DDR-Stasi

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Mohnfeld auf der Baar östlich vom Hochschwarzwald am 1.8.2014

Mohnfeld auf der Baar östlich vom Hochschwarzwald am 1.8.2014

 

 

Theo Lehmann: Erstes Weihnachtsfest nach Mauerfall vor 30 Jahren 
Vor dreißig Jahren feierten die Deutschen nach Jahrzehnten der Teilung erstmals wieder gemeinsam Weihnachten. Theo Lehmann, damals als erfolgreichster deutscher Jugendpfarrer im Fadenkreuz der Stasi, war dabei.
Interview von Moritz Schwarz
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Herr Dr. Lehmann, wie war das vor dreißig Jahren: das erste Weihnachtsfest nach dem Fall der Mauer?
Theo Lehmann: Es war eine unglaubliche Zeit! Obwohl ich sicher war, daß die DDR eines Tages zusammenbrechen und die Teilung unseres Landes überwunden sein würde, habe ich vor dem Herbst 1989 nicht geglaubt, daß das noch zu meinen Lebzeiten passieren würde.
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Es war nach 28 Jahren Mauer das erste gemeinsame Weihnachtsfest der Deutschen.
Lehmann: Geteilt waren wir schon seit der Potsdamer Konferenz 1945. Aber richtig, bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 konnte man noch über die Zonengrenze hin und her, um etwa Verwandte zu besuchen oder gemeinsam Weihnachten zu feiern. Und nun war das, nach fast dreißig Jahren – kaum zu fassen! –, erstmals wieder zu Weihnachten 1989 möglich. Doch waren es unglaublich turbulente Tage damals, nicht das, was man unter adventlicher Ruhe und weihnachtlicher Besinnlichkeit versteht. An das eigentliche Weihnachtsfest kann ich mich deshalb auch nicht mehr erinnern. Wohl aber an meine Weihnachtspredigt, die ich in der Chemnitzer Lutherkirche gehalten habe. Es ging um Kapitel 3 der Offenbarung und das Thema „Wach auf!“, und ich sagte unter anderem: „Freiwillig hat die SED uns keinen Millimeter Freiheit eingeräumt. Deshalb müssen wir wachsam sein! Wachsam, damit die nie wieder die Macht kriegen, egal unter welchem Namen sie auftreten. Denn Menschen, die uns vierzig Jahre lang“, die DDR war 1949 gegründet worden, „belogen haben, glauben wir kein Wort. Können wir nicht vertrauen, dürfen wir nicht vertrauen! Mißtrauen und Wachsamkeit gegenüber allen, die bisher über uns geherrscht haben, ist die erste Bürgerpflicht! Das ist der Preis der Freiheit.“
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Gesagt haben Sie das vor 5.000 Jugendlichen, im Rahmen Ihres Jugendgottesdiensts, des größten, den es in der DDR gab.
Lehmann: Nicht nur in der DDR – meines Wissens gab es auch in Westdeutschland nichts Vergleichbares. Wobei die Schätzung der Teilnehmerzahl zwischen fünf- und dreitausend lag und ich daher dreitausend bevorzuge. Dreißig Jahre lang haben wir ab 1971 einmal im Monat diesen Jugendgottesdienst veranstaltet, wobei wir ihn stets zweimal nacheinander feiern mußten, weil die Räume höchstens die Hälfte der Menschen fassen konnten. Und die Teilnehmer kamen nicht nur aus Chemnitz und Umgebung, sondern reisten aus allen möglichen Bezirken der DDR an.
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Warum hatte ausgerechnet Ihr Jugendgottesdienst solchen Erfolg? War er politisch?
Lehmann: Nein, im Gegenteil. Obwohl ich, aus christlichem Elternhaus stammend, immer schon ein Gegner der SED-Diktatur und des Kommunismus war, habe ich Politik in meinen Predigten gemieden, ging es mir doch darum, das Evangelium zu verkündigen und Menschen zu Jesus zu bringen. Ich kann Ihre Frage allerdings nicht beantworten, da ich selbst nicht weiß, warum wir solchen Erfolg hatten. Ich kann nur vermuten: Da ich vor allem Menschen ansprechen wollte, die noch keine Christen waren, verzichtete ich auf Liturgie und Talar, hatte für die Musik eine Band, neue Lieder und neue Elemente, wie die Möglichkeit, Fragen zu stellen, oder jedesmal der Auftritt eines Liedermachers. All das ergab eine damals neue Form von Gottesdienst, was mit eine Rolle gespielt haben mag. Vor allem aber, denke ich, haben die Inhalte den Nerv der Zeit getroffen.
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Wie das, wenn diese nicht politisch, sondern streng biblisch waren?
Lehmann: Das eben zeigt, wie unheimlich aktuell die Bibel in Wahrheit ist!
Inwiefern?
