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Blick über Heiligenbrunnen ob Hinterzarten nach Süden zum Feldberg am 22.2.2019

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Maaz: Das gespaltene Land – Der deutsche Hang zum Mitläufertum
Hans-Joachim Maaz über unsere gespaltene Gesellschaft und die neue Lust am Diffamieren
von Michael Dienstbier

Ergibt es Sinn, ein ganzes Volk auf die Couch zu legen? Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz ist nach über vierzigjähriger Berufserfahrung davon überzeugt, daß solch eine sehr weit gefaßte Gruppenanalyse nicht nur möglich, sondern dringend geboten ist.
Maaz wurde erstmals 1990 einem breiten Publikum bekannt, als er in seinem Buch „Der Gefühlsstau“ die Auswirkungen einer DDR-typischen Prägung auf psychische Befindlichkeiten und daraus resultierender Störungssymptomatik beschrieb. Maaz stützte sich hier auf seine langjährige Erfahrung als Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik in Halle, an der er seit 1980 tätig war. In seinen Werken „Die narzißtische Gesellschaft“ (2012) und „Das falsche Leben: Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“ (2017) weitete Maaz seine Untersuchungen auf Gesamtdeutschland aus und attestierte dabei – grob zusammengefaßt – einen auf Schuldkomplexen und moralischen Überlegenheitsgefühlen fußenden Hang zum Mitläufer- und Mittätertum, der mit einer drastischen Abwertung abweichender Standpunkte einhergeht.
In seinem nun neu veröffentlichten Buch „Das gespaltene Land: Ein Psychogramm“ wendet Maaz sein Konzept der Normopathie zur Analyse der politischen und kulturellen Lage Deutschlands im Jahr 2020 an und gelangt dabei zu höchst besorgniserregenden Schlußfolgerungen.

„Eine politische Denunziation und Diffamierung von Kritikern kannte ich bisher nur aus DDR-Zeiten und bin entsetzt über vergleichbare Entwicklungen in der Gegenwart.“ Es sind persönliche Einschübe wie diese, die das vorliegende Buch von seinen Vorgängern unterscheidet. Maaz’ Buch ist daher auch als ein Versuch zu lesen, die eigene Fassungslosigkeit zu rationalisieren und zu verstehen, welche Mechanismen dem sich zunehmend radikalisierenden gesamtgesellschaftlichen Klima zugrunde liegen, dessen Attacken er sich schon selbst ausgesetzt sah.

Grundlegend unterscheidet Maaz zwischen dem menschlichen Ich und dem Selbst. Das Selbst ist die unveränderliche innere Matrix eines Menschen, das Ergebnis frühkindlicher Prägung und physischer Voraussetzungen. Das Ich ist das aktiv gestaltete Leben eines Menschen in seiner sozialen Umgebung. Frühkindlich erworbene Selbststörungen – bedrohtes, ungeliebtes oder gehemmtes Selbst zum Beispiel – seien das Ergebnis einer mangelhaften Beziehungskultur zwischen Eltern und Kind.
Diesen Ansatz überträgt Maaz auf Deutschland, um Phänomene wie die „Willkommenskultur“ oder den „Kampf gegen Rechts“ zu erklären. Merkels „Wir schaffen das“-Doktrin ist für ihn Ausdruck eines „normopathischen Größenwahns“ zur „Abwehr einer realen Bedrohung“. Maaz äußert den Verdacht, „daß die Europäer und vorneweg die Deutschen unbewußt gar nicht in Frieden leben möchten und können“, da allgemein bekannt sei, daß die Transformation einer relativ homogenen in eine multikulturelle Gesellschaft nur mit massiven Verwerfungen zu bewerkstelligen sei.

