Europa-Leitkultur

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Kapphof zwischen St.Peter und St.Märgen im Schwarzwald am 11.8.2016 - Blick nach Westen auf St.Peter

Kapphof zwischen St.Peter und St.Märgen im Schwarzwald am 11.8.2016 – Blick nach Westen auf St.Peter

 

 

Die Legende von der Christlichen Leitkultur

Neun Thesen zur „christlich-abendländischen Kultur“

1. Europas Kultur gründet im klassischen Athen, als das Wort des Bürgers und die Sprache der Vernunft an die Stelle der Sprüche von Orakeln und Wahrsagern treten, als die demokratische Mitsprache aller anerkannten Bürger beschlossen, Theater gegründet und unvergleichlich schöne „klassische“ Kunstwerke geschaffen werden.

2. Rom ergänzt die griechische Kultur, schafft Ordnung, liefert den Völkern Recht und Gesetze, Thermen und Theater, Fernstraßen und Städte. Zusammen mit der griechischen Kultur ist die römische bis heute stilbildend. Wir nennen sie „antike“ Kultur. Ihre überragende Bedeutung für die westliche Welt ist unbestritten. Sie ist das Fundament, auf dem Europa ruht.

3. Die antike Kultur endet mit der Ernennung des Katholizismus zur Staatskirche im Jahre 380. Das Jahr markiert einen Paradigmenwechsel von der polytheistisch-multikulturellen Denkweise zu einer monotheistisch-monothematischen. An die Stelle der antiken Kultur tritt eine Dogmenkultur, die ihre Durchsetzungskraft aus der Allianz mit der Staatsmacht gewinnt.

4. Das nunmehr dominierende Jenseitsdenken und die autoritäre Wahrheitsgewissheit der Kirche paralysieren Kreativität und Forschung, Bildung und Wissenschaft. Ohne öffentliche Schulen, Bibliotheken, Theater und Kanalisation verwahrlosen die Städte. Die Stadtkultur bricht zusammen, die Städte versinken im Schmutz. Der einst freie Geist zieht sich als Kirchengeist hinter Klostermauern zurück.

5. Parallel zum Verfall des Nordens schwingen sich im islamischen Süden Europas die Städte zu kulturellen Höhen auf. Die islam-arabische Kultur wächst in kurzer Zeit wie Phönix aus der Asche. Sie integriert die griechisch-römische Kultur, adaptiert indische, asiatische und persische Beiträge, ordnet und ergänzt das Erworbene und beherrscht von 700 bis 1400 die Welt zwischen Indus und Atlantik.

6. Die neue islam-arabische Kultur wird zum Maßstab aller Kulturen. Córdoba, die Kalifenstadt im arabischen Spanien, gilt als „Zierde des Erdkreises“, Bagdad als weltweiter „Hort der Weisheit“.

7. Ab dem 13. Jahrhundert dringt das islam-arabische Wissen nach Mitteleuropa. Nach tausend Jahren Düsternis kehren Teile der antiken Kultur an ihren Ursprungsort zurück. Europa wird zum Erben und Nutznießer der heidnischen Antike im arabischem Gewand und erblüht in der „Renaissance“. Das „finstere“ Mittelalter wandelt sich. Die lange unterdrückten schöpferischen Kräfte finden einen, wenngleich begrenzten, Raum zur Entfaltung.

8. Im 18. Jahrhundert leitet die Aufklärung, Höhepunkt europäischer Geistesgeschichte, die Revolutionen für Freiheit, Mitbestimmung und Menschenrechte ein. Ihre unsterbliche Formel lautet: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Ihre Forderungen nach Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung sind die Werte, die heute die westliche Hemisphäre prägen und ihr Ausstrahlungskraft verleihen.

9. So sind Antike, islam-arabische Hochkultur und Aufklärung die eigentlichen Bausteine europäischer Kultur. Der Beitrag des Christentums in Gestalt der katholischen Kirche ist zwar unübersehbar, aber als reine kirchenkulturelle Leistung für die geisteswissenschaftliche und demokratisch-gesellschaftliche Entwicklung Europas von geringerer Bedeutung. Denn „christliche Kultur“ ist nahezu reine Kirchenkultur, seit der Gotik mit hohen Erzeugnissen, aber ihre fundamentale Religiosität hinterlässt überall in der Welt Spuren der Verwüstung. Sie ist eine Teilkultur, in der sich das Gute den Rang mit dem Schmach des Unanständigen teilen muss.

