Inkompetenz statt Bildung?

1995 nahmen 260.000 junge Menschen das Studium auf, im Jahr 2020 sind es 540.000, also mehr als doppelt so viele. Damit haben wir seit 2014 erstmals mehr Studienanfänger als junge Auszubildende. Seither nimmt das Ungleichgewicht zwischen Hochschulstudium und beruflicher Bildung Jahr für Jahr zu. Doch noch beängstigender ist, daß zugleich in beiden Bildungsbereichen das Niveau weiter sinkt. Immer mehr Universitäten müssen Liftkurse einrichten, da die Studierenden nicht mehr imstande sind, einer normalen Vorlesung zu folgen bzw. eine Seminararbeit anzufertigen. Immer mehr Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen beklagen die fehlende Ausbildungsreife und -willigkeit der Azubis. Der Facharbeitermangel ist katastrophal.
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“Politik und öffentliche Meinung sind daran nicht unschuldig. seit Jahrzehnten wird so getan, als ob das Menschsein erst mit dem Abitur begänne. Die politisch-populistischen Weichensteller agierten entsprechend: Gymnasien mußten die Tore ganz weit öffnen, man klopfte sich auf die Schultern ob der ungebremst steigenden Abiturientenquoten und immer besseren Noten, und mit dem Bachelor wurde dann auch noch der passende pseudoakademische Abschluß geschaffen. Die berufliche Bildung mit ihren 330 Ausbildungsordnunge verkümmerte, während rund 18000 Studienordnungen geschaffen wurden.”, so Josef Kraus in “Alles für die Inkompetenz”, CATO-Magazin 5/2020, Seite 62, http://www.cato-magazin.de
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Die Bildungsferne zeigt sich auch im öffentlichen Raum. Fragen Sie einfach mal etwas. Die häufigste Antworten: “Keine Ahnung”, “Tut mir leid”, “Das weiß ich leider nicht”. Früher galten solche Antworten eher als Armutszeugnis, heute als cool. Die Frage “Nach 20% Preissenkung kostet eine Jacke 100 Euro. Was kostete sie zuvor?” wird entweder mit “120 Euro” (das ist falsch) oder mit eifrigem Googlen erwidert.
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Deutschlands einzige und wichtigste Ressource – im Sinne eines Produktionsfaktors – ist die Bildung. Und mit der Bildung gehts bergab. Nicht erst seit Pisa. Unser duales System der Berufsausbildung wurde weltweit anerkannt und auch kopiert, z.B. in einige Staaten Afrikas. Unsere Hochschulen galten der Land der Dichter und Denker gemäß als Spitze, bis heute wurden sie durch jahrelanges Experimentieren der Bildungstheoretiker gemäß “Ideologie statt Wissenschaft” und “Gender statt MINT-Fächer” auf Platz 36 im internationalen Ranking zurückgedrängt. In den Bereichen Mathematik, Natur- und Ingenieurswissenschaften dominieren die ausländischen Studenten. .
Wenn wir den Wert der Ressource Bildung nicht wiederentdecken und im Hinblick auf die Umwälzungen durch die Digitalisierung 2.0 die Bildung mitsamt Forschung nicht in einem gewaltigen Projekt fördern, dann wird Deutschland als Wohlfahrtsstaat bald nicht mehr finanzierbar sein.
16.8.2020
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Zum oben zitierten Josef Kraus:
Jahrgang 1949 in Kipfenberg/Kreis Eichstätt (Bayern); Gymnasiallehrer (Fächer Deutsch und Sport) und Diplom-Psychologe, von Februar 1995 bis Juli 2015 Oberstudiendirektor am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg, Landkreis Landshut; von 1987 bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Seit 1974 verheiratet (immer mit derselben), ein Sohn, zwei Enkel.

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