Konformismus

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freiburg-hochhaeuser-berge-pan2018nov                                          Blick über Freiburg nach Osten zum Schwarzwald im herbst 2018

 

 

 

Die kollektive Schizophrenie wird vertieft – Konformitätsdruck, Haßrede, Diffamierung
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Über Fehldeutungen von Meinungs- und Widerspruchsfreiheit in der Bundesrepublik
von Thorsten Hinz
Auch die Kanzlerin ließ es sich nicht nehmen, im Spiegel-Interview ihre Meinung zum Thema Meinungsfreiheit kundzutun. Keineswegs könne die Rede davon sein, „daß ein sogenannter Mainstream“ ihr Grenzen setze. Allerdings gebe es auch kein „Widerspruchsverbot“. Daher müsse man „damit rechnen, Gegenwind und gepfefferte Gegenargumente zu bekommen. Meinungsfreiheit schließt Widerspruchsfreiheit ein“.
Nicht nur mit der deutschen Nationalhymne, auch mit der deutschen Sprache steht Angela Merkel auf Kriegsfuß. Aus Unwissen zwingt sie Begriffe zusammen, die nicht zusammengehören. Die Meinungsfreiheit ist ein in der bürgerlichen Revolution erkämpftes, aktuell in der Verfassung verbrieftes, inzwischen schwer bedrohtes Grundrecht, die „Widerspruchsfreiheit“ hingegen ein Imperativ aus dem Bereich der Logik. Der Begriff bezeichnet die Konsistenz, die Schlüssigkeit einer Aussage. Und zwar ist eine Aussage konsistent, wenn aus ihr keine Folgerungen abgeleitet werden können, die im Widerspruch zueinander stehen und sich gegenseitig negieren. Im Kleinen Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie (Ost-Berlin 1984, Erstausgabe 1966), das für Studenten in der DDR und also auch für Merkel verbindlich war, heißt es: „Die Forderung der logischen Widerspruchsfreiheit ist auch vom Standpunkt des dialektischen Materialismus für jede wissenschaftliche Theorie obligatorisch, da sich andernfalls beliebige Aussagen – also auch falsche – aus ihr ableiten lassen.“
Weder dem Pressestab im Kanzleramt noch dem Bedienungspersonal vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ ist aufgefallen, daß die Kanzlerin im Marxismus-Leninismus-Seminar nicht aufgepaßt und die Widerspruchsfreiheit mit dem Recht auf Gegenrede verwechselt hat.
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Moralische Diffamierung statt Argumentenaustausch
Um dieses aber ist es, anders als Merkel behauptet, schlecht bestellt. Zahlreiche Aussagen der Kanzlerin sind in sich widersprüchlich bis zur Absurdität, und ihre Politik ist so inkonsistent und schädlich, daß die Kritik daran gar nicht gepfeffert genug sein kann. Der größte Widerspruch tut sich auf zwischen der Massenzuwanderung und dem Versprechen, den deutschen Sozialstaat zu sichern. Der „Gegenwind“, der denen entgegenweht, die darauf hinzuweisen wagen, besteht so gut wie nie aus Argumenten, sondern fast immer aus Repression. Sie reichen von der Zensur über öffentliche Stigmatisierung, über soziale und juristische Sanktionen bis hin zu Bedrohungen der Person. In Mitleidenschaft gezogen wird auch die Freiheit der Lehre und Forschung, die Informations-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, also viel von dem, was die politische Freiheit ingesamt konstituiert.
Neu ist das nicht. Vor fast genau 26 Jahren, am 18. Dezember 1993, veröffentlichte der Historiker Rainer Zitelmann, kurzzeitiger Feuilleton-Chef der Welt, in der Zeitung den Aufsatz „Wenn Herrschaftsfreie herrschen“. Er konstatierte „eine muffige, stickige Atmosphäre“ sowie einen „unerträglichen Konformismus“, und zwar „insbesondere dort, wo ‘kritische’ Geister besonders einflußreich sind“, in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten, in den Medien, in den Gewerkschaften. „Feministinnen, National-Allergiker, Multikulti-Anhänger und Betroffenheitsapostel“ würden nicht nur „ihre Thesen aktiv und vehement vertreten“ – was ihr gutes Recht sei –, sie würden Andersdenkende ausgrenzen und Kritiker mundtot machen. Zitelmann zitierte den damaligen sächsischen Justizminister Steffen Heitmann, der inzwischen aus Frustration über Merkel die CDU verlassen hat. Heitmann hatte „Tabus und Denkverbote“ bei den Themen „Frauen, Ausländer, NS-Vergangenheit“ moniert.

Der Text hat nichts von seiner Gültigkeit verloren, er benötigt aber ein paar Ergänzungen. Die Tabus haben sich um das Klima-Thema vermehrt. Der Feminismus hat sich zu einer allgemeinen Bewegung von Minderheiten ausgeweitet, die angeblich unter der Diskriminierung durch „alte weiße Männer“ leiden – auf deren Leistungsbereitschaft und -fähigkeit man trotzdem auf keinen Fall verzichten kann und will.
Der Konformitätsdruck, der damals vor allem vom linken Spektrum der Gesellschaft ausging, das sich öffentlichkeitswirksame Positionen in den Medien und Universitäten erobert hatte, wird heute unmittelbar von staatlichen und semistaatlichen Institutionen ausgeübt. Er wirkt nicht mehr nur punktuell und spontan, sondern flächendeckend, organisiert und zunehmend kodifiziert, das heißt über Vorschriften und Gesetze. Der Austausch von Argumenten ist fast vollständig der moralischen Diffamierung gewichen, der Opponent wird statt als politischer Gegner als zu eliminierender Feind behandelt.
Um eine für den Politik- und Medienbetrieb typische Reaktion eines namentlich nicht erwähnenswerten Journalisten des Redaktionsnetzwerks Deutschland zu zitieren, das etwa fünfzig Regional- und Lokalzeitungen versorgt und eine tägliche Gesamtauflage von 2,3 Millionen Exemplaren erreicht: In einem längeren Text zur Bedrohung der Meinungsfreiheit fiel diesem Sprachrohr des Mainstreams nur ein, daß es sich um ein künstlich aufgebauschtes Problem handele. „Vor allem Rechte fühlen sich in ihrer Meinung eingeschränkt, weil sie nicht unwidersprochen andere Menschen mit Haß überschütten dürfen.“ Die zugehörige Zwischenüberschrift lautete: „Nazis fühlen sich in ihrer Meinung eingeschränkt.“ Und Nazis, so die unausgesprochene Konsequenz, sind Feinde der Menschheit und haben ohnehin kein Existenzrecht im politisch-medialen Raum.
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Nolte warnte vor „Gesetz für das Außergesetzliche“
Diese Anschauungsweise, so schlicht wie brutal, dürfte von den meisten, insbesondere von den jüngeren Medienschaffenden geteilt werden. Ihre Zurichtung durch Schule, Medien, Universitäten läßt ihnen gar keine andere Wahl, als opponierende Standpunkte mit der Anklage-Trias „Nazi! Haß! Hetze!“ zu beantworten.
Auslöser und tieferer Grund des ausgreifenden „Nazi“-Revivals – in Dresden proklamierte ein außer Rand und Band geratenes Stadtparlament bereits einen „Nazi-Notstand“ – ist die politische, intellektuelle und mentale Überforderung der Bundesrepublik infolge der Wiedervereinigung. In der Fixierung auf den Nationalsozialismus beziehungsweise auf das „Niewieder“ versucht eine in ihren falschen Gewißheiten erschütterte Gesellschaft ihr verunsichertes Selbst zu stabilisieren. Schon bald nach der Wiedervereinigung wurden der Neonazismus, angebliche Ausländerfeindlichkeit und der Tatbestamd der Volksverhetzung als die zentralen Probleme der nach Osten erweiterten Bundesrepublik identifiziert. Seither wurde der Paragraph 130, der die Verharmlosung der NS-Zeit – was immer das sein mag – und faktisch auch die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) unter Strafe stellt, mehrfach erweitert und verschärft.
Der Historiker Ernst Nolte hatte 1994 in einem für die FAZ verfaßten Aufsatz eindringlich vor dem „Gesetz für das Außergesetzliche“ gewarnt. Die Intentionen seien gewiß redlich, doch bestünde die Gefahr einer „neuen Quasi-Religion“. Ihre Verfechter „brauchen das Absolut-Böse in der Vergangenheit, um (…) doch in bestimmten Erscheinungen ein Wiederauftauchen jenes Absolut-Bösen bekämpfen zu können. Nur dadurch gewinnen sie das Empfinden, selbst die Protagonisten des Absolut-Guten zu sein.“ Tendenziell drohe der Unterschied zwischen der liberaldemokratischen und totalitär-autoritären Staatsform dadurch zu verschwinden.
Artikel wie die von Nolte und Rainer Zitelmann könnten heute in der Welt oder FAZ nicht mehr erscheinen. Das jakobinische Eiferertum der „Guten“ hat auch diese einstigen Bastionen des Konservatismus erobert. Wenn Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede zum 9. November erklärte: „Die liberale Demokratie ist angefochten und in Frage gestellt“, dann ist hinzuzufügen, daß das am effektivsten von ihren erklärten Verteidigern geleistet wird.
Vage definierte Delikte wie die „Haßrede“; die Installierung informeller Überwachungsagenturen; Medienberichte über Hausdurchsuchungen wegen Fehlverhaltens im Internet; die subkutan oder offen geschürte Furcht, vom Inlandsgeheimdienst ins Visier genommen zu werden, führen zu Selbstzensur und schließlich zur Aufhebung der Meinungsfreiheit und der politischen Freiheit überhaupt.
Im Sommer 2019 kam das Bremer Landgericht zu der Auffassung, daß der sarkastische Begriff „Goldstücke“ für kriminelle Asylanten den Tatbestand der „Haßrede“ erfüllt. Der entsprechende Beitrag des Facebook-Nutzers sei ein „Angriff auf eine Personengruppe“, da er alle Flüchtlinge mit dem Mord in Verbindung bringe. Diese Folgerung ist keineswegs zwingend, denn der Begriff nimmt Bezug auf eine unfreiwillig komische Äußerung des ehemaligen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Der Sarkasmus zielt vor allem auf die Verfaßtheit der politisch-medialen Klasse und der von ihr betriebenen und propagierten Politik.
Mit der Beschneidung der Meinungsfreiheit will sie sich aus der Kritik nehmen; im weiteren Sinne soll die Realität selbst abgeschafft und durch ihr Propagandabild ersetzt werden. Das kann nicht gelingen, aber die Gefahr ist real, daß eine kollektive Schizophrenie vertieft und auf Dauer gestellt wird.
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15.11.2019, Thorsten Hinz,”Die kollektive Schizophrenie wird vertieft”,
Junge Freiheit, 47/19, Seite 14

 

 

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Groupthink – Wenn Harmoniebedürfnis zum Problem wird
Klaus Leisinger über die zum Teil verheerenden Auswirkungen
einer unkritischen Anpassung an die Gruppenmeinung.
Der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert McNamara, gab mir einmal den Rat, Sitzungen, an denen zu schwierigen Problemen allzu schnell Konsens gefunden wird, zu beenden und die Entscheidung zu vertagen. Begründung: Wenn Gruppenmitglieder Signale empfangen, dass der Mächtigste am Tisch mit seiner Meinung in eine gewisse Richtung tendiert und andere zustimmend nicken, entwickelt sich “Groupthink”, ein unkritischer Anpassungsprozess an das, was sich als Gruppenmeinung abzeichnet. Auch kompetente und selbstbewusste Menschen sind nicht davor gefeit, ihre eigene – unter Umständen aus sachlichen Gründen richtigerweise abweichende – Meinung an die erwartete Gruppenmeinung anzupassen. Entscheidungen, die auf dieser Basis gefällt werden, sind in der Regel schlechter, als sie aufgrund der am Tisch sitzenden Expertise sein könnten. Mit dem Verschwinden unabhängigen Denkens gehen kreative Denkanstöße verloren. Alternative Lösungsvorschläge kommen gar nicht mehr zur Entscheidung.
Begonnen hat die Erörterung des Phänomens mit einer Reportage des Journalisten William Whyte im Fortune Magazine im März 1952. Whyte berichtete von einem sachlich nicht begründbaren Rauswurf eines exzellenten Firmenmitarbeiters. Obwohl äußerst fähig, trennte sich die Firma von ihm, weil er wiederholt der Gruppenmeinung widersprach und gegen die vom Management gewollte Harmonie als oberstem Ziel der Firmenkultur verstieß.
In den frühen 70er Jahren schuf der Psychologe Irving Janis den Begriff “Groupthink”. Er führte desaströse Fehlentscheidungen im Vietnam-Krieg, bei der gescheiterten Schweinebucht-Invasion auf Kuba sowie die vermeidbaren Unfälle der Challenger- und Columbia-Raumfähren auf Groupthink zurück. Eine hierzulande bekannte Blamage aus dieser Kategorie ist die Publikation der angeblichen Hitler-Tagebücher durch die Stern-Redaktion. Ähnliche Groupthink-bedingte Fehlentscheide waren solche, die zum Konkurs der Swisssair führten oder der letzten Finanzkrise zugrunde lagen. Groupthink-anfällig sind Organisationen wie Kommandozentralen, Parteigremien, Bischofskonferenzen und Fußballverbände, deren Entscheidungen in abgeschotteten Gremien fallen und deren Mitglieder sich für besonders wichtig halten: Sie sind mit wertvollen Privilegien ausgestattet, haben etwas zu verlieren und setzen ihren Job aufs Spiel. Die Entlassungswelle des gegenwärtigen US-Präsidenten zeigt dies beispielhaft. Im Zweifel unterwerfen Menschen ihre eigene Sicht der Dinge dem Gruppendenken aus Bequemlichkeit, Angst oder Opportunismus.
Nun ist es ja nicht so, dass Gruppenmeinungen immer falsch sind und die davon Abweichenden immer recht haben. Wahr ist auch, dass einem rechthaberische Allüren narzisstischer Stänkerer enorm auf den Geist gehen können und das richtige Vorgehen bei Entscheidungen oft nicht in einer Entweder-oder-Dichotomie liegt. Andererseits wäre schon viel menschliches Leid vermeidbar gewesen, neigte der Homo sapiens nicht zu Groupthink.
Wie kann man die Gefahren des Groupthink minimieren? Für uns alle sind Ansichten, Wertvorstellungen oder erfahrungsbegründete Meinungen innerhalb der Familie oder aus dem Freundeskreis in gewissem Maße Kompass für eigenes Denken. Wer Mitglied einer politischen oder kirchlichen Institution ist oder in einem Unternehmen in Bereichen arbeitet, die in der kritischen Öffentlichkeit unter Beobachtung stehen, wird – bewusst oder unbewusst – durch das jeweils interne Gruppendenken geprägt. Auch Nestwärme spielt eine Rolle, man will “dazu gehören”.
Wer auf Dauer aus Überzeugung gegen zentrale Positionen der Gruppenmeinung ist und den Korpsgeist nicht mehr empfindet, sollte darüber nachdenken, ob er oder sie sich in der richtigen Gruppe befindet. Für eine Organisation kann dies jedoch den Verlust kreativer Geister bedeuten.
Wo Menschen sich aus innerer Überzeugung und mit besseren Argumenten Gruppenmeinungen entgegenstellen, weil sie Schaden am Gemeinwohl abwenden wollen, sollte dies ohne persönliche Risiken möglich sein. Die Einführung eines internen Advocatus diaboli, externer Whistleblowing-Möglichkeiten oder eine Speak-Up-Kultur sind hilfreich. Am wichtigsten ist jedoch eine konsequente Personalpolitik: Statt hierarchiebewusster Vorgesetzter, die Untergebenen Weisungen erteilen, sind charakterstarke Führungspersönlichkeiten gefragt, die Widerspruch fordern und in der Lage sind, bei wichtigen Anliegen aus Gesprächen mit Andersdenkenden dazuzulernen.
… Alles von Klaus Leisinger vom 1.6.2019 bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/meinung/kommentare/wenn-harmoniebeduerfnis-zum-problem-wird–173794734.html
Treibhäuser der Konformität
Philosophie ist das einsame und freie Denken. Aber sie war natürlich immer auch schon institutionalisiert, eingebettet in Paradigmen, gebunden an Denkstile. Heute präsentiert sie sich zumeist universitär, d.h. als Sache von Beamten und ein Departement der Wissenschaften. Dazu passt die antiphilosophische Signatur unserer Bildungsanstalten, die gar nicht mehr bilden, sondern unterweisen wollen. Studienpläne sanieren den Geist und bringen das Denken in Stromlinienform. Gerade an Universitäten bekommt man den Eindruck, dass Philosophie genau das ist, was die europäischen Strategen der Bildungsproduktion als Flausen aus den Köpfen der Studenten auszutreiben versuchen.
