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Blick über Heiligenbrunnen ob Hinterzarten nach Süden zum Feldberg am 22.2.2019

Blick über Heiligenbrunnen ob Hinterzarten nach Süden zum Feldberg am 22.2.2019

 

 

Klimapolitik und Spaltung der Gesellschaft
„Da ist der Fliesenleger. Er wohnt, wegen der hohen Mieten, außerhalb der Stadt, hat in deren Zentrum aber die meisten Aufträge. Also pendelt er mit seinem Lieferwagen, einem älteren Diesel-Fahrzeug. Er ist auf das Auto angewiesen, ein neues kann er sich nicht leisten, Carsharing kommt für ihn nicht in Frage. Eine Erhöhung der Parkgebühren trifft ihn ebenso hart wie eine Erhöhung der Flugbenzinsteuer. Seinen zweiwöchigen Urlaub im Jahr verbringt er mit seiner Familie traditionell auf Mallorca. Wie sozial ist die Klimapolitik? (…) Wenn es nicht gelingt, diesen Faktor zu berücksichtigen, könnte die Gesellschaft durch den Kampf gegen die Erderwärmung schneller gespalten werden als durch die Flüchtlingshilfe.“
Malte Lehming, Redakteur, im „Tagesspiegel“ vom 25. September 2019

 

Anywheres mit “tragbaren Identitäten” und Somewheres 
Der Londoner Journalist David Goodhart, der lange für die Financial Times schrieb, bevor und schließlich sein eigenes Magazin Prospect gründete, hat 2017 das Buch “The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics” veröffentlicht, in dem er zwei neue gesellschaftliche Gruppen oder Klassen oder Milieus definiert, die er “Anywheres” und “Somewheres” nennt. Beide Worte bedeuten “irgendwo”, aber das eine auf abstrakte, das andere auf konkretere Weise. Goodhart beschreibt mit diesen Begriffen den Gegensatz zwischen einem traditionell sesshaften Milieu und den modernen Berufs-Nomaden.
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Die “Anywheres” besitzen, in Goodhart Worten, “tragbare Identitäten”, sie sind karriereorientiert, beruflich mobil, überall und nirgendwo zuhause, gut ausgebildet, polyglott, erfolgreich. Sie verkörpern das EU-freundliche und globalistische Establishment. Verglichen mit den “Somewheres” sind sie zwar die zahlenmäßig weit kleinere Gruppe, aber sie dominieren heute den Politik- und Kulturbetrieb in der westlichen Welt, überhaupt die Gesellschaft, was auch damit zusammenhängt, dass um sie herum ein ganzes Soziotop von Möchtegern-Anywheres wuselt, die in internationalen Unternehmen,
NGOs, transnationalen Organisationen wie der UNO, in den Medien, an Universitäten, in globalistischen Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten ein Auskommen haben. (Es handelt sich meist um “Somewheres”, die nur gern “Anywheres” wären oder sich dafür halten; ihre Ernüchterung wird eines Tages groß sein. Das nur am Rande.) Dass dieses Milieu eine Art Mentalitätsherrschaft ausübt, ist evident. Seine Angehörigen nennen sich liberal, weil sie für Schwulenehe, Klimarettung, freien Warenfluss und offene Grenzen sind, aber wenn jemand ihre Ansichten nicht gutheißt, werden selbst Weiber zu Hyänen.
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Auf der anderen Seite stehen Menschen, die in ihrer geographischen Heimat und kulturellen Identität wurzeln, die von der Globalisierung nicht nur verunsichert, sondern tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sind, in deren soziales Umfeld die prekäre Mehrheit der Migranten strömt, wo sie als neue Konkurrenten um die Billigjobs und nachbarschaftliche Plagegeister tatsächlich den Modus des Zusammenlebens täglich neu aushandeln. Die “Somewheres” sind oft älter, weniger gebildet und weniger sexy als die “Anywheres”. Diese neue Unterscheidung, schreibt der Präger des begrifflichen Gegensatzpaares, könne die alte in rechts und links ablösen.
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Goodharts Diagnose einer Neuformatierung der westlichen Gesellschaften entlang veränderter Bruchlinien hat, wie das ja meistens der Fall ist, bereits Vorläufer, darunter Lord Ralf Dahrendorf, der in einem anno 2003 erschienenem Interviewband namens “Die Krisen der Demokratie” die Heraufkunft einer neuen postnationalen Klasse konstatierte, die alles Globale gutheiße, alles Nationale ablehne und schon die Zugehörigkeit zu einem Land als “lästig” empfinde. – Ich meine, es ist ein Dualismus, mit dem sich einiges erklären lässt, nicht zuletzt das Phänomen des Rechtspopulismus, würde allerdings nicht so weit gehen, den Links-Rechts-Gegensatz gleich ganz zu verabschieden.
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… Alles von Michael Klonovsky vom 7.6.2019 zu lesen auf
https://juergenfritz.com/2018/07/15/sloterdijk/

https://michael-klonovsky.de/acta-diurna

 

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