Diskursverweigerung

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Abendlicher Blick nach Osten über den Bodensee vom Schachenhorn bei Bodman am 8.7.2020

Abendlicher Blick nach Osten über den Bodensee vom Schachenhorn bei Bodman am 8.7.2020

 

Diskursverweigerung – gerne vom grün-linken Mainstream betrieben

 

 

Eine moralisierende Diskursverweigerung können wir uns nicht leisten

“Jenseits der Hasstiraden – Plädoyer für eine neue Debattenkultur”. 
Sendung des SWR2 am 26.7.2020
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Klimawandel, Massenmigration, Pandemie, Wirtschaftskrisen, soziale Ungerechtigkeit – die Probleme unserer Zeit verlangen einen kühlen Kopf und eine Debattenkultur, die einer aufgeklärten Gesellschaft würdig ist. Doch die Kunst, in einer auch mit harten Bandagen geführten Diskussion nach konsensfähigen Lösungen zu suchen, scheint verloren zu gehen. Das Argument liegt auf dem Sterbebett. Dafür steht die gefühlige Meinungsäußerung hoch im Kurs. Anstatt das komplexe Für und Wider schwieriger Themen zu erörtern, wird hochemotional gegen vermeintliche Gegner ausgeteilt. Das ist eine gefährliche Komplexitätsverweigerung, die die Demokratie bedroht.
Marco Wehr, Physiker und Philosoph, Gründer und Leiter des Philosophischen Labors in Tübingen, fragt nach den Ursachen und zeigt, wie eine neue Debattenkultur aussehen könnte
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Auszug aus dem Manuskript der Sendung:
“Ich bin erschrocken, wie übermächtig der Ruf nach kollektiver Sicherheit im sozialen Bereich erschallte. Falls diese Sucht weiter um sich greift, schlittern wir in eine gesellschaftliche Ordnung, in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat.“ Das sind Worte aus einer Rundfunkansprache von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1958. Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders war Freund eines schlanken Staats, nicht überbordender Sozialsysteme und freier Märkte unter der Ordnung des Staates. Hätte Ludwig Erhard heute an der Universität Hamburg noch die Möglichkeit, frei zu sprechen?
Man könnte nun an dieser Stelle noch ausführlich über das traurige Beispiel der Humboldt-Universität Berlin sprechen. Die Skandale um den Historiker Jörg Baberowski, den Politologen Winfried Münkler, den Soziologen Ruud Koopmans oder den Eziehungswissenschaftler Malte Brinkmann füllen Bände, wurden öffentlich ausgiebig diskutiert und belegen, dass es Politik und Hochschulleitung in Berlin schon länger nicht mehr gelingt, anonymes Denunziantentum und Beleidigungen an der Hochschule zu unterbinden und damit zu einer akademischen Streitkultur zurückzufinden, die einer Universität würdig ist.
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Was ist da los? Wie kann es zu solchen Diskursverweigerungen kommen?
Eine Ursache ist offensichtlich ein wenig reflektierter Hochmut. Es wird ja unausgesprochen unterstellt, dass der eigene Standpunkt moralisch überlegen ist. Und daraus wird die Berechtigung abgeleitet, dem anderen seine Meinung zu verbieten. Diese bedenkliche Entwicklung ist für eine demokratische Gesellschaft gefährlich und muss unterbunden werden. Eine an den Idealen der Aufklärung orientierte Diskurskultur wird in einem solchen Umfeld zunehmend schwierig, teilweise sogar unmöglich. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die moralische Überheblichkeit an einem Begründungsparadoxon krankt. Derjenige, der den Meinungsaustausch unterminiert, der beleidigt und denunziert, implementiert eine Hierarchie. Oben steht man selbst, der Gute, der moralisch Unverdächtige, unten der andere, der Verwerfliche, dem man mit gutem Gewissen das Wort verbieten darf. So wird die Diskussion unmöglich gemacht. Aber genau eine solche wäre notwendig, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die Tatsache, dass man sich zum Richter aufschwingt bedarf der Begründung, die aber nur auf der Grundlage einer Diskussion zustande kommen könnte, die man verweigert.