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Lehmann: Tja, den meisten Leuten ist das nicht klar. Weil sie die Bibel nicht kennen. Lesen Sie die mal!
Sie meinen das Neue Testament mit den Themen Erlösung, Frieden, Gerechtigkeit?
Lehmann: Sicher, aber ebenso das Alte Testament, denken Sie etwa an das Buch Daniel oder an die Geschichte Abrahams! Auch wenn ich nie politisch predigte, ergaben sich politische Schlußfolgerungen daraus. Ebenso bei dem, was unsere Liedermacher vortrugen, obwohl auch sie nicht politisch waren, wie damals etwa Wolf Biermann oder Stephan Krawczyk, riskierten sie dennoch mitunter Kopf und Kragen. Also nicht wie Liedermacher heute, die die wirklich heiklen Themen gar nicht mehr anpacken, sondern meist nur das, wofür sie von fast allen Seiten Applaus bekommen.
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Geben Sie ein Beispiel für Ihre Methode.
Lehmann: Gleich für den ersten Gottesdienst hatte ich ein Lied geschrieben: „Diese Welt mit ihren Herren muß vergehen / Aber unser Herr, der kommt!“, das übrigens noch heute gesungen wird.
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Das hat die SED als Provokation gesehen?
Lehmann: Die hat unseren ganzen Gottesdienst als Provokation empfunden! Schon weil er mitten in Karl-Marx-Stadt stattfand – wie Chemnitz von 1953 bis 1990 zwangsweise hieß –, das der SED nach dem Wiederaufbau als sozialistische Musterstadt galt. Der Kommunismus besagt, daß Religion angesichts seines Siegeszuges abstürbe. Wir aber demonstrierten öffentlich genau das Gegenteil – ausgerechnet an einem Ort, den sie als den ihren betrachteten. Und es kamen nicht ein paar alte Omas, sondern 3.000 junge Leute, Monat für Monat und Jahrzehnt für Jahrzehnt!
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Warum wurde er nicht einfach verboten?
Lehmann: Das wagte die SED offenbar nicht. Aber wie ich nach 1989 aus den Akten erfuhr, hatte die Stasi alle möglichen Pläne geschmiedet, um uns zu sabotieren. Angefangen damit, die Stromversorgung zu kappen, über Störungen durch FDJ-Trupps bis zum Sprengen der Veranstaltung mittels Buttersäure und einer Bombendrohung. Doch nichts davon wurde umgesetzt.
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Warum nicht?
Lehmann: Weil Gott seine Hand über uns gehalten hat.
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Hatte die Stasi nicht einfach Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit?
Lehmann: Ach, die Stasi hat ja noch ganz andere Sachen gemacht. Darum glaube ich, wir hatten den Beistand Gottes. Ich weiß, was Sie denken – wahrscheinlich das, was die Leute denken, wenn ich die Geschichte von Daniel in der Löwengrube erzähle. In der Gott auf wunderbare Weise den Propheten vor den Raubtiern rettete, indem er es besänftigte. Aber genau das ist es, was ich damals mit der Stasi erlebt habe, die die Macht hatte, uns wie eine Laus zu zerquetschen. Aber Gott hat dieser Bestie die Schnauze zugedrückt. Und sie hatte nicht nur Maßnahmen gegen unseren Gottesdienst geplant, sondern auch gegen mich persönlich, inklusive mich in Richtung Westen loszuwerden. Und auch auf die Gefahr hin, daß Sie mich erneut belächeln: Ich betrachte auch den Fall der Mauer und den Untergang der DDR als ein biblisches Wunder!
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Inwiefern das?
Lehmann: Weil, und das wissen die meisten Leute heute nicht mehr, sie eine in jeder Hinsicht bis an die Zähne bewaffnete Diktatur war. Und weil etwa während der Montagsdemonstrationen Leipzig wie eine Stadt unter militärischer Belagerung war: Überall Volkspolizei, Volksarmee, bewaffnete Betriebskampfgruppen sowie die hochgefährliche Staatssicherheit. Dazu Vorbereitung von Krankenhäusern, Bereitstellung von Blutkonserven und Planungen zur Internierung von Gefangenen. Und dann – fiel kein einziger Schuß! Das kann nur der nicht für ein Wunder halten, der sich nicht klarmacht, wie die Lage war.
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Wir müssen wachsam sein! Damit die nie wieder die Macht kriegen, egal unter welchem Namen sie auftreten … Mißtrauen gegenüber allen, die über uns geherrscht haben … Das ist der Preis der Freiheit“, haben Sie, wie Sie sagten, zu Weihnachten 1989 gepredigt. Heute regiert die SED als Die Linke in drei Bundesländern, in zwei weiteren war sie an der Macht. War Ihre Warnung umsonst?
