Wahrheit

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Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

 

Wahrheit, die ich meine
Max von Schenkendorff verfasste 1813 das berühmte politische Gedicht “Freiheit, die ich meine”, welches in poetischer Form den Wunsch nach politischer Freiheit zum Ausdruck bringt. Es dauerte lange, bis die Deutschen diese Freiheit bekamen. Heute haben wir noch zahlreiche politische Freiheiten, wenn auch nicht mehr alle – aber haben wir noch öffentliche Wahrheit? Wir werden sehen, dass die politische Freiheit ohne eine öffentliche Pflege von Wahrheit verloren geht.
Chaim Noll berichtete an dieser Stelle darüber, https://www.achgut.com/artikel/demontage_der_demokratie
wie bei der New York Times die klassische Wahrheitsfindung durch eine dogmatisch definierte politische Wahrheit ersetzt wird. Bari Weiss, eine NYT-Redakteurin, die wegen des von Noll geschilderten Versagens der Redaktion gekündigt hat, stellt fest:
Wahrheit sei “nicht mehr ein Prozess gemeinsamer Entdeckung,
sondern eine Orthodoxie, die schon vorher erleuchteten Wenigen bekannt ist.”
Damit beruft sie sich auf den um die vorletzte Jahrhundertwende von den US-amerikanischen Pragmatikern beschriebenen diskursiven Wahrheitsbegriff, den auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, nach eigener Einschätzung ein Westmarxist, verwendet. Danach ist Wahrheit das Ergebnis eines gemeinsamen Entdeckungsprozesses, der zu einem Konsens darüber führt, was eine Gruppe für wahr erachtet. Diese soziologische Sicht von Wahrheit ist modern und hat ihre Tücken. Es ist charakteristisch, dass eine amerikanische Journalistin sich darauf beruft, und die damit verbundene Gefahr werden wir gleich kennenlernen.

Die klassischen Wahrheitsbegriffe
Wir sprechen im Folgenden nicht von der alltäglichen, “irrationalen Erfahrungsgewissheit” (Arnold Gehlen), die es uns erlaubt, ohne viel Nachzudenken unser Leben zu führen – so wie wir beispielsweise als Fußgänger davon ausgehen, dass eine asphaltierte Straße befahren sein kann oder der Boden weitergeht, wenn man eine Tür innerhalb eines Gebäudes öffnet. Sondern wir sprechen davon, was wir als wissenschaftliche Wahrheit betrachten, egal, ob wir diese als Wissenschaftler oder als deren Nutzer im Alltag einsetzen wie die meisten von uns.
Es gibt zwei klassische Wahrheitsbegriffe, die wir bei zwei der bedeutendsten kanonischen Meisterdenkern unseres Kulturkreises, Aristoteles und Kant, vorfinden: den Korrespondenz- und den Konsistenzbegriff der Wahrheit.

