Mauerfall1989

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Blick von St.Peter im Hochschwarzwald (18 Grad) auf Freiburg im dichten Nebel (9 Grad) am 22.10.2019

Blick von St.Peter im Hochschwarzwald (18 Grad) auf Freiburg im dichten Nebel (9 Grad) am 22.10.2019

 

Das sozialistische Menschenexperiment in Ostdeutschland – vergessen
„30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es in der Bundesrepublik keinen prominenten Politiker, der sich noch erkennbar mit dem sozialistischen Menschenexperiment in Ostdeutschland auseinandersetzt. Obwohl Deutschland seit 14 Jahren von einer Kanzlerin regiert wird, die das SED-Regime selbst erlebt hat, spielt die Erfahrung des Kommunismus im Politikbetrieb praktisch keine Rolle mehr.“
Hubertus Knabe, Historiker, in der „Welt am Sonntag“ am 3. November 2019

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Angelika Barbe: Mauerfall: Eine bittere Bilanz
Der Fall der Mauer gilt heute als die Sternstunde der Deutschen – die unmöglich gewesen wäre ohne die Friedliche Revolution, die Menschen wie Angelika Barbe herbeigeführt haben. Heute zieht die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin allerdings eine bittere Bilanz. Interview mit Moritz Schwarz.
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Frau Barbe, wie war das, als Sie am 9. November 1989 die SED besiegt haben?
Angelika Barbe: Der 9. November war ein großartiger Tag! Aber der entscheidende war er nicht – das war vier Wochen früher, der 9. Oktober.
Weshalb?
Barbe: Weil das der letzte Tag war, an dem die SED mit Gewalt hätte reagieren können, was viele befürchtet haben. Doch dann strömten am 9. Oktober so viele Menschen auf der Straßen, daß sie von nun an in der Defensive war. Von nun an lief es quasi auf eine Öffnung der Mauer zu, auch wenn wir nicht ahnten, daß es so schnell gehen würde. So konnte ich die Nachricht zunächst auch nicht glauben – als sie sich aber als wahr herausstellte, war das ein unbeschreiblich phantastisches Gefühl! Dennoch, der Tag des Volkes war der 9. Oktober. Der 9. November dagegen wurde zum Tag der Staatsmänner, mit ihren Reden und ihrem Anspruch auf einen Anteil am Fall der Mauer. Bis heute gibt es deshalb im Westen kein Interesse am 9. Oktober – da man an ihm keinen Anteil hat, kann man an ihn auch keine politischen Ansprüche knüpfen. Im Gegensatz zum 9. November, mit dem sich etwa die Idee der „Europäisierung“ verbinden läßt. Was nicht heißt, daß man im Osten gegen Europa wäre – wohl aber haben viele hier Vorbehalte gegenüber einem EU-Staat. Der 9. Oktober aber, der allein der Tag der Ostdeutschen ist, paßt im Westen niemandem ins Konzept.
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Vielleicht wird seine Bedeutung im Westen einfach nicht voll verstanden?
Barbe: Sicher, das auch. Doch geht es schon darum, die ostdeutsche Selbstbefreiung nicht anerkennen zu müssen.
Wie das? Die Friedliche Revolution gilt doch als „die“ Sternstunde der Deutschen.
Barbe: Wenn das so ist, wieso werden die Ostdeutschen dann für politisch rückständig erklärt? Würde die Friedliche Revolution tatsächlich als die großartige demokratische Leistung anerkannt, die sie ist, wäre ihr Lob nicht nur Lippenbekenntnis, hätte man Respekt vor den Ostdeutschen und würde uns hier nicht wie ein politisches Entwicklungsland behandeln.
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Sie spielen auf die Debatte um den jüngsten AfD-Wahlerfolge an?
Barbe: Es ist unsäglich, wie die Ostdeutschen wieder als demokratieunfähig hingestellt werden. Was ist das anderes als die völlige Mißachtung der Friedlichen Revolution? Dabei bedeutete diese, daß die Menschen den Mut aufbrachten, für Freiheit und Recht auf die Straße zu gehen, trotz der Angst, verhaftet oder erschossen zu werden. Und als das geschafft war, entstanden überall im Land Bürgerkomitees und Runde Tische.
Aber war das nicht nur eine kleine Schicht?
Barbe: Natürlich war das nie die Mehrheit, aber auch im Westen war die nie politisch engagiert. Wohl aber ging es weit über uns Bürgerrechtler hinaus. Ich glaube, im Westen ist bis heute nicht klar, welches Ausmaß das hatte! Überall war Bewegung – Arbeiter gründeten Gewerkschaften, Eltern demokratisierten die Schulen, Studenten die Unis, Bürgerkomitees die Verwaltung – kaum ein Bereich, in dem sich nicht Bürger einmischten. Bürgerkomitees lösten sogar die Stasi auf! Da wurde nicht einfach nur die Politik demokratisiert, sondern eine komplette Gesellschaft! Und alles selbstgemacht, von Grund auf.