Lehmann: Nein, aber es ist unerträglich, daß die Partei und die DDR und die Mitverantwortlichen von damals heute nicht so schlecht angesehen sind, wie sie es sein müßten. Anders ist etwa nicht zu erklären, daß ohne einen Sturm tiefster Empörung öffentlich gesagt werden kann, die DDR sei kein Unrechtstaat gewesen. Oder denken Sie an die Renten der SED-Eliten, die über denen derer liegen, die unter ihnen im Zuchthaus saßen. Viele Kader sind in Wirtschaft und Politik untergekommen. Ich hatte damals geglaubt, die würden alle rausfliegen – ein Irrtum. Und daß sie in Thüringen sogar die Regierung anführt, unvorstellbar! Allerdings ist, was ich mir 1989 vorgestellt habe, nach der Nazizeit auch nicht gelungen. Vielleicht ist es ja auch gar nicht anders möglich …
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Es geht also nur um die „Linke“?
Lehmann: Nein, keineswegs. Heute erfüllen sich allgemein die prophetischen Worte der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: „Stasi-Strukturen (und die) Methoden, mit denen sie gearbeitet haben … All das wird in die falschen Hände geraten. Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien, westlichen Gesellschaft passen. Man wird Störer nicht unbedingt verhaften – es gibt feinere Möglichkeiten, unschädlich zu machen. Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen wird wiederkommen … Man wird Einrichtungen schaffen, viel effektiver, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation und der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“ Als ich damals zur Wendezeit jeden eiskalten Montagabend vor dem „Nischel“, der großen Plastik des Kopfs von Karl Marx im Chemnitzer Zentrum, stand und mitdemonstriert habe, hätte ich es nie für möglich gehalten, daß man, entsprechend Bohleys Worten, 25 Jahre später ebenda wieder zur Verteidigung der Meinungsfreiheit demonstrieren würde, als sich dort 2014 Pegida versammelte.
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Dieser Vergleich gilt heute als „Beleidigung“ der Friedlichen Revolution.
Lehmann: Als ich sah, wie man damals über die Menschen bei Pegida sprach, nämlich als „Pack“ und Demokratie­feinde, erinnerte mich das daran, wie zur SED-Zeit wir beschrieben wurden – nämlich genauso, nur daß man Rowdys und staatsfeindliche Elemente sagte. Also bin ich los, um mir selbst ein Bild zu machen. Was ich vorfand, war kein „Pack“ (Sigmar Gabriel), sondern vor allem Bürger. Ich erinnere mich auch, wie sich vor 1989 die Stasi intern beklagte, ich bliebe in meinen Predigten stets „unterhalb der strafrechtlichen Relevanz“, Zitat aus meiner Stasi-Akte. Genau so ist es heute wieder: daß man überlegen muß, wie man formuliert, um nicht sanktioniert zu werden! Damit will ich nicht sagen, daß die Zustände heute wie in der DDR sind – das sind sie nicht. Aber wir marschieren in ihre Richtung! Denn das Charakteristische der DDR war diese schwarze Decke der Angst, die über den Menschen lag und von der wir nach der Friedlichen Revolution erstmals wirklich befreit waren – es gab wirkliche Freiheit! Doch heute ist diese schwarze Decke zurück – und das hätte ich 1989 niemals für möglich gehalten.
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Heute kritisieren Sie aber auch die Kirche.
Lehmann: Gerade zu Weihnachten muß man erinnern, wie feige diese heute große Teile der biblischen Botschaft verschweigt! Etwa die Sünde – weil sie Angst hat, daß die Leute das nicht hören wollen. Die Leute wollten nicht, daß man ihnen droht. Das ist ein Witz, denn kein Pfarrer droht auch nur entfernt, wie es etwa die überaus populäre Greta Thunberg tut, die sagt, sie wolle, daß die Menschen vor Angst in Panik geraten. Und die Vorstellung, daß es kein göttliches Gericht gäbe, ist ebenso falsch. Denn Gericht bedeutet nichts anderes, als daß es Gerechtigkeit und Rettung gibt – bedeutet nämlich, daß die großen Lumpen am Ende nicht davonkommen und ihre Opfer nicht auf der Strecke bleiben werden. Was feiern wir denn zu Weihnachten? Die Geburt von Jesus Christus, unserem Retter! Doch gerettet werden kann nur, wenn auch Gefahr besteht.
… Alles vom 20.12.2019 von Moritz Schwarz bitte lesen
in der Jungen Freiheit, 52/19, Seite 3