Der Korrespondenzbegriff bedeutet, dass ein wahrer Satz mit den Tatsachen der Realität übereinstimmen muss. Beispielsweise ist der Satz “Jeden Morgen geht die Sonne auf.” wahr, weil tatsächlich jeden Tag die Erdrotation den Ort, an dem wir uns gerade aufhalten, aus dem Schatten in die Sonnenstrahlen dreht. Um Anhänger dieser Theorie der Wahrheit zu sein, muss man davon ausgehen, dass es eine vom menschlichen Geist unabhängige Realität gibt, die wir durch unsere Sinnesorgane teilweise direkt wahrnehmen können (UV-Strahlung, Radioaktivität oder Viruspartikel können wir beispielsweise nicht direkt wahrnehmen). Dieser Auffassung sind Realisten, auch kritische Realisten wie Kant. Demgegenüber glauben Idealisten nicht, dass es eine vom Geist unabhängige Realität gibt.
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Der Konsistenzbegriff ergänzt den Korrespondenzbegriff. Er bedeutet, dass Sätze, die zusammen ein Wissensgebiet bilden, widerspruchsfrei sein müssen. Beispielsweise kann man nicht sagen: “Das Universum besteht aus Materie, die eine Masse hat. Masse geht mit Gravitationskraft einher. Es gibt gravitationsfreie Materie.”, da der dritte Satz den ersten beiden logisch widerspricht. Um Anhänger dieser Theorie zu sein, muss man die Gesetze der Logik als für die Wahrheitsfindung verbindlich akzeptieren.
Den pragmatische Wahrheitsbegriff (diskursive Wahrheit) haben wir schon kennengelernt, er kann als eine weitere Ergänzung der ersten beiden Begriffe betrachtet werden, wenn man bedenkt, wie sich Wissensgebäude entwickeln: Als Einstein die Relativitätstheorie vorschlug, dauerte es einige Zeit, bis die internationale Gemeinschaft theoretischer Physiker erkannte, dass sie plausibel ist und Phänomene erklären kann, die bis dahin nicht verstanden wurden. Mit anderen Worten, um eine bestehende Menge an für wahr gehaltenen Sätzen zu verändern, braucht es Kommunikation und Zeit.
Um diese Wahrheitstheorie zu akzeptieren, muss man erkennen, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, dessen Vorstellungen von dem, was richtig und falsch ist, sich in der Interaktion mit anderen Menschen ergibt. Doch bei dieser Interaktion setzen die Disputanten unseres Kulturkreises ständig die beiden klassischen Wahrheitsbegriffe ein, um das kanonische Wissen anzupassen, diskursive Wahrheit kann Korrespondenz- und Konsistenzbegriff nicht entbehren. Diese Kultur der Wahrheitsfindung im Dialog beschreibt schon Plato, und sie ist charakteristisch für unsere abendländische Kultur und ihre große Leistungsfähigkeit.