Sie meinen, ohne die fertigen Strukturen, wie im Westen, wo es genügt, ohne selbst nachzudenken einfach mitzumachen?

Barbe: Ich will nicht Ost- und Westdeutsche gegeneinander ausspielen, aber wenn, wie unlängst, zum Beispiel Christian Wolff, ehemaliger Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, der erst nach der Friedlichen Revolution aus dem Westen kam, uns nun öffentlich belehrt, was Demokratie ist, bleibt mir die Spucke weg!

Wenn also nicht durch das von ihm, den Medien und meisten Politikern diagnostizierte Demokratiedefizit, wie erklären sich dann die Wahlerfolge der AfD?
Barbe: Sie sind vor allem Ausdruck dessen, daß sich die Ostdeutschen bewahrt haben, was sie 1989 errungen haben – eine eigene Meinung.

Wenn das stimmt, wäre das pikant, denn dann entspräche das Verhalten der etablierten Parteien und Medien ja dem der SED.
Barbe: Darüber sollten die mal nachdenken!

Welche Rolle hat dann die AfD inne?
Barbe: Sie ist der legitime politische Ausdruck jener, die nicht zufrieden sind. Daß das von vielen vor allem im Westen nicht kapiert wird, liegt daran, wie gesagt, daß die Friedliche Revolution nicht verstanden wurde, daß nicht verstanden wird, wie etwa die Selbstermächtigung der Kanzlerin, 2015 die Grenzen zu öffnen, hier gewirkt hat. Die Friedliche Revolution war auch ein Aufstand gegen die Willkür, die wir hier vierzig Jahre lang zu fürchten hatten. Stets war man von der Laune von SED-Funktionären abhängig, und die Erlangung von Demokratie und Rechtsstaat bedeuten hier deshalb sehr viel! Und dann kommt Frau Merkel und setzt einfach das Recht außer Kraft – und weder Parlament noch Medien schreiten ernstlich ein. Das war ein solcher Schlag ins Gesicht! Dachten wir doch, die Zeiten, in denen von oben verordnet wurde, hätten wir ein für allemal beendet. Und obendrein wurde Kritik daran in die „rechte Ecke“ geschoben. Dabei entsprang sie vielfach jenem demokratischen Sinn, der 1989 auch die Friedliche Revolution angestoßen und getragen hat. Und das gleiche gilt nach meiner Ansicht auch für Pegida. Ich habe damals den Rat Bert Brechts befolgt, sich selbst ein Bild zu machen und war überrascht, über die vielen unterschiedlichen Menschen, die ich dort getroffen habe, über die interessanten und durchaus reflektierten Dinge, die sie erzählt haben und auch über die zum Teil klugen Sprüche auf ihren Transparenten.