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Max Scheler hat recht behalten: Die heutige Universität ist keine „universitas“ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen. Sie bietet uns eine Philosophie ohne Geist, eine Psychologie ohne Seele und eine Soziologie ohne Menschen. Einsamkeit und Freiheit – beides wird heute bekämpft. Der Humboldt-Universität macht der Fortschritt den Bologna-Prozess. Ganz selbstverständlich und unverfroren tituliert man die Studentenschaft als „Generation Praktikum“, weil es niemand mehr wagt, die rigorose Berufsbezogenheit des Studiums in Frage zu stellen. Das verwaltete Studium findet eifrige Verfechter mittlerweile auch bei den Studenten, um deren Zurichtung es den Bildungsplanern geht. Die Angst um den Job ruft nach handfestem, abfragbarem Wissen.
Es war niemand geringeres als Jürgen Habermas, der für die Universitäten einmal die Institutionalisierung der Unzeitgemäßheit forderte: „Freiheit ist etwas Altmodisches“. Doch damals, vor gut einem halben Jahrhundert, erinnerten sich eben noch einige daran, dass der Gelehrte einmal in einer Art bürgerlicher Askese den Dienst an der Wissenschaft leistete – Helmut Schelsky zum Beispiel. Für seinen Helden Wilhelm von Humboldt war die Universität der Schauplatz, auf dem der Mensch – durch und in sich selbst – Einsicht in die reine Wissenschaft findet. „Zu diesem SelbstActus im eigentlichsten Verstand ist nothwendig Freiheit, und hülfereich Einsamkeit.“ Freiheit ist notwendig, Einsamkeit ist hilfreich. Das kann man als zweite Urszene des freien Geistes neben Kants Aufklärungsmodell des Höhlenausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit stellen.
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Zwei gut gemeinte Utopien haben die europäische Universität zerstört. Da gab es zunächst die erstmals durch die Studentenbewegung vorgetragene Utopie von innen, nämlich die Demokratisierung von Lehre und Forschung durch Mitbestimmung und Gruppenuniversität. Es zeigte sich aber sehr rasch: Mehr Demokratie wagen heißt, mehr Bürokratie in Kauf zu nehmen. In allen Lebensbereichen erzeugt mehr Demokratie mehr Bürokratie, weil sich die Leute über ihre Ansprüche definieren, die der Staat als Rechte schützen soll.
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Die europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung
Die Universität ist heute von dem geprägt, was Franz Ronneberger einmal „die emanzipierte Verwaltung“ genannt hat. Selbstverwaltung hatte das Ziel der Autonomie, aber das Ergebnis der Bürokratie. Dem politischen System ist das durchaus recht. Denn die Ministerialbürokratie hat sich in den Universitäten mit der „Selbstverwaltung“ einen Ansprechpartner geschaffen, mit dem man flüssig kommunizieren kann. Der einzelne Professor mit seinem Eigensinn kann hier nicht mehr störend dazwischenkommen. So wurden aus Dekanaten „Service-Center“. Dabei übersieht man geflissentlich, dass sich der enorme Arbeitsaufwand einer kompetenten Selbstverwaltung nicht mit seriöser theoretischer Arbeit verträgt. Jeder engagierte Dekan kann ein Lied davon singen.
Die zweite gut gemeinte Utopie, die die deutsche Universität zerstört hat, ist eine Utopie von außen und heute an den schönen Namen Bologna geknüpft. Gemeint ist die europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung durch Module und Projekte. An der Idee Humboldts gemessen handelt es sich hier ganz schlicht um eine Verstaatlichung des Geistes. Und da sich die Forschung zumal eines Geisteswissenschaftlers nicht so gut organisieren und überwachen lässt wie die Lehre, erklingt überall die Einschüchterungsvokabel „Drittmittel“. In der Tat verwandelt sich die Universität immer deutlicher in eine Welt der Drittmittel und der Gefälligkeitsgutachten.
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Von den verantwortlichen Politikern erfährt man, dass es sich bei den Kritikern dieses Prozesses um „ewig Gestrige“ handelt. Die Euphorie des Studiums, die Freude am „psychosozialen Moratorium“, zu Deutsch: das Leuchten in den Augen der Studenten – das gehört einer längst vergangenen Zeit an. Wer nicht blind und gefühllos ist, spürt an den Bologna-Universitäten eine Atmosphäre der Freudlosigkeit und geistige Sterilität.
Von dem Lateiner Bert Brecht haben wir gelernt, zu fragen: Cui bono? Wer sind die Gewinner des Bologna-Prozesses? Zu den Gewinnern gehören die Verwaltung, deren Bedeutung ins Groteske angewachsen ist, und die Wissenschaftsfunktionäre in den Gremien. Was Dietrich Schwanitz vor Jahrzehnten darüber in seinem Roman „Campus“ schrieb, ist nach wie vor die reine Wahrheit – nur fällt es heute schwer, die Sache mit Humor zu nehmen. Gewinner sind aber auch die Professoren, die lieber Lehrer sein möchten, und die Studenten, die lieber Schüler bleiben wollen. Verklärt wird das Ganze durch die konsumistische Rhetorik vom Studenten als Kunden.

