Freie Debattenräume – Appell

Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser haben den “Appell für Freie Debattenräume” initiiert, ähnlich dem in den USA erschienenen Aufruf „A letter on justice and open debate“ im Magazin Harper´s Magazin. Beiden geht es um eine Selbstverständlichkeit in der Demokratie – den offenen, fairen und angstfreien Diskurs. Es geht um die Wiederherstellung der Diskussionskultur.
Es geht u.a. um: Priorität von Gesinnung vor rationaler Urteilsfähigkeit. Verunglimpfung von Personen mit anderer Meinung. Kontaktschuld-Phänomen zwecks Absageunkultur. Freier Zugang zum öffentlichen Debattenraum (auch TV-Talkshows). Trennung der beiden Ebenen Sache und Meinung. Unabhängige und unparteiische Medien. Kritik bzw. abweichende Meinung als Bereicherung, Haltungsjournalismus.
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Bis zum 29.9.2020 kann man über https://idw-europe.org/ unterschreiben. Wie z.B. Hamed Abdel-Samad, Alexander Kissler, Monika Maron, Dieter Nuhr und Boris Palmer. Unterschreiben auch Sie.
6.9.2020
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Appell: Befreien wir das freie Denken aus dem Würgegriff
Von Veranstaltern ausgeladene Kabarettisten.
Zensierte Karikaturisten
Pauschal verbotene Demonstrationen
Schriftsteller, deren Bücher aus dem Sortiment genommen werden oder von
Bestsellerlisten getilgt werden.
Verfolgte und eingesperrte Whistleblower & Enthüller
Opernaufführungen, die abgesagt werden.
Seminare oder Vorlesungen, die nicht stattfinden können, weil sie gestört werden.
Verlage, die gedrängt werden, bestimmte Bücher nicht herauszubringen.
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Befreien wir das freie Denken aus dem Würgegriff.
Absagen, löschen, zensieren: seit einigen Jahren macht sich ein Ungeist breit, der das freie Denken und Sprechen in den Würgegriff nimmt und die Grundlage des freien Austauschs von Ideen und Argumenten untergräbt. Der Meinungskorridor wird verengt, Informationsinseln versinken, Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens werden stummgeschaltet und stigmatisiert. Es ist keine zulässige gesellschaftliche „Kritik“ mehr, wenn zur Durchsetzung der eigenen Weltsicht Mittel angewendet werden, die das Fundament der offenen liberalen Gesellschaft zerstören.
Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral. Stammes- und Herdendenken machen sich breit. Das Denken in Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten bestimmt die Debatten – und verhindert dadurch nicht selten eine echte Diskussion, Austausch und Erkenntnisgewinn. Lautstarke Minderheiten von Aktivisten legen immer häufiger fest, was wie gesagt oder überhaupt zum Thema werden darf. Was an Universitäten und Bildungsanstalten begann, ist inzwischen in Kunst und Kultur, bei Kabarettisten und Leitartiklern angekommen.
Die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten.
Inzwischen sind die demokratischen Prozesse selbst bedroht. Der freie Zugang zum öffentlichen Debattenraum ist die Wesensgrundlage eines jeden künstlerischen, wissenschaftlichen oder journalistischen Schaffens sowie die Basis für die Urteilskraft eines jeden Bürgers. Ohne unverstellten Zugang zu Informationen keine unverzerrte Urteilsfindung, keine wohlbegründete Entscheidung und keine funktionierende Demokratie. Wie wollen wir in Zukunft Sachfragen von öffentlichem Interesse behandeln? Kuratiert und eingehegt – oder frei?
In einer freien Gesellschaft ist das gezielte Ausüben von Druck auf Intellektuelle, Künstler und Autoren und auf jeden, der eine Meinung äußert, die dem aktuell Akzeptierten widerspricht, sowie auf Veranstalter, Verleger oder Arbeitgeber eine inakzeptable Anmaßung. Weder der Staat noch andere, seien es Einzelne oder eine Gruppe „Betroffener“, dürfen den Zugang zum Debattenraum reglementieren. In der Demokratie gehört die Macht entweder dem Einzelnen, oder der Einzelne gehört der Macht.
