Dem Internet fehlt die Zukunft

Das Internet als egalitäres, demokratisches und machtteilendes System mit einer Share-Economy, die weltweit neue Jobs schafft (Jeremy Rifkin) und kostenlos Dienste anbietet – dieser Traum ist ausgeträumt. Realität ist Silicon Valley als Ort, wo sehr wenige über das Internet der Dinge den Rest der Menschheit für ihre Zwecke manipulieren. Deshalb fordert Dave Eggers in “Der Circle” eine Bill of Rights für das Internet: “Eine solche schnelle Konzentration an Reichtum und Macht wie im Valley existierte noch nie in der Geschichte der Menschheit und nutzt dabei so wenigen. Es sollte möglich sein, dass bei dieser Häufung von Informationen auf die Dauer Vorteile für die Mehrheit der Menschen erwachsen. Die Fotofirma Kodak hat einmal 140.000 Menschen beschäftigt, moderne Nachfolger wie Instagram kommen mit ein paar Dutzend aus. Jaron Lanier sagt, es könnte und es sollte eine Wirtschaft geben, in der dieser Reichtumg geteilt wird.”

Niemand hat die ungeheuerliche Monopolisierung und Machtkonzentration durch wenige Unternehmen von IT (Microsoft, Google, …) Social Media (Facebook, Twitter, Whatsapp, ..), eCommerce (Amazon, Instagram, eBay, …) bzw. Sharing-Economy (Airbnb, Uber, CarSharing, … ) vorausgesagt. Niemand hat vorausgesagt, dass NSA Zugang zu Metadaten weltweit hat und dass unsere Texte, Bilder, Videos auf Zentralcomputern gespeichert werden, zu denen nur ganz wenige Unternehmen profitablen Zugriff haben. Millionen von Verbrauchern weltweit liefern kostenlos ihre Daten, damit ein paar wenige unternehmen daraus ihre riesigen Gewinne generieren. “Wir müssen diese Entwicklung korrigieren. Wir brauchen ein Web 3.0-. Die Macht muss zerschlagen werden. Der Trichter, durch den alles läuft, darf nicht nur bei wenigen, unglaublich mächtigen Firmen in Kalifornien liegen”, so Dave Eggers.

Neben der Monopolisierung der Internetökonomie gibt es noch einen weiteren Aspekt: Immer mehr Menschen vergeuden immer mehr Zeit online mit mailen, posten, liken, checken, answern, surfen, clicken, chatten,  – zur Freude und Profitsteigerung der Anbieterfirmen sowie zur Lebenszeitverkürzung und Verdummung der User. Fomo (Fear Of Missing Out), also die “Angst etwas zu verpassen” lässt den durchschnittl. Handynutzer alle 10 min zum Smartphone greifen. Der Internet-Theoretiker Jaron Lanier sieht dieses Problem der Online-Selbstverstümmelung nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den Entwicklern in Silicon Valley: “Mir fehlt die Zukunft. Eine Zukunft, in der es darum ging, Unbekanntes zu erforschen und auf dem Mars zu landen, eine Zukunft der großartigen Projekte. Und jetzt geht für viele der Ehrgeiz allein dahin, eine weitere App zu erfinden, die uns bei der Parkplatzsuche hilft. Generell sind unsere Ambitionen sehr geschrumpft.” Hauptsache online bzw. virtuell, nicht mehr real.
31.3.2015
Zitate aus: Die Zukunft fehlt – Interview mit dem US-Schriftsteller Dave Eggers über seinen Weltbestseller “Der Circle”, DER SPIEGEL 14/2015 vom 28.3.2015, S. 144-147

 

Dieser Beitrag wurde unter Global, Handel, Internet, Medien abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort