Digitale Demenz – wir klicken den Verstand der Kinder weg

Im Jahr 2002 wurde von Prof Michael Myrtek an der Uni Freiburg erstmals sauber nachgewiesen, dass hoher Fernsehkonsum einen deutlich negativen Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit und damit auch auf die schulischen Leistungen der Kinder hat, überspitzt: “Hoher TV-Genuss führt zur Verblödung“. Heute hat sich mit dem Sprung vom analogen zum digitalen TV das Medienspektrum erweitert: Internet, PC, Social Media, Online-Games, Smartphone. Die vom Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, Manfred Spitzer, in seinem Buch “Digitale Demenz” formulierten Thesen zur digitalen Überschwemmung unserer Kinder beängstigen – besonders deshalb, da auch er die Thesen durch wissenschaftliche Studien absichert. Hier einige Aspekte von Spitzer:
(1) Die zunehmende  Verbreitung von PC, Internet, Smartphone, Playstation, Online-Games und Fernsehen fördert Aufmerksamkeitsstörungen – ein längerer Text kann nicht mehr konzentriert gelesen werden.
(2) Demenz ist geistiger Abstieg. Je höher der Gipfel geistiger Leistungsfähigkeit ist, umso länger bleibt man geistig fit bzw. demenz-verschont (bei steigender Lebenserwartung soll diese Leistungsfähigkeit lange währen – volkswirtschaftlich wichtig bei der demografischen Entwicklung in Deutschland). Zum Erwerb eines hohen Gipfels bedarf es nach Spitzer der “richtigen” Bildung des Gehirns in zweierlei Hinsicht: Erkenntnistheoretisch das Erlernen von Wissensinhalten und physiologisch das Trainieren des Muskels Gehirn bei der frühkindlichen Ausbildung von Gedächtnisspuren. Genau hier weist Spitzer nach, dass digitale Medien wirkungslos sind. Studie Baby-Chinesisch als Beispiel: Um chinesische Laute zu unterscheiden versagen DC und DVD, nur im persönlichen Kontakt mit dem Lehrer läßt sich das Unterscheidungsvermögen herausbilden.
(3)  Aus Sicht des sich bildenden Gehirns ist Lernen ein anstrengender Vorgang. Es ist eine Illusion, Lernen durch Einsatz digitaler Medien erleichtern zu können. PC und White-Board  taugen nichts gegenüber klassischen Lehrer-Medien wie Kreide und Tafel, Schreiben und Zeichnen, Singen und Vorlesen, Sprechen und Tanzen.
(4) PC-Games offline am eigenen Laptop oder online im Internet sind schädlich: “Mit der Konsole verschenken Sie schlechte Noten.” Zum Entstehen neuer Synapsenstrukturen beim Jugendlichen trägt Gaming überhaupt nicht bei.
(5) Die fortwährende Inanspruchnahme von Google beim Suchen, Recherchieren und Erfragen führt zu Gedächtnisverlust.
(6) Multitasking mittels Elektronische Medien ist ein Märchen.
(7) Die Digitalisierung der Umwelt des Individuums begünstigt Online-Sucht und Verlust der Selbstkontrolle.
Die Verbreitung digitaler Medien geht einher mit einer Zunahme von Sprach- und Lerndefiziten unserer Kinder. Dem Dauerbeschuß von Postings, Mails, Gefällt-mir’s und Tweets sind Kinder nicht gewachsen, ihr Gehirn und Denkbermögen vermögen verändert sich. Warum nur lassen wir zu, dass immer mehr Kinder den größten Teil ihrer wachen Zeit vor den Displays von TV, Tablet, Konsole und Smartphone verbringen?

Manfred Spitzer: Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
Droemer Verlag München, 368 S, 19,90 Euro

Manfred Spitzer, der “Thilo Sarrazin unter den Psychiatern” (Spiegel, 34/2012), meint “Medienkompetenz ist ein Unbegriff”. Wer nach Medieompetenztraining für Kinder rufe, könne im Kindergarten auch gleich den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol trainieren.

 

Das ist ein Thema für die ganze Gesellschaft
Der Kommentator geht auf die Warnung vor der “Digitalen Demenz” (Manfred Spitzer) ein. Die Problematik des “anschwellenden Dauerfeuers der Tweets, Mails, Posts, und Gefällt-mirs” und die gesellschaftliche Verantwortung, “Kinder und Jugendliche den größten Teil ihrer wachen Zeit vor Bildschirmen sitzen zu lassen”, werden genannt. Es wird auch zutreffend auf das Interesse der Spieleindustrie hingewiesen: Geld und Marktmacht. Die Fragwürdigkeit, dem gewalttätigen Ego-Shooter-“Spiel” namens “Crysis 2″ den Deutschen Computerspielpreis 2011 mit Unterstützung des Bundestages zu verleihen, wird dagegen nur angeschnitten. An dieser Stelle hätte ich mir mehr Kommentar gewünscht. Besonders aber das Fazit ist mangelhaft: Einerseits wird die “schon jetzt überbordende Zeit, die Jugendliche mit PC, Internet, Facebook, TV und Spielen verbringen und die bereits zu 250 000 Internetsüchtigen geführt hat” als “Gift” bewertet. Die Frage “Wer, wenn nicht die Eltern, sind dazu aufgerufen, ihre Kinder vom Gift fernzuhalten?” als Schlusssatz hinzustellen, ist dagegen nicht zu Ende gedacht. Es fehlt die Frage: “Wie wird die Herstellung und Verbreitung des Giftes überwacht, begrenzt, verhindert?” Und für deren Beantwortung sind nicht allein die Eltern zuständig, sondern die ganze Gesellschaft sollte dies diskutieren und politisch steuern.
1.9.2012, Dr. Kurt Schäfer-Vincent, Grenzach-Wyhlen
Zu: “Debatte über Digitalisierung – Generation Gamescom?”, Leitartikel von Hans-Peter Müller (17. August 2012):
http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/debatte-ueber-digitalisierung-generation-gamescom–63171583.html

Bald muss man von digitalem Autismus sprechen
Hans-Peter Müller kritisiert Manfred Spitzer und den Stil seines Buches. Spitzer mache einen “Rundumschlag” und haue einem die Wahrheit “wie einen nassen Lappen um die Ohren”. Hierbei übersieht Müller, dass Manfred Spitzer als Gehirnforscher ohnehin nur einen kleinen Teil der “Wahrheit” betrachtet. Tatsächlich sind die seit Jahren schon progredienten Entwicklungen der zahlreichen Auswirkungen des “Digitalen Zeitalters” auf die Menschen und auf die Gesellschaft viel komplexer und in der Konsequenz viel drastischer. Es geht in realiter doch nicht nur um die nachlassenden Fähigkeiten des Gehirns aufgrund mangelnden Trainings. Vielmehr verschlechtern sich doch ganz offensichtlich viele Fähigkeiten und Fertigkeiten. Beobachtet man das zwischenmenschliche Verhalten hinsichtlich Kommunikation, Empathie, Hilfsbereitschaft, sozialem Engagement oder Altruismus, dann wird man künftig wohl nicht nur von einer “Digitalen Demenz”, sondern auch von einem “Digitalen Egoismus” und einem “Digitalen Autismus” sprechen müssen.
1.9.2012, Detlef Staadt, Ortenberg
Zu: Einer, der sich wieder unbeliebt macht , Hans-Peter Müller (16. August 2012):
www.badische-zeitung.de/kommentare-1/digitale-demenz-einer-der-sich-wieder-unbeliebt-macht–63152183.html

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