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Dreisamtal: Blick vom Kamelberg nach Nordosten über Zarten und Stegen zu den Höhen um St.Peter am 22.12.2006

 

Der Lieder-Wiederentdecker – am 22.2.2013 wäre Peter Rohland achtzig geworden

Groß war er, ein kräftiger Kerl mit einem großen Mund im offenen und freundlichen Gesicht. Seine Lieder trug er zur Gitarre im kräftigen Bassbariton vor: Peter Rohland, Sänger, Liedermacher und Liederwiederentdecker. Mit 33 Jahren viel zu früh gestorben, in Freiburg, heute wäre er 80 Jahre alt geworden. Peter Rohland hat 1964 auf der Burg Waldeck erstmals vor einem großen Publikum wieder das “Bürgerlied” und andere vergessene politische Lieder aus dem Vormärz gesungen. Von Wader, Wecker, Mey und anderen war da noch nicht die Rede.

“Die Waldeck” im rheinland-pfälzischen Hundsrück wurde mit Peter Rohland zum ersten großen Treffpunkt von Liedermachern und -sängern, die deutsche Lieder und Texte wieder entdeckten und die Spreu vom Weizen trennten. “Die Deutschen waren nach 1945 zu einem Volk ohne Lieder geworden”, sagt Holger Böning, Professor und Kommunikationsforscher an der Universität Bremen. “Die Lieder waren verklampft und verhunzt.” Niemand wollte mehr “Schwarzbraun ist die Haselnuss” schmettern, aber auch nicht “Die Gedanken sind frei”. Die Jugend sog begierig auf, was aus England und Amerika herüber kam. Das Revival deutscher Freiheitslieder wurde zum Politikum. “Es ist an der Zeit, den Nebel auseinanderzublasen, mit dem die Romantiker und die völkischen Ideologen unsere Volkslieder umgeben haben”, schrieb Rohland. Nicht nur harmlose Seemanns- und Vagabundenlieder, auch die jiddischen, auch die Lieder der verlorenen Revolution von 1848, auch das Liedgut der Arbeiterbewegung gehöre zu den Volksliedern.
Peter Rohland wurde am 22. Februar 1933 in Berlin geboren und wuchs bei der Großmutter in Breslau auf. 1939 zog die Familie nach Stuttgart, später nach Göppingen. “Bei uns ist ständig gesungen worden”, erinnert sich die vier Jahre jüngere Schwester Ingrid. Peter Rohland ist musikalisch doppelt vorbelastet: Der Vater, ein Berliner Rechtsanwalt, ließ sich als Opernsänger ausbilden und schulte auch die Stimme seines Sohnes. Die Mutter war mit der bündischen Jugend unterwegs. Die “Wandervögel” der Weimarer Republik suchten singend und wandernd die blaue Blume des Glücks in der Natur und hielten sich von der Politik fern. Von den Nazis wurden sie verboten und in der Hitlerjugend “gleichgeschaltet”.

Auch in Göppingen wurde die bündische Jugend nach Kriegsende neu belebt. Peter Rohland gründete und leitete zwischen 1951 und 1956 die Schwäbische Jungenschaft, später die Jungenschaft der Burg. Der “Pitter”, so sein bündischer Name, war beliebt, “er zog die Leute in den Bann”, berichtet der Freund Joachim Michael. “Wenn er anfing, zu singen, hatte er den Saal für sich.” Aus dem bündischen Jugendleiter mit den kurzen Hosen und dem Halstuch wurde der Jurastudent in Tübingen, dann der Musikstudent in Berlin. Beide Studien brach er vorzeitig ab, zum Ärger seiner – längst geschiedenen – Eltern.

Ihr Sohn machte partout keinerlei Anstalten, ein bürgerliches Leben anzustreben. Er reiste stattdessen mit Jugendgruppen durch Europa und sang. Vielleicht konnte nur einer wie er die Renaissance des deutschen Volksliedes vorantreiben, weil man sehen und hören konnte, wie er sich selbst aus dem piefig anmutenden Milieu herausarbeitete. Nach der Lagerromantik (“Vertäut am Abendstern”) folgten die jiddischen Lieder (“Der Rebbe singt”), nach dem 1848er Liedern kamen die Balladen von François Villon. Noch bevor er diese auf einer Tournee verbreiten konnte, starb er am 5. April 1966 in der Uniklinik Freiburg, an den Folgen einer Gehirnblutung, die er in Karlsruhe erlitten hatte.

Andere Barden, zum Beispiel Franz-Josef Degenhardt, Walter Mossmann oder Hannes Wader sorgten Jahre später dafür, dass deutsche Lieder in den neuen politischen Bewegungen von Wyhl bis Wackersdorf, von Bonn bis Mutlangen gesungen wurden. Auch auf “der Waldeck” wird im kleineren Stil weiterhin gesungen, das Liederfestival an Pfingsten und ein Peter-Rohland-Singwettstreit erinnern an den Lieder-Wiederentdecker. Um Werk und Person von Peter Rohland kümmert sich eine Stiftung ehemaliger Freunde, sein Nachlass ist beim Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg in guten Händen.
22.2.2013, Heinz Siebold

Peter Rohland Stíftung:
http://www.peter-rohland-stiftung.de
…. da gibts auch eine CD von Peter

 

Chanteur oder Chanconnier?
“Chanconnier” klingt wunderbar französisch und ziert in deutschen Medien Künstler wie Charles Aznavour oder Georges Moustaki. Nur ist in der französischen Sprache “un chansonnier” etwas ganz anderes, und zwar ein meist politischer Kabarettist mit Hang zur Satire. Für Frankophone ist Jacques Brel, der Chansons singt, ganz einfach “un chanteur”, ein Sänger.
Und im Deutschen: Da würden wir Jacques Brel doch eher als “Liedermacher” bezeichnen denn als Sänger.

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