Kritiker dieser Politik sehen sich einem von Politik, Medien und der sogenannten Zivilgesellschaft getragenen „Kampf gegen Rechts“ ausgesetzt, der dem klassischen Dreiklang aus Stigmatisierung-Diffamierung-Kriminalisierung folgt. Er analysiert den „Mißbrauch der Moralkeule ‘Nazi’“ als Diffamierungsstrategie, mit der deren Träger „eine nicht persönlich verursachte reale Schuld (…) zur Überdeckung verleugneter realer Schuld des eigenen Lebens“ neurotisch kompensierten. Der „Kampf gegen Rechts“ in seiner derzeitigen Ausgestaltung sei im Grunde „mehr Opportunismus als Zivilcourage“.

Normophatie – ein typisch deutsches Phänomen? In der Tat betont Maaz einen dem deutschen Volk immanenten transgenerationalen Hang zum Mitläufertum zur Kompensation eigener Selbststörungen: „Der deutsche Michel war auch gerne Nationalsozialist, glühender Kommunist und ist heute vor allem ein erfolgssüchtiger Narzißt und in der Krise ein militanter Moralist. Mitläufer zu sein ist die beste Kompensation für die Not und Kränkung früher Entfremdung.“ Den Ostdeutschen jedoch attestiert er aufgrund ihrer DDR-Sozialisation eine erhöhte Resilienz gegen den normopathischen Massenwahn im Namen des angeblich Guten und Alternativlosen. Sie hätten es gelernt, politischen Eliten und Staatsmedien zu mißtrauen und zwischen den Zeilen der veröffentlichten Wahrheit zu lesen, was sie aktuell zu „Scouts in der deutschen Krise“ mache.

Im Staatsfernsehen ist Maaz nicht mehr gelitten
Maaz lebt, was er schreibt, und kämpft mit offenem Visier gegen normopathische Auswüchse. Im November 2016 attestierte er der Bundeskanzlerin bei Anne Will eine narzißtische Persönlichkeitsstörung und rechnete in einer bis dahin bei den öffentlich-rechtlichen Staatsmedien nicht gekannten Deutlichkeit mit ihrer Politik ab. Seine Karriere als Gast bei ARD und ZDF war damit wenig überraschend beendet – ein Schicksal, das er mit Henryk M. Broder, Roger Köppel oder Roland Tichy teilt.
Auch gehörte er zu den Erstunterzeichnern der von der Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen initiierten „Charta 2017“ gegen das teils gewalttätige Vorgehen gegen konservative Verlage bei der Frankfurter Buchmesse. Maaz’ Stil ist eine gewisse Unbedingtheit zu eigen. Hier schreibt ein Mann, der absolut von der Richtigkeit seines Ansatzes überzeugt und dem Selbstzweifel fremd ist. Dennoch – oder gerade deshalb: Seine Analysen tragen wesentlich zum Verständnis vieler langfristiger Entwicklungen und punktueller Phänomene bei und erklären nicht zuletzt, welche verdrängten Bedürfnisse den Ursprung der zunehmenden Spaltung unseres Landes bilden.
…. Alles vom 29.5.2020 von Michael Dienstbier bitte lesen in: JungeFreiheit, 23/20, Seite 17

Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm.
Verlag C.H. Beck, München 2020, broschiert, 219 Seiten, 16,95 Euro

 

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Klimapolitik und Spaltung der Gesellschaft
„Da ist der Fliesenleger. Er wohnt, wegen der hohen Mieten, außerhalb der Stadt, hat in deren Zentrum aber die meisten Aufträge. Also pendelt er mit seinem Lieferwagen, einem älteren Diesel-Fahrzeug. Er ist auf das Auto angewiesen, ein neues kann er sich nicht leisten, Carsharing kommt für ihn nicht in Frage. Eine Erhöhung der Parkgebühren trifft ihn ebenso hart wie eine Erhöhung der Flugbenzinsteuer. Seinen zweiwöchigen Urlaub im Jahr verbringt er mit seiner Familie traditionell auf Mallorca. Wie sozial ist die Klimapolitik? (…) Wenn es nicht gelingt, diesen Faktor zu berücksichtigen, könnte die Gesellschaft durch den Kampf gegen die Erderwärmung schneller gespalten werden als durch die Flüchtlingshilfe.“
Malte Lehming, Redakteur, im „Tagesspiegel“ vom 25. September 2019