Das Recht auf freie Rede und Informationsgewinnung sowie auf freie wissenschaftliche oder künstlerische Betätigung ist ein Recht und kein Privileg, das von dominierenden Gesinnungsgemeinschaften an Gesinnungsgleiche verliehen und missliebigen Personen entzogen werden kann. Es ist dabei unerheblich, auf welcher politischen Seite die Gruppierung steht, ob sie religiös, weltanschaulich oder moralisch motiviert ist – ein Angriff auf die Demokratie bleibt ein Angriff auf die Demokratie. Zuerst verarmt die öffentliche Debatte, dann kollabiert die vernunftgeleitete öffentliche Entscheidungsfindung.
Die erste „Spielregel“ für einen offenen Diskurs muss deshalb lauten: das Spiel findet statt!
Doch das Problem ist grösser.
Wir brauchen eine generelle Ent-Politisierung und Ent-Ideologisierung der öffentlichen Debatte. Sonst öffnen wir der Willkür des Zeitgeistes Tür und Tor. Politische Sprache ist ein Machtinstrument. Sie ist, wie schon George Orwell wusste, dazu geschaffen, „Lügen wahrhaftig und Mord respektabel klingen zu lassen und dem blossen Wind einen Anschein von Festigkeit zu verleihen.“ Besinnen wir uns stattdessen auf die Standards und die bewährten methodischen Werkzeuge des demokratischen Prozesses. Fördern wir, was der Wahrheitssuche und dem Erkenntnisinteresse dient und das Wissen aller vermehrt.
Gerade in unübersichtlichen Zeiten braucht es nicht weniger, sondern mehr unkonventionelles Denken. Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben Zensur und Zurückhaltung von Informationen den Fortschritt befördert. Meinungsfreiheit gilt im Rahmen der grundgesetzlichen Ordnungen prinzipiell für alle Meinungen, und besonders für solche, die als anstößig, provokant oder verstörend eingestuft werden. Sonst bräuchte es die Meinungsfreiheit nicht.
Kein Thema von öffentlichem Interesse darf prinzipiell aus dem Debattenraum ausgeschlossen sein. Demokratie wird unter Schmerzen der Beteiligten geboren. Sie stirbt durch Monotonie und Konformismus oder wenn der Mut, eine unkonventionelle Ansicht zu vertreten, eine Art Berufsverbot zur Folge haben kann – und die Öffentlichkeit dazu schweigt. „Freiheit ist ein Gut, dessen Dasein weniger Vergnügen bringt als seine Abwesenheit Schmerzen.“ (Jean Paul)
Seien wir generell skeptisch gegenüber Reinheitsfanatikern, die uns vor gefährlichen Ideen und Meinungen bewahren wollen. Stärken wir das Vertrauen in das intellektuelle Immunsystem unserer Gesellschaft – wir schwächen es, wenn wir es abschotten und quasi vor „Erregern“ unkonventioneller Ideen bewahren wollen. Werden wir immun gegenüber Herdenmentalität und Konformismus: Beide führen letztlich in die Unfreiheit, gleich unter welchem Etikett.
Entziehen wir dem öffentlichen Debattenraum die Angst und bringen wir den Mut zurück! Entgiften wir das Meinungsklima und schaffen wir ein Klima der anregenden, redlich geführten Auseinandersetzung, sowie von kultureller Vielfalt, intellektueller Neugier, Gedankenfrische und Spass am geistigen Schaffen.
Wir fordern sämtliche Veranstalter, Multiplikatoren oder Plattformbetreiber auf, dem Druck auf sie standzuhalten und nicht die Lautstarken darüber entscheiden zu lassen, ob eine Veranstaltung stattfindet oder nicht.
Wir solidarisieren uns mit den Ausgeladenen, Zensierten, Stummgeschalteten oder unsichtbar gewordenen. Nicht, weil wir ihre Meinung teilen. Vielleicht lehnen wir diese sogar strikt ab. Sondern weil wir sie hören wollen, um uns selbst eine Meinung bilden zu können. Wir senden ein Signal des Mutes an alle Personen des öffentlichen Lebens, sich mit betroffenen Kolleginnen und Kollegen zu solidarisieren. Erhöhen wir gemeinsam den Preis für Feigheit und senken wir den Preis für Mut.