Als Leitlinie für das hohe Gut der freien Meinungsäußerung besonders an den Universitäten, mag eine Aussage des Komparatisten Hans Ulrich Gumbrecht stehen, der bis vor wenigen Jahren an der Stanford University gelehrt hat. Gumbrecht sagte sinngemäß, dass die Universität ein Kloster für gefährliche Gedanken sei. Das bedeutet, dass Universitäten Schutzräume auch für kontroverse Gedanken schaffen müssen. In diesem Zusammenhang ist jeder begründete Standpunkt wert, diskutiert zu werden, solange er nicht mit der Verfassung in Konflikt gerät. In solchen Diskursen, die gerne auch mit harten Bandagen geführt werden dürfen, sollte es allerdings um Argumente gehen und nicht darum, welche Einstellung man dem Diskutanten unterstellt und ob sie einem persönlich genehm ist. Es muss im intellektuellen Freiraum egal sein, ob Diskutanten Linke oder Rechte sind oder der bürgerlichen Mitte angehören. Die Religionszugehörigkeit darf genauso wenig eine Rolle spielen wie die Ethnie, von der Hautfarbe gar nicht zu sprechen. Aber genau diese Freiheit ist in Gefahr. Die Universität ist heute immer seltener ein Kloster für gefährliche Gedanken, eher ist es gefährlich, seine Gedanken frei in ihren Mauern zu äußern.
Damit liegt eine der wichtigsten Errungenschaft der Neuzeit auf dem Richtklotz: die Trennung des Arguments von der Person des Sprechers. Das Argument steht im Mittelpunkt einer an den Werten der Aufklärung gemessenen Diskurskultur. Wenn aber das moralische Urteil das Argument verdrängt, hat das gravierende Folgen: Der Prozess der Wahrheitsfindung selbst wird unmöglich gemacht. Ist es zum Beispiel richtig, dass ein Argument zwangsläufig falsch ist, weil es von einer missliebigen Vertreterin der AfD geäußert wird? Oder muss alles, was ein in der Wolle gefärbter Linker sagt, von einem orthodoxen Wirtschaftswissenschaftler automatisch für Nonsense gehalten werden? Man mache sich klar, welche Folgen diese Art zu denken und zu urteilen hat. Es kann in dieser verqueren Logik angezeigt sein, ein richtiges und damit zielführendes Argument kategorisch abzulehnen, weil man sich nicht mit der moralischen Einstellung gemein machen möchte, die dem Diskutanten unterstellt. Der Bückling vor der Moral ist allerdings selbst amoralisch. Man versündigt sich am Ideal der Wahrheitsfindung und unterstützt im schlimmsten Fall die Lüge. Das kann sich eine demokratische Gesellschaft, die in Gegenwart und Zukunft extrem schwierige Probleme lösen muss, nicht leisten.
Es stellt sich deshalb die Frage, wie es selbst an den Universitäten salonfähig werden konnte, argumentative Strategien durch simple moralische Urteile zu ersetzen? Tatsächlich ist es wesentlich einfacher, einen opportunen moralischen Standpunkt einzunehmen, als sich in einer komplexen Thematik eine begründete Meinung zu erarbeiten und diese dezidiert und sachlich zu vertreten. Die scheinbar angemessene Moral entwickelt in diesem Zusammenhang eine narkotisierende Kraft, wird zu einer betäubenden Erklärungsillusion, die blind macht für sachliche Erkenntnisdefizite. Es ist angenehm, in sich den Glauben zu nähren, das richtige Weltbild zu kultivieren, dieses in medialen Echokammern mit Gleichgesinnten zu teilen und zu verstärken, auch wenn es mit den zu lösenden Problemen wenig bis gar nichts zu tun hat. Damit gehen Randalierer, Chaoten, Denunzianten und deren Sympathisanten einfach den Weg des geringsten “intellektuellen Widerstands“. Aber gerade bei den Themen, die heute auf der Agenda stehen, wäre das Gegenteil von Nöten.
In seinem Kern ist die beobachtete Diskursverweigerung nämlich nichts anderes als eine Komplexitätsverweigerung.
Wieder haben in Deutschland bestimmte Denk- und Diskursverbote bedingt durch traumatische Weltkriegserfahrungen eine gewisse Tradition. Lange waren kritische Stimmen zum Judentum sakrosant, genauso wie jeder seine akademische Karriere riskierte, der es wagte, das Grauen des Holocaust etwa mit dem Holodomor Stalins oder Maos großen Sprung in einen Zusammenhang zu denken. Doch trotz dieses schweren Erbes dürfen wir uns eine moralisierende Diskursverweigerung bei den drängenden Problemen unserer Zeit nicht leisten. Diese Probleme lösen sich nicht dadurch, dass man den Diskurs beendet, bevor er begonnen hat, wobei die immergleichen, kurzsichtigen Strategien verwendet werden. Andersdenkenden wird ein Siegel aufdrückt, anstatt sich mit ihren Standpunkten auseinanderzusetzen, um sie dann schnell in einer Schublade verschwinden zu lassen: Wissenschaftler, die die Verlässlichkeit von Klimaprognosen thematisieren, bezeichnet man als Klimaleugner. Widersprechen Bürger der Auffassung, dass staatlich geförderte Windräder und Solarpanele die geeigneten Mittel sind, das Klima zu retten, schimpft man sie Klimagegner. Leute, die nicht glauben wollen, dass Geschlechter eine gesellschaftliche Konstruktion sind und deshalb Gender heißen müssen, sind im harmlosen Fall Biologisten sonst Sexisten.