Sie gehörten in der DDR zur Bürgerrechtsbewegung, zum Umfeld von Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Jens Reich, Marianne Birthler etc. Mit Markus Meckel und anderen gründeten Sie im Oktober 1989 die Sozialdemokratische Partei (SDP), die sogenannte „Ost-SPD“. Weshalb reden Sie heute so ganz anders als Ihre Mitstreiter?
Barbe: Ich rede wie damals: Ich sage, was ist.
Werden Sie von den anderen angefeindet?
Barbe: Nein. Es gibt zwar ein paar, die mich schneiden, aber mehr nicht.
Niemand hat Sie zur Rede gestellt?
Barbe: Nein, allerdings stehen wir heute auch nicht mehr in Kontakt.
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Warum haben Sie sich damals für die SDP entschieden und nicht für das Neue Forum, das schließlich als die politische Hauptorganisation der Bürgerrechtsbewegung galt?
Barbe: Ich war einfach fasziniert, als mir Martin Gutzeit von der Idee erzählte. Denn zum einen war das Neue Forum damals noch keine Partei, sondern nur eine Gruppe. Doch eine Partei zu gründen, bedeutete die SED erneut herauszufordern. Insbesondere eine sozialdemokratische Partei, für die es nämlich nach dem Selbstverständnis der SED gar keinen Platz gab, schließlich sah sie sich ja selbst als die SPD – als historische Verschmelzung von SPD und KPD, deshalb: Sozialistische Einheitspartei.
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Warum haben Sie sich nicht gleich SPD genannt?
Barbe: Wir wollten es der SED nicht ermöglichen, uns als aus dem Westen gesteuert darzustellen. Die Vereinigung mit der SPD kam dann im September 1990, kurz vor der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl. Übrigens sehr zum Ärger der SED, die nämlich plante, sich selbst in SPD umzubenennen.
Bitte?
Barbe: Sie wollte ihr schlechtes Image abstreifen. Da wir aber schneller waren, mußte sie mit PDS vorliebnehmen: Partei des „demokratischen“ Sozialismus. Allerdings führte das Zusammengehen mit der SPD bei mir zu ziemlicher Ernüchterung, denn nur ein Teil der Partei um Willy Brandt nahm uns mit Freude auf. Für den anderen Teil waren wir Bürgerrechtler zuvor schon nur Störfaktor ihrer Beziehung zur SED. Zum Beispiel Walter Momper, Regierender Bürgermeister der SPD in West-Berlin, der noch im Oktober 1989 forderte, nicht auf uns, die demokratische Opposition zu setzen, sondern auf „Reformkräfte“ in der SED. Unfaßbar!
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Vielleicht glaubte er nur nicht, daß Sie sich durchsetzen würden?
Barbe: Nein, das hatte seine Ursache in der Freundschaft, die ein Teil der SPD mit der SED-Diktatur geschlossen und die sich spätestens mit dem skandalösen gemeinsamen SPD-SED-Strategiepapier von 1987 entwickelt hatte.
Wer Entspannung will, muß zu vertrauensvoller Atmosphäre kommen, so ist das.
Barbe: Entspannung ist ein Geben und Nehmen – anfreunden muß man sich dafür nicht. Und die SED hielt ihre Versprechen gar nicht, was in der SPD aber einfach hingenommen wurde, weil man die Freundschaft nicht riskieren wollte. Zu Recht hat etwa der ehemalige Bundesminister Dieter Haack, einer der Kritiker dieser Politik in der SPD, Egon Bahr, einem der Köpfe der Richtung, einmal angebrüllt: Von deiner Strategie „Wandel durch Annäherung“ ist nur noch die Annäherung an die SED geblieben!
Ist das fair? Die Neue Ostpolitik hat trotz allem Freiräume für die Opposition gebracht. Kein Bürgerrechtler, der später nicht betonte, wie wichtig etwa die KSZE-Verhandlungen gewesen seien.
Barbe: Stimmt, aber ich kritisiere nicht die Annäherung an sich, sondern ihre Art. Nämlich, daß es dem Teil der SPD, der sie betrieb, nicht, wie er behauptete, um Freiheit und Demokratie ging, sondern darum, sich mit der SED anzufreunden – um mit ihr ein linkes Bündnis zu schmieden. Ich nenne das Verrat! Und diese Schuld hat die SPD nie aufgearbeitet – bis heute wird sie verdrängt und beschwiegen.
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1996 sind Sie aus Protest gegen die Zusammenarbeit mit der PDS ausgetreten.
Barbe: Es ist für mich unfaßbar, daß ausgerechnet die SPD ermöglichte, alte SED-Kader wieder in Ämter kommen zu lassen. Leute, die nie ehrlich bereut haben! Etwa Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, die als Kader im FDJ-Zentralrat in der DDR die militärische Erziehung an Schulen organisierte, also Kinder Handgranatenattrappen werfen ließ! Und heute gibt sie mit ihrer Partei die Friedensengel! 1989 haben wir geglaubt, diese Leute ein für allemal los zu sein – heute regieren sie uns wieder. Was für eine Verhöhnung aller ihrer Opfer!
Wie haben Sie sich damals das Jahr Dreißig nach der DDR vorgestellt?
Barbe: Ich habe nie, wie Bärbel Bohley, die 1989 im Westen als führende Bürgerrechtlerin galt, geglaubt, es wäre möglich, die DDR zu reformieren. Ich habe parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für richtig und realistisch gehalten. Und ich habe auch immer ganz selbstverständlich die Wiedervereinigung gewollt, schließlich war Deutschland doch ein Land. Allerdings hat Bärbel uns gewarnt – und heute muß ich sagen, sie hatte recht! Sie prophezeite:
„Die … Stasi-Strukturen, (die) Methoden, mit denen sie gearbeitet haben …
All das wird in die falschen Hände geraten.
Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien, westlichen Gesellschaft passen.
Man wird Störer nicht unbedingt verhaften, es gibt feinere Möglichkeiten, unschädlich zu machen.
Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und mundtotmachen, derer die sich nicht anpassen, wird wiederkommen.
Glaubt mir, man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi.
Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation und der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“