 

Anywheres mit “tragbaren Identitäten” und Somewheres 
Der Londoner Journalist David Goodhart, der lange für die Financial Times schrieb, bevor und schließlich sein eigenes Magazin Prospect gründete, hat 2017 das Buch “The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics” veröffentlicht, in dem er zwei neue gesellschaftliche Gruppen oder Klassen oder Milieus definiert, die er “Anywheres” und “Somewheres” nennt. Beide Worte bedeuten “irgendwo”, aber das eine auf abstrakte, das andere auf konkretere Weise. Goodhart beschreibt mit diesen Begriffen den Gegensatz zwischen einem traditionell sesshaften Milieu und den modernen Berufs-Nomaden.
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Die “Anywheres” besitzen, in Goodhart Worten, “tragbare Identitäten”, sie sind karriereorientiert, beruflich mobil, überall und nirgendwo zuhause, gut ausgebildet, polyglott, erfolgreich. Sie verkörpern das EU-freundliche und globalistische Establishment. Verglichen mit den “Somewheres” sind sie zwar die zahlenmäßig weit kleinere Gruppe, aber sie dominieren heute den Politik- und Kulturbetrieb in der westlichen Welt, überhaupt die Gesellschaft, was auch damit zusammenhängt, dass um sie herum ein ganzes Soziotop von Möchtegern-Anywheres wuselt, die in internationalen Unternehmen,
NGOs, transnationalen Organisationen wie der UNO, in den Medien, an Universitäten, in globalistischen Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten ein Auskommen haben. (Es handelt sich meist um “Somewheres”, die nur gern “Anywheres” wären oder sich dafür halten; ihre Ernüchterung wird eines Tages groß sein. Das nur am Rande.) Dass dieses Milieu eine Art Mentalitätsherrschaft ausübt, ist evident. Seine Angehörigen nennen sich liberal, weil sie für Schwulenehe, Klimarettung, freien Warenfluss und offene Grenzen sind, aber wenn jemand ihre Ansichten nicht gutheißt, werden selbst Weiber zu Hyänen.
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Auf der anderen Seite stehen Menschen, die in ihrer geographischen Heimat und kulturellen Identität wurzeln, die von der Globalisierung nicht nur verunsichert, sondern tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sind, in deren soziales Umfeld die prekäre Mehrheit der Migranten strömt, wo sie als neue Konkurrenten um die Billigjobs und nachbarschaftliche Plagegeister tatsächlich den Modus des Zusammenlebens täglich neu aushandeln. Die “Somewheres” sind oft älter, weniger gebildet und weniger sexy als die “Anywheres”. Diese neue Unterscheidung, schreibt der Präger des begrifflichen Gegensatzpaares, könne die alte in rechts und links ablösen.
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Goodharts Diagnose einer Neuformatierung der westlichen Gesellschaften entlang veränderter Bruchlinien hat, wie das ja meistens der Fall ist, bereits Vorläufer, darunter Lord Ralf Dahrendorf, der in einem anno 2003 erschienenem Interviewband namens “Die Krisen der Demokratie” die Heraufkunft einer neuen postnationalen Klasse konstatierte, die alles Globale gutheiße, alles Nationale ablehne und schon die Zugehörigkeit zu einem Land als “lästig” empfinde. – Ich meine, es ist ein Dualismus, mit dem sich einiges erklären lässt, nicht zuletzt das Phänomen des Rechtspopulismus, würde allerdings nicht so weit gehen, den Links-Rechts-Gegensatz gleich ganz zu verabschieden.
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… Alles von Michael Klonovsky vom 7.6.2019 zu lesen auf
https://juergenfritz.com/2018/07/15/sloterdijk/

https://michael-klonovsky.de/acta-diurna

 

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