Enteignungen in D: Lieber Kevin

Enteignung: Lieber Kevin
Offener Brief von Matthias Matussek an Juso-Chef Kevon Kühnert (SPD)
Ich habe dein Interview über den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus gelesen und viel nachgedacht, denn als Rentner habe ich ja Zeit, mir „über meine wahren Bedürfnisse Gedanken zu machen“. Das war allerdings schon vor 50 Jahren so, als ich in der maoistischen Schülergruppe (MLSG) Schulungskurse gegeben habe über Marx’ „Lohnarbeit und Kapital“ und „Lohn, Preis, Profit“ und ebenfalls viel Zeit hatte. Da hatte ich allerdings noch keinen BMW.
Aber ich bin damals schon nach ein paar Monaten zu der Einsicht gelangt, daß es doch ungefährlicher ist, zu kiffen, was das Zeug hergibt, und Pink Floyd zu hören, statt Umerziehungsprogramme zu starten und die dafür nötigen Zwangsmaßnahmen.
Weißt du, Kevin, lies noch mal nach bei unseren Klassikern. Die Formel „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ war von Marx für den Kommunismus geträumt, nicht für den Sozialismus, weil der (samt der „Diktatur des Proletariats“) eher als Übergangsphase skizziert war.
Also bitte, laß die Finger von dem Teufelszeug, denn du weißt doch, was in Ländern los war, die sich kommunistisch nannten. Die hatten keinen Gulasch, sondern Gulags, und berufslose, harmlose Chiller wie dich nannte man „arbeitsscheu“ oder „asozial“, und wenn sie studiert hatten oder auch nur Anzeichen zu eigenständigem Denken zeigten, wurden sie, wie in Kambodscha, mit dem Spaten erschlagen, um Kugeln zu sparen. Aber vor intellektueller Eigenständigkeit bist du ja offenbar gefeit, wie du mit den aufgewärmten halbgaren Schoten bewiesen hast.
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Die kommunistische Gesellschaft setzt einen Neuen Menschen voraus, der sich an allen Reißbrettern, auf denen er entworfen wurde, als nicht realisierbar erwiesen hat, weil er der alte geblieben ist (eben auch: egoistisch, machthungrig, skrupellos), dies aber in der menschenfreundlichen Rhetorik des Ideals verpackte (solidarisch, umweltfreundlich, nächstenliebend, natürlich antifaschistisch, lies einfach das Juso-Programm oder das der Grünen).
Kurz gesagt, ich denke gar nicht daran, dir meinen BMW zu schenken. Könnte dir so passen, alter Schlawiner. Entspricht überhaupt nicht meinen Bedürfnissen, auch wenn die ehemaligen Genossen vom Spiegel meinen, du habest „einen Nerv getroffen“. Man könne „jedenfalls die Gelegenheit nutzen, darüber zu diskutieren“. Kommt nicht in Frage. Nicht über meinen BMW.
Im übrigen finde ich es rücksichtslos, mich alten katholischen Mann derartig aufzuregen, nur um mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen. Was für eine Sünde! Also, Vorschlag zur Güte, echte Reue vorausgesetzt: Drei Vaterunser – und dann Schwamm drüber, jeder hat eine neue Chance verdient. Okay?
9.5.2019, Matthias Matussek
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Matthias Matussek, geb. 1954 in Münster, ist Journalist, Publizist und Autorvon rund zwei Dutzend Büchern, darunter einige Bestseller. Von 1987 bis 2013 arbeitete er für den „Spiegel“, u.a. als Korrespondent jn New York, Rio de Janeiro und London, sowie als Leiter des Kulturressorts. Ab 2013 bis 2015 arbeitete er als Kolumnist der Tageszeitung „Die Welt“, danach freier Autor u.a. für die „Weltwoche“ und den „Focus“.
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Was heißt Sozialismus für Sie, Kevin Kühnert?
Zum Beispiel die Kollektivierung von Firmen wie BMW, sagt der Chef der Jusos. In der Wirtschaftsordnung, die er sich vorstellt, gäbe es auch kein Eigentum an Wohnraum mehr. Ein Gespräch über eine radikale Alternative.
Interview: Jochen Bittner und Tina Hildebrandt
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/kevin-kuehnert-spd-jugendorganisation-sozialismus

 

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