Man muss nicht mehr erwachsen werden, man wird emanzipiert
Den Hauptgewinn aber streichen die Politisch Korrekten ein. Sie haben den Politikern erfolgreich eingeredet, Universitäten seien pluralistische Institutionen, die nach Proporz und Quote besetzt werden müssten. Das neue Stichwort „Diversity“ heißt nämlich nichts anderes als: Bevorzugung bestimmter politisch organisierter Gruppen, die Erhöhung von Gruppenanteilen. Die ideologische Färbung eines Bewerbers wiegt viel schwerer als seine Qualität.
Studenten und Professoren haben vor allem an geisteswissenschaftlichen Fakultäten heute eine gute Chance, in ein Treibhaus der Weltfremdheit hineinzugeraten. Man muss nicht mehr erwachsen werden, man wird emanzipiert. Das ist vielleicht die schwerste Folgelast der Studentenbewegung. Sie wiederholt sich heute als die Farce der Politischen Korrektheit. Ihr „Diskurs“ setzt sich zusammen aus „Demobürokratie“ (Niklas Luhmann) und Sprachhygiene, aus Moralismus und Heuchelei, aus Sozialkitsch und einer politisch gefährlichen Perversion der Toleranz. Der Ton wird übrigens immer schärfer. Denn man wird politisch aggressiv, wenn man theoretisch nicht mehr weiter weiß.
Eine Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird.
Man darf ihn übrigens nicht offiziell als Politische Korrektheit ansprechen – das wäre politisch unkorrekt. Alan Charles Kors und Harvey A. Silverglate haben in ihrem eindrucksvollen, beklemmenden Report über den akademischen Verrat an der Freiheit, „The Shadow University“, die heutige Universität als den größten Feind der freien Gesellschaft bezeichnet, weil sie die Studenten nicht mehr als Individuen sondern als Verkörperungen von Gruppenidentitäten behandelt und sie entsprechend in Gruppenrechten unterrichtet.
Die neuen Ingenieure der Seele arbeiten mit Sprachcodes, Gruppenidentitätszuschreibungen und Trainingscamps für „sensitivity“ und „awareness“. Wer das Wort „Individuum“ benutzt, weckt den Verdacht, gegen den heiligen Geist der Gruppe zu sündigen. In dieser „Schattenuniversität“ der Politischen Korrektheit ist die offene Diskussion freier Individuen längst durch Zensur, Einschüchterung und Indoktrination ersetzt worden. In der Vergangenheit diskriminierte Gruppen sollen durch positive Gegendiskriminierung Wiedergutmachung erfahren. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Das ist der Sieg von Herbert Marcuse über John Stuart Mill.

Wissenschaft im Dienst des Gruppenkults
Der Ungeist der Gruppe breitet sich vor allem in den Bildungsanstalten aus. An die Stelle von Humboldts „Einsamkeit und Freiheit“ ist dort längst das „soziale Lernen“ getreten. Systematisch betreibt die Gruppe an Schulen und Universitäten die Austreibung der Einsamkeitsfähigkeit. Unsere moderne Massendemokratie scheint prinzipiell schutzlos gegen diesen Konformismus zu sein. Sie überbetont die sozialen Tugenden der Kooperation und zerstört die nur im Privatleben entfaltbare Kultur der Einsamkeit dessen, der alleine für eine Sache kämpft. Einsamkeit ist nämlich der Preis der Freiheit und Einsamkeitsfähigkeit deshalb die Bedingung der Freiheit.
Die Wissenschaft ist längst in den Dienst des Gruppenkults getreten. Und an dem typischen Campus-Phänomen der Politischen Korrektheit kann man sehen, dass heute nicht mehr die Wissenschaft verfolgt wird, sondern sie selbst die Verfolgung des häretischen Geistes organisiert. Auch an Universitäten darf man heute dumm sein, aber man darf nicht von der Parteilinie abweichen. Viele Professoren reagieren darauf mit innerer Emigration und/oder einer Flucht in die außeruniversitäre Reputation. Zumeist verwirklicht der Professor dann seine akademische Freiheit als Bockigkeit.
„Der Staat als Leitstern der Bildung!“ – das war Nietzsches höhnische Formel für den Hass auf den Geist, für die Angst vor der Philosophie. Die Formel ist aktueller denn je; nur dass der Leitstern heute nicht mehr Preußen sondern Brüssel heißt. Dort werden die Direktiven eines neuen Konformismus ausgegeben, der sich kurioserweise mit seinem Antonym benennt: Diversität. Für einen guten Europäer gibt es ja nichts Wertvolleres als die Meinungsfreiheit. Das Recht auf Meinungsfreiheit und Redefreiheit stellt aber gerade die abweichende Meinung, den Dissens, ins Zentrum der Freiheitsidee. Von dieser Einsicht ist die Elite der europäischen Politik unendlich weit entfernt. Abweichende Meinungen werden heute schärfer sanktioniert als abweichendes Verhalten. Diese Sanktionen laufen zumeist nicht über Diskussionen, sondern über Ausschluss.
Nun könnte man denken, dass ja immerhin noch die Gedanken frei sind. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, dass derjenige, dem man das Sprechen und Schreiben beschneidet, noch frei denken könne. Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten. Und das gilt nicht nur für die wenigen Schreiber, sondern gerade auch für die vielen Leser. Gedankenfreiheit bedeutet für die meisten Menschen nämlich nur die Möglichkeit, zwischen einigen wenigen Ansichten zu wählen, die von einer kleinen Minderheit öffentlich Redender und Schreibender verbreitet worden sind. Deshalb zerstört das Zum-schweigen-bringen abweichender Meinungen die Gedankenfreiheit selbst.

Den abweichend Meinenden als unmoralisch verurteilen
Die neuen Jakobiner berufen sich darauf, dass viele Meinungsäußerungen Ehre, Scham und Anstand verletzen. Mit dem Vorwurf der Volksverhetzung ist man in Deutschland sehr rasch bei der Hand. Doch auch die Immoralität einer Meinung ist kein Grund dafür, ihr Bekenntnis und ihre Diskussion zu beschneiden. Auch wenn nur ein einziger eine abweichende Meinung hat, gibt das der überwältigenden Mehrheit nicht das Recht, ihn zum Schweigen zu bringen.
Wer eine Diskussion zum Schweigen bringt, beansprucht für sich selbst Unfehlbarkeit. Im Anspruch der Unfehlbarkeit steckt aber die Unfähigkeit, einen Irrtum zu korrigieren – und irren ist menschlich. Zur Korrektur eines Irrtums reicht Erfahrung nicht aus; man muss die Erfahrung auch interpretieren, und dazu braucht man die Diskussion. Deshalb darf es keine Einschränkung der Freiheit zum Widerspruch und zur abweichenden Meinung geben.
Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Silencing nennt man das im angelsächsischen Sprachraum. Die Passage über das Zum-Schweigen-bringen der abweichenden Meinung gehört zu den großartigsten und aktuellsten in John St. Mills Freiheits-Essay.

Nonkonformismus ist kein kognitives Problem. Es geht um Mut und Angst. Und hier ist es in der Moderne zu einer charakteristischen Verschiebung gekommen. Früher fürchteten sich die Menschen, das Unwahre zu sagen, also die unrichtige Meinung zu haben. Heute fürchten sie sich nur noch davor, mit ihrer Meinung allein zu bleiben. Kierkegaard nennt das die Angst davor, ein Einzelner zu sein. Sie ist für die moderne Massendemokratie charakteristisch; ihr Thema ist die Gruppe, das Team; ihr Anathema ist der Einzelne, der Eigensinnige.
Der Gruppe und den Medien zu trotzen – nur wenigen ist heute die Freiheit wichtig genug, um dieses Wagnis einzugehen. Ein Einzelner zu sein, ist die Häresie unserer Zeit. Der Berliner Philosoph Peter Furth, der die linke Szene wie kein zweiter kennt, hat in seiner brillanten Abschiedsvorlesung den hier entscheidenden Zusammenhang benannt: Politische Korrektheit ist die Macht des Konformismus, die andere zum Heucheln zwingt. Sich diesem Zwang zur Heuchelei zu entziehen, erfordert heute den Mut, den man Zivilcourage nennt.
3.1.2019, Norbert Bolz. CATO-Magazin 1/2019, Seite 74f.,

Norbert W. Bolz, geb. 1953 in Ludwigshafen, ist ein deutscher Medien- und Kommunikationstheoretiker. Er lehrt als Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin.

