Hinterzarten Asyl Amselhof nein

Der Hinterzartener Gemeinderat lehnt Unterbringung von Flüchtlingen im Amselhof ab. Vor über zwanzig Jahren wurde in Hinterzarten eine Satzung erlassen, die festlegte, dass in Ferienwohnungen oder Aparthotels nur ein wechselnder Personenkreis mit Fremdversorgung zulässig ist. Man wollte damit verhindern, dass aus diesen Wohnungen Eigentumswohnungen oder Zweitwohnsitze entstehen, die überwiegend leer stehen und zu Rollladensiedlungen verkommen. Von dieser Satzung ist der Amselhof, der vom Ehepaar Köhler lange Jahre als Aparthotel geführt wurde, betroffen. Die Köhlers sind jedoch beruflich anderweitig so eingespannt, dass sie sich um die Vermietung der Apartments nur während der Hauptsaison kümmern können. Neun Monate im Jahr, so Bodo Köhler, werden die Appartements nicht genutzt. Ein Leerstand, den er angesichts der Schwierigkeit, Wohnraum für Flüchtlinge zu finden, für Wahnsinn hält. Er bot deshalb schon vor einem Jahr dem Landratsamt an, sein Aparthotel für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Es wäre Platz für zwanzig Flüchtlinge vorhanden. Das Landratsamt würde diese Unterkunft liebend gerne für Flüchtlinge nutzen. Für die Gemeinde hätte das den Vorteil, dass die Flüchtlinge über das Landratsamt durch eine Sozialpädagogen-Stelle mit 20 % betreut würden. Außerdem würde ein Hausmeister mit demselben Stellenumfang gestellt. Allerdings würde die Quote der Flüchtlinge, die die Gemeinde zugeteilt bekommt, nicht entfallen, die Gemeinde wäre nach wie vor verpflichtet, selbst Unterkünfte für Flüchtlinge zu stellen. Die Flüchtlinge im Amselhof würden zu 50 % angerechnet.

Die Mehrheit des Hinterzartener Gemeinderats machte dem Landratsamt jedoch einen Strich durch die Rechnung. Um Flüchtlinge im Amselhof unterzubringen, hätte oben erwähnte Satzung nämlich geändert werden müssen und das lehnte der Gemeinderat vergangene Woche mit acht zu fünf Stimmen ab. Man befürchtete damit einen Präzedenzfall zu schaffen, der dazu führen würde, dass andere Einrichtungen, die nicht mehr so gut laufen und viel Leerstand haben, auch diesen Weg einschlagen.
Das Landratsamt befindet sich derzeit im Krisenmodus und sucht händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten. Mit 800.000 Flüchtlingen für Deutschland wird in diesem Jahr gerechnet, der höchsten Zahl nach Kriegsende. Auch Hinterzarten wird weitere Flüchtlinge aufnehmen müssen und dieser Pflicht, so betonen alle, will die Gemeinde auch auf jeden Fall nachkommen.
Momentan wohnen in Hinterzarten dreizehn Flüchtlinge, für elf weitere wird das Kurmittelhaus, das seit Jahren schon nicht mehr als solches genutzt wird, umgebaut. Es ist jedoch absehbar, dass das nicht ausreichen wird. Deshalb überlegen einige Gemeinderäte, ob nicht die Gemeinde den Amselhof anmieten könnte. Denn andere Unterbringungsmöglichkeiten existieren in Hinterzarten nicht mehr und eine Containersiedlung will keiner im heilklimatischen Kurort, der vom Tourismus lebt. Das Problem dabei ist nur, dass auch die Gemeinde an diesen Gemeinderatsbeschluss, der die Nutzungsänderung verweigerte, gebunden ist. Bodo Köhler ist vom Abstimmungsergebnis des Gemeinderats enttäuscht. Zwar hätten alle betont, nichts gegen Flüchtlinge zu haben. Doch was nütze dieses Reden, wenn keine Taten folgen.
Für ihn und die Räte, die die Nutzungsänderung befürworteten, stehe die Notwendigkeit zu helfen im Vordergrund und es sei ein Trauerspiel, wenn sich Räte angesichts der vielfachen menschlichen Flüchtlingsdramen hinter Satzungen verschanzen, zumal in der Vergangenheit immer wieder Ausnahmen gemacht worden seien, so Gemeinderat Bernd Götte.
Auch Bürgermeister Michael Tatsch hätte sich ein anderes Abstimmungsergebnis gewünscht. Innerhalb der nächsten zwei Wochen möchte er einen runden Tisch einberufen, an dem die Unterbringungsproblematik von Flüchtlingen beraten wird.
3.9.2015, Dagmar Engesser, Dreisamtäler
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Der Kommentar: Tourismus und Kleingeistigkeit
Dass jetzt die Unterbringung von Flüchtlingen im Amselhof verwehrt wurde, lässt Hinterzarten in schlechtem Licht dastehen. Verkannt wurde von den Verantwortlichen, wie groß die Flüchtlingswelle ist und dass sie noch längst nicht abgeebbt ist. Weltweit sind über 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Die große Mehrheit irrt durch instabile angrenzende Länder oder ist in Flüchtlingscamps unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht. Eine Minderheit nur findet Zuflucht in sicheren Ländern Europas oder den USA.
Es ist Glück oder Pech, Schicksal und Zufall, an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt auf dieser Erde jemand geboren wird. Niemand kann sich seinen Geburtsort aussuchen. Vor drei, vier Generationen noch herrschte Krieg in Europa, ein Krieg, der vom aggressiven Nazi-Deutschland ausging. Damals flohen Menschen aus Deutschland. Sie flohen nach Frankreich, nach Spanien und Nazi-Deutschland holte sie auch dort ein.

Europa hat in den letzten 70 Jahren aus der Geschichte gelernt und mit der Europäischen Union Strukturen geschaffen, die ein friedliches Zusammenleben der Menschen garantieren soll. Deshalb ging der Friedensnobelpreis 2012 auch an die Staatengemeinschaft der EU. Es ist eine Gnade in solch einem Staatenverbund leben zu können und traurig, dass nicht alle das schätzen können!
In Syrien, Afghanistan, Irak, Libyen, Somalia oder wie die Krisenherde dieser Erde alle heißen, geboren zu sein, bedeutet heute der reinste Horror. Dort sind egozentrische, korrupte, paranoide Despoten an der Macht, denen es nur um Machterhalt geht. Es herrschen Gewalt, Unterdrückung, Willkür, Hunger und Not – wir alle würden versuchen, solchen Verhältnissen zu entfliehen. Es ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit, diesen Menschen zu helfen. Sich hinter bürokratischen Regelungen zu verschanzen, ist kurzsichtig und kleinkariert – und letztlich dem Tourismus nicht förderlich. Ein florierender Tourismus lebt nämlich nicht von der Kleingeistigkeit, sondern von der Weltoffenheit der Gastgeber!
3.9.2015, Dagmar Engesser

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