Diese Thesen stammen aus folgendem Buch:
Rolf Bergmeier – Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende.
Aschaffenburg 2014, 240 Seiten,
ISBN 978-3-86569-164-4

Die Vortragsveranstaltung der Evolutionären Humanisten Freiburg e.V. mit dem Althistoriker M.A. Rolf Bergmeier fand am 04.12.2015 in der Universität Freiburg statt. Die obigen Thesen zur „christlich-abendländischen Kultur“ geben den Inhalt des Vortrags in allen wesentlichen Bereichen in komprimierter Form wieder.
www.humanisten-freiburg.de

Zur Vertiefung wird im folgenden der Originaltext von Rolf Bergmeier, mit dem die Veranstaltung angekündigt wurde, mit weitergehenden Erklärungen aufgeführt :

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Europas Leitkultur – Die Geschichte einer Genese

Wenn von Europa, seinem Selbstverständnis und seinen Werten die Rede ist, dann fällt meist der Begriff “christlich-abendländisch”. Dann ist es üblich von einer “christlichen Kultur“ zu sprechen oder doch zumindest auf ihre christlichen Wurzeln aufmerksam zu machen. Wohlmeinende beeilen sich zudem, auf die jüdisch-christliche Traditionskultur oder das jüdisch-christliche Erbe Europas verweisen zu müssen, was den verführerisch-einfachen Charakter der Sache kaum besser macht. Denn weder schätzen die Juden die Wortkombination „christlich-jüdisch“, noch wird vom antiken Erbe gesprochen. Zumal es zwischen 700 und 1400 im „Abendland“ eine weitere Lebensform gibt, mit der das christliche Mitteleuropa in enger Nachbarschaft zusammenlebt: Die islam-arabische. Diese Kultur herrscht zwischen Indus und Atlantik und ist von einem einzigartigen Miteinander von Muslimen, Christen und Juden unter islamischer Flagge geprägt. Sie integriert die griechisch-antike Literatur, adaptiert indische, asiatische und persische Beiträge, ergänzt das Erworbene und formt sich zu einer Hochkultur, die allen anderen Kulturen des Mittelalters weit überlegen ist.

Die Antike
Die Wiege der „abendländischen Kultur“ steht nicht in Bethlehem, sondern auf der Akropolis. Von hier nimmt alles seinen Anfang: Die schöpferische Phantasie, die Idee des „Schönen“, die Entfaltung des Geistes, die Suche nach dem sittlich Vollkommenen. Hier tritt im 5. Jahrhundert v.u.Z. das Wort des Bürgers und die Sprache der Vernunft an die Stelle der Sprüche von Orakeln und Wahrsagern. Hier wird die demokratische Mitsprache aller anerkannter Bürger beschlossen, werden Theater gegründet und unvergleichlich schöne „klassische“ Kunstwerke geschaffen. Astronomie und Kosmologie, Medizin und Pharmakologie, Politologie und Philologie, alles trägt griechische Namen. Keine geistes- und naturwissenschaftliche Fakultät, keine künstlerische Hochschule, die nicht von diesem griechischen Erbe zehrt.
Rom ergänzt die griechische Kultur, schafft Ordnung, liefert den Völkern Recht und Gesetze, Thermen und Theater, Fernstraßen und Städte. Ein Medizinstudium ohne Latein ist auch im 21. Jahrhundert nicht vorstellbar und der Codex Justinianum begleitet jedes Jurastudium. Zusammen mit der griechischen Kultur ist die römische bis heute stilbildend. Wir nennen diese Mischung aus griechischer Hochkultur und römischer Verwaltungs- und Ingenieurkunst „antike“ Kultur. Ihre überragende Bedeutung für die westliche Welt ist unbestritten. Sie ist das Fundament, auf dem Europa ruht.

Spätantike und das verschwiegene Religionschaos im 4. Jahrhundert
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ie wichtigste Hürde auf dem Weg des Katholizismus zur Staatskirche ist die Zerstrittenheit der Jesus-Religionen, die trotz ihrer Inhomogenität in der Literatur meist unter dem Begriff „Christentum“ subsummiert werden. Sie ist zu dieser Zeit so umfassend und tiefgreifend, dass man kaum von „Kirche“ sprechen kann, ohne den Zuhörer auf ein falsche Fährte zu locken. Denn die Jesus-Bewegungen sind in Wahrheit ein variantenreiches Bündel von Jesus-Anhängern mit unterschiedlichsten Gottes-Vorstellungen. Was sie vereint, ist die Anhängerschaft an Jesus, der als Religionsgründer verehrt wird, aber nicht durchgängig als „Gottessohn“ oder gar als Teil einer „Trinität“.