Ich hielt das damals für völlig übertrieben. Heute aber staune ich mit größtem Entsetzen, wie exakt sie doch den Nagel auf den Kopf getroffen hat!
8.11.2019, Angelika Barbe: “Ein phantastischer Moment”, Junge Freiheit, Seite 3
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Angelika Barbe,
die Biologin, geboren 1951 in Brandenburg an der Havel, engagierte sich ab 1986 in der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Erst im Friedenskreis Pankow mit Vera Lengsfeld und Freya Klier aktiv, gründete sie 1987 den Johannisthaler Frauenfriedenskreis und stieß 1988 zum Friedenskreis Friedrichsfelde um Reinhard Schult. Am 7. Oktober 1989 gründete sie mit anderen die Sozialdemokratische Partei (SDP), für die sie im April 1990 als Abgeordnete in die erste frei gewählte Volkskammer, das Parlament der DDR, einzog. Nach Vereinigung der SDP mit der SPD war sie von 1990 bis 1994 Abgeordnete des ersten gesamtdeutschen Bundestags und bis 1995 Mitglied im Parteivorstand. Aus Protest gegen eine Zusammenarbeit mit der PDS, der ehemaligen SED, trat sie 1996 zur CDU über und gründete mit Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs und Ehrhart Neubert in Berlin das „Bürgerbüro“ zur Beratung ehemals politisch Verfolgter. 2000 wurde sie für das Amt des Landesbeauftragten Sachsens für die Stasiunterlagen vorgeschlagen. Bis 2017 war sie bei der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung tätig.

 

 

Monika Maron: Zum Mauerfall vor 30 Jahren
Unser galliges Gelächter
– es liegt mir fern, die Bundesrepublik mit der DDR zu vergleichen

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Die Schriftstellerin Monika Maron erinnert sich an den Mauerfall: Jeder, der sprechen wollte, konnte nun sprechen, wer für oder gegen etwas kämpfen wollte, konnte das öffentlich und ungefährdet tun. Und heute? Da wird Menschen wegen unerwünschter Meinungen die Existenz wieder erschwert oder sogar zerstört.
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Es gab nicht viel, was ich vermisst habe, nachdem die DDR im Orkus der Geschichte versunken war. Und was ich hätte vermissen können, den Bautzener Senf zum Beispiel, gibt es ja heute noch. Nur eins schien mir für immer verloren zu sein, weil es einem an diesen Ort und diese Zeit gebundenen, unentrinnbaren und demütigenden Gefühl der Ohnmacht entsprungen war: unser galliges Gelächter.
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Wenn Menschen aus dem Westen mir erzählen, was sie in der DDR erlebt haben – meistens sind es Geschichten vom Grenzübergang, wo sie ein Ohrläppchen herzeigen mussten, oder von Gaststättenbesuchen, wo sie schlecht behandelt wurden und über das Wort Sättigungsbeilage gelacht haben –, wenn sie mir also diese Geschichten erzählen, frage ich: Und waren Sie auch in Wohnungen? Denn wenn sie nicht in Wohnungen waren, wissen sie nichts. In den Wohnungen sassen wir am Abend und bis in die Nacht, tranken schlechten Wein und lachten auf diese besondere bittere Art.
Wir hatten viel Zeit, waren selten verreist, und weil viele kein Telefon hatten, klingelten sie abends an den Türen ihrer Freunde und waren einfach da. Und dann erzählte man, was man erlebt hatte auf dem Wohnungsamt, mit der Polizei, im Betrieb oder Institut, mit einem Parteisekretär, dem Chefredakteur, den Handwerkern, den Taxifahrern, beim Schuhekaufen für die Kinder, und fast alle diese Geschichten waren so absurd, dass man darüber nur verzweifeln, vor Wut toben oder darüber lachen konnte, wütend und verzweifelt lachen.
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Dieses Gelächter war eine Form des Widerstands, es einte uns und zog eine Wand zum Rest der kleinen, für uns bestimmten Welt. Dann öffnete sich die Welt und damit verstummte auch dieses Gelächter. Jeder, der sprechen wollte, konnte nun sprechen, wer schreiben wollte, konnte schreiben, und wer für oder gegen etwas kämpfen wollte, konnte das öffentlich und ungefährdet tun. Die Erinnerung an unser galliges Gelächter habe ich bewahrt wie die Erinnerung an alles, das schön war in dieser Zeit: die Jugend, Liebe, Freundschaft.
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Aber seit einigen Jahren höre ich es wieder, ein böses, hilfloses Lachen, von mir und von anderen, von Ostdeutschen und von Westdeutschen auch. Inzwischen haben wir alle Telefone, sogar mobile, wir haben weniger Zeit und sind oft verreist, wir klingeln nicht einfach bei Freunden, sondern verabreden uns, wir schicken uns Artikel per E-Mail, und wenn wir sie gelesen haben, telefonieren wir, fragen uns gegenseitig, ob die alle irre sind oder wir selbst, und weil wir uns nicht erklären können,
– warum das alles passiert,
– warum uns eine genderisierte Sprachverstümmelung zugemutet wird,
– warum Hunderttausende Windräder gebaut werden sollen, die den Energiebedarf nicht werden sichern können,
gleichzeitig aber auf Elektroautos und -roller gesetzt wird,
– warum Hunderttausende Einwanderer ins Land gelassen werden, von denen man weiss, dass sie nicht bleiben
dürften, man sie aber auch nicht wieder ausser Landes bringen kann,
– warum uns nun täglich mit dem Weltuntergang gedroht wird, obwohl niemand wissen kann, ob er stattfinden wird,
weil wir uns das alles trotz ehrlichem Bemühen einfach nicht erklären können, verfallen wir nach einigem Stöhnen und ratlosen Sätzen in dieses besondere, gallige Gelächter.
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Ich habe nicht für möglich gehalten, dass mir das noch einmal passiert. Als ich 1988 aus Ostberlin nach Hamburg gezogen bin und bei Zarrentin zum ersten Mal über die Grenze fuhr und das Schild mit dem Bundesadler sah, breitete sich in mir das Wort Freiheit zu einem Glücksgefühl aus. Und so war es auch. Ich war frei; frei zu schreiben, zu sprechen, zu leben. Und als ich binnen kürzester Zeit mit den Hamburger Grünen und Feministinnen zusammenprallte, war das eine lehrreiche Erfahrung, mehr nicht. Ich ahnte nur, dass das keine wunderbare Freundschaft werden könnte. Aber sie waren nicht das Land, nicht die Zeitungen, nicht der Rundfunk, auch wenn sie da gewiss sassen, aber sie beherrschten sie nicht.
Mit dem Verschwinden der DDR war ich von ihr auch literarisch befreit und schrieb einen Roman über die Liebe, danach die Geschichte meiner Familie; ich holte nach, wozu mir die Umstände meines Lebens zuvor keinen Atem gelassen hatten. Meine politischen Interventionen und Zwischenrufe, vor allem zu den Asymmetrien der deutschen Vereinigung, schrieb ich für Zeitungen.
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Als ich 2010 begann, mich für den Islam zu interessieren, ging es mir weniger um den Islam als um den Umgang mit seinen Kritikern, in dem ich ein Muster wiederzuerkennen glaubte. Islamkritiker wie Necla Kelek wurden plötzlich als «heilige Krieger» und «Hassprediger» beschimpft, als stünde es ihnen nicht zu, sich mit ihrer eigenen Herkunft und Kultur auseinanderzusetzen.
Sie wurden ihrer eigenen Konflikte beraubt, die nun von der westdeutschen Linken als deren eigene Angelegenheit übernommen wurden, so wie auch die Ostdeutschen von ihren Konflikten enteignet wurden, indem jedes Problem, das sie miteinander hatten, in das Konfliktpotenzial westdeutscher Parteien integriert wurde und fortan als Ost-West-Konflikt galt, als wären die Ostdeutschen vierzig Jahre lang eine homogene Masse gewesen.
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In den Jahren 2014, als die Pegida zum ersten Mal auf die Dresdener Strassen ging, und 2015, als eine Million Flüchtlinge und Einwanderer unkontrolliert die deutschen Grenzen passierten, verwandelten sich diese Konfliktfelder in Kampfzonen, in denen die Begriffe links und rechts endgültig bedeutungslos wurden.
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Wer die bis dahin selbstverständlichen Forderungen der Linken wie die Aufklärung, den säkularen Staat und die Frauenrechte verteidigte, fand sich plötzlich auf dem rechten Kampffeld wieder; und meine linken, grünen Feministinnen aus Hamburg verteidigten vermutlich leidenschaftlich das islamische Kopftuch und forderten Verständnis auch für die hartgesottensten muslimischen Frauenverächter, was für mich bedeutet: Sie waren zu Reaktionärinnen mutiert, also rechts.
Der Osten avancierte in den Jahren danach von der Mitleids- und Witzfigur der Medien zu ihrer Hassfigur. Die dummen Ostdeutschen, die eben keine Fremden kannten, obwohl sie seit einem Vierteljahrhundert selbst durch die Welt reisten, auch in Dresden ARD und ZDF sehen konnten und die seit 1990 Hunderttausende Spätaussiedler aus Russland und Kasachstan aufgenommen hatten.
Sie hatten erlebt, wie ihre gut ausgebildeten Kinder in den Westen abwanderten, weil sie im Osten keine Arbeit fanden, und liessen sich nun erzählen, dass schlecht ausgebildete, fremde junge Männer als Arbeitskräfte gebraucht würden.
Seit 1990 sind fünf Millionen Ostdeutsche in den Westen gezogen. Die Jugend, die dem Osten fehlt, lebt im Westen. Auch danach hätte man fragen können, ehe man ganz Sachsen zum Nazisumpf erklärt und, wie eine Journalistin kürzlich stolz verkündete, keinen sächsischen Apfelsaft mehr kauft. Man hätte fragen können, was die Menschen plötzlich auf die Strasse treibt, bevor man sie als «besorgte Bürger» lächerlich macht, als «Abgehängte» diffamiert und über den Umweg rechtsradikal und rechtsextrem als Nazis über eine Grenze schiebt, die sie vielleicht nie hatten übertreten wollen.
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Aber Rechte fragt man nicht, mit Rechten redet man nicht, Bücher von Rechten liest man nicht, Rechten darf man ihre Stände auf Buchmessen verwüsten, Rechten hört man nicht zu und antwortet ihnen nicht – und wer oder was rechts ist, entscheidet jeder, der sich für links hält. Schon die Frage, ob der Klimawandel wirklich nur menschengemacht ist oder wie viel Einwanderung eine Gesellschaft verträgt, ohne schwerwiegenden Schaden zu nehmen, oder ob dieses Genderkauderwelsch wirklich den Frauen nutzt, kann ausreichen, um rechter Gesinnungsart verdächtigt zu werden.
Wie es scheint, hat die grün-linke Seite, verstärkt durch eine gewandelte CDU, den Kampf um die Deutungshoheit gewonnen um den Preis, dass die AfD zu einer konstanten politischen Kraft geworden ist. Was für ein Sieg!
Kürzlich erzählte ich einem Freund, ich fühlte mich beim Schreiben zuweilen wie früher, als ich mein erstes Buch «Flugasche» geschrieben habe, wieder gedrängt ins Politische, weil es mich jeden Tag umtreibt, und bedrängt von dem Gedanken, was ich mir wohl einbrocke, wenn ich einen Protagonisten meines Buches diesen oder jenen Satz sagen lasse.
Der Freund war empört: Wie ich die Bundesrepublik mit der DDR vergleichen könne und ob ich noch ganz bei Verstand sei. Es liegt mir fern, die Bundesrepublik mit der DDR zu vergleichen. Weder fürchte ich, mein Buch könnte wie in der DDR verboten werden, noch halte ich für möglich, dass ich juristisch belangt werden könnte.
Und trotzdem habe ich dieses Gefühl.
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Natürlich, Deutschland ist ein Rechtsstaat; darum werden Bücher nicht verboten und Schriftsteller nicht verhaftet. Aber es gibt auch in einem Rechtsstaat Möglichkeiten, Menschen wegen unerwünschter Meinungen die Existenz zu erschweren oder sogar zu zerstören. Wenn Zweifel schon verdächtig sind, wenn Fragen als Provokationen wahrgenommen werden, wenn Bedenken als reaktionär gelten, wenn im Streit nur eine Partei immer recht hat, können einen alte Gefühle eben überkommen. Und dann kann man darüber verzweifeln, vor Wut toben oder darüber lachen, unser schönes galliges Gelächter.
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… Alles vom 7.11.2019 von Monika Maron bitte lesen auf
https://www.nzz.ch/feuilleton/monika-maron-es-liegt-mir-fern-die-bundesrepublik-mit-der-ddr-zu-vergleich-ld.1519713?mktcid=nled&mktcval=107_2019–11-07&kid=nl107_2019-11-7
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Monika Maron
Monika Maron, geb. 1941 in Berlin, ist Schriftstellerin. Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Ost-Berlin. Ihr erster Roman „Flugasche“ gilt als das „erste Umwelt-Buch der DDR“. Es konnte 1981 wegen des kritischen Inhalts nicht in der DDR erscheinen, sondern nur in Westdeutschland bei S. Fischer. Maron ist u.a. Trägerin des Deutschen Nationalpreises (2009).
Von der Schriftstellerin Monika Maron ist zuletzt der Roman «Munin oder Chaos im Kopf» im S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2018, erschienen.
Weiterführende Links:
http://www.literaturport.de/Monika.Maron/