Dr. Theo Lehmann, wegen seiner für die SED provozierenden bibeltreuen Predigten geriet der Chemnitzer Jugendpfarrer in den siebziger Jahren in Konflikt mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Dieses infiltrierte sein privates Umfeld, initiierte Verleumdungskampagnen und versuchte, ihn außer Landes zu drängen.
Als einer derjenigen, die „die Friedliche Revolution von 1989 erst möglich gemacht haben“, wurde dem evangelischen Theologen, geboren 1934 in Dresden, 2003 die Verfassungsmedaille des Freistaats Sachsen verliehen.
2006 erhielt er den Walther-Künneth-Preis der Kirchlichen Sammlung für Bibel und Bekenntnis.
Im Jahr 2005 erschien seine Autobiographie „Freiheit wird dann sein. Aus meinem Leben“

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Hartwig Kluge: DDR-Häftling und heutiger Freiburger vor 50 Jahren in die Freiheit entlassen
Nach einem Fluchtversuch wurde Hartwig Kluge in der DDR inhaftiert. Am Tag seiner Entlassung durfte er in den Westen ausreisen und kam nach Südbaden. Die Freiheit ist das größte Geschenk seines Lebens.
Für BZ-Mitarbeiter Hartwig Kluge ist jedes Jahr bereits am 19. Dezember Weihnachten. Denn an diesem Tag – der sich heute zum 50. Mal jährt – bekam er das größte Geschenk seines Lebens: die Freiheit.
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Der 72-Jährige wurde im Januar 1969 in der DDR nach einem gescheiterten Fluchtversuch inhaftiert. Knapp ein Jahr später durfte er nach Westdeutschland ausreisen. Für ihn ist der Tag der Freilassung jedes Jahr ein Grund zu feiern.
Schon als Jugendlicher konnte sich Kluge, aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen, nicht so recht mit dem sozialistischen System der DDR anfreunden. Sein Unmut wuchs mit den Jahren. Nach dem Abitur versagte man ihm die Möglichkeit, Deutsch und Sport auf Lehramt zu studieren. Als offizielle Begründung wurde das Nichtbestehen der Aufnahmeprüfung an der Universität angeführt. Aus den Stasi-Akten erfuhr Kluge, viele Jahre später allerdings, dass nicht sein Abschneiden entscheidend war, sondern das Begleitschreiben des Rektors, der den jungen Mann als vermeintlichen Regimegegner auswies.
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Sein Fluchtversuch an der ungarisch-jugoslawischen Grenze schlug fehl
Kluge sollte, so der Wunsch von oben, nach dem Abitur zunächst in der Braunkohlefabrik arbeiten. Das wollte er nicht. Stattdessen begann er ein Kirchenrechts-studium – und davon zu träumen, in den Westen zu gehen. Ende 1968 plante er seine Flucht. Diese scheiterte am 3. Januar 1969 an der ungarisch-jugoslawischen Grenze – und Kluge wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Nach den ersten Wochen im Gefängnis von Budapest kam er fünf Monate in Untersuchungshaft im “Roten Ochsen”, dem Zuchthaus seiner Geburtsstadt Halle. Anschließend wurde er zunächst nach Cottbus und später Chemnitz verlegt.
Seine Erinnerungen an die Zeit hinter Gittern sind für Kluge qualvoll. Nicht nur wegen der Brutalität und zermürbenden, bis zu 20 Stunden dauernden Verhören. Sondern vor allem deshalb, weil seine Eltern zunächst dachten, ihr Sohn sei tot. Die Mutter erlitt deshalb einen Nervenzusammenbruch. “Ich konnte im Vorfeld niemandem von meinen Fluchtplänen erzählen”, erinnert er sich. “Damit hätte ich die Eingeweihten in Gefahr gebracht.” Also wussten weder seine Eltern, noch die Geschwister, was er vorhatte. Bis die Stasi die Familie über die Inhaftierung Hartwig Kluges informierte, gingen mehrere Wochen ins Land. “Meine Eltern erfuhren es beiläufig, als die Stasi kam, um mein Zimmer zu durchsuchen.”

