Jerusalem – Israel – Palaestina

Im Konflikt zwischen Israel und Palästina (Westbanks, Gaza) droht ein Religionskrieg zwischen Muslimen und Juden. Steht eine weitere Eskalation nach dem erwarteten Sieg der Jüdisch-Orthodoxen bei den Neuwahlen in Israel bevor? Wolfgang Schmidt, ehemaliger Freiburger Pfarrer und jetzt ev. Probst in Jerusalem, schildert sein Erleben des Konflikts in einer Stadt, wo Christen, Muslime und Juden dicht beieinander wohnen.

 

Wie erleben Sie das Miteinander der Religionen in Jerusalem?
Da ist zum Beispiel unser Krankenhaus auf dem Ölberg, das Auguste Victoria Hospital, mit seinem christlichen Chefarzt und vielen muslimischen Ärzten und anderen Beschäftigten. Die arbeiten ganz selbstverständlich mit dem israelischen Hadassah-Krankenhaus zusammen, in dem ebenfalls muslimische aber vor allemnatürlich jüdische Ärzte und Mitarbeiter tätig sind. Bei uns in der Propstei ist es ähnlich: unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Christen verschiedener Konfessionen und Muslime. Eine unserer Mitarbeiterinnen ist in der Türkei aufgewachsen, hat als Muslima dann später ein katholisches Internat in Deutschland besucht und nun ist sie mit einem jüdischen Israeli verheiratet und arbeitet für die evangelische Gemeinde. Es gibt ein alltägliches Miteinander auf vielen Ebenen, es gibt aber vor allem auch ein schiedlich- friedliches Nebeneinander. Allein die Stadtteile und die verschiedenen Quartiere in Jerusalem sind ja zumeist nach Religionen getrennt. Ostjerusalem ist mehrheitlich muslimisch, der Westen jüdisch. Die Christen sind dazwischen ein wenig verstreut, mit einem Schwerpunkt ihrer Kirchen in der Altstadt von Jerusalem.

Und wie erleben Sie das Gegeneinander der Religionen in Jerusalem?
Auch hier ein paar Beispiele: wenn ich in meinem Lutherrock, meinem offiziellen Gewand, und mit dem Propstkreuz auf der Brust zu offiziellen Anlässen unterwegs bin, passiert es mir immer wieder, dass ultraorthodoxe Juden, die mir entgegen kommen, demonstrativ vor mir ausspucken. Das Kreuz ist für Sie ein Götzensymbol, das sie verabscheuen. Auch gibt es in den letzten Monaten und Jahren vermehrt Auseinandersetzungen auf dem al-haram asch-scharif, dem ursprünglichen Tempelplatz, auf dem heute der Felsendom und die Al Aqsa Moschee stehen. Gruppen aus dem jüdisch-nationalreligiösen Spektrum besuchen unter Polizeischutz dieses muslimische Areal. Der jordanische König ist offiziell der Hüter der christlichen und muslimischen Stätten Jerusalems. Eine wachsende Zahl von Juden möchte gerne an der Stelle des Felsendoms den dritten jüdischen Tempel errichten. Und so ist jeder Besuch der entsprechenden Gruppierungen auf dem al-haram asch-scharif eine Provokation für die Muslime, die mit Steinwürfen und gewaltsamen Protesten reagieren. Von unserer Terrasse aus können wir fast wöchentlich die Tränengasgranaten hören, wenn israelische Polizisten und Soldaten gegen die Proteste der Palästinenser vorgehen. Wir erleben auch, wenn diese vom Besuch der Al Aqsa Moschee durch die israelische Polizei zurückgehalten werden und vor den Straßensperren ihre Gebetsteppiche ausrollen um in Richtung ihres Heiligtums zu beten.

