wurde auf dem Acker im Fruchtwechsel Klee angebaut. In niederschlagsreichen Regionen wie dem Schwarzwald war diese Intensivierung des Ackerbaues durch den Unkrautdruck nicht möglich. Hier entstand die Feldgraswirtschaft, die den aufgebauten Humus der Weiden nutze, um ein paar Jahre Getreide und Kartoffeln anzubauen um die Brache dann wieder der Selbstberasung zu überlassen. Wenn nach einem Jahrzehnt die Weide den Humus wieder aufgebaut hatte, konnte man darauf wieder ein paar Jahre Ackerbau treiben.
Mit der Eisenbahn verlor die lokale Versorgung mit Getreide ihre Bedeutung. Aber erst die Not der beiden Weltkriege lenkte den Blick wieder auf die Weiden, die in den Katastern oft als Öd- oder Unland geführt wurden. Im Focus der Ernährungssicherung wurde nun auch eine gezielte Beweidung dieser Restflächen mit Jungvieh oder Schafen angestrebt. Während in den sehr graswüchsigen Küstengebieten und im Alpenvorland Kuhweiden in Form der Koppelwirtschaft entstanden, galt in den anderen Gebieten die Stallfütterung weiter als effizienter als die Weide. Erst mit dem elektrischen Weidezaun wurde das rationierte Weiden wieder aktuell. Doch mit dem wirtschaftlichen Druck zu größeren Kuhzahlen wurden die Weideflächen um den Hof zum kappen Faktor. Deshalb wurde mit der immer schlagkräftigeren Mechanisierung in den letzten Jahrzehnten die ganzjährige Fütterung mit Silage zum Standard der Milch- und Rindfleischerzeugung.

Weide als Weg zu einer nachhaltigen Agrarkultur
Hinter den weidenden Kühen auf immer mehr Milchpackungen stehen zwei Einsichten. Die eine ist, dass Weide billiger als konserviertes Futter ist und mit den Bildern diese Milch am Markt platziert werden soll. Die andere Erkenntnis ist, dass Milch und Fleisch von der Weide für unsere Gesundheit eine günstigere Zusammensetzung an lebensnotwenigen Fettsäuren haben. Da direkte Werbung mit Gesundheitsaspekten nicht zulässig ist, nutzt man dazu Bilder. Bemerkenswert zu diesem Marketing der Weide ist die Reaktion des klassischen Weidelandes Irland. Auf ihrer Homepage versuchen sie sich mit folgenden Weidewahrheiten abzuheben: 1. Wir machen keine halben Sachen, darum sind gleich 2/3 Irlands grün. 2. Unsere Kühe verbringen fast 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche und fast 300 Tage im Jahr auf der Weide.

Natürlich kann und darf man Irland nicht mit dem Schwarzwald vergleichen, aber die irischen Weidewahrheiten sollte man ernst nehmen. Denn mit dem Tierwohltrend werden wohl mehr Kühe für ein paar Stunden in den Sommermonaten rausgelassen, ernähren tun sie sich aber überwiegend im Stall. Diese Siestaweide könnte die zu kleinen Weideflächen übernutzen und den Weidetrend zum Strohfeuer machen. Zumal mit den zunehmenden Trockenperioden durch die Klimaerwärmung der Nachwuchs der Weiden unregelmäßiger und unsicherer wird.

Dennoch wird die Bedeutung der Weide im Blick auf eine nachhaltige Zukunft zunehmen. Denn die moderne Landwirtschaft verbraucht ein Mehrfaches an Kalorien an Energie als sie als Nahrung erzeugt und ist so kaum nachhaltig. Weiden dagegen erzeugen in Verbindung mit Wiederkäuern mehr Kalorien Nahrung als dafür an Energie eingesetzt werden müssen. Hinzu kommt ihr Humusaufbau, der hilft das klimaschädigende CO2 zu binden. Weide ist aber eine interdisziplinäre Kunst, nämlich den Bedarf der Tiere mit dem natürlichen Graswuchs in Einklang zu bringen, was in unserer arbeitsteiligen Zeit schwerfällt. Denn in Wissenschaft und Lehre sind Gras und Graser getrennt. Es war die Kunst der Hirten, die lateinisch und niederdeutsch Pastor heißen. Weiden als ökologisches System zu verstehen ist die große Herausforderung in der Transformation in eine nachhaltige Zukunft. Dabei wird es weniger um Pflege und Offenhaltung der Landschaft gehen, sondern mehr um die Zusammenhänge wie wir wirtschaften und leben. Auf dem Weg zur Weide 4.0 werden aber weniger digitale Karten und Weidejournale eine Hilfe sein, sondern die Beobachtungs-gabe der Hirten. Pastoren also vielleicht neuer Beruf werden.

19.8.2018, Siegfried  Jäckle, info@forumproschwarzwaldbauern.de
Erschienen auch in “Der Schwarzwald“, 3/2018, Seite 14f., , http://www.Schwarzwaldverein.org

Hinterlasse eine Antwort