Es handelt sich bei den verschiedenen Jesus-Bewegungen nicht etwa nur um verstreute Splittergruppen im ägyptischen oder palästinensischen Irgendwo, sondern um zum Teil mächtige Strömungen im Herzen des oströmischen Reiches, der Quelle des Christentums. Die bedeutendste ist die arianische, die Jesus nicht als gottgleich anerkennt und an Mitgliedern wohl ebenso stark gewesen sein dürfte wie die später „katholisch“ genannte Lehre, die die Trinität, die Lehre von den Dreien in Einem, predigt.

Das religiöse Durcheinander ist so schlimm, dass Eusebius von Caesarea, der Hofberichterstatter Kaiser Konstantins, seufzt: „Schlimmer als jeder Krieg und jeder furchtbare Kampf gilt mir der innere Zwist der Kirche Gottes und schmerzlicher scheint mir dies als die Kämpfe nach außen“. Zwar wird 325 auf dem Konzil von Nicäa eine Gottesformel gefunden, die der heutigen gleicht – homoousios, der Sohn ist dem Vater wesensgleich – die aber 359 auf verschiedenen Synoden wieder in Frage gestellt wird. Fast 400 Jahre nach dem Tode Jesu ist also noch nicht einmal Gott abschließend definiert. Deshalb kann es auch nicht wirklich überraschen, dass Kaiser Julian im Jahre 361 die alten Götter wieder in das Zentrum des Staatskultes rückt.

Staatskirche
Im Jahre 380 macht Kaiser Theodosius Tabula rasa: Er verbietet mit dem Erlass Cunctos populos alle heidnischen Religionen und schaltet die vom Katholizismus abweichenden christlichen Varianten („Häretiker“) aus: „Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“. Erstmals in der griechisch-römischen Geschichte wird der Monotheismus mit seiner inhärenten Charakteristik der Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen zur Leitlinie staatlichen Handelns. Die Interpretatio graeca, die Gewohnheit antiker griechischer Autoren, ihnen unbekannte Gottheiten anderer Kulturen mit griechischen Göttern gleichzusetzen und die Religio licita, die römische Anerkennung jüdischer, christlicher und anderer Formen des Glaubens, werden außer Kraft gesetzt. 800 Jahre Religionsfrieden, in dessen Schutz jeder nach seiner Façon selig werden konnte, sind dahin. An die Stelle der antiken philosophisch und geisteswissenschaftlich orientierten Kultur tritt eine Dogmenkultur, die ihre Durchsetzungskraft aus der Allianz von Religion und Staatsmacht gewinnt.

Zusammenbruch
Das nunmehr dominierende Jenseitsdenken und die autoritäre Wahrheitsgewissheit der Kirche paralysieren Kreativität und Forschung, Bildung und Wissenschaft. Der einst freie Geist zieht sich als Kirchengeist hinter Klostermauern zurück.Weite Bereiche der Kultur, wie öffentliche Schulen, öffentliche Bibliotheken, philosophische Akademien, Theater oder Thermen verfallen. Ebenso das römische Straßennetz und die Wasserversorgung. Ohne öffentliche Schulen und Bibliotheken, ohne Theater und Kanalisation, ohne Thermen und öffentliche Foren verwahrlosen die Städte. Die Stadtkultur bricht zusammen, die Städte versinken im Schmutz. Die Bildung ist verwüstet.

Karl „der Große“
Karl „der Große“ ändert an diesem Niedergang wenig. Sein Weltbild ist fundamentaler Katholizismus pur und nimmt die Formen islamistischer Religionsgewalt vorweg. Karl führt 40 Jahre Krieg, verfügt bei Androhung leiblicher Strafen, dass jeder Einzelne kirchliche Grundformeln zu kennen habe und droht Frauen bei Nichtwissen des Vaterunsers die Peitsche an. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog erinnert die Historiker: „Es wäre nicht redlich … zu verschweigen, dass er sein Ziel nur in einem Meer von Blut, Schweiß und Tränen erreicht hat”.
Die in der Literatur hoch gerühmten Klosterschulen sind Religionsschulen mit auf Heilsbotschaften und unveränderliche Wahrheiten fokussierten Lehrinhalten für eine ausgewählte Minderheit. Sie sind nicht an der Bildung des Volkes interessiert, nicht an einer Überlieferung antiker Texte an sich und nicht an der Sicherung der antiken Zivilisation.