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9. November 1989: Das Ende eines Sonderweges
In meiner Kindheit machten wir Anfang der siebziger Jahre Urlaub in der Lüneburger Heide. Wir spazierten zu einer gesprengten Elbbrücke. Unser Vater wies nach Osten und meinte: „Dort drüben geht Deutschland weiter.“ Ich bin mit dem Bewußtsein großgeworden, daß die Teilung ein anormaler, gewaltsamer Zustand war.
Ab 1983 besuchte ich jedes Jahr unsere kirchliche Partnergemeinde in der DDR und besah die Mauer in Berlin von östlicher Seite. Sollte hier unsere Geschichte enden? Für die deutsche Einheit zu kämpfen hätte das wichtigste politische Ziel sein müssen – dachte ich. Doch begegneten uns Lehrer, Pfarrer, Journalisten, Professoren, die in scheinbar großer Mehrheit verkündeten: Das Zeitalter der Nationalstaaten sei vorbei, es sei ein Segen, daß Deutschland nicht mehr einen gefährlichen großen Block in der Mitte Europas bilde und den Frieden in Europa nicht mehr bedrohen könne.
Beim Wehrdienst erklärte mir mein Kompaniechef im Spätsommer 1989, als wir über die Meldungen von Demonstrationen und Massenflucht aus der DDR sprachen, die Mauer stehe noch in den nächsten 50 Jahren. Viele hatten es sich in Westdeutschland behaglich im Schatten der Mauer eingerichtet, auf deren östlicher Seite 17 Millionen Deutsche im Spiel des Lebens einfach die Niete gezogen hatten.
Mit dieser politischen Windstille war es am 9. November 1989 vorbei. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, als ich mit Freunden am 10. November in Berlin eintraf. Unbändige Freude brach sich Bahn. Mit der furchtbaren Mauer fiel eine tonnenschwere Last von uns ab. Der „Rückruf in die Geschichte“ (Karlheinz Weißmann) war da.
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Für die erdrückende Mehrheit der Deutschen auf beiden Seiten der Mauer stellte sich nie die Frage der Einheit – sie hatten niemals aufgehört, sich selbstverständlich als eine Nation zu verstehen. Das war für Teile der Politischen Klasse, vor allem der Linken, empörend. Gerade das hatte man geglaubt, doch überwunden zu haben.
Die Wut bei westdeutschen Linksintellektuellen darüber, daß die Deutschen in der DDR vor 30 Jahren das von Gorbatschow angestoßene Tauwetter nutzten und die Mauer überrannten, dauert teilweise bis heute an: Ein Echo davon vernehmen wir, wenn aktuell die Rede ist von vermeintlicher „Rückständigkeit“ der Ostdeutschen, die die Frechheit besitzen, anders zu wählen als ihre aufgeklärten, kosmopolitischen Landsleute in Westdeutschland.
Wir feiern eigentlich einen doppelten Mauerfall: einerseits den Einsturz der mörderischen Grenze, mit der die kommunistische DDR ihre Bürger einsperrte, andererseits den Zusammenbruch der postnationalen, ahistorischen Illusion eines westeuropäischen Sonderweges. Das Wunderbare ist doch: Seit dem 9. November 1989 ist die Geschichte wieder offen.
8.11.2019, Dieter Stein, Junge Freieit, Seite 1