Die Zeit im Gefängnis war geprägt von Ungewissheit
Konsequenzen hatte der Fluchtversuch für Vater Joachim Kluge auch insofern, als dessen Tierarztpraxis aus diesem Grund verstaatlicht wurde. “Glücklicherweise hat er mir das nie übel genommen, unsere Beziehung hat noch nicht einmal Haarrisse bekommen”, sagt Kluge. Der starke Familienzusammenhalt war es auch, der ihm zur Freiheit verhalf: “Dank meiner Verwandten in Westdeutschland kam ich auf die Freikaufliste.”
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Doch zuvor musste er ausharren. “Ich erinnere mich an jeden einzelnen Tag meiner Haft.” Viele Erinnerungen dieser Zeit hat er später aufgeschrieben. Etwa die an ein Schachbrett, das er auf ein Stück Toilettenpapier gemalt hatte und mit dem er durch die Zellwand mit seinem Gegenüber per Klopfzeichen spielte. Oder daran, dass politischen und damit vermeintlich gefährlichen Gefangenen viel weniger Respekt entgegengebracht wurde, als “nur Kriminellen”. Die vielen bangen Stunden voller Ungewissheit sind unvergessen. “Ich habe mich immer wieder gefragt: Was machen sie mit dir? Was wissen sie über dich?”
Am 18. Dezember 1969 bekam er die Mitteilung, “nicht würdig” zu sein, in der DDR zu leben. “Das war eine der schönsten Nachrichten meines Lebens”, erzählt Kluge mit einem Lächeln auf den Lippen. Am folgenden Tag war es so weit: Kluge und weitere 29 Häftlinge durften ausreisen. Um genau 18.13 Uhr überquerte der Bus “diese furchtbare Grenze”. Hartwig Kluge erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen. “Im Bus gab es Bananen und Apfelsinen, an der Autobahnraststätte Rollbraten.” In Gießen endete die Reise. Das Ankommen in der Freiheit ist Kluge so lebendig im Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen: “Der Osten war dunkel, im Westen funkelte die Weihnachtsbeleuchtung.” Ein Bummel durch die Glitzerwelt und dazu Geld für das erste Bier auf der anderen Seite: “Das war das Paradies für uns.”
In Freiburg begann Kluge 1970 ein neues Leben – wegen der Entfernung zu Berlin
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Ein paar Tage später holten Verwandte Kluge in Gießen ab, er feierte mit ihnen Weihnachten und Silvester. “1970 begann ein neues Leben für mich.” In Freiburg. Dorthin ging Kluge, “weil ich so weit wie möglich von Berlin weg sein wollte”. Er studierte Jura, arbeitete anschließend bei einer privaten Krankenversicherung und fand auch sein privates Glück. Nach Stationen in Lörrach und Mannheim kehrte er vor 26 Jahren nach Freiburg zurück. Kluge empfindet große Dankbarkeit dafür, psychisch so stabil zu sein. Er weiß, dass das nicht jedem vergönnt ist und viele mit ihrer Vergangenheit keinen Frieden schließen können. 2010 war er so weit, dass er noch einmal zum “Roten Ochsen” zurückkehrte.