Wir beenden hiermit das unselige Phänomen der Kontaktschuld. Ohne sie wäre die Absageunkultur nicht möglich. Kontakt ist nicht geistige Komplizenschaft. Die Nutzung einer gemeinsamen Plattform oder Bühne ändert nichts daran, dass jeder für sich spricht und auch nur dafür verantwortlich ist, was er oder sie sagt.
Auch die Unterzeichner dieses Appells sprechen jeweils nur für sich selbst. Uns eint vielleicht nichts, außer die Sehnsucht nach einer aufregenden, für beide Seiten erhellenden Konversation und nach einem vielfältigen Kulturangebot, was auch immer jede und jeder darunter verstehen mag.
Milosz Matuschek & Gunnar Kaiser
Initiatoren & Erstunterzeichner
Unterschreiben Sie jetzt den Appell.
https://idw-europe.org/
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Dr. Milosz Matuschek (Zürich), https://schweizermonat.ch/author/miloszmatuschek/
Gunnar Kaiser, https://www.gunnarkaiser.de/
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Wider die Herrschaft der Angst: Der Appell für Freie Debattenräume
Angst um die persönliche und existenzielle Unversehrtheit hat aber nicht nur derjenige, der mit physischem Tod oder Folter bedroht wird, sondern auch derjenige, dessen berufliche Existenz bedroht oder vernichtet wird. Aber auch die Missachtung der Würde des Menschen durch Diffamierungskampagnen fällt darunter. Wenn „shitstorms“ einer aufgewiegelten Menge, die sich zugleich als Ankläger, Richter und Vollstrecker betätigt, zur sozialen Ausgrenzung führt, ist dies für den Betroffenen psychische Misshandlung. Wer das befürchten muss, hält den Mund. Es sind mittelalterliche Methoden der Existenzvernichtung durch Ächtung, die gegen elementarste Grundsätze der Fairness verstoßen.

Die grundlegende Voraussetzung des rationalen Diskurses ist die Trennung der Sach – von der persönlichen Ebene. Diese Distanz ermöglicht es, sich über etwas lustig machen zu können und damit eine andere Perspektive zu bekommen. Sie ermöglicht es auch, völlig unterschiedliche Bewertungen eines Sachverhaltes haben zu können, dabei aber gemütlich zusammen zu sitzen und sich persönlich zu schätzen. Als Anwalt werde ich häufig gefragt, wie ich denn mit Kollegen einen Kaffee trinken gehen könne, mit denen ich mich kurz zuvor vor Gericht heftig gestritten habe. Meine Antwort ist, dass es ganz problemlos geht, denn wir streiten zur Sache, nicht zur Person.
… alles vom 6.9.2020 von Annette Heinisch bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/wider_die_herrschaft_der_angst_der_appell_fuer_freie_debattenraeume
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Kommentare
Genau das ist mir passiert und ich halte meinen Mund dennoch nicht
Nie wieder will ich mich wegducken müssen aus Angst um meine Existenz. Der Staat sollte das sicherstellen, aber der Staat ist selbst der Angreifer, denn die Parteien, die sich immer ähnlicher werden, haben uns den Staat geraubt, um sich nach Herzenslust an ihm fett zu fressen. Selbst in einem alternativen Medium hat man mich ganz still und heimlich ausgesperrt, und nun fehlen mir halt ein paar Einblicke. War das auch Existenzangst? Was solls? Ja, ich bin penetrant und es regt mich auf – schon klar. Ich will sagen dürfen, dass ich in der AfD bin, weil man mit ihr unanständig umgeht und weil ich 89 gelernt habe, dass man sich dort zu positionieren hat, wo Menschen an den Pranger gestellt und zum Abschuss freigegeben werden. Deshalb bin ich dort und deshalb bin ich penetrant. Findet irgendwer, das ist falsch? Es ist meine Sicht der Dinge. Ich würde mich freuen, wenn wenigstens die Alt-89er ihre Position überdenken und nicht einfach wegschauen. Diese Leute, die heute angegriffen werden, sind 89 aufgestanden und haben so den Rebellen Schutz geboten und selbstverständlich ihre Wünsche und Forderungen mit eingebracht. Die Meuterer von damals wollen das umgekehrt, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, aber nicht leisten. Über einige Wortmeldungen aus der Ecke könnte ich mich freuen. Es wäre auch langsam an der Zeit, denn schon im Frühjahr roch es “gewalttätig” nach Pogromen in dem Land in dem wir gut und … ich kann es nicht mehr hören! Schaffen wir das?