Wie kommt man aus diesem Schubladendenken heraus? Indem man Europapolitik, Klimawandel, Migration, Grundlagenforschung, Entwicklung persönlicher Identität als das begreift, was sie sind: als grenzwertig komplexe Themenfelder, die selbst Spezialisten an ihre Grenzen bringen und keine Simplifizierung im Stile eines Karim Kuropkas vertragen. So ist die Ökologie, um ein nur Beispiel zu nennen, weniger eine gefällige Gesinnung als eine harte Naturwissenschaft. Sie hat verwickelte Stoffkreisläufe zum Gegenstand, klimatische Entwicklungen, sie bedingt ökonomische Entwicklungen und wird selbst von ökonomischen Entwicklungen beeinflusst. Wenn man dem Gegenstand gerecht werden will, muss man viel von Physik und Biologie verstehen, auch von Soziologie und Politik und natürlich von Ökonomie. Denn die Gretchenfrage, von deren Beantwortung unsere Zukunft abhängt, lautet: Wie ist es möglich, mit zwangsläufig beschränkten finanziellen Mitteln, global den größtmöglichen ökologischen Nutzen zu generieren? Das ist eine sehr schwierige Frage.

Hört man aber den Volksvertretern zu, die auch bei ökologischen Fragestellungen die Weichen stellen, dann ist deren Expertise in diesem Zusammenhang bisweilen ernüchternd. Deutschlands größter Volkspartei gelingt es nicht, die frechen Angriffe eines Youtubers mit blauen Haaren zu parieren, der ihr ökologischen Dilettantismus vorwirft und sie mit diesem Unvermögen zum Gegenstand des Spotts macht. Und die Führungsfiguren der Partei, die sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, beherrschen noch nicht einmal das ökologische ABC. Da wird Kobalt mit Kobold verwechselt und das 2-Gradziel der Temperaturerwärmung wird zum 2%-Ziel. Bei Politikern, die so wenig sattelfest sind, hat man sich daran gewöhnt, dass die wenigsten die in der Ökologie wichtigen physikalischen Termini Energie und Leistung auseinanderhalten können. Aber wahrscheinlich ist es zuviel verlangt, diese Expertise von jedem Politiker einzufordern.

Und damit sind wir wieder bei den Universitäten. Diskursverweigerung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass sich nun auf die Universitäten auszudehnen droht. Damit laufen wir jedoch Gefahr, dass die letzten Bastionen des Freidenkertums geschliffen werden. Doch diese müssen unter allen Umständen als Schutzräume für kreative, an der Sache orientierte Denkprozesse erhalten bleiben. Diese brauchen wir, um komplizierte Probleme ohne ideologische Scheuklappen lösen zu können. In Tübingen kam es immerhin zu einem Gespräch, über dessen Notwendigkeit kein Zweifel besteht. Das war ein Anfang. Wenn dann noch qualifiziert über das eigentliche Thema – in diesem Fall künstliche Intelligenz – ohne weltanschauliche Vorurteile debattiert werden könnte, wäre ein weiterer wichtiger Schritt getan. Die Zukunft gehört damit unvoreingenommenen Diskursen mit offenem Visier. Helme auf dem Kopf bringen uns nicht weiter.
… Alles vom 26.7.2020 bitte lesen auf
https://www.swr.de/swr2/wissen/jenseits-der-hasstiraden-plaedoyer-fuer-eine-neue-debattenkultur-swr2-wissen-aula-2020-07-26-100.html
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Dr. Marco Wehr, Physiker und Philosoph, Gründer und Leiter des Philosophischen Labors in Tübingen, fragt nach den Ursachen und zeigt, wie eine neue Debattenkultur aussehen könnte.
https://www.philab.de/cubes/
http://www.marcowehr.de

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