Litfasssaeule – Wall – Werbung

Schon immer war es für eine städtisch-bürgerliche Gemeinschaft wichtig, dass Informationen ausgetauscht wurden – schriftlich oder mündlich. Früher war es der Gemeindebote, der mit der lauten Messingschelle seine “Bekanntma-chung!” im Ort verlauten ließ. Und wer erinnert sich nicht noch gerne an die Litfaßsäule, die früher ganz besonders das Stadtbild Freiburgs prägte – und die Bewohner informierte. Heute ist sie fast vollständig verschwunden.

Schon immer gab es Anschläge an öffentlichen Gebäuden, die neben der Tageszeitung über städtische Entscheidungen informierten. Epochal war da die Erfindung des Ernst Theodor Amandus Litfaß, der am 11. Februar 1816 in Berlin geboren wurde. Er war der Sohn eines Buchdruckermeisters in Berlin und hatte die grandiose Idee, eine spezielle Anschlagsäule zu schaffen, auf der alle möglichen Informationen bekannt gegeben werden konnten.

Die ersten Säulen wurden 1855 in Berlin aufgestellt und fanden recht schnell eine deutschlandweite Verbreitung. Schon alte Postkarten aus Freiburg um das Jahr 1910 zeigen zum Beispiel am Rathaus eine verschnörkelt und verzierte Anschlagsäule. Zunächst war in Freiburg die Firma “Poppen & Söhne” im Plakatgeschäft aktiv. Doch bereits im Oktober 1893 hatte der Freiburger Stadtrat beschlossen, dieses Werbegeschäft ab dem 1. April 1894 zu übernehmen. Außer Werbetafeln wurden 15 Plakatsäulen aufgestellt, welche nach dem Entwurf des städtischen Hochbauamts von der Firma “Brenzinger & Cie.” aus Zement in Steinimitation ausgeführt wurden. Bis 1954 hat die Stadt die Plakatwerbung in Eigenregie betrieben. Insbesondere in der nationalsozialistischen Zeit wurde dies sehr dirigistisch gehandhabt. Mit dem beginnendem Wirtschaftswachstum erhielt die Firma “Schiffmann” die Werberechte der Stadt Freiburg – und verlegte ihren Hauptsitz hierher. Das Unternehmen wurde 1926 durch Urgroßvater Hermann Schiffmann in Magdeburg gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es als “Kommunale Außenwerbung Schiffmann” in Oldenburg weitergeführt. Unter Leitung von Jürgen und Hans Albert Schiffmann erfolgte der kontinuierliche Ausbau. Fünfzig Jahre dauerte das Engagement in Freiburg, dann beschloss die Stadt Freiburg im Rahmen gesamteuropäischer Ausschreibepraxis mit der Firma “Wall” in Berlin ein neues Vertragskonzept. Statt der Säule gibt’s die Tafeln: Heute ist die Firma schon wieder in einem französischen Unternehmen aufgegangen, während Eva und Vivian Schiffmann auch nach dem Tode ihres Vaters Jürgen im Jahr 2012 in vierter Generation im Werbegeschäft tätig sind. Ihnen gehören alle Wartehäuschen und Unterstände der VAG in Freiburg, die die Firma finanziert und gebaut hat und damit auch weiterhin werblich betreiben kann. Auch für die werbliche Vermarktung der Busse und Straßenbahnen in Freiburg ist sie zuständig. Eva Schiffmann wurde vorletzte Woche vom Fachverband Deutsche Anzeigenwerbung innerhalb des Vorstandes zur Schatzmeisterin gewählt.

(1) Nicht nur schön, sondern auch wichtig war die Litfaßsäule am Rathausplatz in Freiburg. Foto: Archiv: Hans Sigmund
(2) Früher informierte die Litfaßsäule die Freiburger, heute die elektronischen Displays der Wall-Tafeln.

Die Litfaßsäulen sind heute fast alle verschwunden, überall wird auf Papptafeln plakatiert – genehmigt oder verbotenerweise. Die Litfaßsäulen waren die örtliche, öffentliche Informationsplattform. Die großen Wall-Tafeln dagegen werben vor allem für überregionale Events.
3.6.2013, Hans Sigmund

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