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Kommentare auf www.achgut.com

Druck linksgrüner Machthaber und Sesselinhaber dringt in alle Fakultäten und engt jede Forschung ein. Unterstützt wird der Druck von Merkel & Co sowie den Staatssendern und Mainstreammedien. Wider besseres Wissen wird heute in allen möglichen Nachrichten behauptet, der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sei in diesem Jahr dramatisch gestiegen (ebenso Methan und andere Gase) und so hoch wie vor zig Millionen Jahren, die Temperatur sei deutlich gestiegen (was sie seit 20 Jahren genau NICHT tut) – Ursache sei der Mensch. Und das, obwohl bereits eindeutig widerlegt ist, dass der mensch-verursachte CO2-Ausstoß Einfluss auf das Klima hat, obwohl nachgewiesen ist (z.B. Eiskernbohrungen), dass nicht hoher CO2-Gehalt steigende Durchschnittstemperaturen nach sich zieht, sondern exakt das Gegenteil der Fall ist. Linksgrüne Ideologie hat längst seriöse Wissenschaft verdrängt, an den Lügen bestens verdienende “Wissenschaftler” (Latif, Schelnhuber, Lesch & Co) verbreiten die Klimalügen, Staatsfunk und MSM helfen kräftig mit. So wird der Boden bereitet für diktatorische Entscheidungen, die man mit Klimaschutz begründen kann. Schwachsinnigste Grenzwerte führen zu diktatorischen Fahrverboten, demnächst wird der Individualverkehr noch weiter beschränkt, und das angesichts der Tatsache, die die DB schon heute weder das Aufkommen bewältigt noch pünktlich ist. Übrigens kommt der reichlioch verbrauchte Strom der DB sicher aus den Vogelschredderanlagen… und, natürlich, aus den Kernkraftwerken der Nachbarn. Wir werden nach Strich und Faden belogen und betrogen. Die kommenden Generationen (von denen immer noch ein großer Teil links und grün wählt, also das Unglück selbst schuld ist) werden dramatisch zu leiden haben, Deutschland wird in spätestens 2 Generationen pleite und das Armenhaus Europas sein, ausgesaugt von der EU und den Eurokraten. Aber das ist dann auch egal, weil dann hier der Islam das Sagen hat, und die sinds nicht anders gewohnt.
22.11.2018, H.W., AO
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“Ein Einzelner zu sein, ist die Häresie unserer Zeit.” Herr Bolz, wenn der Satz von Ihnen ist, meinen Glückwunsch, das so treffend auf den Punkt gebracht zu haben.

Erschreckende Geistlosigkeit. Desinteresse. Leere Augen. Bloß nicht anstoßen
Ich, Sarah Matuschak, selbst Mitarbeiterin im Hamsterrad der Humboldt-Universität, danke Ihnen, Herr Bolz. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Scharfsinnig, auf den Punkt. In der Tat wurden die Studenten, die wir vor uns haben, schon in der Schule zum geistigen Konformismus und zur Binarität ihres Weltbilds erzogen. Das Ergebnis: Erschreckende Geistlosigkeit. Desinteresse. Leere Augen. Auf der Seite der akademischen Mittelbauern dasselbe Trauerspiel. Bloß nicht anstoßen, bloß alles bedienen, was der Zeitgeist fordert. Das Ergebnis hier: Ebenfalls erschreckende Geistlosigkeit. Die Vorträge, die wir hören haben keine Fragen mehr an das Leben, stellen nichts infrage, sehen kein Problem, haben keine These, keine Aussage. Stattdessen: Forschungsdesiderat als Rechtfertigung, warum wieder hunderte Bäume für ein überflüssiges Buch sterben müssen. Und die Professoren? Nun, mir steht es nicht zu, mich dazu zu äußern. Denn sieh an: Die alte Hierarchie, die lebt sehr wohl. Gut so. Und dennoch ein Stich: Bei vielen Professoren bin ich immer wieder erstaunt ob des fast naiven Gleichmuts und der Ignoranz. Oder sie jammern (Die Gremien!!!), schreiben nichts, ist ja auch nicht wichtig, als Wissenschaftler ein Buch zu schreiben, sitzen da als kleine Funktionärshasen und jammern, dass die Studentenzahlen im Fach so bleiben müssen, sonst streicht man Professuren. Also alle durchkommen lassen. Der Hamster läuft. Und oben an der Spitze eine Präsidentin, die etwas von “Lehre über alles” , “Forschung ist unwichtig” , quakt, und dabei selbst nicht der hellste Stern am Firmament ist. So. Ausgewütet.
22.11.2018, S.M.
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Es ist doch mehr als verstörend, wenn man schon nicht mal mehr Tatsachen aussprechen darf, weil sie dem konformen Denken widersprechen. Herr Sarrazin hat ja einschlägige Erfahrungen gemacht. Können Tatsachen rassistisch sein? Ich habe ein sehr interessantes Buch von Andreas Vonderach: “Völkerpsychologie / Was uns unterscheidet” – Es handelt sich um eine Beschreibung der charakteristischen Eigenschaften der verschiedenen Völker, durch die sie sich voneinander unterscheiden. Das Buch ist von 2014. Als ich meinen nun wirklich grünen Ex-Freunden davon erzählte, entfuhr es einer Grünin: “Aha, soweit sind wir schon wieder! Und die Schwarzen sind halbe Affen!” Ich war perplex! Da stand ich nun als ausgemachte Rassistin! Ich hatte mich eines schweren Vergehens schuldig gemacht: Ein Buch zu lesen, dass sich wissenschaftlich mit den Unterschieden “zwischen den Völkern in der Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit der Realisierung eines bestimmten Verhaltens” auseinandersetzt. Wirklich ein sehr differenziertes und überaus interessantes Buch! Passt aber nicht zu dem Slogan: “Alle Menschen sind gleich!”, wenn dieser Slogan mehr meint als die inzwischen zumindest in unseren Breiten selbstverständliche politische Gleichheit, die meint: “Man erkennt damit in einer Gemeinschaft den anderen als jemanden an, der die gleichen Rechte hat wie man selbst, obwohl man natürlich um die Verschiedenheit der Neigungen und Fähigkeiten weiß.” Durch die gemeinsame Geschichte, Kultur und Sprache und nicht zuletzt die gemeinsame Abstammung haben sich auch im deutschen Volk Verhaltensweisen entwickelt, die hier häufiger vorkommen als in anderen Völkern. Das ist nur eine nüchterne Beschreibung der Realität. Auf dem Rücken des Buches steht in weiser Kenntnis der Lage: “Die Völkerpsychologie ist einer jener Wissenschaftszweige, die KEIN RENOMMEE haben, aber HINTER DEN KULISSEN ununterbrochen auf ihre anwendbaren Ergebnisse hin ausgewertet werden.” Wieder mal Tabus und Heuchelei!
22.11.2018, G.W., AO
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Prof Conze 1974 in Heidelberg
1974 bereits konnte ein Historiker in Heidelberg (Prof. Conze) seine Vorlesungen nur noch im Hinterzimmer eines Gasthofs halten, als Mitglied im “braunen Bund Freiheit der Wissenschaft” markiert als Nazi. Die historische Fakultät und ihr Lehrbetrieb war damals fest in der Hand der KBW Maoisten. Ob mir Herr Kretschmann damals auch schon auf die Nerven ging, erinnere ich nicht. Dass der unsägliche Schwachsinn von damals nach 50 Jahren es schaffen könnte, aus der BRD eine DDR 2.0 zu formen, hätte ich niemals für möglich gehalten.
22.11.2018, E.P.
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Die Gedanken sind schon lange nicht mehr frei. Natürlich und folgerichtig haben die Gedankenzensoren längst Methodiken erfunden, herauszufinden, was wir denken. Im Groben reicht es, sich nicht aktiv zu einer systemkonformen Idee oder gar zum Gegenteil zu bekennen (s. Netzgesetz), einen unerwünschten Lebensstil zu haben (Auto) oder sich den Anschein zu geben (overdressed), grundsätzlich auch zu Nebensächlichkeiten überhaupt eine eigene Meinung zu haben. Im Feinen sind Gesichts- und Infrarotscanner sehr hilfreich. Die goldenen Zeiten von 1870 und Hoffmann von Fallerslebens sind vorbei. Der dunkle Apparat und seine vorauseilenden Diener lernen ständig dazu – d.h. so neu sind ihre “Ideen” und ihr Vorgehen ja eigentlich gar nicht: Christenverfolgung, Enthellenisierung, Inquisition, Autokratie, Revanchismus, Nationalsozialismus und Kommunismus sind immer neue Schlucke aus der gleichen alten Pulle gewesen. Und der Mob ist leider auch jetzt wie immer willfährig zu allem bereit. Daran haben die Jahrtausende bisher nichts ändern können.
22.11.2018, S.S., AO

