Dreigliedriges Schulsystem

Kein Sitzenbleiben – keine 2. Chance: Kinder wollen groß werden, und sie wollen messbare Ergebnisse erreichen und sehen. Das fängt an bei den So-groß-bin-ich-schon-Strichen am Türrahmen, geht weiter mit Flötenvorspiel und Fußballturnier und macht nicht Halt beim Erreichen einer Klassenstufe. Die kleinsten Kinder wollen bereits selbst die Treppe hochsteigen, den Hosenknopf zumachen und beim Essen den Löffel allein zum Mund führen. Warum? Weil eine getane Arbeit, ein erreichtes Ziel glücklich macht! Warum denkt man überhaupt darüber nach, Schulkindern dieses Glück zu verwehren? Wer Kinder liebt, gibt ihnen Entwicklungsmöglichkeiten und jedem die Zeit, die es braucht, um die Treppe Stufe für Stufe zu erklimmen. Schwache fördern heißt eben gerade nicht, sie die Treppe hoch zu tragen, denn das hält sie schwach. Fördern und fordern gehört hier zusammen, denn das gesunde Ziel ist ja ein Mensch, der auf eigenen Beinen selbstbestimmt durchs Leben gehen kann. Was die grün-rote Regierung hier fordert, führt – ebenso wie übrigens die Einheitsschule – nicht zu mehr Chancengleichheit, sondern schafft diese ganz ab: „Schwache“ Schüler werden mit Gewalt ins „gute“ Schema gepresst, müssen auf Teufel-komm-raus das Abitur schaffen. Dafür wird der Bildungsstand fürs Abi immer mehr gesenkt mit der Folge, dass man den „starken“ Schülern auch nicht gerecht wird. Damit entpuppt sich das Ganze als eben gerade nicht menschenfreundlich, wie es auf den ersten Blick aussieht, sondern im Gegenteil als zutiefst menschenverachtend. Christa Meves nennt dieses Phänomen übrigens nach der griechischen Sagengestalt „Geist des Prokrustes“ (C.Meves, die Entglückung des Menschen durch das Egalitätsprinzip). Wir brauchen nicht den gleichen Bildungsabschluss für alle, sondern gleiche Wertschätzung für alle Menschen unabhängig vom Begabungs- und Interessensprofil. Der Schreiner braucht den Arzt gleichermaßen wie der Arzt den Schreiner! Deshalb plädiere ich dafür, das dreigliedrige Schulsystem zu stärken, und für eine 2. Chance für Schüler, die die erste nicht nutzen konnten oder wollten.
10.3.2013, Birgit Graalfs, Mutter aus Haltingen, www.der-sonntag.de

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