 

Roger Köppel: Volk ohne Heimat – EU als Vaterlandsersatz

Die Deutschen haben ihren eigenen Untergang überlebt und Grossartiges geleistet. Die Wiedervereinigung gelang bewundernswert, doch mit der Mauer fielen alte Sicherheiten. Die Deutschen wirken verwirrt, etwas verloren zwischen nationalen Tönen aus dem Osten und europäischen Selbstzweifeln im Westen.
Vor dreissig Jahren fiel die Mauer. Deutschland hat sich wiedervereinigt. Entgegen landläufigen Befürchtungen kam es nicht zum Rückfall in Nationalismus und Machtbetrunkenheit.

Insgesamt ist Deutschland ein Phänomen der Tüchtigkeit, ein Überlebenswunder. Die Deutschen waren die Architekten ihres Untergangs, den sie schliesslich überwanden. 1945 lag das Land in Trümmern. Schon 1961 hatten sie die Briten an Wohlstand überholt. Das war ironischerweise auch deshalb möglich, weil der alles wegräumende Bombenkrieg den Deutschen die Chance einer umfassenden industriellen Modernisierung gab, während die Siegermächte Frankreich und Grossbritannien auf ihren unzerstörten rostenden Fabriken sitzenblieben.
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Zur Niederlage kam die Schande: Nach der Katastrophe von Hitlers nationalem Grössenwahn durften die Deutschen nicht mehr Deutsche sein. Also halfen sie mit, die EU zu erfinden, um dann als Europäer, entgiftet, auf die Bühne zurückzukehren. Seither ist das vereinigte Europa, im Westen, für die Deutschen eine Art Vaterlandsersatz. Das erklärt ihre fast religiöse Bereitschaft, Unmengen an Geld in dieses Projekt zu investieren, das viele Deutsche zwar längst als Fehlkonstrukt durchschauen, für das sie aber trotzdem weiterzahlen, weil es ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Wesens und kein alternatives Identitätsangebot in Sicht ist.
… Alles vom 6.11.2019 von Roger Köppel bitte lesen auf
https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2019-45/artikel/volk-ohne-heimat-die-weltwoche-ausgabe-45-2019.html

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