Hat das Christentum eine vermittelnde Sonderstellung in Israel?
Die Christen haben Anteil an der politischen Konfliktlage, wie alle anderen Einwohner dieses Landes. Im Gegenteil, manches ist für sie schwieriger, denn die meisten von ihnen sind ja arabischer Abstammung und damit den Muslimen geschichtlich und sozial eng verbunden. Aus jüdisch israelischer Sicht gehören sie zu den 20% Arabern im Land, aus Sicht der Muslime werden sie wiederum oft mit den Interessen des Westens identifiziert. Auf palästinensischer Seite nehmen die Christen immer weiter ab. Sie sind die Besatzung durch Israel, die schwierige wirtschaftliche Lage und die Minderheitenposition unter den Muslimen Leid und viele nutzen ihre gute Bildung und die guten Kontakte in den Westen zur Auswanderung.

Wo erkennen Sie hoffnungsvolle Ansätze/Projekte in Israel/Palästina?
Im Augenblick gibt es leider wenig solcher Ansätze! Es gibt eine ganze Menge kleiner Projekte in Israel und Palästina, die sich um Menschenrechte, Versöhnung und Verständigung bemühen, aber alle haben wenig politischen Einfluss. Trotzdem verdienen sie jede Unterstützung, denn sie halten die Hoffnung wach. Die Friedensinitiative der Arabischen Liga von 2002 ist ein Ansatz, der in letzter Zeit wieder aufgegriffen wird. Das könnte ein Schritt sein, der Zukunft hat. Es kann nur gemeinsam gehen und in einem internationalen Rahmen.

Wie kann die evangelische Erlöserkirche auf die Konflikte der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzung reagieren?
Wir haben Spenden nach Gaza gebracht. Das war eine konkrete Unterstützung für die Arbeit des CVJM mit traumatisierten Kindern. Wir haben Friedensgebete gehalten. Wir versuchen differenzierte Sichtweisen zu vermitteln. Mehr ist nicht möglich. Bei den Konfliktparteien sind wir nicht gefragt. Höchstens als bedingungslose Unterstützer für die eine oder die andere Seite. Aber damit wird man nicht der Situation gerecht.

Lässt sich etwas zum Verhältnis von christlichen und muslimischen Palästinensern sagen?
Sie teilen das gleiche Schicksal: der Verlust ihrer Häuser und Dörfer 1948, Leben unter israelischer Besatzung seit 1967, schwierige wirtschaftliche Lebensbedingungen. 2008 sagten 33% der Christen, die nach ihrer Selbstdefinition gefragt wurden sie seien zuerst „Palästinenser“, 25% sie seien zuerst„Araber“ und 21 % verstanden sich an erster Stelle als Christen. Aber viele Christen fühlen sich heute durch das erstarkte muslimische Selbstbewusstsein an den Rand gedrängt. Die Lebenswelten von Christen und Muslimen sind meist stark getrennt, außer z.B in den christlichen Schulen, die da eine wichtige Arbeit leisten. Dass die muslimischen Mädchen in christlichen Schulen kein Kopftuch tragen, wird von fanatischen Muslimen in jüngster Zeit verstärkt angefeindet.
3.12.2014
Das Interview führte Pfarrer Jörg Wegner von der ev. Auferstehungsgemeinde in Freiburg-Littenweiler

Wolfgang Schmidt, Propst
Church of the Redeemer, Muristan Road, Old City,
P.O.B. 14076, Jerusalem 91140, Tel. +972 2 6266 800

 

Israel zerstört die Häuser der Attentäter – Sippenhaft
Auge um Auge, Zahn um Zahn – so stand es schon im Alten Testament, und die israelische Regierung hält sich daran. Sie zerstört die Häuser, aus denen die Attentäter stammen, und nehmen so seine Familie in Sippenhaft. Wann hört der Irrsinn auf? Die israelische Regierung mag kurzfristig Erfolge mit der Maßnahme haben, aber die palästinensischen Jugendlichen, deren Elternhäuser zerstört wurden – sie werden die ersten Kämpfer oder schlimmer noch zu Selbstmordattentätern werden, die die Hamas rekrutieren kann. Die Spirale der Gewalt nimmt kein Ende. Wann werden die Europäische Union und Amerika tätig, um Druck auf die israelische Regierung auszuüben, nötigenfalls mit Sanktionen, um Israel und die Palästinenser wieder an den Verhandlungstisch zu bringen? Mit den Methoden des Alten Testamentes wird kein Frieden geschaffen.
3.12.2014, Hans-Peter Lenzen, Offenburg

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