My Fertility Matters in Freiburg

Aller Sexualisierung und angeblichen Aufgeklärtheit zum Trotz erleben auch heute viele Mädchen und Jungen den Beginn ihrer Pubertät mit Ekel, Scham und Angst vor nun drohenden Gefahren. „My Fertility Matters“ (MFM) setzt dem seit 15 Jahren die Erfahrung von Staunen, Stolz und Selbstvertrauen entgegen. „Ich war erstaunt, wie wenig wir über die Vorgänge in unserem eigenen Körper wissen“, berichtet die Münchner Ärztin Elisabeth Raith-Paula von den Gesprächen, die sie vor 30 Jahren für ihre Dissertation über natürliche Familienplanung mit Frauen führte. Und sie war bestürzt, wie wenig Wertschätzung die meisten ihrem Körper und seiner Fähigkeit zur Fortpflanzung entgegenbringen. Auch heute werde der Beginn der Pubertät vor allem unter dem Blickwinkel der Bedrohung wahrgenommen, bei erwachsenen Frauen bestimme oft Sorge statt Selbstvertrauen das Verhältnis zu ihren Geschlechtsorganen. Um das zu ändern und um das im Biologieunterricht vermittelte Wissen über Hypophyse, Prostata und Gebärmutterhals mit positiven Emotionen zu verbinden, hat Raith-Paula 1999 das MFM-Programm entwickelt. Die Abkürzung, die zunächst für „Mädchen/Frauen – Meine Tage“ stand und ab 2003 auch für „Männer für Männer“, erhielt mit wachsendem internationalen Erfolg schließlich die Bedeutung „My Fertility Matters“ – die Fähigkeit zur Fortpflanzung ist bedeutsam und der Rede wert.
Inzwischen gibt es MFM auch in England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Italien und Ungarn. Demnächst soll China  dazu kommen. Allein in Deutschland werden mit rund 4000 Veranstaltungen im Jahr etwa 60000 Mädchen, Jungen und Eltern erreicht, im Erzbistum Freiburg gab es im vergangenen Jahr 364 Workshops und Vorträge an Schulen von der Förderschule bis zum Gymnasium. „Nur was ich schätze, kann ich schützen“, nennt Raith-Paula den Leitgedanken. „Und nur, was ich kenne, kann ich schätzen“, ergänzt die Freiburger MFM-Referentin SilviaMattes-Jalsovec. In den Workshops wird mit Improvisation und Musik, mit allerlei Requisiten und einer bildhaften Sprache gearbeitet. Da ist der Muttermund das „Tor zum Leben“, der Nebenhoden das „Trainingscamp“, und die „Östrogen-Freundinnen“ bereitenden„ Zaubertrank“ für die anrückenden Spermien.
Im Kolleg St. Blasien steht MFM seit acht Jahren für alle Fünftklässler auf dem Lehrplan. „Das Programm kommt ohne Bedrohungsszenario aus und hat eben darum eine starke präventive Wirkung“, sagt Klaus Mertes, der als Leiter des zum Jesuitenorden gehörenden Canisius-Kolleg in Berlin 2010 die Missbrauchsfälle innerhalb  der katholischen Kirche aufdeckte und nun seit drei Jahren das Kolleg St. Blasien führt. Indem die Schüler hier Worte finden, die weder vulgär sind noch medizinisch, entstehe Sprach- und Ich-Kompetenz. Das sei in Zeiten allseits verfügbarer Pornografie und Cybermobbing wichtiger denn je, sagt Mertes und fordert eine Debatte über moderne  Sexualpädagogik an Schulen. Das Erzbischöfliche Seelsorgeamt koordiniert MFM in der Region, mischt sich aber inhaltlich nicht ein, wie dessen Referent Rudolf Mazzola betont. Nicht ein der katholischen Sexualmoral entsprechendes Menschen- und Familienbild zu transportieren sei das Ziel, versichert Elisabeth Raith-Paula. Vielmehr gehe es um Selbstwertgefühl und Körperkompetenz. Das nächste MFM-Projekt ist in Planung: „Waage-Mut“ richtet sich an  Jugendliche ab der neunten Klasse.
20.9.2014, Sigrun Rehm, www.der-sonntag.de
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MY FERTILITY MATTERS wendet sich an Mädchen und Jungen beim Beginn der Pubertät sowie an ihre Eltern. Zu den MFM-Veranstaltungen gehören ein Vortrag für die Eltern sowie ein sechsstündiger geschlechtergetrennter Workshop für jeweils 15 Mädchen und Jungen zwischen 10 und 13 Jahren. Als Veranstalter kommen alle Schulen, aber auch Jugendzentren oder Pfarrgemeinden in Frage. Die Teilnahme kostet 20 Euro pro Kind,wer das nicht aufbringen kann, erhält einen Zuschuss aus dem Fördertopf des Seelsorgeamts.
Koordiniert wird das MFM-Projekt vor Ort vom Familienreferant des Erzbischöflichen Seelsorgeamts. Derzeit werden Frauen und vor allem Männer gesucht, die sich zu MFM-Dozenten ausbilden lassen wollen.
Kontakt: Ingrid Schell, Telefon 0671/5144-202, E-Mail ingrid.schell@seelsorgeamt-freiburg.de
www.mfm-freiburg.de

Buchtipp: Was ist los in meinem Körper? von  Elisabeth Raith-Paula, Pattloch-Verlag, 12,99 Euro.

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