Das Bild ist eine schöne Metapher. Massenproduktion vs Manufaktur. Für die Geburtsjahrgangskohorte von Prof. Bolz dürfte gegolten haben, dass 6 bis 8 % eines Jahrgangs Abitur machen und die besten davon Professor werden. Aus gesellschaftlicher Sicht war das Manufaktur. Heute ist die Abiturientenquote in manchen Bundesländern weit über 60 %. Das geht nur über Niveau-Absenkung und „künstliche Bewässerung“. Vom Humboldt´schen Ideal kann da nicht viel übrig bleiben. Und die Inklusionsgesetzgebung gibt dem ambitionierten Rest den Rest. Die Schweiz hat das übrigens durch eine konsequente duale Ausbildung besser gelöst.
22.11.2018, A.W.
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Totalitarismus-Theorie von Hannah Arendt 
Eine hervorragende und ganz und gar zutreffende Analyse ! Es bleibt zu hoffen, dass es weitere mutige Sozialwissenschaftler und Denker geben wird, die die in einen Dornröschenschlaf gefallene, bzw. versetzte Totalitarismus-Theorie von Hannah Arendt wieder zum Leben erwecken und die hiesigen Verhältnisse an den dort entwickelten Parametern untersuchen. Was mir allerdings in vielen kritischen Artikeln auffällt: Warum beschreibt man die gegenwärtige politische Klasse immer als “politische Elite”? Was – bitte schön – ist an dem politischen Personal “Elite”? Elite ist ein Begriff, der auf “Leistung” beruht, und so hat er auch seine Berechtigung, auch wenn das den Linken und Grünen so gar nicht gefällt. Aber kann “Elite” auf politischer Gesinnung beruhen? Ich plädiere deshalb für begriffliche Genauigkeit, wenn man über das Wesen des Politischen (im Sinne Max Webers) oder schreibt
22.11.2018, A.K.
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Wenn der Ungeist an Orten einkehrt, an denen man ihn am wenigsten vermutet, wie etwa in Universitäten oder Kirchen, dann ist die Aufmerksamkeit der Freidenker gefordert. Dann erleben wir wieder einmal eine Epoche, während derer die Menschen, dem Irrglauben aufsitzen, zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie meinen das zu Erstrebende, dass Paradies bereits vor Augen zu haben. Es geht ihnen nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Um die Umsetzung. Sie zweifeln nicht mehr. Sie meinen erkannt und wissenschaftlich begründet zu haben, welches die nächsten Schritte zum Wohle der Menschheit zu sein haben. Zweifler gelten als Verhinderer des Guten. Diejenigen, die sich ihrer Sache so sicher zu sein scheinen, werden im Laufe der Zeit ihren Irrtum erkennen. Bis es soweit ist, werden Mahner und Kritiker ausgeschlossen oder verfolgt werden. Doch lässt sich der Geist der Wahrheit nie völlig unterdrücken. Dieser ist zwar zart, doch stark zugleich. Er wird sich denen zeigen, die ihn wahrnehmen können. Ihnen kann der Ungeist nichts anhaben.
22.11.2018, W.A.
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Ein großartiger Beitrag, den ich dreimal gelesen habe, obwohl das Thema höchst unerfreulich, ja beklagenswert ist. Es handelt sich ja um die sensible Beschreibung einer gewaltigen universitär organisierten Degeneration des akademischen Geistes. Die neuen Medien fördern die Gleichzeitigkeit und verhindern durch den zweifelsfreien Vorteil des jederzeitigen Zugriffs auf Informationen und die Verheißung der Permanentkommunikation die schöpferische Einsamkeit.
Die Beschleunigung und Synchronisation von vermeintlichen Reifungs- und Entscheidungsprozessen zwingen zur zielgerichteten Oberflächlichkeit; so müssen trotz Verfügbarkeit der vermeintlich idealsten Infrastruktur für den Wissenserwerb die philosophische Tiefe abgewählt werden muss. Infolge internationaler Vernetzung und der grassierenden Sucht nach Vereinheitlichung und Konsens werden weltweit die gleichen Fehler gemacht. Außeruniversitäre Organisationen und Stiftungen unter der Leitung der UN bestimmen das Weltgeschehen, und zwar gegen nationale Parlamente, gegen den gesunden Menschenverstand und gegen das widerständige Individuum. In dieser Situation ist das Gerede von “künstlicher Intelligenz” verräterisch und dumm zugleich. Gefühlsregungen, Interessen, innere ethnische Hierarchien, Gewissen, Bestrebungen, Rücksichten, Ideologien, Grundannahmen, Zweifel und Tiefe der Gedanken, Selbstreflexion, der innere Sinnkosmos inklusive Eigensinn und sinnstiftende Kontemplation, Selbstmotivation müssen endlich durch klare und transparente Algorithmen ersetzt werden, meinen die schlichten Möchtegern-Götter der KI. Auf Lust, Liebe, Rausch, Neugier, Genuß, Allgemeinwissen und Kunstverstand – Sinnesfreuden überhaupt! – Erfahrung und Begreifen, Verstand, Toleranz und persönliche Reife meinen die sie verzichten zu können. Das ist die Folge von Bologna, zu besichtigen Am BER oder den führenden Parteivertretern in unserem Parlament oder im Versuchsunternehmen EU.
22.11.2018, A.R. AO
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Veröffentlichen Sie mal eine Arbeit, die der gängigen Lehre vom Klimawandel widerspricht. Oder dem CO2-Märchen, dass Deutschland etwas messbares zu dessen globaler Reduzierung beitragen könne. Und welcher Unfug aus diesem Märchen erwächst. Ich empfehle, dies anonym zu tun, um Schaden von Leib, Seele und Vermögen zu vermeiden. Grün-links hat totalitäre Ansprüche, die mindestens mit Niederbrüllen, häufig aber auch schon mit Gewalt durchgesetzt werden. Schauen Sie mal, was im Zusammenhang mit den Protesten am Hambacher Forst so alles passiert ist. Leider wird das überregional nicht kommuniziert.
22.11.2018, H.H. AO
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Eine Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, …”… der wohl schlimme Auswuchs von Überheblichkeit gepaart mit Realitätsferne. Nach der Euphorie der Widervereinigung hätte ich mir niemals träumen lassen, daß ein Zustand der vorgeschriebenen Einheits-und Eliten-Meinung, so möglich ist. Sich quasi das Diktat einer selbsternannten grün-roten Moral-Elite, jegliche Demokratie im Keim ersticken will. Aus ihrer Geschichte, selbst wenn sie miterlebt wurde, zu lernen, fällt der Menschheit erfahrungsgemäß schwer. Dass Gesinnungsschnüffelei, Verleumdung und Tugendterror wieder um sich greifen, daran hat die Medienlandschaft ihren klaren Anteil. “Es zeuge von niedriger Gesinnung, mit der Menge denken zu wollen, bloß weil sie die Menge ist. Durch die Meinung noch so vieler Menschen werde die Wahrheit keine andere, als sie ist.” (Giordano Bruno)
22.11.2018, G.B.
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Die Gedanken sind frei .
“Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen.”
 Das ist der Kern des Artikels und kann nur im Zusammenhang mit dem Zitat von Peter Furth gesehen werden. Wieder versucht man, junge Menschen zu Heuchlern und Phrasendreschern zu erziehen, wie es in der DDR üblich war. Wie in der DDR wird dieses Problem wahrscheinlich besonders die geisteswissenschaftlichen Fächer betreffen.
Wir haben jedenfalls “Die Gedanken sind frei …” inbrünstig gesungen, was bei den Genossen nicht besonders beliebt war. Kennen die Studenten dieses Lied heute noch? Was die Vereinsamung des politisch Unkorrekten betrifft, man hat ja die Achse.
22.11.2018, R.L., AO
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Weswegen der vom Sozialismus traumatisierte Ostdeutsche seit Jahren ein sehr schweres Déjà-vu durchlebt, und der unter alliierter Aufsicht in Freiheit sozialisierte Deutsche möglicherweise nicht versteht was gerade in diesem Lande passiert. Und warum “gendergerechte Sprache” in ihrer ganzen Penetranz, die Verteufelung von “Klimaleugnern” oder “Rechtspopulisten”, der gebetsmühlenartige “Kampf gegen Rechts”, das Zupflastern der Öffentlichkeit mit NGOs, das totalitäre Auftreten von “Autoren mit Haltung”, das Zerstören bürgerlicher Existenzen für “die gute Sache”, die physische Gewalt von Schlägertrupps gegen Andersdenkende die Vorstufe von etwas sind, was wir schon mehrfach in der Geschichte hatten und nie wieder haben wollten.
22.11.2018, F.R.
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Mut zum Nonkonformatismus
Politische Korrektheit ist wie ein Krebsgeschwür in unsere Gesellschaft eingezogen. Die großen Freigeister , wie z.B. Wilhelm von Humboldt , würden heute als Außenseiter in jeder Universität Spießruten laufen müssen. Ein aktuelles Beispiel des Grauens aus der Bonner Universität , wo eine bekennende AFD Studentin mit öffentlichen Steckbriefen gemobbt wird. …
Ein beklemmender und zugleich wunderbar klarer Artikel von Norbert Bolz. “Der Gruppe und den Medien zu trotzen – nur wenigen ist heute die Freiheit wichtig genug, um dieses Wagnis einzugehen. Ein Einzelner zu sein, ist die Häresie unserer Zeit.” – Warum nur muss ich da an den von der Süddeutschen Zeitung beklatschten Rauswurf der Katrin Ebner-Steiner aus der Goldenen Bar denken? Begründung: deren Mitgliedschaft in der AfD. Nur wenige Menschen haben soviel Mut zum Nonkonformatismus wie diejenigen, die in die AfD eintreten oder gar Funktionen übernehmen. Irrerweise sehen deren Gegner gar nicht, wieviel mehr Faschismus in ihren eigenen jakobinischen Köpfen steckt. “Jakobinische Köpfe” denen wünscht man glatt – im übertragenen Sinne natürlich! – ein déjà vu mit ihrem historischen Schicksal.
22.11.2018, J.R., AO

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