1945Mai8

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Blick in Freiburg Anfang 1945 von der Rheinstraße aus in Richtung Innenstadt – links hinten das Dach des Martinstors

Blick in Freiburg Anfang 1945 von der Rheinstraße aus in Richtung Innenstadt – links hinten das Dach des Martinstors

 

  • Kapitulation am 8. Mai 1945 und Neubeginn in Freiburg (8.5.2015)
  • 8.Mai 1945 – etwas anderes als nur “Tag der Befreiung”
  • Freiburg1944
  • Geschichte
  • Krieg

 

Kapitulation am 8. Mai 1945 und Neubeginn in Freiburg

Das Kriegsende kam für Freiburg mit dem Einmarsch der Franzosen am 21. April bereits zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945.
Vor 30 Jahren, zum 40. Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkriegs, gab das Stadtarchiv in seiner Schriftenreihe “Stadt und Geschichte” das Heft “Endlich Frieden!” heraus. In seinem Vorwort nimmt Oberbürgermeister Rolf Böhme – damals drei Jahre im Amt – das Gedenken zum “Anlaß zu kritischer Selbstbefragung, ob wir die Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben”. Eine noch heute aktuelle Frage. Die Situation in Freiburg um das Kriegsende stellten 1985 die beiden Historiker Thomas Schnabel und Gerd R. Überschär in ihren Beiträgen vor.
Freiburgs Bevölkerung litt in der ersten Hälfte des Jahres 1945 noch immer schwer unter dem großen Angriff, den britische Bomberverbände am 27. November 1944 ausgeführt hatten und dem fast 3000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Zahlreiche Angriffe mit weiteren Zerstörungen von Bahnanlagen und Wohngebäuden, mit Toten und Verletzten gab es auch im Dezember 1944, auch 1945, vor allem im Februar, setzte sich der Luftkrieg fort. Von den mehr als 100 000 Einwohnern bei Kriegsbeginn hatten rund 40 000 die Stadt verlassen und waren ins Umland, in den Schwarzwald, ins Schwäbische und ins Bodenseegebiet evakuiert worden. In der Stadt herrschte große Wohnungsnot. Es fehlte in manchen Stadtgebieten an Wasser, im Januar mussten die Schulen schließen, weil nicht mehr geheizt werden konnte, der Strom war rationiert und am 15. April 1945 musste die Freiburger Straßenbahn mangels Energie den Betrieb endgültig einstellen. Weil die Rheintalstrecke in vielen Abschnitten zerstört war, konnte der Bahnverkehr nach Freiburg nur noch über das Höllental abgewickelt werden – immer wieder durch Angriffe von Jagdbombern gestört.

Immerhin funktionierte seit Mitte Dezember die Versorgung mit Lebensmitteln wieder einigermaßen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Große Einschränkungen gab es bei der Versorgung mit Gemüse, denen die Behörden mit dem Appell zum Eigenanbau entgegenzuwirken suchten – weitgehend erfolglos. Immer schlechter stand es um die Versorgung mit Kraftstoffen, die im Februar endgültig zusammengebrochen war. Für zusätzliche Probleme sorgten auch Unstimmigkeiten zwischen Parteieinrichtungen und Verwaltung und zwischen städtischen Behörden und denen des Landes. Hätte der Krieg noch länger gedauert, wäre es vermutlich zum völligen Kollaps der Strukturen gekommen.Je näher die feindlichen Truppen an den Rhein vorrückten, umso mehr verkündeten die Parteiorgane Durchhalteparolen und schürten die trügerische Hoffnung, der von Hitler im Herbst 1944 ausgerufene Volkssturm werde sich dem Feind entgegenstellen und den “Endsieg”
sichern. Seit Ende März 1945 hielten die alliierten Streitkräfte das linke Rheinufer von Basel bis Mannheim besetzt.Der als Oberbefehlshaber des Ersatzheeres eingesetzte Reichsführer SS Heinrich Himmler rief zur Verteidigung der deutschen Städte mit allen Mitteln auf. “Jede Stadt, jedes Dorf wird verteidigt” titelte das NS-Blatt “Der Alemanne” am 12. April 1945 und der am Folgetag abgedruckte Befehl stellte klar, dass alles Zuwiderhandeln mit dem Tod bestraft würde. Die mangelnde Zahl und schlechte Ausrüstung der Kämpfer, auch eine um sich greifende Kriegsmüdigkeit sollte durch besonders entschlossene und fanatische “Kampfkommandanten” wettgemacht werden.Auch in Freiburg gab es Pläne für eine Politik der “verbrannten Erde”, zu der es aber dann doch nicht kam. Beim Einmarsch der Franzosen am 21. April 1945 leistete der Freiburger Kampfkommandant Generalkommandant Rudolf Bader nicht den geforderten Widerstand “bis zum letzten Mann”, sondern zog sich mit seinen Truppen zurück. Es kam nur zu vereinzelten Schusswechseln zwischen französischen Truppen und Volkssturmleuten sowie zur strategisch völlig sinnlosen Sprengung der Eisenbahnbrücken in Zähringen.
Am Abend dieses Samstags im April war für Freiburg der Krieg zu Ende, zwei Wochen später für das ganze Reich. Nicht wenige Menschen nahmen dies mit einem Gefühl der Erleichterung hin. Die grundsätzlichen Probleme – Versorgung mit Nahrung und Energie, Wohnungsnot – sollten bleiben, sich zunächst sogar verschärfen und noch lange andauern. Gleichzeitig begann der Aufbau des sozialen, kulturellen und politischen Lebens, mit dem die Schmach der Besiegten in die Chance für einen Neubeginn mündete.
8.5.2015, Peter Kalchthaler

8.Mai 1945 – etwas anderes als als nur “Tag der Befreiung”
Richard von Weizsäcker hat im Jahr 1985 in einer denkwürdigen Rede den Tag der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8.5.2015 als “Tag der Befreiung” bezeichnet: “Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung”. In seiner Rede hatte er das Schicksal der Vertriebenen nicht ausgeblendet, aber dennoch wird heute der 8.Mai primär mit der Befreiung Europas nach dem 2. Weltkrieg verknüpft. Diese Sicht ignoriert, dass in vielen Ländern (der späteren DDR, Baltikum, Polen Ungarn, Tschechoslowakei, auch in der Sowjetunion) die Menschen von einer unmenschlichen Diktatur in eine andere gerieten. So kam es vor, dass Juden, die aus Theresienstadt befreit wurden, unmittelbar nach dem 8.Mai Zwangsarbeit in der Tschecholskowakei verrichten mussten.
“Ich nehme alle Seiten der Realität wahr und blende nicht aus, dass in weiten Teilen Europas nicht Freiheit herrschte, sondern Diktatur und auch Gewalt. Es ist verpflichtend für humanes Denken, das Kriegsende auch aus Sicht der universellen Menschenrechte zu betrachten.” – so Erika Steinbach, die den 8.Mai nicht allein als Tag der Befreiung sieht: “Wenn auf den “Tag der Befreiung” für die Betroffenen keine Freiheit folgt, ist es für sie auch kein “Tag der Befreiung” gewesen.”.

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