Kindergarten und Bundestag-Hickhack – ein platter Vergleich

Bei uns im Kindergarten gibt es keinen Fraktionszwang, es kommen alle Kinder zu Wort. Jedes Kind wird in seiner Persönlichkeit ernst- und wahrgenommen und kann seine Meinung angstfrei äußern. Stille, zurückhaltende Kinder werden ermutigt, ihre Ideen und Vorstellungen zu äußern, und die redebegeisterten Kinder lernen, inne zu halten und abzuwarten, bis auch sie an der Reihe sind. Frühpädagogische Fachkräfte besitzen ausreichende Fach- und Methodenkompetenzen, um den Kindern erste Erfahrungen mit Rede- und Streitkultur zu ermöglichen. Und siehe da: Es gelingt! Ganz bestimmt könnte manch Erwachsener, durchaus auch unsere Parlamentarier, vom zutiefst zwischenmenschlichen Umgang der Jüngsten in unserer Gesellschaft etwas lernen!
Es sei unglaublich, was in Berlin abgehe, äußert sich Werner Günther in seinem Lesebrief vom 27. April über die “unqualifizierte Vorgehensweise” der Bundespolitiker, die Redezeit für “Abweichler” begrenzen zu wollen. So weit, so gut. Weniger gut ist, dass er dieses Vorhaben mit dem “üblichen Hickhack im Kindergarten” gleichsetzt. Die BZ greift diesen Vergleich auch noch in der Überschrift dieses Leserbriefes auf und fragt, wo der Unterschied zum Kindergarten liege. Als Kindergartenleiterin möchte ich diese Frage beantworten, denn mich öden diese platten, immer wieder auftauchenden Gleichsetzungen (Kindergarten gleich Hickhack) an! Leider musste ich bereits in der Vergangenheit öfter feststellen, dass der Begriff Kindergarten immer wieder negativ besetzt für Vergleiche herhalten musste.
11.5.2012, Brigitte Ott, Schutterwald

Weniger Redezeit für Abweichler im Bundestag – Maulkorb?
Es war am 22. September 2011, damals entschied der Bundestag über den Europäischen Rettungsschirm. Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) erteilte auch zwei Abgeordneten das Rederecht, die von ihren Fraktionen nicht als Redner benannt worden waren, weil sie in Sachen Euro eine andere Meinung vertreten als ihre Parteifreunde. Für jeweils fünf Minuten konnten so Frank Schäffler (FDP) und Klaus-Peter Willsch (CDU) im Plenarsaal reden und darlegen, warum sie anders abstimmten als die ganz überwiegende Mehrheit ihrer Fraktionen. Lammerts Entscheidung löste bei den Fraktionsführungen von Union und FDP großen Ärger aus, obwohl sie von der Geschäftsordnung voll gedeckt war. Zu dem Unmut trug auch ein weiterer Vorgang bei, der den Ablauf der Debatte verzögerte: Viele Abgeordnete der Linkspartei begründeten ihr Votum nicht mit einer schriftlich gegebenen Erklärung, sondern mit kurzen Reden im Plenum.
Alles vom 16.4.2012 auf
http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/fraktionsdruck-im-bundestag-weniger-redezeit-fuer-abweichler–58295269.html

Redezeit im Bundestag – Wo liegt der Unterschied zum Kindergarten?
Das Vorhaben, Abweichler nur noch drei Minuten Redezeit zu gewähren, ist ein weiterer Grund für die Politik- und Politikerverdrossenheit. Der Wähler ist klug genug, dieses Spiel zu beurteilen. Nach berechtigten Protesten soll auf einmal alles nicht so gemeint sein. Was unterscheidet diese unqualifizierte Vorgehensweise eigentlich vom üblichen Hickhack im Kindergarten?
Werner Günther, Freiburg, 27.4.2012

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