Einsam und alleine sterben

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: In Würde altern und sterben – das Thema geht uns alle an! In Stuttgart lag eine Rentnerin zwei Jahre lang tot in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. In Heidelberg steht ein Rentner vor Gericht, weil er seine an Demenz erkrankte Frau erschossen hat – aus Hilflosigkeit und Überforderung. Existieren im Dreisamtal noch genügend soziale Netzwerke, die solche Probleme auffangen können? Darüber unterhielt sich für den Dreisamtäler die Redakteurin Dagmar Engesser mit dem Stegener Hausarzt Dr. Peter Krimmel.
Dreisamtäler: Dr. Krimmel, geschehen solch bestürzende Dinge nur weit weg in der Anonymität großer Städte?
Krimmel: Nein! Auch in Stegen wurde kürzlich eine Wohnung, in der die Leiche eine Frau gefunden wurde, von der Kriminalpolizei geöffnet. Sie war schon eine Woche lang tot. Es war erschütternd zu sehen, wie einsam, wie menschenunwürdig ein Leben enden kann. Die Szene, wie die Frau gefunden wurde, wirkte auf mich wie ein Hilfeschrei, der ungehört blieb.
Dreisamtäler: Wie kann es dazu kommen, dass Menschen so einsam sterben?
Krimmel: Das Stichwort „Demografischer Wandel“ kann hier schon einiges erklären. Der Anteil der älteren Menschen in unserer Gesellschaft nimmt zu. Die Menschen werden immer älter und je älter sie werden, desto wahrscheinlicher, dass sie krank werden und sich nicht mehr selbst versorgen können. Früher fing das System Großfamilie und eine enge Dorfgemeinschaft das alles auf – auch weil der Anteil älterer Menschen geringer war. Heute fehlt aufgrund der hohen Mobilität ein familiäres Netzwerk. So kommt es, dass viele ältere Menschen ohne Familie und auch ohne soziales Netzwerk da stehen. Letztlich ist das aber keine Frage des Alters. Persönliche Probleme, Krankheit, Schulden oder Arbeitslosigkeit können Menschen aus der Bahn werfen, so dass sie sich immer mehr zurückziehen und vereinsamen.
Dreisamtäler: Aber auch wenn die Familie vor Ort lebt – ist die dann nicht oftmals überfordert mit der Betreuung und Pflege ihrer Angehörigen?
Krimmel: Das zeigt das Beispiel des Rentners, der seine demente Frau erschoss. Wenn Eltern oder Partner Schwerstpflegefälle werden, wenn alte Menschen in schwere Depressionen verfallen oder in ihrer Demenz unter Wahnvorstellungen leiden, dann ist das innerhalb der Familie einfach nicht mehr zu leisten. Deshalb brauchen wir in Stegen zusätzliche Hilfen und Betreuungsangebote wie Tages-, Kurzzeit- und sogar Vollzeitpflege.
Dreisamtäler: Können solch schreckliche Fälle verhindert werden?
Krimmel: Das Ziel des Vereins „Miteinander Stegen e.V.“ ist es, das Miteinander im Dorf zu stärken, ein Dorf zu schaffen, in dem man wieder „hin-guckt“ und nicht nur „weg“. Das begann mit dem Aufbau von Netzwerken mit ehrenamtlichen Helfern und soll ergänzt werden durch professionelle Hilfsangebote.
Dreisamtäler: Ist aber nicht manchmal das Problem, dass sich Betroffene gar nicht helfen lassen wollen?
Krimmel: Das gibt es und es gibt auch Menschen, die ihre Hilfsbedürftigkeit gar nicht erkennen. Gerade wenn psychiatrische Krankheitssymptome oder eine Suchtproblematik mitspielen, dann suchen die Betroffenen in den seltensten Fällen aktiv nach Hilfe. Da wäre auch der Verein „Miteinander Stegen“, der momentan hilfsbedürftige Menschen auf ehrenamtlicher Basis betreut, überfordert. Ich stelle mir deshalb Hilfsangebote auf ganz verschiedenen Ebenen vor, die einander ergänzen und engmaschig miteinander verflochten sind. Außerdem würde ich mir eine Art „Sozialstammtisch“ als informelle Plattform wünschen. In Eichstetten wird es erfolgreich praktiziert, dass sich Verantwortliche aus der Gemeinde und den Kirchengemeinden treffen und sich über soziale Brennpunkte in der Gemeinde austauschen.
21.2.2013, Dagmar Engesser, www.dreisamtaeler.de

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