6.9.2020, St.R., AO
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Auch ich habe unterschrieben. Bitte schließen Sie sich an!
Es war wohl noch nie SO wichtig. Es geht ums Ganze. Die Gegenseite ist (leider) sehr stark und wenn wir uns nicht vehement wehren, werden wir in einer Welt aufwachen, in welcher wir uns nicht einmal im schlimmsten Albtraum geahnt hätten.
6.9.2020, CH.R.
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Indubio Folge 56 – Kultureller Bürgerkrieg
In unserem Mittagsprogramm für Kopf-Hörer diskutieren heute der Medienwissenschaftler Prof. em. Norbert Bolz, der YouTube-Publizist Gunnar Kaiser und der Schriftsteller Bernhard Lassahn mit Burkhard Müller-Ullrich über den von Gunnar Kaiser mit-lancierten Appell gegen die grassierende Kultur des Mundtotmachens und Existenzvernichtens. Bringt es etwas, zum ideologischen Gegner die Hand auszustrecken? Gehört Cancel Culture nicht zum unveränderlichen Erbgut der Linken?
6.9.2020
https://www.achgut.com/artikel/indubio_folge_56_kultureller_buergerkrieg
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Einige Kommentare
“Cancel Culture”
Danke für die interessante Diskussion. Im Fall von Eva Hermann kann man in der Tat von “Cancel Culture” sprechen, weil sie ihren Job im NDR verloren hatte. Der Grund war eine zweifelhafte Interpretation ihrer Aussage zur Wertschätzung der Mutter. Nach meiner Meinung war es ihre Ansicht über die 68er und deren Verhältnis zum Muttersein. Ihre Abneigung gegenüber den 68ern war wohl auch der Grund für ihren “Rausschmiss” bei Kerner.
6.9.2020, R.K.AO
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Indubio täglich zur prominenten Zeit im Deutschlandfunk?
Obwohl ich grundsätzlich zustimme, daß die ‘Bewegung’ von der anderen Seite kommen muß, gibt es doch noch ein Angebot, das wir der Twittermobseite machen könnten: Ab sofort läuft Indubio täglich zur prominenten Zeit im Deutschlandfunk. Wir sind sogar gnädig und der Herr Kaddor, der im Hause tätig ist, wird nicht ge-cancelt. Der darf gerne bleiben und fortan von Antifa ‘Aktionen’ Live berichten. Dafür verzichten ‘wir’ auf Lügenpresse und denken uns etwas lustiges anderes aus, wenn’s nicht besser wird. Ist das nicht ein Superangebötchen? (Und noch eines; Sobald ‘die’ aufhören sich aufzuführen, wie die von allen guten Geistern verlaßen, höre ich auf mit meiner Polemik, wenn auch sehr sehr ungern :)
6.9.2020, S.L.
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Unparteiische Berichterstattung – nicht mehr bei der FAZ
Faz von heute: “Die Wortführer der „Querdenken“-Demonstration fordern den Umsturz. Die Verachtung für den Rechtsstaat dringt ihnen aus allen Poren. Wer ihnen folgt, weiß das – und nimmt die Folgen in Kauf.”
Wer fordert denn nun den Systemwechsel z.B. seit drei Tagen in Leipzig? Links zu 100 Prozent. Aber die dürfen das. Die Verachtung der Querdenker gilt genau diesem verlogenen Linksstaat, der jetzt schon so weit entfernt von einem Rechtsstaat ist wie die FAZ von einer unparteiischen Berichterstattung.
6.9.2020, V.K.
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Norbert Bolz meint es vermutlich nicht so – aber die Cancel culture
beinhaltet durchaus auch die körperliche wie überhaupt die physische Gewalt, leider – man muss da nur mal Charles Murray fragen, oder Brett Weinstein. Der Aufruf ist gut, wie auch Jonathan Haidts Heterodox-Academy und Toby Youngs Free Speech Union in GB.
6.9.2020, D.K.
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