Von der Wahrheit zur politischen Prawda
Die von Chaim Noll geschilderten Ereignisse bei der NYT sind, wie er selbst betont, nur die Spitze des Eisbergs, so geht es in tausenden von Redaktionen, aber auch in zahlreichen Gemeinschaften und Institutionen, vor allem auch an den der Wahrheit verpflichteten Universitäten zu. Was wir erleben, ist ein Abschied von den epistemischen Normen, von den klassischen Wahrheitsbegriffen, auf denen unsere Kultur und die damit geschaffene weltweit siegreiche technologisch-industrielle Zivilisation beruht.
Die klassische Wahrheit wird ersetzt durch eine politische Wahrheit, eine Prawda, die nun Universitätslehrer und unsere Medien vom öffentlichen Rundfunk über die Süddeutsche bis zur NZZ, verkünden. So wird uns weisgemacht, ein (wie auch immer entstandenes) Grippevirus, sei so gefährlich, dass wir uns immer noch in einer “globalen Pandemie” befänden, die weiterhin Maßnahmen wie die Maskenpflicht und Versammlungsverbote erfordere, obwohl die Letalität des Virus sich im gewohnten Rahmen (wie etwa der Influenzawelle von 2017/18) bewegt und die dafür typische Patientengruppe, fast ausschließlich Menschen am Ende ihres Lebens, trifft.
Offensichtlich stimmt die Aussage, die die Zeitungen, aber auch viele an Universitäten lehrenden Ärzte, tätigen, nicht mit der Realität überein: Sie verletzt das Korrespondenzprinzip, da wir auf 1.000 Infizierte nur etwa einen Toten beobachten, der in Deutschland im Mittel über 80 Jahre alt ist. Die von einigen Virologen gemachte und von Zeitungen oft wiederholte Aussage, es gäbe keine Immunität gegen SARS-Cov2, widerspricht dem Konsistenzprinzip, denn zu dem Zeitpunkt, als die Aussage gemacht wurde, entwickelten dieselben Virologen Antikörpertest gegen SARS-Cov2, die nur funktionieren, wenn es Immunität gibt – denn sie weisen ja den Ausdruck der humoralen Immunität gegen das Virus, nämlich gegen es gerichtete Antikörper, nach. Zusätzlich verstoßen sie auch gegen das Korrespondenzprinzip, weil ein Virus, gegen das es keine Immunität gibt, alle Infizierten tötet, wie etwa das die Tollwut erregende Rabiesvirus. Dies ist bei SARS-Cov2 offensichtlich nicht der Fall, über 95 Prozent der Infizierten sind symptomfrei oder haben milde Symptome, weil sie rasch eine ausreichende Immunität entwickeln.
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Der Weg in die Prawda
Wie ist es dazu gekommen? Der diskursive Wahrheitsbegriff hat in den letzten Jahrzehnten den Korrespondenz- und den Konsistenzbegriff nicht ergänzt, sondern ersetzt. Einflussreiche Diskursteilnehmer definieren heute in kleinen Gruppen angesichts politischer Interessen und Kriterien, was als wahr zu gelten hat. Dabei wird nicht mehr, wie im Platonischen Dialog, Korrespondenz und Konsistenz als Grundlage benutzt, sondern vor allem politische Machtverhältnisse. Das ist die Tücke des verabsolutierten diskursiven Wahrheitsbegriffs.
Entkoppelt man ihn von den traditionellen, zivilisatorisch erprobten Wahrheitsbegriffen, erhält man eine politische Wahrheit, eine Art ZK-Prawda. Mit anderen Worten, für den diskursiven Wahrheitsbegriff sind Korrespondenz und Konsistenz essenziell, sonst verkommt er zu einem Mittel, Wahrheit aufgrund von Machtinteressen zu definieren, er wird totalitär. Denn dann wird es möglich, beliebige Wahrheiten im Konsens zu postulieren.
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Das geschieht beispielsweise, wenn Wissenschaftler behaupten, sie könnten für ein hochgradig komplexes System, das Erdklima, mit Hilfe mathematischer Modelle valide Voraussagen über Jahrzehnte berechnen, obwohl es in der Physik unstrittig ist, dass sich komplexe Systeme der mathematischen Modellierung entziehen. Wie die Weber in “Des Kaisers neue Kleider”, die vorgeben, Gold zu verweben, tun sie auch etwas Aufsehen erregendes, sie rechnen mit viel Stromverbrauch auf Großrechnern ihre erratischen Modelle und veröffentlichen diese dann mit ganz großer Begleitung durch die Weltpresse, obwohl die Modelle a priori invalide sind. Der Weltöffentlichkeit jedoch machen sie vor, sie hätten eine Art Wahrheit gefunden, bezeichnenderweise sprechen sie von Konsens, ganz im Sinne des diskursiven Wahrheitsbegriffs. Seit über 30 Jahren beten Journalisten dies unablässig nach und warnen vor der anthropogenen Zerstörung des Planeten, obwohl die Modelle schlicht und ergreifend unwahr sind: Sie widersprechen dem Korrespondenz- und Konsistenzbegriff der Wahrheit.
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Ähnlich ist es in der Volkswirtschaftslehre bei der pseudowissenschaftlichen Apologie des Euro oder der monetären Staatsfinanzierung. Jeder weiß, dass Papiergeld keine realen Erzeugnisse und Dienstleistungen ersetzen kann, doch Volkswirte vereinbaren einen Konsens und veröffentlichen dann Aufforderungen an die Regierung, sich auf unhaltbare Weise zu verschulden und riesige Mengen von Geld zu drucken, die von der Realproduktion entkoppelt sind. Jedes Kind kann verstehen, dass das nicht gut gehen kann, aber diese Lüge wird uns als wissenschaftliche Wahrheit verkauft. Dabei dient es nur den Interessen einer sehr kleinen Gruppe auf Kosten aller anderen Menschen.
Nun könnte man zu recht einwenden, schon immer hätte es diskursive Wahrheit gegeben und Mächtige hätten es versucht, die öffentliche Meinung zu dominieren und politische Ideologie genutzt, um ihre Machtinteressen durchzusetzen.
Das stimmt natürlich, aber die moralische Inbrunst, mit der uns öffentlich diese neue Herrschaftsideologie als Wahrheit verkauft wird und als Ausdruck demokratischer Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist charakteristisch für die totalitäre Seite der Moderne. Wir erleben gerade einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung, der in funktionierenden demokratischen Gesellschaften nicht möglich, sondern charakteristisch für den Totalitarismus ist, in den wir gerade hineinschlittern.
https://www.achgut.com/artikel/zwischen_herrschaftswillen_und_anbiederung