Bereits 1992 bekam Kluge Zugriff auf seine Stasi-Akte. Seit er diese gelesen hat, ist er sich sicher: “Die waren mir dicht auf den Fersen – und hätten mich auch eingelocht, wenn ich nicht versucht hätte zu flüchten.” Etliche Vergehen waren 1968 in seiner Akte vermerkt. Etwa, dass er nicht zur Wahl gegangen war. Oder bei einem Fußballspiel den Schiedsrichter als “Russenkopp” beschimpft hatte. “Lauter so Kinkerlitzchen.”
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Laut Stasi-Akte wurde Kluge von einem persönlichen Kontakt verraten
Ganz zentral war für Kluge beim Stasi-Aktenstudium die Frage nach dem “Wer?”. Waren die Nächsten echte Freunde, oder eben doch Spitzel? Kluges Freunde waren echt. Bis auf einen sehr persönlichen Kontakt, der sich als Stasi-Spitzel herausstellte. Kluge erzählt das mit Enttäuschung. Aber ohne Bitterkeit. Viele Zeitzeugen verdrängen ihre Vergangenheit, möchten nicht darüber sprechen. Kluges Vater etwa wollte seine Stasi-Akte nicht lesen. Dafür machte sein Sohn es nach dessen Tod. “Das war knüppelhart”, gibt er zu. Mehr als ein Dutzend Spitzel seien auf ihn angesetzt gewesen. “Mein Vater hatte großes Glück, dass seine Renitenz keine Konsequenzen hatte.”
Seine Erfahrungen und seine Erinnerungen nutzt der zweifache Vater Hartwig Kluge heute, um Jugendliche über die deutsche Vergangenheit aufzuklären. Seit drei Jahren besucht er regelmäßig Schulen und spricht mit Teenagern über die Geschichte, “um deren Demokratiebewusstsein zu wecken”. Dabei gibt er emotionale und persönliche Einblicke in sein Leben in der DDR, “die nicht nur Stasi war, aber eben auch”.
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Den 19. Dezember feiert Kluge seither jedes Jahr
Hartwig Kluge akzeptiert seine Vergangenheit und das ihm widerfahrene Unrecht. Und doch lässt es ihn nicht los. “Dass ich immer wieder schlecht träume, zeigt mir, dass es in meinem Unterbewusstsein Spuren hinterlassen hat.” Immer geholfen hat ihm all die Jahre das Laufen: Mehrere Marathons, ungezählte Halbmarathons und viele weitere Wettbewerbe hat er bestritten. “Das Laufen war immer ein Kontinuum in meinem Leben.” Genauso wie die jährliche Feier des 19. Dezembers.

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Heute ist es wieder so weit. Hartwig Kluge hat Freunde eingeladen. Um Punkt 18.13 Uhr wird angestoßen. Natürlich mit Rotkäppchensekt.
… Alles vom 19.12.2019 von Hartwig Kluge bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/ddr-haeftling-und-heutiger-freiburger-vor-50-jahren-in-die-freiheit-entlassen–180675235.html

 

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