In Methodik, Einseitigkeit und Lernzieldefinition sind sie mit Partei- und Koranschulen gleichzusetzen und erreichen 95 Prozent des Volkes nicht. „Eine geistige Hebung des Volkes“, schreibt der Leipziger Historiker Karl Lambrecht, habe es unter Karl dem Großen nie gegeben. Und so gehen die Franken als Analphabeten in die Zeit Karls hinein und kommen ebenso wieder heraus.

Arabischer Islam
Parallel zum Verfall des Nordens wächst im Süden Europas die islam-arabische Kultur wie Phönix aus der Asche auf. Kalifen und arabischer Adel bewundern die griechisch-antiken Wissenschaften, integrieren syrische, persische, indische und asiatische Beiträge, kompilieren und ergänzen das Erworbene und formen so eine Hochkultur, die allen anderen Kulturen des Mittelalters weit überlegen ist. Die arabischen Städte schwingen sich zu kulturellen Höhen auf und Arabisch wird zur Sprache der Wissenschaft. Kein Ort Europas bietet zu dieser Zeit mehr Geschmack, mehr Raffinesse, mehr Gelehrsamkeit, mehr Eleganz als Bagdad, Damaskus und die Städte von al-Andalus. Córdoba gilt als „Zierde des Erdkreises“, Bagdad als weltweiter „Hort der Weisheit“.
Ab dem 13. Jahrhundert dringt das antik-arabische Wissen nach Mitteleuropa. „Arabische“ Ziffern und zahllose Worte arabischer Provenienz zeugen noch heute von dem Einfluss der damaligen arabischen Welt auf Mitteleuropa. Nach fast 1000 Jahren kehren Teile der antiken Kultur über Toledo und Sizilien an ihren Ursprungsort zurück. Europa wird zum Nutznießer der heidnischen Antike im arabischem Gewand und erblüht in der „Renaissance“. Ein neuer Geist des Bürgertums und der Universitäten beginnt sich zu regen, der zwar die alten Geister nicht vertreibt, aber der Kunst und den Wissenschaften Luft verschafft. Es bleiben Inquisition und Reconquista. Um diese zu besiegen bedarf es neuer Kräfte: Die der Aufklärung.

Aufklärung
Die Aufklärung, Höhepunkt europäischer Geistesgeschichte, leitet die Revolutionen für Freiheit, Mitbestimmung und Menschenrechte ein. Ihre unsterbliche Formel lautet: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Einem Dammbruch gleich reißt sie Löcher in die Deiche, an denen viele Jahrhunderte gebaut worden ist und schreibt neue Werte als Legitimationssäulen politischer Herrschaft in die Verfassungen ein, häufig gegen den Widerstand der Religion. Diese Werte bilden das politische und humanitäre Rückgrat unseres Lebens in demokratischer Freiheit und überragen in ihrer praktischen und staatspolitischen Bedeutung, gleich ob deutscher oder europäischer Ausformung, christliche bei weitem. Hier, in der Aufklärung, wird die Botschaft vom freien, sich selbst verantwortlichen Individuum geadelt, hier werden die bisherigen metaphysischen und religiösen Bindungen und die jahrtausendealte Klammer von Heil, Unheil und Herrschaft gelöst. Hier beginnt Europa, den Verstand und die Sinne zu gebrauchen, ohne sich auf Glaubenskrücken zu stützen. Von nun an steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens und nicht Gott. Das ist der Stoff, der Europa Ausstrahlung verleiht.

Facit
So sind Antike, die vermittelnde islam-arabische Hochkultur und Aufklärung die eigentlichen Bausteine westlicher Kultur. Gemeißelt aus den Blöcken der Wissenschaft und Vernunft, der Gleichheit der Menschen und Bürgerfreiheit, hat sie nur schwache Wurzeln im Juden- und Christentum, aber mächtige Rezeptionsstränge zur Antike.
Das Christentum hat Europa zwar geprägt, aber zugleich die wissenschaftlich-geistige und säkular-kulturelle Entwicklung Europas entscheidend behindert. Als Spartenkultur ist sein Beitrag unübersehbar, aber als rein kirchenkulturelle Leistung für die geistige, wissenschaftliche und demokratisch-gesellschaftliche Entwicklung Europas von geringerer Bedeutung als die großen Werke der Antike und die in der Aufklärung formulierten Werte zur individuellen Freiheit und politischen Mitbestimmung.
4.12.2015

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