So war es nicht gemeint
Das alles hatten John Deweys und anderer Pragmatiker nicht im Sinne, als sie mit dem diskursiven Wahrheitsbegriff einen wichtigen Aspekt von Wahrheit beschrieben, sie waren allesamt verdienstvolle bürgerliche Demokraten. Doch seit die westmarxistische “kritische Theorie” um Jürgen Habermas den ohne die klassischen Wahrheitsbegriffe essenziell totalitären diskursiven Wahrheitsbegriff übernahm und die Dekonstruktivisten wie Jaques Derrida die Wahrheit an sich infrage stellten, erleben wir einen Verlust epistemischer Normen.
Was das bedeutet, erfahren nun tausende von als “rechts” diffamierten Menschen, und es ist interessant, dass sich jemand aus dem juste millieu wie Bari Weiss auf den diskursiven Wahrheitsbegriff beruft, obwohl sie nun nicht mehr dazugehört, weil sie sich für Pluralismus einsetzt. Ihr Problem ist, dass die Wahrheitskreise der neuen Prawda immer enger werden, immer weniger gehören noch zum Kreis der Guten – nun hat es sogar schon Kerngestalten der globalistischen Pseudolinken wie den Linguisten Noam Chomsky, die Kinderbuchautorin Joanne Rowling und die Literatin Margret Atwood erwischt, weil sie es gewagt haben, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. Das Ganze erinnert formal (aber nicht inhaltlich) an die Reinigungen unter Stalin, inklusive öffentlicher wehleidiger Selbstanklagen im Arme-Sünder-Stil wie durch den NYT Herausgeber Arthur Sulzberger. Das ganze allerdings ohne Gulag und ohne Blut – weil das Herrschaftssystem auch ohne noch prima funktioniert.
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Wir erkennen nun, dass politische Freiheit ohne die öffentliche Pflege von Wahrheit (im klassischen Sinne Aristoteles) nicht funktionieren kann. Wenn uns ständig in den wichtigsten Sachfragen wie Wirtschaft, Währung, Umweltpolitik, Migration und Staatlichkeit, Gesundheit (COVID-19), Souveränität (Verhältnis von Nationalstaat zu EU) oder Vergesellschaftung (Stichwort: Antifa, Politics of identity, BLM/„Antitassismus”, Genderwahn) von einer kleinen Gruppe von Akademikern und Journalisten erfundene, falsche Aussagen (nämlich scheinwissenschaftliche Lügen) als Wahrheit verkauft werden und auch noch bejubelt werden und Kritik an diesen lügnerischen Herrschaftsideen als gegen Demokratie und Rechtsstaat gerichtet verteufelt werden, endet die Freiheit.
Freiheit, die ich – nach Grotius, Kant, Mill und Hayek – meine, gibt es nicht ohne Wahrheit, die ich – nach Aristoteles und Kant – meine. Unser Trost ist, dass keine Ideologie ohne Massenversorgung funktioniert, und wenn diese stottert, fallen sogar die wichtigsten Träger der Ideologie davon ab.
… Alles vom 21.7.2020 von Johannes Eisleben bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/wahrheit_die_ich_meine
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Johannes Eisleben
ist Arzt und Mathematiker und arbeitet als Systeminformatiker. Er lebt mit seiner Familie bei München.

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