Buerokratie

Home >Selbsthilfe >Soziales >Justiz >Rechtsstaat >Buerokratie

Blick von St.Peter im Hochschwarzwald (18 Grad) auf Freiburg im dichten Nebel (9 Grad) am 22.10.2019

Blick von St.Peter im Hochschwarzwald (18 Grad) auf Freiburg im dichten Nebel (9 Grad) am 22.10.2019

 

 

Bürokratie – Allgemeinarztpraxis
Als Allgemeinarzt tätig in Gemeinschaftspraxis bekenne ich: Ja, ich habe in letzter Zeit und auch vor vier Jahren fehlerhafte Physiotherapie-Verordnungen ausgestellt. Und: Ja, wir korrigieren jeden Tag eine solche Verordnung, die uns die Physiotherapeuten oftmals persönlich (!) vorbei bringen. Warum?
.
Es geht nicht nur um den Schlüssel “WS1A” (nur eine Verordnung von sechs Behandlungen) oder “WS2A” (Erstverordnung und maximal zwei Folgeverordnungen) und die vielen anderen Schlüsselnummern für orthopädische, neurologische oder internistische Physiotherapieindikationen.
Es geht zudem um die dazugehörigen Diagnosen und die anhand der Heilmittel-Richtlinien dazu streng und eng vorgegebenen Behandlungsarten, Frequenzen und Zusatzverordnungen (wie zum Beispiel heiße Rolle oder Fangopackung). Da können viele Fehler passieren; der Eingabeassistent der Praxissoftware verhindert diese leider nicht, denn er zeigt zum Beispiel nicht an, dass “WS1A” nur eine Erstverordnung, “WS2A” hingegen auch Folgeverordnungen zulässt. Die Behandlungsfrequenz (1x/Woche oder 2x/Woche oder besser 1 bis 2x/Woche) muss genauso bedacht werden wie der mögliche Behandlungsbeginn, der als Datum automatisch auf dem Formular erscheint: Er darf nicht später als 14 Tage nach der Verordnung liegen (wehe, wenn die Verordnung an einem Freitag geschrieben wurde…). Andernfalls muss diese vom verordnenden Arzt selbst mit Extra-Unterschrift, Datum und Stempel geändert werden.
Diesen alltäglichen Wahnsinn von Bürokratie, der auch uns Ärzten viele Stunden kostet, bekommen wir nicht bezahlt, denn jede Verordnung ist mit der Konsultationspauschale abgegolten, egal wie viele es sind. Und die Physiotherapeuten erhalten gerade einmal 21,11 Euro für 20 Minuten Behandlung nur, wenn sie die beschriebene aufwändige Nacharbeit nebenher leisten. Wie soll das wirtschaftlich gehen?
.
Die IKK Classic hat 3,2 Millionen Mitglieder und beanstandet 46 000 Verordnungen zu je 83 Euro im Schnitt (insgesamt 4 Millionen Euro), das heißt für etwa vier Behandlungen bis zu vier Jahre (!) nach Ausstellung aufgrund dieser vielen kleinen Fehler. Daraus kann überdeutlich abgelesen werden, mit welch’ überbürokratisiertem Aufwand das Gesundheitswesen jede wirkliche Be-Handlung erstickt!
13.11.2019, Markus Wegner, Arzt für Allgemeinmedizin, Freiburg, BZ

Hinterlasse eine Antwort